Sonntag, 12. Februar 2023

Vikingur Ólafsson (Klavier) und das Bergen Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Edward Gardner, Alte Oper Frankfurt, 11.02 2023 (eine Veranstaltung von PRO ARTE)

Vikingur Ólafsson, Bergen Philharmonic Orchestra,
v. hinten: Edward Gardner
(Foto: Ansgar Klostermann)

Premiere mit Fortsetzung

Das Debüt eines bemerkenswerten Pianisten, Vikingur Ólafsson (*1984), den man in der Fachwelt bereits den „isländischen Glenn Gould“ nennt und das eines der ältesten Orchester der Welt, nämlich das Bergen Philharmonic Orchestra (gegr. 1765) unter der Leitung eines der renommiertesten Dirigenten des 21. Jahrhunderts, Chefdirigent dieses aber auch des London Philharmonic Orchestra wie auch weltweit einer der gefragtesten Gastdirigenten, Edward Gardner (*1974). Kaum zu glauben, aber wahr: Dieser Auftritt war eine Premiere in Frankfurt und was für eine.

 

Ein Kontrastprogramm

Ein Programm von höchsten Ansprüchen erwartete das leider nicht sehr zahlreich erschienene Publikum im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Richard Wagners (1813-1883) Vorspiel zum Bühnenweihefestspiel Parsifal WWV III, Robert Schumanns (1810-1856) Klavierkonzert a-Moll op.54 (1845) sowie Igor Strawinskys (1882-1971) Petruschka - eine Burleske in vier Bildern für Klavier und Orchester (1811), drei Werke, die unterschiedlicher nicht sein können, aber gerade deshalb die ungeheure Variabilität und Vielseitigkeit dieses Klangkörpers voll zur Geltung kommen ließ.

 

Glaube, Liebe, Hoffnung

Zunächst das mystisch feierliche Vorspiel aus Richard Wagners letztem Werk, das erst kurz vor seinem Tod, im Jahre 1882, in Bayreuth seine Uraufführung erlebte. Hier nimmt er bereits einige Leitmotive vorweg, die später eine entscheidende Rolle spielen. Zunächst das Abendmahlmotiv, gefolgt vom Gralsmotiv und dem Glaubensmotiv. Letzteres hat Wagner aus Johann Gottlieb Naumanns (1741-1801) „Dresdner Amen“ entnommen, das jener für die katholische Gemeinde Dresden geschrieben hatte. Eine stimmungsvolle, in sich geschlossene musikalische Einleitung, getragen vom Geiste der Weihe, des Glaubenswunders, der Andacht und der seelischen Erhebung. In herrlichen Linien, ausgeprägtem Legato und sehr großen Bögen gelang es dem Orchester mit seinem Dirigenten hier bereits, trotz der tollen Tage des Faschings, einen Vorgeschmack auf die vorösterliche Zeit zu geben und Glaube, Liebe und Hoffnung wieder bewusst werden zu lassen.

Vikingur Ólafsson (Foto: Ansgar Klostermann)

Zwischen Eusebius und Florestan

Im völligen Kontrast dazu dann das Klavierkonzert a-Moll von Robert Schumann. Vikingur Ólafsson betrat in schnellen Schritten die Bühne. Er wirkte mit seinem etwas zu engem hellblauen Anzug, mit schlipslosem weißem Hemde und seiner runden schwarzen Hornbrille zunächst wie ein Mitglied der technischen Intelligenzija aus den 1920er Jahren. Dieser Eindruck verflüchtigte sich aber zunehmend während seines Spiels und endgültig bei seinen Zugaben. Dazu später.

Zum Werk sollte man wissen, dass es Schumann zunächst als Klavier-Fantasie konzipiert hatte, was aber von den Verlagen abgelehnt wurde. Quasi aus Trotz entschied er sich dann vier Jahre später, daraus ein Konzert zu entwickeln, das zwar den Charakter einer Fantasie beibehalten, aber durch den Grundgedanken zweier sich liebender Menschen erweitert werden sollte. Konkret waren es seine zwei Gegenspieler, die er in vielen seiner Werke als Antipoden verwendete: Eusebius, der Träumerische und Florestan, der Stürmische. Musikalisch ausgedrückt durch den ständigen Wechsel zwischen abstürzenden wilden Akkord- und Skalenfolgen sowie träumerisch lyrischen Melodien und Zwischenspielen.

Vikingur Ólafsson, Bergen Philharmonic Orchestra,
v. hinten: Edward Gardner
(Foto: Ansgar Klostermann)

Ein dialogisches Gleichgewicht zwischen Solo und Tutti

Auffallend das dialogische Gleichgewicht zwischen Solisten und Orchester, ein überaus ausgewogenes Verhältnis beider Klangkörper, wo Fortissimo und Pianissimo, Dynamik, Klang und Farbe jeweils zu ihrem Recht kommen, ja selbst die in sich dialogische Solokadenz, der Kulminationspunkt des ersten Satzes, wie die Fortsetzung dieses aufgeregten Wechselspiels wirkt. Die Coda, ein wildes Zweiviertel-Takt Tutti ist wie aus dem kämpferischen Davidsbündlermarsch op.6 bzw. dem Carneval op. 9 entlehnt und führt über einen langen Paukenwirbel ins dramatische Finale.

Das feinfühlige Gespräch im Intermezzo des 2. Satzes wird nach einer kurzen Reminiszenz an das Seitenthema des ersten Satzes direkt in das abschließende Rondo überführt. Ein Allegro vivace, das hier eher in der Manier des Maestoso präsentiert wurde. Ein extrem variantenreicher Part mit hochspannenden Dialogen, die vom Dirigenten Edward Gardner bravourös moderiert wurden. Eine Interpretation, die der Absicht des Komponisten, Liebe und Sehnsucht, Freiheit und Verantwortung, den Konflikt zwischen Florestan und Eusebius, man könnte auch im Nietzsches Sinne vom Kampf zwischen dem Dionysischen und Apollinischen sprechen, wohl voll entsprochen haben dürfte. Schumann selbst verstand dieses Werk tatsächlich als Kampf gegen das Philistertum, eines Kampfes gegen die musikalisch Gestrigen.

 

Ein bisschen Glenn Gould

Zwei Zugaben des fast 30-jährigen Pianisten ließen aufhorchen und seinen ersten Eindruck endgültig ins Gegenteil verkehren. So kredenzte er, nach spontanen Fragen ins Publikum, was er noch spielen solle, ein selbst produziertes Bachsches Arrangement aus einem seiner drei Violinsonaten. Von tiefer Einfühlsamkeit und samtenen Anschlag, um dann mit spitzbübischem Lächeln zwei höchst virtuose Piecen aus Jean-Philippe Rameaus (1683-1764) reichhaltigem Klavierrepertoire im Pianissimo herunterzuperlen, atemlos und von himmlischer Leichtigkeit. Ólafsson ist tatsächlich eine pianistische Entdeckung, ein bisschen Glenn Gould wohl, zumindest auf seine persönliche und pianistische Exzentrik bezogen.

 

Puppen werden lebendig

Petruschka, die Puppe eines Gauklers, ist eigentlich zwischen einem russischen Clown, dem deutschen Kasper und dem französischen Harlekin angesiedelt. Strawinsky wie viele seiner Kollegen reizte es, im Taumel der Mechanisierung und der wachsenden Abhängigkeit des Menschen von der Maschine, den Puppen Leben einzuhauchen (bestes Vorgänger Beispiel ist Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen und der Puppe Olympia). Hier allerdings sind es drei Figuren, Petruschka, der Mohr und die Ballerina, die auf geheimnisvolle Weise in einem russischen Jahrmarktsgetümmel zum Leben erwachen und im Verlaufe eines dramatischen Spektakels wieder in ihr hölzernes Dasein zurückversetzt werden. Strawinsky verfasste diese Burleske für das Ballets Russes unter Sergei Diagilew in vier Bildern für Klavier und großes Orchester und beschreibt darin musikalisch die Doppelbödigkeit von künstlichem Leben und lebendiger Kunst.

 Bergen Philharmonic OrchestraEdward Gardner in der Alten Oper Frankfurt
(Foto: Ansgar Klostermann)

Eine gewaltige Kollage

Dazu entfernt er sich bewusst von der Tonalität und führt eine spezielle Form des Collagierens ein, auch Schablonentechnik genannt. Die Romantik ist passé, dafür heben sich charakteristische Motive und Rhythmen hervor, ausgedrückt durch Stimmengewirr und figürliche oder motivische Tonsprengsel, fragmentarische Zitate und folkloristische Melodiesplitter (1. Bild). Dazu zählen auch chromatische und lange ostinate Passagen mit charakteristischer Instrumentierung der Puppen: der tumbe Mohr durch einfache melodische Linien mit ostinaten Rhythmen von Basstrommel, Streichern und Becken, die Ballerina durch tänzerisches Trompetensolo, und Petruschka durch unregelmäßige Takte sowie Sekund- und Tritonus Intervalle quer durch alle Instrumente. (2., 3. und 4. Bild).

 

Das künstliche Leben ist out, es lebe die Kunst

Der Tod Petruschkas und die Erscheinung ihres Geistes, begleitet von Geige und heller Trompete, wirken eher als spöttisches Element, denn als Tragödie. Das künstliche Leben ist out, die lebendige Kunst obsiegt. Petruschka bleibt Puppe und Material des Gauklers und kann zu jeder Zeit wieder zum Leben, zum künstlichen Leben erweckt werden.

Ein vierzig-minütiger Tour de Force durch die Gefühlswelten russischer Jahrmärkte, Volksfeste und Fastnachtswochen, mit Tänzen, Maskeraden, Kämpfen und skurrilen Begegnungen. Ein vierzig-minütiger Parforce Ritt durch sämtliche Emotionen, mit einem Orchester, das wie die expressionistischen Plakate eines Pablo Picasso (er schuf die Bühnenbilder des Ballets Russes) die Kontraste und Widersprüche der Zeit bildhaft widerspiegelten sowie einem Dirigenten, Edward Gardner, der mehr Choreograph als musikalischer Leiter in dieser Performance war. Man hat selten dieses Werk so exzentrisch, expressiv und modern gehört. Dazu eine Augenweide von Eleganz und exquisiter Körpersprache.

Die Zugabe, eines der berühmten, schrägen Walzer aus der Hand Dmitri Schostakowitschs, bestätigte lediglich noch einmal die unglaubliche Vielseitigkeit und klangliche Frische dieses wirklich einzigartigen Orchesters. PRO ARTE hat wieder einmal mit der Verpflichtung dieses Klangkörpers und dem Ausnahmepianisten Vikingur Ólafsson ein glückliches Händchen bewiesen. Sie sollten nicht das letzte Mal das Rhein-Main-Gebiet und PRO ARTE besucht haben.

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