34. Rheingau
Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
Elisabeth
Leonskaja,
Klavierrezital im Konzert-Kubus auf Schloss Johannisberg, 22. 07.2021
| Elisabeth Leonskaja (Foto: Ansgar Klostermann) |
Eine
Titanin am Klavier
Die gewaltige
„Trilogie“ der letzten Klaviersonaten Ludwig van Beethovens (op. 109, op. 110
und op. 111), fünf Jahre vor seinem Tod im Jahre 1827 komponiert, allerdings von diversen
Krankheiten überschattet und von vielen Pausen unterbrochen, hatte sich Elisabeth
Leonskaja (*1945) vorgenommen, und wer, wenn nicht sie, könnte geeigneter
und gereifter sein, diese Bekenntniswerke Beethovens, die an tonalen und
formalen Abweichungen, Überschreitungen von Gattungsgrenzen, rhythmischen und
metrischen Innovationen und musikalischem Grenzgängertum nur so strotzen, in
Angriff zu nehmen und zu interpretieren.
Elisabeth Leonskaja, in schlichtem Schwarz-Weiß gekleidet, von sprichwörtlicher Bescheidenheit, avancierte an den Tasten des Steinway-Flügels in einem gut besuchten Konzert-Kubus (erstmals konnte man die Masken an den Sitzplätzen abnehmen) zu einer göttergleichen Titanin, wenn man überhaupt nach einer Bewertung ihrer pianistischen Fähigkeiten suchen möchte.
Die Sangliche und Intime
Opus 109,
bereits 1820 fertiggestellt, aber gemeinsam mit den beiden folgenden erst 1822
gedruckt und veröffentlicht, glänzt durch das helle E-Dur, die Tonart der Leonore
Ouvertüre, das ewig weibliche und die Erlösung verkörpernd und nicht von
ungefähr der Tochter von Franz und Antonie Brentano, Maximiliane, gewidmet, und – möglicherweise
– die „Unsterbliche Geliebte“, an die Beethoven 1812 seine Liebesbriefe
richtete. Denn diese Sonate zeichnet sich nicht allein durch Gesanglichkeit und
harmonische Schönheit aus, sondern auch durch Dramatik und Intimität.
Leonskaja
verstand es, das Vivace und Adagio espressivo des Kopfsatzes, ein
bewegtes Terzthema kontrastierend mit einer choralähnlichen Sarabande, zu einer
farbenreichen Klangerzählung umzuschreiben, um dann abrupt in das stürmische Prestissimo
des zweiten Satzes zu wechseln. Eine sprunghafte Aufwärtsbewegung im 6/8 Takt,
reich pedaliert und wenig markant, wie von Beethoven gefordert, aber als
Fortsetzung des Kopfsatzes – und so war es hörbar – durchaus logisch und durch
extrem Kontrastierung absolut kurzweilig und melodiös. Die energische
achttaktige Schlusskadenz von Piano bis zum Fortissimo im Staccato sich
steigernd leitete dann in die abschließenden Variationen über, „Gesangvoll mit
innigster Empfindung“, so die Spielangaben von Beethoven höchstpersönlich.
Eine
herrliche Melodie, wieder in einem barocken Sarabande-Charakter, aber auch ein
langsamer Walzer käme infrage, eröffnete einen Variationensatz von außerordentlicher
Schönheit, Kantabilität und Dramatik, zwischen Molto espressivo, 1.
Variation, Leggerimento, 2. Variation, Allegro vivace, wie eine
zweistimmige Bach-Invention, 3. Variation, „Etwas langsamer als das Thema“,
eine vierstimmige Imitation im barocken Stil, 4. Variation, ein Allegro,
eine choralartige Fuge mit teilweise extremen Lagen und abschließendem
Cantabile, nach dem ursprünglichen Tempo, 5. Variation. Ein Auflösungsprozess par
exzellence, eine Steigerung von Viertel-, Achtel-, Achteltriolen-,
Sechszehntel-, bis zu Zweiunddreißigstel Noten mit abschließendem langgezogenem
Triller, um dann, als wäre alles nur ein Traum, wieder in das Anfangsthema
zurückzugehen.
Leonskaja
formte aus diesen Variationen eine wunderbare Liebesgeschichte, die in reinem
Klang mündet aber durch das kantable Wiederaufnehmen des Leitthemas, ähnlich
dem Schluss der Bachschen Goldberg Variationen, einen versöhnlichen Rahmen
anbietet. Der Meister hat seinen Frieden gemacht und kann die Episode endgültig
abschließen.
| Elisabeth Leonskaja (Foto: Ansgar Klostermann) |
Tiefer
Seelenschmerz des Meisters oder Triumpf des Geistes?
Kaum lässt Leonskaja
den Applaus zu und steigt sofort in das op. 110 ein. In As-Dur geschrieben, ein
Hinweis auf seine Oper Fidelio und insbesondere auf die Kerkerarie des
Florestan. Diese Sonate hat Beethoven Niemandem gewidmet, und es muss
angenommen werde, dass sie in besonderer Weise sein ureigenstes Befinden
widerspiegelt. Das aber bleibt selbstverständlich reine Spekulation.
Der Kopfsatz
beginnt gleich – und das verbindet unter anderem die drei Sonaten – mit einem
kantablen Thema, das mit, so Beethoven, „Sanftheit“ zu spielen ist. Zwar
kontrastieren auch hier Zweiunddreißigstel-Arpeggien mit der Melodie.
Nichtsdestotrotz zeichnet sich dieser Satz vor allem durch extreme Lagespannung
(sehr hohe und tiefe Tonlagen) durch viel Dolce und Pianissimo
aus. Auch klingt der Satz nach leicht, duftig zu spielenden Zweiunddreißigstel-Arpeggien
in doch zuletzt, trotz Spannungsreichtums, in entspannter Ruhe und Piano aus.
Auch hier
verstand es Leonskaja, das gesangliche und Leichte, das dieser Sonatensatz ausstrahlt,
mit perlender Technik und absoluter Empathie für den Komponisten zu
realisieren. Das Scherzo, ein Allegro molto, spielte sie allerdings ungewöhnlich
langsam, dafür aber stark akzentuiert, rhythmisch variabel mit extremer
Synkopierung einzelner Tonfolgen, dazu ein Trio, das es in sich hatte. Markante
Sforzati wechselten zwischen Piano und Fortissimo, ein nahezu jazziges Flair
schien sie zu umgeben. Die Sforzati Akkorde der Coda mit langen Pausen leiteten
zum dritten Satz über, einem Schlusssatz, den der Musikwissenschaftler
Siegfried Mauser als den „vielleicht differenziertesten und ungewöhnlichsten Sonatensatz“
bezeichnet.
Da ist was
dran. Allein die differenzierten Tempo- und Spielanweisungen teilen den Satz in
sechs unterschiedliche Abschnitte ein, Abschnitte die zwischen Adagio, Recitativo,
Fuga, Arioso, „ermattet und klagend“ bis zu „nach und nach wiederauflebend“ changieren
und ein psychologisches Zeugnis eines vom Schicksal zutiefst geprägten Menschen
(„Es ist vollbracht“, musikalisches Zitat aus J. S. Bachs Johannes-Passion im Arioso dolente) abliefert.
Nicht von ungefähr munkelt man in musikwissenschaftlichen Kreisen, von „der
Danksagung eines Genesenden an die Gottheit“ (Tatsächliche plagten ihn zu
dieser Zeit rheumatisches Fieber und Gelbsucht). Andere wiederum vermuten in
diesem Werk den Weg von der Unschuld über die Höhen und Tiefen des Lebens bis zum
mutigen Aufschwung durch die Kraft des Geistes: Kurzum: Das op. 110 wird zum „Triumpf
des Geistes“ hochstilisiert.
Möglicherweise
ist alles richtig. Aber was macht Leonskaja daraus. Sie interpretiert diesen
höchst verschachtelten Satz neu, ganz auf ihre Weise. Sie schreibt quasi ein
Opus ganz nach ihrer Façon. Man war nie sicher, spielt sie Beethoven oder ist
sie Beethoven, interpretiert sie Beethovens Komposition oder interpretiert sie
sich selbst. Unfassbar, diese Empathie, diese Klarheit und Gesanglichkeit. Selbst
die Fuge mit ihren auf- und später absteigenden Quarten, wurde unter ihren Händen
zu einem herrlichen Kirchenlied mit choralähnlichen Einlagen. Auch hier wieder
absolute Bescheidenheit nach dem triumphalen Abschluss mit einem himmlischen
lebensbejahenden C-Dur Akkord.
In zwei
Sätzen alles gesagt?
Gleich
folgte op. 111, seinem Freund und Gönner Erzherzog Rudolf gewidmet, in c-Moll
geschrieben, in der Tonart der Dunkelheit, der Finsternis, der Hölle. Ein
gewaltiges Maestoso, wie von Götterhand warnend an die Menschheit
gerichtet, leitet diese Sonate ein. Ein Allegro con brio appassionato
prägt das folgende Hauptthema.
Sehr viel
erinnert hier an die Pathétique op. 13, nur liegen mehr als 20 Jahre
dazwischen und der Grundcharakter ist hier eher wütend, verletzt und weniger
zuversichtlich als in seiner frühen achten Sonate. Leonskaja war sich dessen
absolut bewusst. Dunkel, aber mit gewaltiger Kraft und dem Jetzt-erst-recht
Impetus donnerte sie die Oktaven in die Tastatur, wie Blitze von Zeus
ausgesandt und scheute keine Sekunde die extreme Auseinandersetzung mit den
virtuosen polyphonen Strukturen und chromatischen Passagen. Auch hier endet der
Satz in einem hellen, zuversichtlichen C-Dur, und das im Pianissimo, und leitet
den Schlusssatz, die berühmte und unter den Pianisten gefürchtete Arietta
ein.
Ähnlich op.109,
beginnt dieser Satz im Adagio molto semplice e cantabile. Erhaben
und von ungeheurer Klangfarbe. Zwanzig Minuten fünf Variationen
mit ungewöhnlichen Taktangaben zwischen 9/16, 6/16 und 12/32, entgegen von op.109
gekennzeichnet durch eine rhythmische Steigerung in jeder einzelnen Variation.
Wirkt die
erst Variation noch wie eine Kirchenkantate, verbleibt die zweite Variation
noch in einem getragenen, fast entspannten Rahmen, lassen die punktierten
Zweiunddreißigstel der dritten Variation mit ihren synkopischen Rhythmen, die
an einen modernen Boogie-Woogie oder auch Ragtime erinnern, diesen Teil
zu einem Vulkanausbruch werden, dem aber in der vierten Variation Einhalt
geboten wird. Hier herrschen die leisen Töne vor, langatmige Tremoli, quasi
impressionistische Passagen und langsame Auflösungsprozesse der thematischen
Strukturen.
Ein langer
Triller leitet die letzte, die fünfte Variation ein, in der das Eingangsthema augmentiert
und diminuiert wird (also gekürzt und gedehnt), mit zweiunddreißigstel Triolen
in der Begleitstimme und gedehnter Oberstimme in Sechzehntel Blöcken. Die Coda,
die Auflösung des Ganzen, besteht aus langen, schwebenden Trillern, die das
Thema noch einmal aufnimmt und im Pianissimo verschwindet.
| Elisabeth Leonskaja (Foto: Ansgar Klostermann) |
Das Reale mit dem Transzendenten verbinden
Leonskaja
war sprichwörtlich am Ende. Sie schaffte es, das Reale mit dem Transzendenten
zu verbinden und das Endzeitliche dieser Sonate interpretatorisch zu
vermitteln. Erschöpfung bei ihr und auch im Publikum. Man kann sich hier Alfred Brendel, einer, der Elisabeth Leonskaja kennt und zu ihrer Generation gehört,
widerspruchslos anschließen, wenn er diese Sonate als Beethovens abschließendes
Bekenntnis sowie als Präludium des Verstummens charakterisiert.
Elisabeth Leonskaja
ist eine Koryphäe unter den Pianisten. Ein Beethoven, wie sie ihn im Konzert-Kubus auf Schloss Johannisberg interpretierte und im wahrsten Sinne auslas,
wird so kaum je wieder hörbar sein. Sie hat sich mit diesem Rezital allerdings tief
in die Herzen und Seelen ihrer Zuhörer eingebrannt und das wird ewig anhalten.
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