hr-Sinfonieorchester, musikalische Leitung: Alain Altinoglu, Vilde Frang (Violine), Alte Oper Frankfurt, 11.06.2026
![]() |
| hr-Sinfonieorchester (Foto: Ben Knabe) |
Außergewöhnliche Moderne
Es ist das Saisonfinale 2025/2026 im Rahmen der Großen Reihe Brahms des hr-Sinfonieorchesters mit seinem Chefdirigenten Alain Altinoglu (*1975), und sie spielten zwei Meisterwerke, die das 19. wie auch das 20. Jahrhundert prägten. Einmal das 2. Violinkonzert Sz 112 (1937/39) von Béla Bartók (1881-1945) und zum anderen die 4. Sinfonie e-Moll (1884/85) von Johannes Brahms (1833-1897).
Zwei außergewöhnliche Kompositionen, die in Form und Inhalt tief in die Moderne des 20. Jahrhunderts eindrangen und durchaus noch das 21. Jahrhundert beeinflussen. Warum, dazu später.
Zu Gast hatten sie die norwegische Violinistin Vilde Frang (*1986). Keine Unbekannte im Rhein Main Gebiet, studierte sie doch an der Kronberg Academy bei Ana Chumachenco in den 2010er Jahren und spielte zuletzt im Januar 2019 unter dem Dirigat von Peter Eötvös (1944-2024) gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester das 1. Violinkonzert (1907) von Béla Bartók.
![]() |
| Vilde Frang (Foto: Marco Borggreve) |
Sein Innovativstes und Fortschrittlichstes
Beide Werke liegen gut 30 Jahre auseinander und unterscheiden sich im Charakter signifikant. War das erste eine Liebeserklärung des 20-Jährigen an seine Schülerin Stefi Geyer, voller Sinnlichkeit und romantischer Innerlichkeit, ein zweisätziger Torso, der erst 1958 posthum in Basel uraufgeführt wurde, so gehört sein 2. Violinkonzert, das er für den Geiger Zoltán Székely (1903-2001) geschrieben hat, doch zu seinen reifsten Kompositionen und zugleich zu seinen innovativsten und fortgeschrittensten.
Gelungener Kompromiss
Was zeichnet das Werk aus? Es ist die Formidee eines reinen Variationenwerks. Allerdings musste Bartók das Interesse Székelys berücksichtigen, der ein volksnahes populäres Werk wünschte und das in der klassischen Formbildung sah.
Bartók fand einen Kompromiss, schaffte einen reinen Mittelsatz, ein Andante tranquillo, mit sechs Variationen, baute aber in die beiden Ecksätze, die formal die Sonatenform (Allegro non troppo), bzw. Rondoform (Allegro molto), abbildeten, jeweils 14 Variationen ein, und konnte somit seinem Anspruch, den modernen Weg der „entwickelnden Variation“, wie es bereits Johannes Brahms unter anderem in seiner 4. Sinfonie praktiziert hatte, realisieren.
Daneben enthält das Werk auch zwölftönige Reihen (in tonaler Manier allerdings), scharfe Rhythmen, moderne dissonante Harmonik, kontrastreiche Dynamik sowie ungarische Färbungen.
| Alain Altinoglu (Foto: KD Schmid) |
Gesanglich klar – transparent lyrisch
Vilde Frang (*1986) erschien engelhaft in einer pastellfarbenen Robe, passend zu ihrer fast fragilen Erscheinung. Ihr Spiel auf einer Guarneri del Gesú Geige von 1734 ist von gesanglicher Klarheit und transparenter Struktur.
Bereits im ersten Satz kraftvoll und hoch virtuos mit Tritonusabständen, dodekaphoner Technik und Vierteltönigkeit gestaltet, brilliert die mittlerweile preisgekrönte und weltweit begehrte Solistin zwar durch eine lyrische Interpretation, die allerdings oft mit dem rauen Ton des großen Orchesters kollidiert.
Herauszuheben ist ihr Klangfarbenreichtum und ihre tief romantische Spieltechnik, die dann im zweiten Satz, dem Andante tranquillo, voll zur Geltung kommt.
Es ist einer der schönsten Sätze aus der Hand Bartóks. Ein ruhiges fast entrücktes Thema, das er variativ entwickelt und dabei eine Atmosphäre seiner sogenannten „Nachtmusiken“ schafft, geheimnisvoll, melancholisch, voller Naturgeräusche. Vilde Frang kann hier auf ganzer Linie überzeugen, ist dieser Teil des Konzerts ihr doch wie auf den Leib geschrieben.
![]() |
| Vilde Frang (Foto: Marco Borggreve) |
Lyrische Intensität vs. raue Schärfe
Das leidenschaftliche, energetische und in weiten Teilen tänzerische Finale des Allegro molto verlangt neben bester Technik auch physische Höchstleistung vom Solisten ab. Vilde Frang hält auch hier ihren feministischen, weiblich zarten Impetus weitgehend bei. Allerdings fehlt hier ihrer Interpretation die Rauigkeit und Schärfe, die man bei dieser Komposition doch erwartet.
Auch spürte man während der gesamten Vorstellung die fehlenden Proben. Das Orchester spielte auffallend uninspiriert, der Dirigent reduzierte sein Dirigat auf die notwendigen Einsätze und die Solistin spielte nicht allein von Noten, sondern auch weitgehend ohne jeglichen Kontakt zum Orchester. Ein Manko, das allerdings durch ihre außergewöhnliche Musikalität, ihre klare Linienführung selbst in den dichtesten Passagen und vor allem ihre lyrische Intensität vor allem im zweiten Satz doch weitgehend ausgeglichen wurde.
| Vilde Frang (Foto: Sebastian Reimold) |
Ihre Zugabe, eine Giga senza basso aus der h-Moll Violinsonate des barocken Geigenvirtuosen Antonio Maria Montanari (1676-1737), ließ noch einmal ihre musikalische Brillanz aufblitzen. Der Beifall war herzlich.
| Vilde Frang, Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester Foto: H.boscaiolo |
Lieblingssinfonie
Der zweite Teile des Konzertabends wurde mit Brahms´ letzter Sinfonie, seiner Vierten e-Moll op.98 abgeschlossen.
Aus der großen Brahmsreihe scheint die Vierte doch zu den beliebten sinfonischen Werken des Orchesters zu gehören. Man schwelgte in Tönen und Altinoglu motivierte das hr-Sinfonieorchester zudem durch ein ausgefeiltes, höchst engagiertes und konzentriertes Dirigat.
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester (Foto: Sebastian Reimold) |
Sehr kunstvoll – schwer erfassbar
Dass Brahms, der seinen Freunden, darunter auch Clara Schumann, im Sommer 1885 eine erste Fassung für zwei Klaviere vorspielte, zunächst Irritationen erntete, weil niemand seine variativen Strukturideen erkannte und sie als fremd empfand, ist bekannt. Ebenfalls der sinngemäße Eintrag Clara Schumanns in ihr Tagebuch, das Werk wolle ihr noch nicht recht gefallen, es sei sehr kunstvoll, aber schwer unmittelbar zu erfassen.
Dennoch gehört gerade diese heute zu einem seiner beliebtesten und meistgespielten Werke. Nicht von ungefähr nannte Arnold Schönberg Brahms als den „Fortschrittlichen“, sah er in ihm doch den Schöpfer einer neuen, modernen Kompositionsform, der „entwickelnden Variation“, die heute üblich und beliebt geworden ist. Allein die Dodekaphonie lebte von dieser genialen Formentdeckung und Komponisten des 20.und 21. Jahrhunderts bevorzugen die variativen Formen.
„Die Abgeklärteste“
Beginnen wir gleich mit Clara Schumann, die bereits nach der ersten Orchesteraufführung in ihr Tagebuch schrieb: „Es ist, als läge man im Frühling zwischen blühenden Bäumen, und Freund und Leid erfüllten die Seelen abwechselnd.“ Dieser Kern trifft alles, was diese Sinfonie ausmacht: Die Verbindung von Melancholie und Schönheit, von Strenge und Wärme.
Heute wird sie oft als seine „tragischste“ oder auch seine „abgeklärteste“ bezeichnet. Alles korrekt. Auf den Standpunkt kommt es an.
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester Foto: H.boscaiolo |
Musikalisches Schicksalsdrama
In kaum 40 Minuten gleitet dieses von großer Schönheit und tiefer Melancholie getragene Werk zwischen Düsterkeit und Resignation dahin. Vor allem im ersten Satz entsprechend dem Bild von Clara Schumann, wie in einem Frühlingsgarten, der noch vom Winter geprägt ist: Die Musik ist herb, sie singt, aber jubelt nicht, sie trauert, aber verzweifelt nicht.
Im dritten Satz, dem Allegro giocoso, wird das düstere e-Moll durch ein helles C-Dur ersetzt. Hier wirkt die Musik wie ein ausgelassener triumphaler Tanzsatz. Ungebremste Lebensfreude herrscht, verstärkt durch den Einsatz der Triangel, der Piccoloflöte und dem Becken. Brahms wie auch das Orchester gönnt dem Hörer noch einmal unbeschwerte Energie, bevor der ernste Schlussgang, das Allegro energico, einsetzt.
Es ist eine Art musikalisches Schicksalsdrama. Warum? Brahms geht zurück ins e-Moll und baut den gesamten Satz als Passacaglia, ein kurzes immer wiederkehrendes Thema, auf. Dazu verwendet er die Bachsche Kantate BWV 150 Nach dir, Herr, verlangt mich.
Hieraus macht er insgesamt 30 Variationen, die er in drei Teile splittet, eine Art Ouvertüre, die Vorstellung des Themas, einen Mittelteil und einer Schlusssteigerung, in einen Epilog mündend. Herauszuheben die Flötenvariation im Mittelteil, durch die eine fast entrückte Ruhe entsteht und die folgenden Blechbläsereinlagen als Auflösung dieses Zustands, voller Energie und strenger Kompaktheit.
| hr-Sinfonieorchester (Foto: Sebastian Reimold) |
„Ernste Schönheit“
Die Sinfonie endet nicht wie erwartet triumphal in einer Art Apotheose, sondern irgendwie unerbittlich, trostlos, ohne Erlösung, in einer tragischen Bilanz. Viele Kritiker rätseln darüber und sprechen von „ernster Schönheit“, wie Eduard Hanslick seinerzeit urteilte.
Aber bleiben wir doch bei Clara Schumann, sie würde eher von einer emotionalen Spannung zwischen Leidenschaft, Resignation und Würde sprechen und sich an den Frühlingsgarten erinnern, der noch zwischen der Kälte des Winters und der Hoffnung auf die erfrischenden Sonnenstrahlen des Sommers schwankt.
| Alejandro Rutkauskas (erster Geiger), Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester Foto: H.boscaiolo |
Großartige Vorstellung
So etwa könnte man auch die Interpretation der 4. Sinfonie durch das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Alain Altinoglu beschreiben.
Eine großartige Vorstellung, die wieder einmal die Größe des Komponisten beweist und seine Vergleichbarkeit mit Beethovens Meisterwerken rechtfertigt.
.jpg)


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen