Montag, 18. Mai 2026

Hana Chang (Geige), Debütkonzert mit Boris Kusnezow (Klavier) und Benjamin Kruithof (Violoncello), Alte Oper Frankfurt, 17.05.2026

Hana Chang (Foto: Kaupo Kikkas)

Überragende Debütantin

In der Reihe Konzert-Debüt der Alten Oper Frankfurt, ein Steckenpferd des umtriebigen Intendanten der Alten Oper, Dr. Markus Fein, durfte die noch sehr junge, aber bereits preisgekrönte in den USA aufgewachsene Südkoreanerin Hana Chang (*2002) im Mozartsaal der Alten Oper ihren Debütauftritt feiern, und das mit überragendem Erfolg.

Mitgebracht hatte sie ihren Lieblingsbegleiter am Klavier, Boris Kusnezow (*1985) und ihren Ehepartner, Benjamin Kruithof (*1999), die beide das herrliche Mittagskonzert bereicherten.

Vier sehr unterschiedliche Werke hatte sie in ihrem Repertoirekoffer, darunter Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Sonate für Violine und Klavier B-Dur KV 454 (1784), ein kurzes frühes Werk von Tōru Takemitsu (1930-1996) Distance de Fée (1951), von César Franck (1822-1890) die Sonate für Violine und Klavier A-Dur (1886) und last but not least das frühe Trio Nr. 1 für Violine, Violoncello und Klavier c-Moll op. 8 von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975).

Hana Chang, Boris Kusnezow 
Foto: Salar Baygan

Sehr viel Geschmack und Empfindung“

Ein absolut kontrastreiches Programm, das leider im gut besetzten Saal nicht immer ausreichend gewürdigt wurde (viel Unruhe und mangelnde Aufmerksamkeit). 

Dennoch, gleich zu Beginn ein ganz besonders Werk vom reifen Mozart, dessen Terminkalender so voll gestopft war, dass er seine Sonate, die er mit der damals genialen, aus dem italienischen Mantua stammenden Geigerin Regina Strinasacchi am 24. April 1784 vor dem Kaiser Joseph II und dem gesamten Hochadel im Kärntnertheater uraufführte, nicht einmal fertig bekam, seinen Klavierpart, ohne einmal mit der Solistin geprobt zu haben, aus der Notenskizze spielte und die Uraufführung quasi prima Vista vonstatten ging.

Der Wiener Hochadel jubelte offensichtlich beiden zu, denn vor allem auch die Violinistin hatte den besten Eindruck hinterlassen. Sogar der hyperkritische Mozart geriet ins Schwärmen bei dieser Frau und schrieb seinem Vater Leopold: „Hier haben wir nun die berühmte Mantuanerin Strinasacchi, eine sehr gute Violinspielerin, sie hat sehr viel Geschmack und Empfindung in ihrem Spiel …“

Boris Kusnezow, Hana Chang (Foto: H.boscaiolo)

Viel Herz und Seele

Das trifft auch auf Hana Chang zu. Geprobt hat sie vermutlich ausgiebig mit ihrem perfekten und bestens auf ihr Spiel eingestellten Klavierbegleiter, Boris Kusnezow am Flügel. Beide harmonierten glänzend und vor allem Hana Chang kam dem Lob des Vaters Leopold doch sehr nahe, der meinte, sie (Strinasacchi) spiele keine Note ohne Empfindung: „… ihr Adagio (hier das Largo) kann kein Mensch mit mehr Empfindung rührender spielen als sie; ihr ganzes Herz und Seele ist bey (sic) der Melodie, die sie vorträgt.“ Als ob Leopold Mozart Hana Chang meinte, als er dieses Lob aussprach.

Übrigens ist natürlich Boris Kusnezow im Sinne Leopolds das Gegenstück seines Sohnes Wolfgang Amadeus, denn sein Spiel auf den Tasten ist ebenso genial, wie das des historischen Überfliegers an diesem Instrument.


Moderner Expressionismus

Tōru Takemitsus Komposition Distance de Fée ist ein Frühwerk von sehr kurzer Dauer. Geschrieben hat er es für Klavier und Geige im Stile Olivier Messiaens, Claude Debussys und Maurice Ravels. Seine japanische Herkunft bleibt vor allem in diesem Werk kaum hörbar. Er arbeitet weitgehend mit den typischen oktonischen Skalen (eine achtönige verminderte Tonleiter), die Messiaen oftmals verwendete wie auch mit impressionistischen Klangteppichen und expressionistischen Akkordfolgen.

Seine kleine, sehr spannungsgeladene Komposition erinnert an die Préludes für Klavier von Debussy. Die Violine hält dagegen mit weitgespannten lyrischen Bögen, die sich mit den Klavierklängen förmlich verweben. 

Hier zeigt Hana Chang bereits ihre Vielseitigkeit am Instrument. Keine Mozartische Empfindung mehr, sondern modernen Expressionismus mit heftigen Dissonanzen und ungewöhnlicher Klangfarben.


Neues am Ende

Quasi attacca wechseln beide zu César Francks Violinsonate A-Dur. Der aus Lüttich stammende Komponist und Organist ist den meisten wohl eher als Kirchenmusiker bekannt, denn er komponierte nicht allein in diesem Sinne Werke (er gilt als der Erneuerer der französischen Orgelschule), sondern spielte auch zeitlebens die Orgel an der Pariser Kirche Sainte-Clotilde.

Dass er sich am Ende seines Lebens noch einmal für die Kammermusik der neuen Musik entschieden hat (er schreibt noch einmal ein Klavierquintett f- Moll, ein Streichquartett D-Dur und eben die besagte Violinsonate A-Dur) ist wohl der Tatsache geschuldet, dass er sich als gewählter Präsident der Société Nationale des Musique im Jahre 1886 irgendwie dazu verpflichtet fühlte.


Ein passendes Hochzeitgeschenk

Jedenfalls ist dieses gut 30-minütige, viersätzige Werk, wie ein Reise durch die Welten der damaligen Musik gestaltet. Es folgt einer idée fixe, die sich über alle Themen legt. Alles scheint um das Motiv der fallenden Terzen zu kreisen.

Bereits der Kopfsatz im Allegretto ben moderato klingt wie ein Vorspiel zum leidenschaftlichen zweiten Satz, der gleich dreifach aufgeteilt in ein d-Moll wechselt. Dann der dritte Satz, ein Recitativo-Fantasia, das schließlich in ein molto lento überwechselt, eine erzählte Geschichte von intensivstem Ausdruck. Fabelhaft erzählt von den beiden Künstlern. Das Schluss Allegretto poco meno wiederum erstrahlt im berühmten Kanonsatz im ursprünglichen A-Dur, hell, leuchtend, voller Leidenschaft und rückerinnernd an die Anfangstakte.

Unglaublich die Melodieführung, nicht unbedingt triumphal, sondern eher human, warm und von beeindruckendem Espressivo. Franck hat dieses Werk seinem Freund und damaligen wohl weltbesten Violinisten Eugène Ysaÿe zur Hochzeit geschenkt. Was könnte passender und schöner sein.

Hana Chang, Boris Kusnezow (Klavier), Benjamin Kruithof
Foto: 
Salar Baygan

Frühreife Genialität

Der Abschluss sollte vom Trio Nr. 1 in c-Moll op. 8 vom damals 17-jährigen Dmitri Schostakowitsch gekrönt werden. Der Cellist Benjamin Kruithof gesellte sich zu den beiden Musikern.

Das Trio des frühreifen Teenagers entfaltet in einem einzigen Satz bereits die gesamte Palette musikalischer Ausdrucksweisen, die für den späteren Komponisten typisch werden sollen: das Klagemotiv (zu Anfang vom Cello vorgetragen), ein motorisch anspruchsvolles ersten Thema, ein lyrisches zweites Thema, dann wieder martialische Verdichtungen (alle drei sind extrem technisch und dynamisch gefordert) und über Allem ein Wechsel von Ironie, Provokation und "abgründiger Belustigung".

Wie auch immer, eine Musik, die vor Energie strotzt, an Begleitmusik für einen Film erinnert (Schostakowitsch verdiente sich als Student sein Geld mit Klavierbegleitung von Stummfilmen) und einen Komponisten erkennen lässt, der die Welt noch bis heute beschäftigt.

v. l.: Benjamin Kruithof, Boris Kusnezow, Hana Chang
Foto: H.boscaiolo
Geglücktes Debüt 

Das Debüt ist absolut geglückt. Die Zugabe, das allseits bekannte Liebesleid von Fritz Kreisler, wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Hana Chang, aber auch die beiden Begleiter sind von ausnehmender Qualität. Nicht von ungefähr sind sie und ihr Ehemann Benjamin Kruithof zurzeit auch Juniors der Kronberg Academy. Was könnte als Basis für eine Weltkarriere besser sein? 

Boris Kusnezow gehört mit seinen knapp vierzig Jahren bereits zum weltbesten pianistischen Establishment. Sein Begleitstil ist einmalig und alle Solisten können sich glücklich schätzen, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen