Freitag, 10. Februar 2023

Carolin Widmann (Violine) und das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Hugh Wolff, Alte Oper, 09.02.2023

Carolin Widmann (Foto: Lennard Ruehle)


Das Werk dreier Nonkonformisten

Ein gewaltiges Programm mit Kompositionen von drei Nonkonformisten ihrer Zeit hatte sich das hr-Sinfonieorchester mit seinem Gastdirigenten Hugh Wolff (*1953) vorgenommen und, das sei vorweggenommen, mit absoluter Bravour präsentiert. Carolin Widmann (*1976) bot dazu das sprichwörtliche Sahnehäubchen auf ihrer Guadagnini Violine von 1782, mit ihrer ganz eigenen Deutung des Violinkonzerts op. 15 (1938-40) von Benjamin Britten (1913-1976).

 

Eine Tragödie in dreieinhalb Minuten

Aber eines nach dem anderen. Zunächst stand das sehr selten gespielte Werk Icarus in Orbit (2002/03) für großes Orchester von George Walker (1922-2018) auf der Liste. Walker war Afroamerikaner und hatte es als gelernter Pianist extrem schwer, sich in den USA durchzusetzen. Allein seinem unbedingten Willen ist es zu verdanken, dass er ab den 1950er Jahren Anerkennung erfuhr und mit reichlich vielen Preisen bedacht wurde. Auch in Europa hielt er sich auf und besuchte sogar 1954 Frankfurt, wo er in der barocken Aula der Goethe-Universität pianistisch auftrat.

Seine nur dreieinhalb minütige Miniaturdichtung erzählt die Geschichte von Dädalus und Ikarus, eine Tragödie über die Flucht aus Kreta, den Übermut des jugendlichen Ikarus und dessen tödlichem Ende, nachdem die Sonne die künstlichen Flügel schmelzen ließ. Die Musik dazu ist durch und durch amerikanisch, das heißt viele Blechbläser, großer perkussiver Apparat mit Xylophon, Vibraphon, Trommel, Snare, Glockenspiel und Tamtam, marschmäßig martialische Rhythmen mit unisono spielenden Streichern und die Erzeugung eines gewaltigen Klanggetümmels. Alles tonal und ohne beißende Dissonanzen, aber dennoch von großer Weite und tiefer Emotion getragen.

Carolin Widmann (Foto: Homepage Carolin Widmann)

Persönliche und musikalische Kontraste

Es folgte Brittens Violinkonzert. Carolin Widmann betrat mit einem grünen Paillettenkleid, ein schöner Kontrast zu ihren karmesinroten Haaren, die Bühne. Noch wenige Minuten zuvor, in der Konzerteinführung mit Christiane Hillebrand, hob sie die Außergewöhnlichkeit dieser Komposition hervor, die sie erst vor wenigen Jahren entdeckt habe und eigentlich im März 2020 im Maastricht erstaufführen wollte. Daraus sei aber aus bekannten Gründen nichts geworden. Jetzt, drei Jahre später, fühle sie sich befreit von den Zwängen der Vergangenheit, wolle aber das Werk, dessen Erstaufführung sie im vergangenen Jahr nachgeholt habe, als Teil des gegenwärtigen Weltzustandes verstanden wissen, das von Krieg und Zerstörung bedroht sei.

Dazu sollte man ergänzen, dass Britten, ein bedingungsloser Pazifist, diese Komposition für seinen Freund und spanischen Geiger Antonio Brosa unter dem Einfluss des spanischen Bürgerkriegs schrieb, und das Werk fertigstellte, als Hitler-Deutschland Polen überfiel und den zweiten Weltkrieg auslöste. Uraufgeführt wurde es im März 1940 mit eben dem Geiger Antonio Brosa und den New Yorker Philharmonikern. All das erkläre, so Widmann, die zerrissene innere Struktur dieses Violinkonzerts, die sie in drei Teile auflöst: der erste Satz beschreibe die schöne alte Welt, der zweite sei Ausdruck des Bösen und der dritte Satz suche das Gute im Menschen.

 

Ein Pfad voller Unwägbarkeiten

Tatsächlich beginnt Satz 1 im Moderato con moto und wird eröffnet mit einem Trommelrhythmus, der unmittelbar an den Beginn des Beethovenschen Violinkonzerts von 1806 erinnert. Es folgt ein lyrisches Thema der Violine, das allerdings unwirsch von Blech- und Holzbläsern unterbrochen wird. Ein ständiges Ostinato der Fagotte und Pauken gleicht einem spanischen Flamenco und findet im Agitato seinen ersten martialischen Höhepunkt. Der Satz klingt aus im lyrischen Anfangsthema, aber in ausladendem Lamento kontrastierend mit perkussiv militärischem Duktus. Der Pfad, so Widmann, ist mit immer neuen Unwägbarkeiten gepflastert. Und genau das charakterisiert diesen ersten Satz, der die alte schöne Welt zwar beschreibt, aber auch ihre Widersprüchlichkeiten und Mängel.

Das Vivace des zweiten Satzes beginnt als wildes, entgrenzendes Scherzo. Chromatik im sechsachtel Takt, immer wieder rhythmisch unterlegt mit spanischem Flamenco. Alles spitzt sich zielgerichtet auf die Kadenz zu, eingeleitet durch heftige Posaunenstöße, die die Thematik des ersten Satzes zwar aufnimmt, variiert und in unglaublicher Virtuosität ausbreitet, aber in diabolischer Manier, zornig und böse. Hier geht Widmann bis an die Grenze der Emotionalität. Sie ist Musik ganz, ganz Benjamin Britten.

Carolin Widmann (Foto: Lennard Ruehle)

Im Zwiespalt von Freude und Lamento

Der fließende Übergang in den Schlusssatz, von Britten als Passacaglia bezeichnet, lässt wieder Ruhe aufkommen. Ein Kanon im Wechsel von Blechbläsern und Streichern mit ostinatem Grundbass. Ein variables Skalenspiel von Trompeten, Posaunen, Hörnern, Flöten und Oboen wechselt mit der solistischen Geige, die zwischen Eleganz und tiefer Traurigkeit changiert. Mal Lied, mal Tanz, mal Marsch, immer im Zwiespalt von Freude und Lamento, gerinnt die Musik in ein Lento voller Gefühle und Empathie. Wie ein Choral, die Lobpreisung Gottes, erscheint die sehr ausgedehnte Coda, so als ob das Gute langsam die Oberhand gewinnen könnte.

Ein bemerkenswerter Vortrag von Carolin Widmann und dem von Hugh Wolff minimalistisch aber mit punktgenauer klarer Gestik geführten hr-Sinfonieorchester. Langer freundlicher Beifall für ein gewöhnungsbedürftiges Violinkonzert. Dafür eine Zugabe (leider überflüssig nach so einem Vortrag, der eigentlich einer gewissen Besinnung bedürft hätte) von Eugène Ysaÿe (1858-1931), der als belgischer Paganini unter anderem sechs Sonaten schrieb, wovon Widmann aus der Ersten das Finale con Brio auswählte und ihre technische Brillanz erneut unter Beweis stellte. Sie ist eine äußerst sympathische Erscheinung, innovativ, eine immer am Neuen interessierte Künstlerin und sollte doch öfter in Frankfurt auftreten dürfen.

Hugh  Wolff (Foto: Knight Classics)


Die Schicksalsplaneten rufen

Der Abschluss galt den Die Planeten op. 32 (1914/16) von Gustav Holst. Holst, ein gebürtiger Schwede, lebte aber zeitlebens in Großbritannien. Dieses wohl bekannteste Werk gehört, seinen Aussagen zufolge, eher zu seinen kompositorischen Ausrutschern. Allerdings zählte sein breites Oeuvre eher zu der sperrigen Kategorie und man neigte dazu, es als „polyphone Kopfgeburten“ zu charakterisieren. Ganz anders hier. Holst ist mit Die Planeten ein Meisterwerk gelungen, eine Orchestersuite ganz in der Linie von Mahler, Strauss, Strawinsky, Schoenberg und nicht zuletzt in der Tradition der englischen Folklore.   

Holst war nicht nur Komponist, sondern auch Philosoph und vertraut mit dem indischen Sanskrit. Die Astrologie bzw. Sterndeutung gehörte zu seinem täglichen Geschäft und die Idee, die die Erde umkreisenden (damals bekannten) sieben Planeten in eine musikalische Form zu fassen, kam ihm zu Beginn des ersten Weltkriegs im Jahre 1914. Dabei interessierten ihn nicht die Planeten an sich, sondern ihre göttliche Bedeutung. So war der Mars der Gott des Krieges, Venus die Göttin der Schönheit und des Friedens, Merkur der Götterbote, Jupiter der Gott der Freude, Saturn der Gott des Alters und der Vergänglichkeit, Uranus der Gott des Zaubers und der Verwandlung und Neptun schließlich der Gott der mythologischen Erzählung. In fast einer Stunde führt Holst durch die Stile seiner Zeit, wobei er großzügig Anleihen bei allen namhaften Komponisten seiner Zeit holt.

 

hr-Sinfonieorchester (Foto: Ben Knabe)

Beste Gebrauchsmusik

So in Venus bei Schönbergs Fünf Orchesterstücken oder auch bei Strawinskys Petruschka und Feuervogel. In Jupiter stützt er sich auf Edward Elgars zweite Sinfonie und dem hymnisch patriotische Folksong I Vow to thee, ma Country. Heute Pflichtsong bei den Proms und Erkennungsmelodie von Weltmeisterschaften (Rugby). Auch Lady Di scheint ihn zu ihren Favoriten gezählt zu haben.  In Uranus glaubt man Paul Dukas´ Zauberlehrling, aber auch Straussens Till Eulenspiegel herauszuhören und last but not least sind in Neptun durchaus Ähnlichkeiten mit der Tannhäuser Ouvertüre von Wagner erkennbar. Ein sechsstimmiger Frauenchor aus dem Off  (Frankfurter Opernchor/Ltg. Tilman Michael) lässt die Musik endgültig aus dem Universum entschwinden, Das alles schadet der Orchestersuite aber keineswegs, sind doch die einzelnen "Tänze" in Film, Fernsehen, Ballett und Erkennungsmelodien häufig zu hören. Auch sind Die Planeten Thema in Rock-, Pop- und Jazzmusik sowie Soundtrack von unzähligen Filmen. 

 

Große Musik von großen Akteuren

Hugh Wolff, ein ästhetischer Minimalist am Dirigentenpult, demonstrierte anschaulich sein musikalisches Gespür und zog das riesige Orchester mit allein sechs Perkussionisten, über vierzig Blech- und Holzbläsern und nahezu sechzig Streichern völlig in seinen Bann. Ebenso verstand er es in überzeugender Manier, von der ersten Note des Kriegsgottes Mars an - man war förmlich in den Kultfilm Der Krieg der Sterne (Star Wars) versetzt - das Publikum in einen Strudel des Schicksalhaften zu ziehen. An welchen Gott soll man sich wenden? Holsts Antwort ist einfach: Dein Schicksal steht in den Sternen, nutze es!

Große Musik, eine wunderbare Solistin Carolin Widmann und ein Déjà-vu mit Hugh Wolff, der nahezu 10 Jahre den Klangkörper des hr-Sinfonieorchesters prägte und am gestrigen Abend wie Phönix aus Asche die vergangenen Jahre vergessen ließ.    

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