Sonntag, 18. Juli 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021


„Fuga Y Misterio“ mit Simone Rubino, La Chimera (Leitung: Eduardo Egüez), Kloster Eberbach, 17.07.2021

Simone Rubino am Vibraphon mit La Chimera, links an der Laute: Eduardo Egüez (Foto: Ansgar Klostermann)

Tango und Johann Sebastian Bach – das geht!

Ein windiger Sommernachmittag füllte die ziemlich gut besetzte Basilika des Klosters Eberbach mit frischer Luft und machte das befohlene Maskentragen erträglich. Simone Robino, ein Schlagwerker der besonderen Art, hob jedoch die Stimmung allein durch seine Frische, seine charismatische Ausstrahlung wie auch, und das ist selbstverständlich, durch seine außerordentliche Musikalität und Virtuosität. Wie sagte er doch gegen Ende des Konzerts: „Ich hoffe auf ein gemeinsames Musikerleben, denn die Musik ist essentiell wichtig für die Seele.“

Aber zum Geschehen.

Ein sechsteiliges Programm wurde eingeleitet durch Johann Sebastians Bachs (1685-1750) zweites Violinkonzert E-Dur (BWV 1042), entstanden sehr wahrscheinlich in seiner Köthener Zeit als Hofkapellmeister zwischen 1717 und 1723, einer Zeit unter der Ägide des politisch aufgeschlossenen Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen (1694-1728), die seine aufregendste und weltlichste in gutem Sinne gewesen ist. Werke wie die beiden Violinkonzerte, das Doppelkonzert, das italienische Konzert für Klavier, die Brandenburgischen Konzerte und last but not least sein wohltemperiertes Klavier, bestehend aus Präludien und Fugen in allen 24 Tonarten, entstanden in diesen wenigen Jahren. Ebenso sollte man wissen, dass Bach das 2. Violinkonzert auch für Cembalo arrangiert hat.


Frisch, farbig und kraftvoll

Gemeinsam mit dem siebenköpfigen Barockensemble La Chimera (drei Barock-Violinen, ein Cembalo bzw. Flügel, ein Kontrabass, eine Gambe sowie eine Gitarre bzw. Laute, gespielt vom Leiter des Ensembles, Edoardo Egüez, höchstpersönlich) spielte Simone Rubino (*1993 in Turin) das Bachsche Violinkonzert (bearbeitet von José Bragato) auf einem Vibraphon.

Das aber mit ausgesprochener Frische und einer farbigen und klanglich bestens austarierten Begleitung. Drei Sätze (Allegro, Adagio, Allegro Assai) mit bekannten Melodien, ein Bach, der zum Tanz einlud. Selbst das Adagio füllte den Saal bei obligater Bassbegleitung und solistischen Variationen des Interpreten mit herrlichen Klängen, ganz die Atmosphäre des Klosterareals widerspiegelnd. Das Schlussrondo, Allegro assai, ein 16-taktiges triolisches Thema, welches viermal erklingt und in einem furiosen 32-taktigen Finale endet, rundete einen spektakulären Konzerteinstieg ab. Die Reaktion des Publikums glich einem Vulkanausbruch, Robino, in schwarz-weiß gekleidet, ein Kraftpaket, verstand es hervorragend, das Publikum zu seinem zu machen, aber auch das Ensemble in seinen Sog zu ziehen.

 

Simone Rubino am Vibraphon mit La Chimera, links an der Laute: Eduardo Egüez (Foto: Ansgar Klostermann)

Rhythmische Energie im Tango wie in der Barockmusik

Es folgten zwei Tangos, Fuga y misterio (1968), ein Teil aus der Tango Operita Maria de Buenos Aires, eine Geschichte der Stadtheiligen Maria, die alle Mühseligen und Beladenen beschützt, stirbt und extra für die Ausgestoßenen wieder aufersteht, sowie Oblivion (1984), ein Tango, der Teil der Filmmusik von Enrico IV (1984) ist (Regie Luigi Pirandello), und von Berühmtheiten wie Marcello Mastroianni und Claudia Cardinale in den Hauptrollen besetzt ist.

Ergänzt durch einen Bandeonisten, versetzten die neun Akteure die ehrwürdige Basilika in einen rhythmischen Rausch, in eine Vibration, die die dicken Wände beben ließen. Der Tango wurde zum Lebenselixier. Freude und Zuversicht verbreiteten sich bis in die kleinsten Ritzen des Gemäuers wie ihres lebendigen Interieurs. Wie auch immer.

Die anschließende Chaconne für Violine, ein barocker Tanz im ¾ Takt aus der Bachschen Partita Nr. 2 d-Moll (BWV 1004), ebenfalls eine Komposition aus seiner Köthener Zeit, ein 14-minütiges Werk mit 64 Variationen, vielfach arrangiert für unterschiedlichste Instrumente und sogar für Orchester, klang auf dem Vibraphon raumfüllend und nahezu wie für dieses Instrument geschaffen. Mit perfekter Technik gelang es Rubino im feinsten Pianissimo wie im Fortissimo, mal streichelnd, mal schlagend, die Extreme dieses Perkussionsinstruments herauszufordern und das immer im typischen Ostinato Bass-Rhythmus, der eine Chaconne auszeichnet. Ein überzeugendes Arrangement von Eduardo Egüez, eine ebenso beeindruckende Interpretation des Perkussionisten, Simone Robino.


Musik ist essentiell für die Seele

Der Schluss mit Marimbando von Leonardo Teruggi (*1982), ein zeitgenössischer Tango mit viel Chromatik und einer Menge an improvisatorischen Freiheiten, sowie von Astor Piazzolla Verano porteňo (Sommer in Buenos Aires), aus seinem vierteiligen Zyklus Vier Jahreszeiten (1964-1970), eine Hommage an alle Bewohner von Buenos Aires (wie auch der Welt), die das Leben lieben, brachte die Stimmung in der Basilika noch einmal zum Brodeln.

Ja, Musik ist essentiell für die Seele, für das Leben, für die Menschen. Wer sie fortnimmt, begeht ein Verbrechen, wer sie an ihrer Freiheit hindert, macht sich schuldig vor der Schöpfung.

Die beiden Zugaben, Milonga de mis Amores von Pedro Laurenz (1902-1972), ein Ohrwurm und ein Muss für alle Tangoliebhaber, sowie die Wiederholung von Astor Piazzollas Fuga Y Misterio entließen ein fröhliches Publikum. Es fehlte lediglich das Abreißen der Masken, das Umarmen der Menschen und das befreiende: Es reicht!! Leider – ein Traum?

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