34. Rheingau
Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
„Fuga Y Misterio“ mit Simone Rubino, La Chimera (Leitung: Eduardo Egüez), Kloster Eberbach, 17.07.2021
| Simone Rubino am Vibraphon mit La Chimera, links an der Laute: Eduardo Egüez (Foto: Ansgar Klostermann) |
Tango und Johann Sebastian Bach – das geht!
Ein windiger
Sommernachmittag füllte die ziemlich gut besetzte Basilika des Klosters Eberbach
mit frischer Luft und machte das befohlene Maskentragen erträglich. Simone Robino,
ein Schlagwerker der besonderen Art, hob jedoch die Stimmung allein durch seine
Frische, seine charismatische Ausstrahlung wie auch, und das ist
selbstverständlich, durch seine außerordentliche Musikalität und Virtuosität.
Wie sagte er doch gegen Ende des Konzerts: „Ich hoffe auf ein gemeinsames
Musikerleben, denn die Musik ist essentiell wichtig für die Seele.“
Aber zum
Geschehen.
Ein sechsteiliges
Programm wurde eingeleitet durch Johann Sebastians Bachs (1685-1750) zweites
Violinkonzert E-Dur (BWV 1042), entstanden sehr wahrscheinlich in seiner
Köthener Zeit als Hofkapellmeister zwischen 1717 und 1723, einer Zeit unter der
Ägide des politisch aufgeschlossenen Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen
(1694-1728), die seine aufregendste und weltlichste in gutem Sinne gewesen ist.
Werke wie die beiden Violinkonzerte, das Doppelkonzert, das italienische Konzert
für Klavier, die Brandenburgischen Konzerte und last but not least sein
wohltemperiertes Klavier, bestehend aus Präludien und Fugen in allen 24
Tonarten, entstanden in diesen wenigen Jahren. Ebenso sollte man wissen, dass
Bach das 2. Violinkonzert auch für Cembalo arrangiert hat.
Frisch, farbig und kraftvoll
Gemeinsam
mit dem siebenköpfigen Barockensemble La Chimera (drei Barock-Violinen, ein
Cembalo bzw. Flügel, ein Kontrabass, eine Gambe sowie eine Gitarre bzw. Laute,
gespielt vom Leiter des Ensembles, Edoardo Egüez, höchstpersönlich)
spielte Simone Rubino (*1993 in Turin) das Bachsche Violinkonzert (bearbeitet
von José Bragato) auf einem Vibraphon.
Das aber mit
ausgesprochener Frische und einer farbigen und klanglich bestens austarierten
Begleitung. Drei Sätze (Allegro, Adagio, Allegro Assai) mit bekannten Melodien,
ein Bach, der zum Tanz einlud. Selbst das Adagio füllte den Saal bei
obligater Bassbegleitung und solistischen Variationen des Interpreten mit herrlichen
Klängen, ganz die Atmosphäre des Klosterareals widerspiegelnd. Das Schlussrondo,
Allegro assai, ein 16-taktiges triolisches Thema, welches viermal erklingt und
in einem furiosen 32-taktigen Finale endet, rundete einen spektakulären Konzerteinstieg
ab. Die Reaktion des Publikums glich
einem Vulkanausbruch, Robino, in schwarz-weiß gekleidet, ein Kraftpaket,
verstand es hervorragend, das Publikum zu seinem zu machen, aber auch das Ensemble
in seinen Sog zu ziehen.
| Simone Rubino am Vibraphon mit La Chimera, links an der Laute: Eduardo Egüez (Foto: Ansgar Klostermann) |
Rhythmische
Energie im Tango wie in der Barockmusik
Es folgten
zwei Tangos, Fuga y misterio (1968), ein Teil aus der Tango Operita Maria
de Buenos Aires, eine Geschichte der Stadtheiligen Maria, die alle
Mühseligen und Beladenen beschützt, stirbt und extra für die Ausgestoßenen
wieder aufersteht, sowie Oblivion (1984), ein Tango, der Teil der
Filmmusik von Enrico IV (1984) ist (Regie Luigi Pirandello), und von Berühmtheiten
wie Marcello Mastroianni und Claudia Cardinale in den Hauptrollen besetzt ist.
Ergänzt durch
einen Bandeonisten, versetzten die neun Akteure die ehrwürdige Basilika in
einen rhythmischen Rausch, in eine Vibration, die die dicken Wände beben
ließen. Der Tango wurde zum Lebenselixier. Freude und Zuversicht verbreiteten
sich bis in die kleinsten Ritzen des Gemäuers wie ihres lebendigen Interieurs. Wie
auch immer.
Die
anschließende Chaconne für Violine, ein barocker Tanz im ¾ Takt aus der
Bachschen Partita Nr. 2 d-Moll (BWV 1004), ebenfalls eine Komposition
aus seiner Köthener Zeit, ein 14-minütiges Werk mit 64 Variationen, vielfach
arrangiert für unterschiedlichste Instrumente und sogar für Orchester, klang
auf dem Vibraphon raumfüllend und nahezu wie für dieses Instrument geschaffen.
Mit perfekter Technik gelang es Rubino im feinsten Pianissimo wie im Fortissimo,
mal streichelnd, mal schlagend, die Extreme dieses Perkussionsinstruments
herauszufordern und das immer im typischen Ostinato Bass-Rhythmus, der eine
Chaconne auszeichnet. Ein überzeugendes Arrangement von Eduardo Egüez, eine
ebenso beeindruckende Interpretation des Perkussionisten, Simone Robino.
Musik ist
essentiell für die Seele
Der Schluss
mit Marimbando von Leonardo Teruggi (*1982), ein zeitgenössischer Tango
mit viel Chromatik und einer Menge an improvisatorischen Freiheiten, sowie von
Astor Piazzolla Verano porteňo (Sommer in Buenos Aires), aus seinem vierteiligen
Zyklus Vier Jahreszeiten (1964-1970), eine Hommage an alle Bewohner von
Buenos Aires (wie auch der Welt), die das Leben lieben, brachte die Stimmung in
der Basilika noch einmal zum Brodeln.
Ja, Musik
ist essentiell für die Seele, für das Leben, für die Menschen. Wer sie
fortnimmt, begeht ein Verbrechen, wer sie an ihrer Freiheit hindert, macht sich
schuldig vor der Schöpfung.
Die beiden
Zugaben, Milonga de mis Amores von Pedro Laurenz (1902-1972), ein
Ohrwurm und ein Muss für alle Tangoliebhaber, sowie die Wiederholung von Astor
Piazzollas Fuga Y Misterio entließen ein fröhliches Publikum. Es
fehlte lediglich das Abreißen der Masken, das Umarmen der Menschen und das
befreiende: Es reicht!! Leider – ein Traum?
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