Jan Lisiecki (Piano) und das Royal Philharmonic Orchestra (Leitung: Vasily Petrenko), Alte Oper Frankfurt, 30.01.2023 (Eine Veranstaltung von PRO ARTE)
Locker
und sportlich
Eine lockere
Atmosphäre herrschte im großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Die Musiker und
Musikerinnen des Royal Philharmonic Orchestra besetzten langsam die Bühne,
unterhielten sich, probten noch ein wenig schwierige Passagen, dann wurde noch
einmal der Kammerton A getestet, und schon konnte es losgehen. Das Publikum,
ebenfalls in gelockerte Stimmung, empfing den sportlich auftretenden Vasily
Petrenko mit herzlichem Beifall.
Bitterböse
Satire
Die
Wespen, 1909 von
Ralph Vauhgan Williams (1872-1958) komponiert, eine Schauspielmusik nach dem griechischen
Komödiendichter Aristophanes (440-380 v.u.Z.), stand als erstes auf dem
Programm, oder besser die Ouvertüre zu diesem fast zweistündigen
Bühnenstück. Ein Summen von mehr als hundert Instrumentalisten erfüllte den gut
besetzten großen Saal, unterbrochen von pentatonischen Zwischenspielen der
Bleche, Hölzer und Streicher. Witzig, spannungsgeladen und mitunter bitterbös
dissonant. Warum das?
Diese
fünfteilige Suite (arrangiert vom Komponisten selbst) von gut einer halben
Stunde Dauer, nimmt Bezug auf die korrupte Jurisprudenz im antiken Athen und ist
eine ausgewachsene Satire des antiken Großmeisters der Komödie, Aristophanes.
Dazu derselbige: „Alle Richter sind nicht nützlicher als ein machthungriger
Schwarm von lästigen Insekten, die scheinbar stechen nur des Stechens Willen.“
(aus dem Programm und noch heute aktuell)
Ein musikalischer
Mix von großer Eleganz
Williams
schrieb dieses Werk für das Trinity College in Cambridge, das alle drei
Jahre ein griechisches Theater im Original aufführen ließ. Es sollte seine
erste erfolgreiche Aufführung eines Bühnenwerks sein und überhaupt seinen
späten, dann aber erfolgreichen Weg als britischer Komponist einleiten. Eine Ouvertüre
nach Maß, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Williams, bekannt für seine
Renaissance Bezüge aus der Tudor Zeit (16. Jahrhundert), seine Liebe zur
britischen Folklore wie auch seine Affinität zum französischen Impressionismus,
hat hier all diese Elemente reingepackt: von Chinoiser Pentatonik, typischen
britischen Folk Songs bis hin zu chorischen Elementen. Ein Mix aus farblicher
Vielfalt und rhythmischer Raffinesse. Dazu ein elegant agierender Vasily Petrenko,
der Komödie, Satire und Kabarett vom Pult aus ins Orchester transformierte.
Ein
Klavierkonzert nach Schumann-Art
Dann der Stargast
des Abends: Jan Lisiecki. Über den 27-jährigen Ausnahme Pianisten gibt
es wenig zu sagen. Seine steile Karriere setzt sich fort, seine
Interpretationen der fünf Klavierkonzerte Beethovens und sein Rezital
aller Chopinschen Nocturnes auf dem Rheingau Musikfestival des
vergangenen Jahres sind noch in frischer Erinnerung. Heuer spielte er von
Edvard Grieg (1843-1907) das Klavierkonzert a-Moll op.16 (1868), das dem
bis dahin kaum bekannten Norweger den internationalen Durchbruch bescherte.
Ganz im Geiste Robert Schumanns (das Klavierkonzert könnte zumindest im Kopfsatz der Zwillingbruder von dessen a-Moll Klavierkonzert op.54 sein) ist dieses dreiteilige Konzert dennoch eine Hommage an die skandinavische Folklore.
![]() |
| Valery Petrenko (Foto: PRO ARTE/Christoph Köstlin) |
Zwischen
Lyrik, Tanz und Folklore
Der erste
Satz, ein Allegro molto Moderato, ist in der klassischen
Sonatenhauptsatzform geschrieben, mit Exposition, Durchführung und Reprise. Ein
Wechselspiel zwischen Klavier und Orchester, aber auch zwischen dem Solisten
und diversen Instrumenten, wie Oboe am Schluss der Exposition, Flöte und Horn
in der Durchführung oder auch Oboe und Fagott in der abschließenden Reprise. Die
Solokadenz scheint gepaart zu sein zwischen eigenen Ideen und den Vorgaben des
Komponisten. Jedenfalls sind vor allem die sehr lyrischen Figuren eine
Spezialität Lisieckis von einzigartiger Schönheit, wogegen die Thematik natürlich
nicht von der Vorgabe abweicht.
Der zweite
Satz, ein Adagio, glänzt durch einen ausgedehnten Dialog zwischen
Solisten und Orchester, das weitgehend den melodischen Bogen dieses Teils
bestimmt. Ein vom Horn begleiteter endloser Triller beendet diesen Teil und führt
in das Allegro moderato molto e marcato über. Ein Scherzo der
besonderen Art, pochend, vorwärtstreibend von großer gesanglicher Qualität und
nahezu lyrischem Zwischenspiel. Die norwegische Halling, ein beliebter
Springtanz dieser Region, bestimmt den rhythmischen und melodischen Verlauf
dieses Finales, das in einem Hymnus gewaltigen Ausmaßes endet.
Starke
Kontraste und eigenwillige Interpretation
Jan
Lisiecki kann alles.
Sein Klavierspiel ist exorbitant dynamisch. Die leisesten Töne sind allerdings seine
absolute Stärke. Sein Fortissimo dagegen ist hart-distanziert, eher schmallippig
als vollmundig. Dennoch, seine Dynamik unvergleichlich und sein Spiel von
großer Leidenschaft beseelt. Gemeinsam mit dem Orchester, das in bester Manier
den Solisten stützte bzw. unterstützte, wurde aus dem vielgespielten Grieg´schen
Konzert ein ganz neues musikalisches Erlebnis.
Die geforderte
Zugabe: Natürlich das obligatorische Nocturne Nr. 2 Es-Dur von Frederik Chopin.
In seinen zahlreichen Konzerten ist es das Stück, das ihm wohl besonders am
Herzen liegt. Er spielt es eigenwillig, mit starken Kontrasten, halteben wie
Jan Lisiecki himself. Wieder einmal ein großes Erlebnis mit dem Jungkünstler.
Ein Ballett mit langer Anlaufzeit
War dies der
Höhepunkt vor der Pause, so sollte die Interpretation der Romeo und Julia
Suiten Nr. 1 und 2 op. 64 von Sergei Prokofjew (1891-1953) noch einmal
eine Schippe draufsetzen.
Prokofjew, der nach 16 Jahren USA wieder in seine Heimat Russland zurückkehrte, schrieb dieses Ballett nach dem gleichnamigen Theaterstück von William Shakespeare direkt nach seiner Ankunft im Auftrag des Leningrader Kirow-Theaters. Dieser Vertrag scheiterte zwar, wurde aber vom Bolschoi Theater übernommen und im Herbst 1935 konnte er sein Werk abschließen. Uraufgeführt wurde es allerdings erst drei Jahre später im tschechoslowakischen Brünn. Prokofjew selbst dazu: „Es wurde kein Erfolg.“ Zu lang, textlich zu kompliziert (Libretto: Adrian Piotrowski und Sergei Radlow) – vermutlich spielte die regressive Kulturpolitik der Stalin Ära auch eine Rolle. Der Komponist überarbeitete das Ballett bis zum Jahre 1946 allein drei Mal und schaffte damit zeitlich wie sprachlich gekürzte Suiten von maximal 35 Minuten Dauer. In der Alten Oper spielte das Royal Philharmonic Orchestra die Suite Nr. 2 vollständig (sieben Teile) und drei Tänze aus der Suite Nr. 1, den zweiten, fünften und den siebenten.
![]() |
| Royal Philharmonic Orchestra (Foto: Website des RPO) |
Das
Überschreiten der Grenzen des Möglichen
Es beginnt
gleich mit dem Ohrwurm der Montagues und Capulets. Ein Allegro
pesante, das es in sich hat. Die punktierten Auf- und Abwärts Arpeggien des
100-köpfigen Orchesters gehen durch Mark und Bein und lassen die kommende
Dramatik bereits erahnen. Die junge Julia und der Bruder Lorenz werden von
Klarinette, Flöte, Horn und Posaune charakterisiert. Lebendig mit Flötentönen, die
Julia, etwas schwerfällig, mit Bassklarinette, dagegen der Bruder. Nach einer
lebendigen Tanzeinlage folgt der Trennungsakt der Geliebten mit zunächst
harmonischem Celestaklang und herrlichen Melodien von Geigen und Bratsche. Dann
der abrupte Wechsel ins Dissonante mit Tuba, Posaune, Kontrafagott und Oboen.
Schmerz und Verzweiflung prägen die Stimmung. Der Schlusstanz, Romeo am Grab
von Julia, ein ergreifendes Adagio, ist an Dramatik kaum zu
überbieten. Posaunen- und Hörnerklang sind markerschütternd. Der Schluss im
Pianissimo entspannt nur kurzfristig.
Ohne Pause
geht es zur Suite Nr. 1. Eine Szene, witzig, in synkopierten
Rhythmen, leitet in die Masken, die fünfte Suite, über. Ein Allegretto
marciale. Kämpferisch streiten Oboe und Trompete, vom gleichförmigen Ostinato
der Streicher untermalt. Dann das Finale, Tybalts Tod, die Nummer
Sieben. Ein Precipato, das es in sich hat. Zunächst eine fantastisch
virtuose Einlage der Streicher von großer Dichte und ausgeprägter Dynamik, dann
ein gewaltiges Ostinato brutale mit Pauken (sechs Perkussionisten), Trompeten
und Posaunen (vier) im Überbau. Tybalts Tod ist der inkarnierte
Untergang eines hasserfüllten Cousins von Julia, der sein Leben dransetzt, den
Capulets Schaden zuzufügen. Das Orchester bricht hier alle Grenzen des
musikalisch Möglichen. Das Ende fühlt sich an wie das Erwachen aus lähmendem Schrecken.
Ein Dirigent als Entertainer
Befreiender Beifall
und die Forderung nach Mehr. Petrenko, auffallend locker und leger bei konzentriertem
Dirigat, zeigt jetzt seine Entertainer-Seite. Er spielt charmant mit dem Publikum,
seine Gestik erfüllt Wünsche, und die gibt er gerne musikalisch weiter.
Tea for
Two, ein Evergreen
aus dem Broadway Musical No, No, Nanette (1924) von Irving Caesar (Regie
und Text) und Vincent Youmans (Musik), wird regelrecht zu seiner persönlichen Performance.
Er tanzt, spielt, kokettiert mit den Musikern, ein Genuss fürs Auge. Und die
Ohren hören den schäkernden Dialog der verschiedenen Instrumente. Zwischen Jazz
und britischem Pop wird alles geboten. Das Orchester sprudelt vor Freude und macht
dem Klamauk des Dirigenten alle Ehre.
Wollt ihr
noch ein weiteres Zuckerstückchen? Petrenko versteht das Spiel mit dem Publikum.
Man johlt und pfeift. Was wäre da angesagter als Aram Chatschaturjan
(1903-1978), ein Zeitgenosse Prokofjews und Dimitri Schostakowitschs. Nein, es
war nicht der allseits bekannte Säbeltanz, dafür aber ein Rausschmeißer par
excellence. Drei Minuten grummelnde Ostinati und darüber ein wilder Gesang von
Holz- und Blechbläsern. Ein Chatschaturjan – in Film und Werbung überall
präsent – wie er leibt und lebt.
Das Publikum
hat es verstanden. Eine denkwürdige Perfomance eines Weltklasse Royal
Philharmonic Orchestra, einem der besten Dirigenten zurzeit mit
Charisma und schauspielerischem Talent, Vasily Petrenko, und nicht
zuletzt einem, in der Pianisten Welt nicht mehr wegzudenkenden Jan Lisiecki,
der, jung wie er ist, noch Einiges draufsetzen kann. Möge er der Kulturwelt
noch lange erhalten bleiben.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen