Montag, 2. November 2026

Staatskapelle Berlin, musikalische Leitung: Christian Thielemann, Gesang: Camilla Nylund (Sopran), Alte Oper Frankfurt, 01.11.2026

Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin
Foto: Alte Oper Frankfurt/ Salar Baygan

Höhepunkte: Gattung Lied & Sinfonische Dichtung

Das Konzertevent stand ganz im Zeichen von Richard Strauss (1864-1949) und seinen kompositorischen Höhepunkten in der Gattung Lied und Sinfonische Dichtung.

Wer könnte dem nicht besser gerecht werden als Christian Thielemann (*1959), ein profunder Kenner und Liebhaber der Werke des Komponisten, und der Sopranistin Camilla Nylund (*1968), wohl eine der besten und gefragtesten Interpretinnen für Richard Strauss und seinen Liedkompositionen.

Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin
Foto: Alte Oper Frankfurt/ Salar Baygan

Empfindsam – klangvolle Höhen

Der vollbesetzte Saal der Alten Oper Frankfurt bekam denn auch seine Erwartungen vollauf erfüllt mit Strauss´ Vier letzte Lieder (1948/150) sowie seiner letzten Sinfonischen Dichtung Eine Alpensinfonie op.64 (1911-1915).

Camilla Nylund ist eine elegante Erscheinung. In dezenter pinkfarbener Robe mit auffallender Brillantbrosche an der Seite trat sie vors Publikum und überzeugte durch ihre klare Lyrik und klangvollen Höhen. 

Begleitet wurde sie von der großen Besetzung der Berliner Staatskapelle, das allerdings unter dem sehr aufmerksamen und diffizilen Dirigat von Christian Thielemann die Sängerin nie zu dominieren drohte. Unglaublich wie empfindsam und fein doch ein so großes Orchester zu führen ist.

Christian Thielemann, Camilla Nylund, Staatskapelle Berlin
Foto: Alte Oper Frankfurt/ Salar Baygan

Geschichten eines langen Lebens

Bekanntlich gehören die vier letzten Lieder tatsächlich zum Abschiedswerk des Meisters der romantischen Liedkunst (Uraufgeführt wurden sie posthum am 22.05.1950 in der Londoner Royal Albert Hall vom Philharmonia Orchestra London mit der Sopranistin Kirsten Flagstad, unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler). 

 Ein Abschied mit Texten von Hermann Hesse (Frühling, September und Beim Schlafengehen) und Joseph von Eichendorff (Im Abendrot).

Es ist kein Zyklus wie vielleicht vermutet. Jedes Lied hat seinen eigenen Charakter und erzählt die Geschichte eines langen Lebens, das endgültig Im Abendrot an sein hochverdientes Ende gelangt ist: „Wir sind durch Not und Freude gegangen, Hand in Hand … So tief im Abendrot, wie sind wir wandermüde – ist dies etwa der Tod?“ Worte von Joseph von Eichendorff (1788-1857), die von tiefer innerer Ruhe zeugen und dem erfüllten Leben einen finalen Sinn verleihen.

Die Texte der anderen drei Lieder sind von Hermann Hesse (1877-1962), die vom Träumen, vom goldenen Herbst und dem Schlummern der Seele handeln. 

Herauszuheben hier, nach einem höchst romantischen Zwischenspiel der ersten Geige, aus dem dritten Liedtext: „Und die Seele unbewacht will in freiem Fluge schweben. Um im Zauberkreis der Nacht tief und tausendfach zu leben.“

Christian Thielemann, Camilla Nylund, Staatskapelle Berlin
Foto: Alte Oper Frankfurt/ Salar Baygan

Abschied mit scherzhaftem Augenzwinkern

Ja, ein Abschied, aber mit großer Zuversicht und einem scherzhaften Augenzwinkern Richtung Vergangenheit. Camilla Nylund sang die Liedtexte mit großer Eleganz und brillantem lyrischen Schwung, der nur ihr zu eigen ist. 

Ein kleiner Wermutstropfen dennoch: Ihr Gesang war textlich zwar kaum zu verstehen, was dem tieferen Sinn der vier letzten Lieder entgegenwirkte – ihre wunderbare lyrische Expressivität schmälerte das jedoch keineswegs. Getragen wurde diese Ausdruckskraft zudem vom sensiblen Dirigat Christian Thielemanns und der hochkonzentrierten Staatskapelle Berlin.


Christian Thielemann, Camilla Nylund, Staatskapelle Berlin
Foto: Alte Oper Frankfurt/ Salar Baygan

Gigantomanisches Aufgebot zum Gipfelsturm

Es folgte die Alpensinfonie op. 64. Es ist die letzte seiner insgesamt 10 Werke der Gattung Sinfonische Dichtung. Zwar hat sie schon Franz Liszt mit 13 an der Zahl ins Leben gerufen, aber bei Richard Strauss wurden sie zur Gattung ganz eigenen Stils, die ihn bis heute als den Schöpfer dieser Dichtungen auszeichnen.

Dieses monumentale Werk von fast eine Stunde Dauer verlangt mehr als 100 Instrumentalisten, ist mit fünf Perkussionisten besetzt (Kuhglocken, große Trommel, Wind- und Donnermaschinen, Triangel und diverses Schlagwerk), wozu sich zwei Harfen, Orgel, Celesta, Doppelpauke, Englisch Horn, Heckelphon (Jodlophon), Kontrafagott, zweifach besetzte Holzbläser und vierfach besetzte Blechbläser gesellen, nebst mindestens 60 Streichern. 

Ein gigantomanisches Aufgebot als Voraussetzung für einen ganz gewöhnlichen Gipfelsturm in den Alpen, vermutlich auf die Zugspitze des Wettersteinsteingebirges um Garmisch Partenkirchen.

Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin
Foto: Alte Oper Frankfurt/ Salar Baygan

Gipfelsturm durch Natur und Wetter

Für solche Unternehmungen ist Richard Strauss eigentlich nicht bekannt, aber seine Fantasie und sein kompositorisches Vermögen hat ihm zu einer in 22 Abschnitte aufgeteilten detaillierten Erzählung verholfen, die, gerahmt in Nacht als erste und letzte Episode, einen Anstieg und Abstieg mit allen Erscheinungsformen von Natur und Wetter enthält: 

wie Walddurchquerung, Bachwanderung, blumige Wiesen, Almbesuch, Gletscher- und Geröllgefahren bis zum Gipfelsturm (mit Gipfelmotiv eines gewaltigen Posaunenchors), zurück zum Tal mit Nebelschwaden, verdüstertem Sonnenlicht als Vorwarnung für ein aufkommendes Unwetter, Schlussabstieg in den Abend und schließlich Ankunft im Tal bei Eintritt der Nacht.

Der Kreis schließt sich narrativ wie musikalisch. Trompeten, Kontrafagott und flirrende Streicherlinien charakterisieren sowohl den Nachthimmel zu Anfang wie zum Schluss.

Wie sagte doch Christian Thielemann zu Richard Strauss; „Bei Strauss weiß ich, was ich bekomme. Eleganz und ein unverwechselbares deutschen Brio, schnell, grazil, virtuos.“

Christian Thielemann (Foto: Peter Adamik)

Zwischen Brillanz und kontrollierter Glätte

Seit seiner Uraufführung am 28. Oktober 1915 in der Philharmonie Berlin unter dem Dirigat des Komponisten höchstselbst, gehört seine letzte Sinfonische Dichtung zum herausragendsten seiner zehn Vorherigen. Nicht von ungefähr erhielt er dafür die stattliche Summe von 50.000 Reichsmark (nach heutigem Wert etwa 300.000 EUR).

Tatsächlich ist es ein absoluter Hammer mit gewaltigen Höhen und Tiefen, die Christian Thielemann aus seinem Klangkörper mit geringer Gestik und klarer Anweisung im Detail herauskitzelte. Immer bedacht auf Kontrolle und klarer Führung der einzelnen Instrumentengruppen wurde man allerdings den Eindruck nicht los, dass der gewaltige Klangkörper mit angezogener Bremse agierte. 

Vieles geriet ein wenig zu glatt und war auf Balance bedacht (wozu viele Abschnitte des Aufstiegs gehörten), wenngleich die einzelnen Höhepunkte wie der Gipfelbesteig sowie das Gewitter, wie Sonnenaufgang und Untergang, mit majestätischer und perkussiver Brillanz bestachen.

Schlussapplaus
Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin

Foto: H.boscaiolo

Ohne Effekthascherei – verträumte Spätromantik

Eine Alpensinfonie ohne Effekthascherei und Kitsch, aber mit einer spätromantischen, teilweise verträumten Ästhetik, die am gestrigen Abend zumindest den Kritiker nicht vom Sitz riss.

Dennoch eine gewaltige farbenreiche Vorstellung der Staatskapelle Berlin – übrigens seit 450 Jahre existent und von so bekannten Generalmusikdenktoren wie Daniel Barenboim, Pierre Boulez, Zubin Mehta und Simon Rattle geführt, und seit 2024 unter den Fittichen von Christian Thielemann –, was den Besuch des Strauss-Events mit Camilla Nylund und Christian Thielemann zu einem unvergessenen Erlebnis machte.

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