SPECTREN, Winterkammermusik mit Mitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie, Reformierte Kirche in Offenbach /Main, 03.02.2023
![]() |
| v. l.: Zijing Cao, Annabel Nolte, Shiho Kawasaki, Mohamed Elsaygh, Lehne Eberhardt (Foto: jdph.de) |
Zum „Hundertsten“
von György Ligeti
SPECTREN thematisiert
die Winterkammermusik von fünf blutjungen Mitgliedern der Jungen Deutschen
Philharmonie und beschreibt die Bandbreite, den Reichtum, die Variabilität und
die Vielfalt der Musik von fünf Komponisten, deren Werke so nicht auf den
Mainstreamprogrammen der großen Konzerthäuser zu finden sind: György Ligeti
(1923-2006), Unsuk Chin (*1961), Zoltán Kodály (1882-1967), Gustav Mahler
(1860-1911) sowie György Kurtág (*1926).
Eigentlich dreht
sich alles um die Person György Ligetis, dessen Geburtstag sich in
diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt und mit all den genannten Komponisten zeitlebens
eine enge Beziehung pflegte. So war Unsuk Chin eine langjährige Schülerin von
ihm, bei Zoltán Kodály lernte er Komposition und Tonsatz, mit György Kurtág war
er eng befreundet und Gustav Mahler zählte zu seinen wichtigsten Vorbildern.
Die
französisch reformierte Kirche ist ein hugenottisches Kleinod direkt an der
vielbefahrenen Berliner Straße in Offenbach/Main. Fast quadratisch angelegt, von
ausnehmender Kargheit, nur wenige Plätze auf hartem Holz und dazu eiskalt.
Kälter als draußen könnte man ironisch anmerken, denn dort hatten wir knapp 10
Grad Celsius. Dick eingepackt wie auf den ersten Konzerten der Nachkriegszeit
war der Saal dennoch proppenvoll.
Alle
Sinnesorgane gefordert
Gleich das
erste Stück forderte alle Sinnesorgane des Publikums heraus. ParaMetaString
für Streichquartett und Tape (1996) stand auf dem Programm. Unsuk Chin
hat dieses, ursprünglich vom amerikanischen Kronos Quartett in Auftrag gegebene,
fast halbstündige Werk in vier Sätze aufgeteilt und nennt sie „Bewegungen“. Gemischt
mit Bandeinspielungen und durch die perfekte Akustik des Raumes konnten die
kaum eingespielten Akteure auf ihren kalten Instrumenten zunächst die weichen
hintergründigen Tremoli, Glissandi und Flageoletts nur mühsam bewältigen, was
sich dann aber bald im zweiten Satz positiv wendete. Ein col-legno Ostinato auf
dem Cello, das wie asiatische Klangschalen den Raum erfüllte, wurde mit einer
homophonen Linie der übrigen Streicher komplettiert. Eine sphärische Stimmung allüberall. Der dritte Satz bestand aus langgezogenen Bögen mit
Mikromodulationen. Großartige Klangstrukturen, die in der Kirche ihre ganze
Kraft entfalten konnten. Erst im Schlusssatz findet das Werk, quasi in einer
Reprise, zur Exposition des ersten Satzes zurück, jetzt von den warmgespielten Streichern,
Zijing Cao (erste Geige), Annabel Nolte (zweite Geige) Lehne Eberhardt
(Bratsche), Mohamed Elsaygh (Cello) glänzend gemeistert.
Mit kurzen
Erläuterungen der gespielten Werke (leider wenig ersprießlich) präsentierten Mohamed
Elsaygh (Violoncello) und Shiho Kawasaki (Klavier) eines der wenigen
Kammermusikwerke von Zoltán Kodály, die Sonatine für
Cello und Klavier, die er zunächst 1910 als zweisätzige unvollendete Sonate
fertigstellte, aber aus einer stilistischen Unzufriedenheit heraus zwölf Jahre
später zu einer einsätzigen Sonatine umgeschrieben hat. Ein ca. 10-minütiges
sehr an den französischen Impressionismus angelehntes und mit vielen ungarischen
folkloristischen Melodien gespicktes Werk. Ein hervorragender Vortrag der
beiden Künstler von einer Komposition, die man auch mit Debussys Pagodes
aus seinen Estampes durchaus vergleichen könnte.
![]() |
| Foto: jdph.de |
Nahezu
unspielbar und dennoch äußerst unterhaltsam
Kommen wir zu
den beiden Etüden von György Ligeti. Er schrieb bekanntlich 18 davon zwischen
1985 und 2001. Shiho Kawasaki bewies mit der Nummer 13 „L´escalier du
diable“ (1993), zu Deutsch die Teufelsleiter aus dem zweiten Buch, und mit
Nummer 4 „Fanfares“ (1985), aus dem ersten Buch der insgesamt drei, dass
sie den aberwitzigen Herausforderungen dieser klavieristischen Spezialitäten
bereits vollauf gewachsen ist. Ligeti schrieb diese Etüden aus der Erkenntnis
seiner pianistischen Unvollkommenheit heraus und orientierte sich dabei an
Chopin, Liszt oder auch Debussy. Sein Spaß am Unmöglichen wuchs mit jeder neuen
Etüde und so schwer und nahezu unspielbar sie auch sein mögen, so unterhaltsam
sind sie, vorausgesetzt man beherrscht das Metier. Nur wenige Pianisten wagen
sich daran, aber Shiho Kawasaki gehört unzweifelhaft dazu. Ein heißer
Höhepunkt dieses Abends, der die virtuellen Eisblöcke schmelzen ließ.
Beseelt
von Schumann, Schubert und Brahms
Gustav
Mahlers Klavierquartett, seines einziges überhaupt und geschrieben während seiner
Wiener Studienzeit am Konservatorium zwischen 1875 und 1878, hat der Teenager
zwar als mehrsätziges Werk geplant, übrig geblieben ist lediglich ein
Sonatenhauptsatz von großer Wirkkraft. Beseelt von Schumann und Brahms und
Schubert, Anklänge an Der Tod und das Mädchen, bis hin zum Weckruf, der
in vielen seiner späteren Sinfonien zum Erkennungszeichen seines Stils werden, alles
drin fürs ausgehende 19. Jahrhundert. Dramatisch, aufgewühlt, tief emotional
und höchst empfindsam. Annabel Nolte (Geige), Lehne Eberhardt
(Bratsche), Mohamed Elsaygh (Violoncello) und Shiho Kawasaki (Klavier)
erfüllten den christlichen Eiskanal mit satten Klängen in sinfonischer Manier
und konnten für knapp 10 Minuten einen Wärmeschauer über dem Publikum
ausbreiten.
Spezielle
Miniaturen für Eingeweihte
Den Schluss
bildeten Auszüge aus György Kurtags Signs, Games und Messages für Streicher.
Eine Sammlung von persönlichen Miniaturen, die er bereits vor über 50 Jahren
begann und die er bis heute fortsetzt. Zeichen. Spiele und Botschaften sind bis
heute auf 24 angewachsen, sie reichen von maßlos traurig, heiter und fröhlich
bis zu nachdenklich und melancholisch. Warum sich das Programmteam ausgerechnet
dieses Konvolut für den Abschluss dieses Konzerts auswählte, wird ein Enigma
bleiben. Denn bei allem Verständnis für außergewöhnliche Miniaturen, der
extremen Dynamik, der besonderen Charaktere und der schwierigen Rhythmik, war
doch die Zwölfer Auswahl ein gewagtes Experiment. Eher etwas für Liebhaber
abstrakten Klangsuchens als für Hörer, die bereits 90 Minuten mit selten
gehörter Musik konfrontiert wurden. Nein, dieses Lebenswerk gehört nicht an den
Schluss eines Konzerts, auch nicht in der Länge.
| v. l.: Zijing Cao, Lene Eberhardt, Mohamed Elsaygh, Annabel Nolte, Shiho Kawasaki in der reformierten Kirche Offenbach (Foto: Ulrike und Horst Klobinger) |
Musik
braucht Wärme
Ein
beeindruckender Konzertabend mit selten gespielten Werken, gestaltet von fünf
großartigen Künstlern in einem leider eiskalten Kirchenraum und einer nicht gut
durchdachten Gestaltungschoreographie: D.h. bitte keine nichtssagenden Erläuterungen
zu den einzelnen Werken bei dem eh schon sehr umfangreichen Programm. Und bitte
keinen Rausschmeißer am Ende des Konzerts. Das wird auch der Komposition nicht
gerecht. Und, warum heizt man die Kirchenräume nicht mehr? Für wen oder was
sollen wir eigentlich frieren? Befinden wir uns wieder in Kriegszeiten, wie vor
fast 80 Jahren?
Die nächsten
Konzerte finden in der Frankfurter Romanfabrik (04.02.) sowie in Hofheim
(05.02.) statt. Unbedingt zu empfehlen.

.png)
Kritisch und fundiert wie immer - danke!
AntwortenLöschen