Dienstag, 31. Januar 2023

Jan Lisiecki (Piano) und das Royal Philharmonic Orchestra (Leitung: Vasily Petrenko), Alte Oper Frankfurt, 30.01.2023 (Eine Veranstaltung von PRO ARTE)



Locker und sportlich

Eine lockere Atmosphäre herrschte im großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Die Musiker und Musikerinnen des Royal Philharmonic Orchestra besetzten langsam die Bühne, unterhielten sich, probten noch ein wenig schwierige Passagen, dann wurde noch einmal der Kammerton A getestet, und schon konnte es losgehen. Das Publikum, ebenfalls in gelockerte Stimmung, empfing den sportlich auftretenden Vasily Petrenko mit herzlichem Beifall.

 

Bitterböse Satire

Die Wespen, 1909 von Ralph Vauhgan Williams (1872-1958) komponiert, eine Schauspielmusik nach dem griechischen Komödiendichter Aristophanes (440-380 v.u.Z.), stand als erstes auf dem Programm, oder besser die Ouvertüre zu diesem fast zweistündigen Bühnenstück. Ein Summen von mehr als hundert Instrumentalisten erfüllte den gut besetzten großen Saal, unterbrochen von pentatonischen Zwischenspielen der Bleche, Hölzer und Streicher. Witzig, spannungsgeladen und mitunter bitterbös dissonant. Warum das?

Diese fünfteilige Suite (arrangiert vom Komponisten selbst) von gut einer halben Stunde Dauer, nimmt Bezug auf die korrupte Jurisprudenz im antiken Athen und ist eine ausgewachsene Satire des antiken Großmeisters der Komödie, Aristophanes. Dazu derselbige: „Alle Richter sind nicht nützlicher als ein machthungriger Schwarm von lästigen Insekten, die scheinbar stechen nur des Stechens Willen.“ (aus dem Programm und noch heute aktuell)


Ein musikalischer Mix von großer Eleganz

Williams schrieb dieses Werk für das Trinity College in Cambridge, das alle drei Jahre ein griechisches Theater im Original aufführen ließ. Es sollte seine erste erfolgreiche Aufführung eines Bühnenwerks sein und überhaupt seinen späten, dann aber erfolgreichen Weg als britischer Komponist einleiten. Eine Ouvertüre nach Maß, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Williams, bekannt für seine Renaissance Bezüge aus der Tudor Zeit (16. Jahrhundert), seine Liebe zur britischen Folklore wie auch seine Affinität zum französischen Impressionismus, hat hier all diese Elemente reingepackt: von Chinoiser Pentatonik, typischen britischen Folk Songs bis hin zu chorischen Elementen. Ein Mix aus farblicher Vielfalt und rhythmischer Raffinesse. Dazu ein elegant agierender Vasily Petrenko, der Komödie, Satire und Kabarett vom Pult aus ins Orchester transformierte.

 

Ein Klavierkonzert nach Schumann-Art

Dann der Stargast des Abends: Jan Lisiecki. Über den 27-jährigen Ausnahme Pianisten gibt es wenig zu sagen. Seine steile Karriere setzt sich fort, seine Interpretationen der fünf Klavierkonzerte Beethovens und sein Rezital aller Chopinschen Nocturnes auf dem Rheingau Musikfestival des vergangenen Jahres sind noch in frischer Erinnerung. Heuer spielte er von Edvard Grieg (1843-1907) das Klavierkonzert a-Moll op.16 (1868), das dem bis dahin kaum bekannten Norweger den internationalen Durchbruch bescherte.

Ganz im Geiste Robert Schumanns (das Klavierkonzert könnte zumindest im Kopfsatz der Zwillingbruder von dessen a-Moll Klavierkonzert op.54 sein) ist dieses dreiteilige Konzert dennoch eine Hommage an die skandinavische Folklore.

Valery Petrenko (Foto: PRO ARTE/Christoph Köstlin)

Zwischen Lyrik, Tanz und Folklore

Der erste Satz, ein Allegro molto Moderato, ist in der klassischen Sonatenhauptsatzform geschrieben, mit Exposition, Durchführung und Reprise. Ein Wechselspiel zwischen Klavier und Orchester, aber auch zwischen dem Solisten und diversen Instrumenten, wie Oboe am Schluss der Exposition, Flöte und Horn in der Durchführung oder auch Oboe und Fagott in der abschließenden Reprise. Die Solokadenz scheint gepaart zu sein zwischen eigenen Ideen und den Vorgaben des Komponisten. Jedenfalls sind vor allem die sehr lyrischen Figuren eine Spezialität Lisieckis von einzigartiger Schönheit, wogegen die Thematik natürlich nicht von der Vorgabe abweicht.

Der zweite Satz, ein Adagio, glänzt durch einen ausgedehnten Dialog zwischen Solisten und Orchester, das weitgehend den melodischen Bogen dieses Teils bestimmt. Ein vom Horn begleiteter endloser Triller beendet diesen Teil und führt in das Allegro moderato molto e marcato über. Ein Scherzo der besonderen Art, pochend, vorwärtstreibend von großer gesanglicher Qualität und nahezu lyrischem Zwischenspiel. Die norwegische Halling, ein beliebter Springtanz dieser Region, bestimmt den rhythmischen und melodischen Verlauf dieses Finales, das in einem Hymnus gewaltigen Ausmaßes endet.

 

Starke Kontraste und eigenwillige Interpretation

Jan Lisiecki kann alles. Sein Klavierspiel ist exorbitant dynamisch. Die leisesten Töne sind allerdings seine absolute Stärke. Sein Fortissimo dagegen ist hart-distanziert, eher schmallippig als vollmundig. Dennoch, seine Dynamik unvergleichlich und sein Spiel von großer Leidenschaft beseelt. Gemeinsam mit dem Orchester, das in bester Manier den Solisten stützte bzw. unterstützte, wurde aus dem vielgespielten Grieg´schen Konzert ein ganz neues musikalisches Erlebnis.

Die geforderte Zugabe: Natürlich das obligatorische Nocturne Nr. 2 Es-Dur von Frederik Chopin. In seinen zahlreichen Konzerten ist es das Stück, das ihm wohl besonders am Herzen liegt. Er spielt es eigenwillig, mit starken Kontrasten, halteben wie Jan Lisiecki himself. Wieder einmal ein großes Erlebnis mit dem Jungkünstler.

 

Ein Ballett mit langer Anlaufzeit

War dies der Höhepunkt vor der Pause, so sollte die Interpretation der Romeo und Julia Suiten Nr. 1 und 2 op. 64 von Sergei Prokofjew (1891-1953) noch einmal eine Schippe draufsetzen.

Prokofjew, der nach 16 Jahren USA wieder in seine Heimat Russland zurückkehrte, schrieb dieses Ballett nach dem gleichnamigen Theaterstück von William Shakespeare direkt nach seiner Ankunft im Auftrag des Leningrader Kirow-Theaters. Dieser Vertrag scheiterte zwar, wurde aber vom Bolschoi Theater übernommen und im Herbst 1935 konnte er sein Werk abschließen. Uraufgeführt wurde es allerdings erst drei Jahre später im tschechoslowakischen Brünn. Prokofjew selbst dazu: „Es wurde kein Erfolg.“ Zu lang, textlich zu kompliziert (Libretto: Adrian Piotrowski und Sergei Radlow) – vermutlich spielte die regressive Kulturpolitik der Stalin Ära auch eine Rolle. Der Komponist überarbeitete das Ballett bis zum Jahre 1946 allein drei Mal und schaffte damit zeitlich wie sprachlich gekürzte Suiten von maximal 35 Minuten Dauer. In der Alten Oper spielte das Royal Philharmonic Orchestra die Suite Nr. 2 vollständig (sieben Teile) und drei Tänze aus der Suite Nr. 1, den zweiten, fünften und den siebenten.

Royal Philharmonic Orchestra (Foto: Website des RPO)

Das Überschreiten der Grenzen des Möglichen

Es beginnt gleich mit dem Ohrwurm der Montagues und Capulets. Ein Allegro pesante, das es in sich hat. Die punktierten Auf- und Abwärts Arpeggien des 100-köpfigen Orchesters gehen durch Mark und Bein und lassen die kommende Dramatik bereits erahnen. Die junge Julia und der Bruder Lorenz werden von Klarinette, Flöte, Horn und Posaune charakterisiert. Lebendig mit Flötentönen, die Julia, etwas schwerfällig, mit Bassklarinette, dagegen der Bruder. Nach einer lebendigen Tanzeinlage folgt der Trennungsakt der Geliebten mit zunächst harmonischem Celestaklang und herrlichen Melodien von Geigen und Bratsche. Dann der abrupte Wechsel ins Dissonante mit Tuba, Posaune, Kontrafagott und Oboen. Schmerz und Verzweiflung prägen die Stimmung. Der Schlusstanz, Romeo am Grab von Julia, ein ergreifendes Adagio, ist an Dramatik kaum zu überbieten. Posaunen- und Hörnerklang sind markerschütternd. Der Schluss im Pianissimo entspannt nur kurzfristig.

Ohne Pause geht es zur Suite Nr. 1. Eine Szene, witzig, in synkopierten Rhythmen, leitet in die Masken, die fünfte Suite, über. Ein Allegretto marciale. Kämpferisch streiten Oboe und Trompete, vom gleichförmigen Ostinato der Streicher untermalt. Dann das Finale, Tybalts Tod, die Nummer Sieben. Ein Precipato, das es in sich hat. Zunächst eine fantastisch virtuose Einlage der Streicher von großer Dichte und ausgeprägter Dynamik, dann ein gewaltiges Ostinato brutale mit Pauken (sechs Perkussionisten), Trompeten und Posaunen (vier) im Überbau. Tybalts Tod ist der inkarnierte Untergang eines hasserfüllten Cousins von Julia, der sein Leben dransetzt, den Capulets Schaden zuzufügen. Das Orchester bricht hier alle Grenzen des musikalisch Möglichen. Das Ende fühlt sich an wie das Erwachen aus lähmendem Schrecken.

 

Ein Dirigent als Entertainer

Befreiender Beifall und die Forderung nach Mehr. Petrenko, auffallend locker und leger bei konzentriertem Dirigat, zeigt jetzt seine Entertainer-Seite. Er spielt charmant mit dem Publikum, seine Gestik erfüllt Wünsche, und die gibt er gerne musikalisch weiter.

Tea for Two, ein Evergreen aus dem Broadway Musical No, No, Nanette (1924) von Irving Caesar (Regie und Text) und Vincent Youmans (Musik), wird regelrecht zu seiner persönlichen Performance. Er tanzt, spielt, kokettiert mit den Musikern, ein Genuss fürs Auge. Und die Ohren hören den schäkernden Dialog der verschiedenen Instrumente. Zwischen Jazz und britischem Pop wird alles geboten. Das Orchester sprudelt vor Freude und macht dem Klamauk des Dirigenten alle Ehre.

Wollt ihr noch ein weiteres Zuckerstückchen? Petrenko versteht das Spiel mit dem Publikum. Man johlt und pfeift. Was wäre da angesagter als Aram Chatschaturjan (1903-1978), ein Zeitgenosse Prokofjews und Dimitri Schostakowitschs. Nein, es war nicht der allseits bekannte Säbeltanz, dafür aber ein Rausschmeißer par excellence. Drei Minuten grummelnde Ostinati und darüber ein wilder Gesang von Holz- und Blechbläsern. Ein Chatschaturjan – in Film und Werbung überall präsent – wie er leibt und lebt.

Das Publikum hat es verstanden. Eine denkwürdige Perfomance eines Weltklasse Royal Philharmonic Orchestra, einem der besten Dirigenten zurzeit mit Charisma und schauspielerischem Talent, Vasily Petrenko, und nicht zuletzt einem, in der Pianisten Welt nicht mehr wegzudenkenden Jan Lisiecki, der, jung wie er ist, noch Einiges draufsetzen kann. Möge er der Kulturwelt noch lange erhalten bleiben.

 

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