Mittwoch, 29. April 2026

Chamber Orchestra of Europe (COE) mit Sir Simon Rattle, Alte Oper Frankfurt, 28.04.2026 (eine Veranstaltung von PRO ARTE Frankfurt)

Sir Simon Rattle (Foto: Oliver Helbig)

Lustvolle Entdeckungsreise“

Wie angesagt: Es wurde eine „lustvolle Entdeckungsreise in die Klangwelten eines romantischen bis in die Moderne hineinreichenden Repertoires“. 

Sir Simon Rattle (*1955), seit dreizehn Jahren nicht mehr zu Gast bei PRO ARTE, machte endlich wieder einmal Station in Frankfurt mit einem wohl der besten Orchester der Welt, dem Chamber Orchestra of Europe (gegründet 1981 von jungen Musikern, die seitdem mit weltberühmten Dirigenten wie unter anderen Yannick Nézet-Séguin, Antonio Pappano, Sir András Schiff, Nikolaus Harnoncourt und natürlich auch Sir Simon Rattle eng zusammenarbeiteten und zusammenarbeiten)

Sir Simon Rattle, Chamber Orchestra of Europe
Foto: Andreas Etter


Drei außergewöhnliche Werke

In der Saison 2025/26 sind sie mit Sir Simon Rattle, der das Orchester seit 2021 betreut und offen beteuert: „I´ve been fallen in love with this Orchestra!“, auf Welttournee, und haben für das Frankfurter Publikum drei außergewöhnliche Werke in ihrem Koffer bereitgestellt.

Es sind von Béla Bartók (1881-1945) Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz 106 (1936/37), von Ferruccio Busoni (1866-1924) Sarabande aus zwei Studien zu „Dr. Faust“ op.51 (1917/19) und von Johannes Brahms (1833-1897) die Sinfonie Nr. 4 e-Moll op.98 (1885), seine Letzte, die er in den Sommermonaten 1884 und 1885 in Mürzzuschlag in der Steiermark zu Papier gebracht hat.


Verdammt schwere Rhythmik

Gleich zu Beginn eines der raffiniertesten Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts von Béla Bartók. Es beginnt gleich mit der Besetzung des Klangkörpers. Die Streicher sind aufgeteilt in verschiedene räumlich getrennte Gruppen. 

Zum etwa 65-köpfigen Orchester gehören zudem Klavier, Pauken, Xylophon, Celesta, Harfe und selbstverständlich ein ausgewachsenes Schlagwerk, damals eine sehr ungewöhnliche Zusammensetzung. 

Eigentlich soll es nach dem Auftragsgeber der Komposition, es war der Mäzen Paul Sacher, einfach und eingängig sein, was Bartók auch zugestand. Aber rhythmisch ist es ein sakrisch, ja verdammt schweres und forderndes viersätziges Meisterwerk von großer Dichte und Klangkraft.

Zunächst eine ausgedehnte Fuge, die durch alle Gruppen wandert und wie eine Endlosschleife die ersten acht Minuten durchzieht. Mehr noch, sie baut sich regelrecht auf und kehrt sich in der Mitte zu einer Spiegelung des Fugenthemas um. Der gesamte Satz, eine Andante tranquillo ist entsprechend geheimnisvoll, fast schon unheimlich.

Sir Simon Rattle, Chamber Orchestra of Europe
Foto: Andreas Etter

Spröde – mathematisch logisch – fantastisch

Der zweite Satz, ein Allegro, besteht aus ostinaten Figuren mit akzentuierter Pauke und starken perkussiven Elementen der großen Trommel, der Snare wie auch des Xylophons. Man fühlt sich mitunter an Strawinskys Le Sacre erinnert.

Das folgende Adagio wiederum gehört zum berühmtesten Satz dieses Werks, wird es doch sehr häufig als Filmmusik verwendet. Viel Holzklänge, Klaviercluster und innige Dialoge zwischen Perkussion, Akkordinstrumenten und Streichern charakterisieren diesen Abschnitt. Nicht zu vergessen die gläsernen Klangfolgen der Celesta und Klangröhren. Alles in allem ein atmosphärischer geheimnisvoller, mitunter bedrohlicher Satz, der ins Schlussallegro mündet.

Der wiederum ist volksmusikalisch inspiriert von ungeheurer Wildheit und kraftvoller Energie.

Das Klavier übernimmt auch hier das Thema einer Fuge, die allerdings tänzerisch und in Anlehnung an ungarische und rumänische Tänze sich in einer ausgelassenen Coda entlädt.

Großartig, diese manchmal spröde, mathematisch logisch strukturierte Musik, die allerdings vom COE mit sicherer Hand des Dirigenten, Sir Simon Rattle, zu einem fantastischen Hörerlebnis avancierte.

Das Publikum des vollbesetzten großen Saals der alten Oper Frankfurt ging jedenfalls begeistert in die doch sehr frühe Pause, nach knapp 32 Minuten.

Sir Simon Rattle, Chamber Orchestra of Europe
Foto: Andreas Etter

Würdevoll und introvertiert

Eine völlige Umstellung des Orchesters war natürlich notwendig, für die folgenden Werke. 

Ferruccio Busoni ist vielen Musikkennern eher bekannt durch seine Bach Transkriptionen wie auch seiner noch heute wichtigen Schrift: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (1907). Tatsächlich hat er mehr als 500 Kompositionen verfasst, von denen allerdings viele verloren gegangen sind. 

Die Sarabande: aus zwei Studien zu seiner Oper „Dr. Faust“ gehört zu Vorarbeiten zu seiner Oper Doktor Faust (1916-1924). Er selbst kommt zum Urteil, dass sie und die Cortège (die zweite Studie) seine erfolgreichsten Kompositionen darstellten, was nicht falsch ist, denn das ca. 12 Minuten dauernde Werk für großes Orchester ist keine klassische barocke Sarabande, sondern eher ein Reflexion über deren Form. 

Es besteht aus eingängigen Motiven mit unterschiedlichen Betonungen. Alles wirkt würdevoll und introvertiert. Kein Tanz, kein klares Metrum, sondern mehr starre ritualisierte Bewegung.


Brillante Dynamik – Überraschung

Sir Simon Rattle liebt die leisen Töne, die die schwebende Harmonik der Studie mit diversen Reibungen teilweise im Marschtempo beherrschen. Nie ist es lauter als das Mezzoforte, meistens aber herrscht das piano und pianissimo vor, das das COE brillant beherrscht.

Dann aber folgt eine Überraschung. Statt den Applaus des Publikum abzuwarten, wechselt der Dirigent quasi attacca zum ersten Satz, Allegro ma non troppo, aus Johannes Brahms 4. Sinfonie.

Sir Simon Rattle, Chamber Orchestra of Europe
Foto: Andreas Etter

Entwickelnde Variation

Ein Übergang vom Introvertierten zum Extrovertierten, scheint es anfangs zumindest. Man spürt die Kraft des Sommers, die Sonne, aber auch zugleich die Strenge der absteigenden Terzen und ansteigenden Sexten, die der Sonatensatzform eine ständige Entwicklung, vergleichbar mit einer Variation verleihen. (Keine c-Moll wie im Programm angegeben, sondern ein e-Moll beherrscht diesen themenreichen Satz.)


Würdevoll – kraftvoll – heiter

Das Andante in E-Dur wiederum ist eher dunkel gefärbt, fast archaisch anmutend. Hörner und Blechbläser dominieren den Trauermarsch ähnlichen Satz, allerdings ohne übliches Pathos, sondern eher würdevoll und voll innerer Spannung. 

Das Allegro giocoso des dritten Satzes, ein traditionelles Scherzo gehört zum Ausgelassensten dieser doch insgesamt etwas schwermütigen Sinfonie. Hier dominiert Sommerfrische, kraftvoll, dabei doch leicht, rhythmisch markant und heiter. 

Das Trio mit Blech und Schlagwerk (Triangel und Glockenspiel, ungewöhnlich für Brahms) bestätigt lediglich die ausgelassene Stimmung. Ein Abschnitt, der mitreißt und zum eigentlichen Höhepunkt der Sinfonie überleitet.


Barocke Strenge – romantische Innerlichkeit

Ein Allegro energico e passionato in Form einer Passacaglia (eine Variation über einem festen Basisteil). 30 Variationen über ein achttaktiges Thema zwischen barocker Stenge und romantischer Innerlichkeit. Zwischen Tragik und Fatalismus, alles enthalten, nur keine Erlösung, denn die Sinfonie endet wie ein musikalisches Gesetz – unerbittlich, logisch, unausweichlich.

Das COE macht aus der doch wenig effektvollen Publikumssinfonie ein Werk von großer Wirkkraft und musikalischer Nachhaltigkeit.

Sir Simon Rattle, Chamber Orchestra of Europe
Foto: H.boscaiolo

Liebling“ unter den vier Sinfonien

Lassen wir doch an dieser Stelle seinen Freund Josef Joachim sprechen: „Der geradezu packende Zug des Ganzen, die Dichtigkeit der Erfindung, das wunderbar verschlungene Wachstum der Motive noch mehr als der Reichtum und die Schönheit einzelner Stellen, haben mir´s geradezu angetan, so dass ich fast glaube, die e-Moll ist mein Liebling unter den vier Sinfonien.“ 

Und weiter: Ich glaube auch, wer Augen zu sehen und ein musikalisches Gemüt hat , kann nicht leicht als Dirigent dabei fehl gehen.“ Als ob er Sir Simon Rattle ansprechen wolle, denn man merkte mit jeder Faser seines Körpers, wie verliebt jener in diese Sinfonie ist und wie er seine Begeisterung auf das Chamber Orchestra of Europe zu übertragen verstand.

Sir Simon Rattle, Chamber Orchestra of Europe
Foto: H.boscaiolo

Musikalischer Frühling

Ohne langes Bitten gab er eine Zugabe voller Leichtigkeit und Lebensfreude, einen slawischen Tanz Nr.3 op.46 von Antonin Dvořák, eine Dumka in e-Moll. Begeisterungsstürme waren diesem Klangkörper und natürlich auch Sir Simon Rattle sicher. Allerdings möchten wir nicht noch einmal dreizehn Jahre auf ihn warten.

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