Freitag, 9. Juli 2021

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021

Astor Piazzolla Quintett, Jazz &more – Piazzolla zum 100. Geburtstag, Schloss Johannisberg, 08.07.2021

Der mit Publikum gefüllte Fürst von Metternich Konzert-Kubus in Erwartung des Astor Piazzolla Quintetts, 08.07.2021
(Foto: Ansgar Klostermann)


Einzug in den Fürst-Metternich-Konzert-Kubus


Ein durchwachsener Tag, was das Wetter angeht, dafür aber klare Luft und ein herrlicher Weitblick ins Rheintal. Statt des Fürst-von-Metternich-Saals empfängt das erwartungsvolle Publikum der extra für Corona-Krisenzeiten neu erbaute Fürst von Metternich Konzert-Kubus, ein mit viel Holz (24 Tonnen), Stahl (80 Tonnen), Beton (40 Tonnen) und sechs Millionen Schrauben (!) zusammengesetzter Würfel für knapp 300 Personen. Innen pures Holz im dezent braunen Ton gehalten, 40 mal 20 Meter Raum mit Schachbrett-Muster-Bestuhlung. Wären die Umstände nicht so würdelos (alle mit Masken und rundum Kontrolle), dann könnte man sich sogar wohl fühlen unter der halbkreisförmig angeordneten gedimmten Beleuchtung. Auch die Akustik, wie sich dann herausstellt, ist ausgezeichnet. Allerdings fragt man sich, wieso das altehrwürdige Konzertgebäude des Schlosses nicht ausgereicht hätte, und warum ein Millionen-teures Projekt, ästhetisch eine Zumutung, die wunderbare barocke Fassade des Schlosses aus dubiosen Hygienegründen verschandeln muss.


Abenteuer in Corona-Zeiten

Das Astor Piazzolla Quintett hatte bereits eine bemerkenswerte Abenteuerreise hinter sich. Um ein Haar wäre dieses einmalige Konzert gescheitert, wenn nicht das Ensemble vor wenigen Tagen die Grenzen Argentiniens mit Bus in Richtung Bolivien verlassen hätten, bevor das Land wegen Corona alle Ausgänge dicht machte. Leider erwischte es den Pianisten, Nicolas Guerschberg. Er musste zuhause bleiben, weil er zu spät reagierte. Ersetzt wurde er, und das sei vorweggenommen, durch die wunderbar ins Ensemble sich einfügende Rotterdamer Pianistin, Barbara Varasi Pega.

Die Zusammensetzung des Astor Piazzolla Quintetts mit Serdar Geldymuradov an der Violine, Armando de la Vega an der E-Gitarre, Daniel Falasca am Kontrabass sowie Pablo Mainetti am Bandoneon liest sich in deren musikalischer Vita wie die Erfolgsliste eines Hochleistungssportlers. In der ganzen Welt bekannt, mit nahezu allen großen Orchestern musiziert, zahlreiche Eigengründungen von Quartetten, Trios oder Duos, mit Preisen überschüttet und mit allen großen Künstlern der Welt auf der Bühne gestanden. Ein Who is Who des Außergewöhnlichen.

Das Astor Piazzolla Quintett, v.l.n.r.: Armando de la Vega, Barbara Varasi Pega, Pablo Mainetti, verdeckt am Kontrabass, Daniel Falasca, Serdar Geldymuradov (Foto: Ansgar Klostermann)


Ein Quintett der Außergewöhnlichen

Ausgerechnet das Astor Piazzolla Quintett, seit 1998 bestehend, ist eher ein Nebenprodukt ihrer Aktivitäten. Allerdings sind sie die einzigen dieser Welt, die auf den Nachlass des 1992 verstorbenen Piazzolla zurückgreifen dürfen. Die Witwe hat diesem Ausnahmeteam erlaubt, dessen musikalisches Oeuvre, darunter 300 Tango-Kompositionen und mehr als 40 Filmmusiken, interpretieren, bearbeiten und aufführen zu dürfen. Und das ist eine brillante Entscheidung. Denn was die Fünf am gestrigen Abend im Kubus an Tango präsentierten, gehört in die Kategorie einmalig und nicht wiederholbar.

Vierzehn Stücke aus dem riesigen Fundus des Meisters standen auf dem Programm. Darunter so bekannte Werke wie Fuga y misterio, Invierno porteňo oder Adiós nonino, aber, und das sei konstatiert, jedes der Werke glänzte durch einen eigenen Charakter, mal perkussiv und aufregend schnell, wie Escualo, mal smooth und melancholisch wie Milonga del àngel oder Celos, oder höchst virtuos mit freitonalen Elementen wie Decarisimo, lyrisch bis zum Weinen schön, wie in Camorra II, wild und emotional wie in Adiós non und meisterhaft kontrapunktisch, wie im abschließenden La muerte del àngel und auch in der bereits genannten Fuga y misterio.


Tango – zwischen Neoklassik, Kontrapunktik, Jazz und Formenvielfalt

Piazzolla versteht es, mit minimalen Motiven – mal drei, mal vier, selten fünftönig –, einen Ozean an Möglichkeiten, Variationen und improvisatorischen Einlagen anzubieten. Auch in der Form ist er äußerst flexibel. Ist man in der Regel an die Liedform des ABA-Schemas gewöhnt, also an Melodie, Zwischengesang und Refrain, so reicht Piazzolla das AB-Schema. Auch erweitert er die Formen in ABC-Schemata, sodass man am Ende auf einer völlig anderen Insel landet. All das macht seine Musik spannend, unberechenbar und vielseitig. So kommt es vor, dass Dramatik und Lyrik, Melancholie und absolute Lebensfreude in einem Stück wechseln. Und gerade das ist es, was seine Musik, die sich durchaus an Igor Strawinskys Neoklassik und Béla Bartóks Perkussivität und Rhythmik und an Johann Sebastian Bachs Kontrapunktik anlehnt, ausmacht. Nicht zu vergessen aber auch die Elemente des Jazz und der Atonalität der 1950er Jahre, die Piazzolla geschickt einzubauen versteht.

Das Astor Piazzolla Quintett, v.l.n.r.: Armando de la Vega, Barbara Varasi Pega, Pablo Mainetti, Daniel Falasca,
Serdar Geldymuradov (Foto: Ansgar Klostermann)

Tango – Lebensart und Passion


Hier zeigte sich die Klasse des Quintetts. Jeder Einzelne hätte auch auf der „klassischen“ Bühne solistisch Furor erregen können. Hier aber glänzten alle mit unglaublicher technischer und rhythmischer Brillanz, aber vor allem mit einem tiefen Verständnis der Tango Seele. Tango nämlich ist mehr als nur ein Tanz im 2/4 oder 4/4 Takt. Nein. Tango ist eine Lebensart. Tango öffnet alle Gefühle, vom Abgründigsten bis zum Heiligsten. Tango ist Passion. Man sagt, Piazzolla habe sich lange geschämt, Tangomusiker zu sein: „Tangomusiker war ein schmutziges Wort in meiner Jugend. Es war die Unterwelt.“ Nadja Boulanger (1887-1979), eine der berühmtesten Musikpädagogin und Musiktheoretikerin des 20. Jahrhunderts, scheint ihn auf den richtigen Weg gebracht zu haben. Sie kritisierte seine Scham, und erkannte das große Potenzial seiner Musik: „Du Idiot! Merkst Du nicht, dass dies der echte Piazzolla ist, nicht jener andere? Du kannst die gesamte andere Musik fortschmeißen!“ (aus: Wikipedia)


Tango – ein Privileg

Heute ist der Tango zwar nicht aus der Mode gekommen. Nicht von ungefähr gehört er zum Repertoire der Standard Tänze und zählt zu den erotischsten überhaupt. Er gilt aber in Westeuropa als antiquiert und unter der Jugend als ein No Go. Unter den kompositorischen Händen von Astor Piazzolla und den musikalischen Händen des Astor Piazzolla Quintetts ist diese Musik dennoch ein lebendiger Beweis für ihre zeitlose Kraft und ihre künstlerische Ausnahmestellung unter den Tänzen. Einen Abend mit diesem Quintett erleben zu dürfen, war und ist ein Privileg und sollte sich durchaus öfter wiederholen können. Das restlos begeisterte Publikum goutierte diese Vorstellung mit lautem Getrampel und stehenden Ovationen. Zwei Zugaben mussten her, die Ohrwürmer Libertango und Revirado. Dann forderte der "Hygieneplan" den finalen Schluss. Unter normalen Umständen wäre dieses Quintett wohl heute noch in Aktion. 

Immerhin können die RMF und Astor Piazzolla Fans noch drei weitere Konzerte mit der Musik Piazzollas erleben: am 17.07. (Kloster Eberbach), am 07.08. (Kloster Eberbach) sowie am 08.08. (Konzert-Kubus). Schauen Sie ins Programm und erwerben sie sich Tickets. Es lohnt sich.

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