Donnerstag, 26. Januar 2023

Blühen, Oper in 7 Bildern von Vito Žuraj, Bockenheimer Depot Frankfurt, 25.01.2023 (Uraufführung am 22.01.2023)

 v.l.n.r. Bianca Andrew (Aurelia; sitzend) und Nika Gorič (Anna)
sowie im Hintergrund Vokalensemble
(Foto: Barbara Aumüller)

Vom Blühen und Ersterben

Blühen und Ersterben, der natürliche Gang des Lebens. Das ist das Thema dieser mitreißenden Oper vom slowenischen Komponisten Vito Žuraj (*1979), nach dem Libretto des österreichischen Dramatikers Händl Klaus (*1969). Ein Auftragswerk der Oper Frankfurt.

Thomas Manns Novelle „Die Betrogene“ (1952) ist der eigentliche Titelgeber und die Textgrundlage dieser menschlichen Tragödie. Die Meisterleistung der beiden Künstler liegt in der Umdeutung des Geschehens. Blühen ist mit Optimismus verbunden, mit Freude am Werden. Betrogen ist derjenige, dessen Vertrauen missbraucht wird. Beide Extreme durchziehen die Handlungen, wogegen Blühen die Hoffnung, den Glauben und die Liebe hervorhebt, während Die Betrogene (Rosalie) bei Thomas Mann eher den hoffnungslosen, erbarmungslos-traurigen Zustand einer von Liebe erfüllten, zum Tode verurteilten Frau verkörpert.

Vokalensemble sowie Ensemble Modern unter der
musikalischen Leitung von Michael Wendeberg 
(Foto: Barbara Aumüller)

Eine tragische Geschichte

Tatsächlich ist es eine höchst tragische Geschichte, die hier erzählt wird. Aurelia, Mutter von Anna und Edgar, lernt den Englischlehrer ihres Sohnes, Ken, einen amerikanischen Studenten von jungen 25 Jahren, kennen und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Sie, die 52-jährige, könnte seine Mutter sein. Aber das Liebesverhältnis beruht auf Gegenseitigkeit. Sie fühlt sich wie neu geboren, verlässt wieder ihre Menopause und träumt von einem weiteren Kind. Leider sind ihre erneuten Blutungen kein Erblühen ihrer Jugend, sondern Anzeichen eines unheilbaren Gebärmutterkrebses. Der Arzt, Dr. Muthesius, überbringt ihr die furchtbare Nachricht. Aurelia stirbt. Seine Botschaft, „es ist nur immer Blut, einmal fruchtbar, einmal krank“, bestätigt sich auf grausame Weise.


Blühen ist nicht betrügen

Ist das Blühen doch ein Etikettenschwindel? Nein ganz und gar nicht. Händl Klaus´ Text ist nicht nur sprachlich weit von der Mann’schen Vorlage entfernt, sondern auch ein genialer librettistischer Geniestreich. Immer dominiert darin das Lebendige, die Zuversicht der durchaus etwa narzisstisch veranlagten Aurelia – kongenial gesungen und gespielt von der Neuseeländerin und Mezzosopranistin Bianca Andrew –, deren Naturglaube ans Naive grenzt, ihr aber Vitalität verschafft. So ignoriert sie, dass ihr geliebter Baum, von ihrem Großvater aus Zypern mitgebracht, viel zu früh blüht. Ein untrügliches Zeichen, dass sein Ende naht. Auch glaubt sie bedingungslos an die Verjüngung in der Natur, ihre ewige Neuerschaffung, ohne auch das Vergängliche in ihr erkennen zu wollen. Ihr Gesang dominiert durch weite, weiche Bögen, Chanson ähnlichen melodiösen Passagen und lyrischem Duktus, wunderbar untermalt von Saxophon, Klarinetten und Horn.

v.l.n.r.: Bianca Andrew (Aurelia), Michael Porter (Ken),
Jarrett Porter (Edgar) und Nika Gorič (Anna) 
(Foto: Barbara Aumüller)
Natur und Gegennatur

Ihre Tochter, Anna, behindert durch einen Klumpfuß, ist dagegen von entgegengesetztem Holz geschnitzt. Sie verkörpert die jugendlich exzentrische Einsicht in die Realität. Ihr ist die abstrakte Kunst am nächsten, sie hat der Liebe abgeschworen und die Natur ist für sie nichts weiter als „Wildnis, ein Gestrüpp“. Sie gilt es zu bändigen und zu beherrschen. Anna, von der Koloratursopranistin Nika Gorič lebensnah und authentisch gespielt, mit großem Stimmumfang und aufmüpfigen Timbre, beherrscht die extremen Lagen zwischen Hysterie, Schreien und jugendlicher Sprunghaftigkeit, eben das Passagio. Dabei wird sie instrumental durch verzerrte Rhythmen zwischen Walzer und Tango und von pianistischen Clustern und gebrochenen Akkorden begleitet.

Das Nesthäkchen

Ihr Sohn Edgar, vom amerikanischen Bariton Jarrett Porter verkörpert, spielt die Rolle des Letztgeborenen, etwas vernachlässigten Sohnes. Man liebt ihn, ohne ihn zu beachten oder ernst zu nehmen. So auch hier. Die Gegenwart seiner Mutter ängstigt ihn. Er scheint von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Im Todeskampf seiner Mutter fällt ihm nichts weiter ein als: „Für die Igel habe ich Holz geschichtet“, und Aurelia antwortet: „Du bist lieb“. Porters Gesangspartien sind zwar rar verteilt, aber situationsangepasst gesungen. Seine Theatralik dagegen ist ausgezeichnet. Man spürt regelrecht, was in ihm, in seiner Seele vorgeht.

Bianca Andrew (Aurelia) und Michael Porter (Ken), 
Foto: Barbara Aumüller)

Der Liebhaber

Der Tenor und das Ensemble Mitglied der Oper Frankfurt, Michael Porter, irgendwie schon ein Frankfurter Urgestein, hat hier die undankbare Rolle des Liebhabers zu übernehmen. Zu jung für eine reife Frau, Student und Lebens-unerfahren, ist er überwältigt vom Liebessturm Aurelias, kann aber dem Reiz ihrer Schönheit nicht widerstehen. Im siebenten Bild, der Sterbeszene, wirkt er überfordert ja verschüchtert. Es bleibt ihm nichts als immer wieder ihren Namen: „Aurelia“ zu rufen und seine Anwesenheit zu bezeugen. Porter zeigt in dieser Rolle einen ganz neuen, ungewohnten Charakterzug. Chapeau.

Der Unglücksbote

Dr. Muthesius ist so etwas wie der Schicksalsprophet. Alfred Müller, ein gutturaler Bass mit Achtung einflößendem Gestus und einnehmender Gestalt, ein bisschen Gott, aber in Schwarz, erscheint ab dem 6. Bild und übernimmt eine vermittelnde Rolle zwischen seiner Patientin und den anderen. Gemeinsam mit dem aus 11 Personen bestehenden Chor (fünf Männer, sechs Frauen), der von seinem Vokalgesang im Schlussbild in einen Wortgesang wechselt, beherrscht er unaufdringlich die Szenerie. Er ist der Wissende, der Chor der Todesbote.

Kommentierende Intermezzi

Der Gesang des Vokal Ensembles ist ein Genuss für jedes Ohr. Es beherrscht alle gesanglichen Register, einschließlich der Strohbasseinlagen, und versteht es, durch geschickte Choreographie eine Stimmung des Glücks wie des Abgrunds zu erzeugen. Es bedeutet mehr als nur Staffage. Es kommentiert ohne Worte, ist in allen entscheidenden Szenen präsent, und, wie von der Regisseurin, Brigitte Fassbaender, beabsichtigt, mittendrin statt außen vor. Ein blendender Einfall von Intermezzi, die dem Geschehen auf der Bühne Struktur und Spannung verliehen.

 

vorne Bianca Andrew (Aurelia) und im
Hintergrund Alfred Reiter (Dr. Muthesius), 
Foto: Barbara Aumüller


Eine Musik tiefster Anteilnahme

Überhaupt ist die Musik von Vito Žuraj wie ein Gradmesser der Gefühle. Mal murmelnde Passagen wie zu Beginn mit Tuba, Bassklarinette und Kontrafagott (die Instrumente, die die Krankheit Aurelias symbolisieren), dann wieder sprudelnd und äußerst geräuschhaft in den Streitszenen zwischen Mutter und Tochter. Die Vokalphrasen des Chores wiederum sind mit großen Bögen versehen und verdichten sich erst am Schluss zu einem rezitativischen Sprechgesang mit Untertonpassagen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. So beginnt das Bühnen geschehen mit dem Spiel Reise nach Amerika, wo immer ein Stuhl weniger als die Spieler vorzufinden ist.  Auch lässt es sich der Komponist nicht nehmen, die Nationalhymne der USA anklingen zu lassen, als Ken seine amerikanische Herkunft bekannt gibt. Oder beim Geschrei des erhitzten Gemüts der Anna mal Walzer- mal Tango-Rhythmen aufblitzen zu lassen. Überhaupt ist das Ensemble Modern mit allen Sinnen und technischen Herausforderungen konfrontiert. Akkordeon, Harfe, diverse Schlagstabinstrumente und üppiges Schlagwerk (immerhin brauchte es drei Perkussionisten), alles was Geräusche erzeugt ist vertreten, und das wird vom Komponisten extensiv genutzt und vor allem im Finale äußerst sensibel auf das szenische Spiel abgestimmt. Als Hörer schwankte man zwischen Licht und Schatten, zwischen Heiterkeit und tiefer Traurigkeit. Ja, Musik und Handlung schienen sich zwischenzeitlich zu amalgamieren. Dazu trug auch die aufrichtige Abgeklärtheit des Ensemble Modern nicht unwesentlich bei.

in der Bildmitte Bianca Andrew (Aurelia; liegend)
und Alfred Reiter (Dr. Muthesius; sitzend)
sowie vorne: Ensemble Modern, musikalischen Leitung: Michael Wendeberg
 im Hintergrund Vokalensemble
(Foto: Barbara Aumüller)

Ein Rausch der Gefühle – große Opern Regie

Überhaupt ist der Regisseurin, Brigitte Fassbaender, bis 1995 allseits begehrte Mezzosopranistin auf den Bühnen der Welt, mit dieser Inszenierung ein charakterliches Glanzstück gelungen. Gemeinsam mit ihrem Team um Martina Segna (Bühnenbild), Anna-Sophie Lienbacher (Kostüme), Jan Hartmann (Licht) Takeshi Moriuchi (Vokalensemble) und Mareike Wink (Dramaturgie), allen voran Michael Wendeberg (musikalische Leitung) mit dem Ensemble Modern, hat sie ihre Vorstellung einer Oper des Blühens und Verblühens im emotionalen Rausch der Gefühle durchaus verwirklichen können und die Seelen des Publikums berührt. Beleg dafür ist die lange Pause am Schluss der Sterbeszene mit Klangschalen, langsam verschwindenden Herzschlägen von der Trommel und dem letzten Wort Aurelias: „Offen“. Der Chor dazu: „Still, der Schritt, der alles nimmt.“ 

Betroffenheit und Erleichterung erst, als das Licht des vollbesetzten Saales wieder leuchtete und die Protagonisten lebendig und fröhlich auf die Bühne traten. Ein ergreifender Abend voll tiefer Wirklichkeit.  

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen