34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
Alexandra Dovgan, Klavierrezital im Fürst-von-Metternich Konzert-Kubus, präsentiert von Grigory Sokolov, Schloss Johannisberg, 16.07.2021
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| Alexandra Dovgan (Foto: AMC-Artist Management Company) |
Sprachlos: Zwischen Kind und erwachsener Frau
Was soll man dazu sagen? Da erscheint ein 14-jähriges
Mädchen in einem sommerlich grasgrünen Roben-ähnlichem Gewande auf der Bühne
des gut gefüllten Konzert Kubus (immer unter Corona Bedingungen natürlich),
leicht füßig, engelhaft, fast durchsichtig, setzt sich nach kurzer Verbeugung
an den Konzertflügel und schlägt einen c-Moll Akkord in die Tasten, dass einem
Angst und bange werden könnte. Es ist der Beginn der Bachschen Partita Nr. 2
(BWV 826), ein sinfonisches Grave, das nach acht Takten in ein schreitendes
Andante wechselt und schließlich in einem furiosen Allegro im Dreiviertel-Takt
mit perlender Kontrapunktik seinen absoluten Höhepunkt erfährt.
Allein bis hierher nur sprachloses Staunen. Dieses Mädchen
verwandelte sich jetzt bereits in eine erwachsene Frau, ein Déjà-vu mit Martha
Argerich; zumindest dem Schreiber dieser Zeilen schien es so.
Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Partiten, entstanden in
Leipzig um 1831, sind für Tasteninstrumente geschrieben und orientieren sich an
den französischen und italienischen Suiten, Tänze des Hofes zum Zwecke des
Amüsements aber auch zur Demonstration der Virtuosität der Interpreten.
Schwierig bis hin zum Artifiziellen, aber dafür beste Voraussetzung, um das
feiernde Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Das gelang Alexandra Dovgan
mit jedem der folgenden fünf Tänze: Allemande, Courante, Sarabande, Rondeau
sowie Capriccio. Besonders hervorzuheben die langsame Sarabande, worin ihre
differenzierte Anschlagkunst und perfekte Phrasierung besonders gut zum
Ausdruck kam. Auch das abschließende Capriccio (ursprünglich hätte man eine
Gigue erwartet) geriet unter ihren begnadeten Händen zu einer gnadenlosen
Schönheit, gnadenlos weil dicht und mit perlender Agogik, schön, weil immer
tänzerisch, leicht und schwungvoll.
| Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann) |
Der Wald, Ort der Freiheit und Zuversicht
Es folgten Robert Schumanns (1810-1856) Waldszenen op.82 (1848/49). In
seiner Dresdener Zeit entstanden, eine Reaktion auf die revolutionären
Geschehnisse, ein Topos auf den deutschen Wald als Inbegriff von Sehnsucht,
Patriotismus, Tradition wie auch Fortschritt. Erinnert sei hier an Carl Maria
von Webers Der Freischütz (1821), eine beliebte Oper aus dieser Zeit, in
der der Traum von Wildnis und Freiheit thematisiert wird. Auch die Waldszenen,
neunfach unterteilt in Eintritt, Jäger auf der Lauer, Einsame Blumen,
Verrufene Stelle, Freundliche Landschaft, Herberge, Vogel als Prophet, Jagdlied
und schließlich Abschied, sind weniger Walderlebnisse, als vielmehr
innere seelische Zustände.
Alexandra Dovgan zeigte hier weniger Nostalgie und
Verzweiflung, wie zu vermuten, sondern Klarheit und Kompromisslosigkeit. So
wurde die Einsame Blume eher zu einem schwerfälligen marschähnlichen
Schreittanz, die Herberge zu einer fröhlichen Runde bis zum zu-Bett-gehen, das Jagdlied zum orchestralen Reiterchor und der Abschied
zu einer wunderschönen Melodie mit sextolischem Klangteppich, immer schwächer
werdend bis zum verhauchenden B-Dur. Durchweg Spannend mit der Seele einer
14-Jährigen, zuversichtlich und positiv, und der Haltung einer erwachsenen
Frau, nachdenklich und mit dem tiefen Verstehen der musikalischen Aussage.
Erzählungen und Gedichte mit individuellem Charakter
Der dritte Teil des Abends war ganz Fréderic Chopins
(1810-1849) 1830er-Jahre-Kompositionen gewidmet, seiner besten Schaffenszeit. Hier die
Balladen Nr. 1 g-Moll op. 23 (1831-1835) sowie Nr. 2 F-Dur op. 38
(1836-1839), wie die Polonaise Brillante Es-Dur op.22 (1831/1836).
Balladen sind Erzählungen und Gedichte, sehr atmosphärisch und stimmungsvoll. Sie sind Ausdruck der aktuellen Gemütsverfassung und wechseln in der Regel abrupt zwischen Himmelhochjauchzend bis zum Tode betrübt. Zählt die Ballade Nr. 1 eher zu den schwermütigen und die Ballade Nr. 2 zu den dramatischen, emotional ausbrechenden, so schien sich die Pianistin weder an das eine, noch an das andere zu halten. Nein, sie kreierte in diesen Balladen ihren ganz eigenen Gemütszustand. Und der ist, wie gesagt, positiv, zuversichtlich und in jeder Hinsicht ihrer Persönlichkeit und ihrem Alter angemessen.
Reif und physisch stark interpretierte sie die beiden doch sehr unterschiedlichen Werke. Auffallend ihre auf viele Takte sich erstreckende Phrasierung, die selbst die schwierigsten Passagen zu einer melodischen Einheit zusammenfügten. Auch die musikalischen Übergänge, von zart und nachdenklich bis zum emotionalen Ausbruch, eigenwillig, außerordentlich expressiv, aber nie aus dem Rahmen fallend. Ebenso ihr individuelles Verständnis von Romantik, sehr eigenwillig und modern: Es fehlten weitgehend das Rubato und das romantische süßliche Feeling. Statt dessen dominierten Kreativität, Zuversicht, Freiheit und Achtsamkeit.
| Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein Engel ohne Flügel aber mit viel Charisma
Die abschließende Polonaise brillante, der ein himmlisch-schönes,
schlichtes Andante spianato vorausgeht (später in die Polonaise eingefügt und
1836 gemeinsam veröffentlicht), zementierte einmal mehr die exorbitante Klasse
dieser jungen Frau. Herrlich frisch, ein Tanz ohne Wenn und Aber, mit
wunderbaren Echos, schwierigsten Figuren, gespickt mit robusten
orchestralen Einlagen und einer Coda, wie noch nie gehört. Leise,
perlende Läufe und Arpeggien, ungekünstelt und immer im Rhythmus der
Polonaise, ohne Dramatik oder technischen Aufgeregtheit, ohne musikalische
Gewalt aber mit unglaublich frischer lebensbejahender Ausdruckskraft.
Was soll man dazu sagen? Wie ein Engel ohne Flügel aber mit viel Charisma belohnte Alexandra Dovgan, die übrigens das gesamte Programm auswendig präsentierte, den nicht enden wollenden Applaus des restlos begeisterten Publikums (eine Plattitüde, weil die Worte fehlen), mit drei Zugaben. Darunter ein Chopinwalzer (jugendlich leichtsinnig) und der berühmte Bachsche Choral BWV 147 „Jesus bleibet meine Freude“ (konzentriert und innig vertieft).
Nicht allein ihr Mentor Grigory Sokolov, der im Publikum saß, dürfte
hoch zufrieden mit seinem Schützling gewesen sein. Nein, Alexandra Dovgan ist
eine Perle in der jungen Pianisten Gilde und erklimmt bereits die Stufen zum Parnass,
zum legendären Berg der Musen.

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