Breaking The Waves, Oper in drei Akten von Missy Mazzoli, Libretto: Royce Vavrek, nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier, Staatstheater Mainz, Premiere und gleichzeitige Uraufführung mit neuer Coda, 26.04.2026
| Julietta Aleksanyan, Brett Carter alle Fotos von: Andreas Etter |
Fulminante Premiere
Eine fulminante Premiere und "Mainzer Uraufführung" einer doch kontroversen Thematik.
Geht es doch um eine vermeintlich naive, religiös geprägte Frau, namens Bess McNeill, in einer streng calvinistischen Gemeinde in Schottland, die einen „Fremden“, aus Norwegen stammenden Mann, Jan Nyman, heiratet, der nach einem sogenannten Unfall (eher Folgen eines Überfalls seiner Arbeitskollegen) gelähmt bleibt und seine Frau auffordert, mit anderen Männern zu schlafen, ihm davon zu erzählen, um somit sein Leben zu retten.
„Ein Film über Wunder“
Lars von Triers (*1956) Film Breaking the Waves (1996) gehört zu seiner Golden-Heart-Trilogie Idioten (1989) und Dancer in the Dark (2000) und bezieht sich auf das naive Märchen Goldherz von Hans Christian Andersen, in dem ein Mädchen trotz mannigfacher Verluste seine Fröhlichkeit und Zuversicht bewahrt und am Ende nur noch ihr goldenes Herz besitzt.
Lars von Trier, immer schon ein künstlerischer Außenseiter, hat daraus eine skurrile Geschichte gezaubert, indem er das Mädchen im Kreise ihres Umfeldes zwischen religiöser Tabus und bedingungsloser Liebe bis zur Selbstaufopferung treibt. Schlussendlich wird sie brutal vergewaltigt, ermordet, rettet aber dadurch ihren geliebten Gatten, der sich von seiner Querschnittslähmung erholt und wieder gehen kann.
Wer denkt da nicht an die Heilsgeschichte Jesu, der alles Leid dieser Welt auf sich nimmt, um beispielsweise Lahme wieder gehen, Blinde wieder sehen oder Aussätzige wieder gesunden lässt. Lars von Trier selbst besteht auf dem religiösen Thema und meint „einen Film über ein Wunder“ im Sinn gehabt zu haben. Und gleichzeitig sollte er auch „naturalistisch“ gedreht sein.
| vorne Julietta Aleksanyan, Männerchor |
Meistdiskutiert
Der Film wurde ein Erfolg. Bekam in Cannes eine Oscar-Nominierung und gehörte zu einem der meistdiskutierten Filme um die Jahrtausendwende.
Vom Film zum Opernsujet
Die Komponistin Missy Mazzoli (*1980), wurde eigenen Aussagen zufolge von ihrem engen Mitarbeiter und Librettisten, Royce Vavrek (*?), auf diesem Film aufmerksam gemacht, der gleich das Opernsujet, das in dem Streifen steckte, erkannte: „Bess´ Reise ist opernhaft … ihre Geschichte singt.“
Seine Überzeugung, mit Missy ein mitreißendes Werk der zeitgenössischen Oper zu schaffen, hat sich nach gemeinsamen Recherchebesuchen auf der schottischen Insel Isle of Skye (dem Ort des Filmsettings), am 22.September 2026 am Perleman Theatre in Philadelphia verwirklicht. Die Uraufführung wurde von den International Opera Awards zur besten Uraufführung gekürt und seitdem weltweit in Oper und Theater aufgeführt.
Erst dreimal fand sie in Europa statt, 2019 in Edinburgh, 2021 in St. Gallen und in Bremerhaven im Jahre 2023. In Mainz allerdings unter ganz besonderen Bedingungen.
Denn Missy Mazzoli hat ihr Werk extra für die Mainzer Aufführung um eine „neue Schlusscoda“ erweitert, gespielt und gesungen von einem Frauenlaienchor aus dem Mainzer Umfeld. (Sie war übrigens selbst aus New York nach Mainz gekommen, um die Uraufführung ihres erweiterten Werkes mitzuerleben.
| Männerchor |
Melodram vom Feinsten
Das Mainzer Team um Krystian Lada (Regie), Annette Murschatz (Bühne), Adrian Bärwinkel (Kostüme), Aleksandr Prowalinski und Frederik Wollek (Licht) Elena Garcia Fernandez (Dramaturgie) sowie Dirk Kaftan (musikalische Leitung) und Sebastian Hernandez Laverny (Chöre), haben, inklusive Pause, ein 2 Stunden 50 Minuten Werk vom Feinsten gezaubert.
Fantastische polystilistische Musik vom Staatsorchester Mainz zwischen Richard Strauss, Sergej Prokofjew, Steve Reich und Igor Strawinsky sowie eine Bühne ohne Firlefanz, schlicht aus einem natürlichen Wiesenfeld mit Tisch und einigen Accessoires im ersten Akt und einer angedeuteten Schiffsreling bestehend, im zweiten und dritten dann statt Wiese ein karger Boden mit Bahre. Ansonsten wie gehabt.
Vor allem die Lichteffekte seien herauszuheben, denn sie schafften die Stimmungsbilder in Farbe und Schatten, wie Ikonen und sakrale Gemälde aus dem Expressionismus und Naturalismus. Scharf konturiert, gnadenlos fokussiert und immer auch ein Stimmungsverstärker. Perfekt und selten so durchdacht erlebt.
Die Kostüme bestanden aus einer Mischung orthodoxer jüdischer und katholischer wie puritanischer Provenienz. Alle Männer des Herrenchors des Staatstheater Mainz in lackfarbenem bedrohlichem Schwarz gekleidet. Später erschienen sie in freien Oberkörpern, ziemlich martialisch mit Lederträgern, vergleichbar mit johlenden, ausgerastete Hooligans.
| stehend von links: Yooniki Baek (Arzt), Julietta Aleksanyan, Tim-Lukas Reuter (Terry) liegend: Brett Carter |
Das Helle im Dunkeln
Dann, ganz in reinem Weiß, Bess McNeill (Julietta Aleksanyan, Sopran), die Hauptprotagonistin der Oper. Sie ist das Helle im Dunkeln, von außerordentlicher Lebendigkeit und Lebensfreude (ganz im Sinne der Märchenfigur). Ihre überdimensionierte Schleppe des Hochzeitkleids wird später zum Grabtuch, ist aber gleichzeitig Rückzugsort und Keuchheitsinsignium.
Auch ihr Gatte Jan Nyman (Brett Carter, Bariton) unterscheidet sich im Outfit von den anderen. Lässig gekleidet, braungebrannt mit offener Brust, spielt er den Weltbürger, was natürlich Ressentiments unter den calvinistischen Bewohnern der Insel hervorruft. Einzig seine Tätigkeit als Bohrinselarbeiter macht ihn zum Komplizen der Männer.
Ihre Mutter (Nancy Weißbach, Sopran) und Schwägerin Dodo als einzige Vertraute (Karina Repova, Mezzosopran) erscheinen ebenfalls ganz in Schwarz, unberührbar, und haben ihre Rollen als Frau in der ritualisierten Gesellschaft vollständig verinnerlicht. Beide mit sehr guter Performance.
Anspruch und Wirklichkeit
Kern dieser Inszenierung ist nach Aussagen der Komponistin, der Wunsch von Bess, eine Gute zu sein. Sie muss aber am eigenen Leib erleben, dass sie weder Gott noch der Mutter, weder der Kirche noch ihrem Mann gleichzeitig gehorchen kann. In dieser extrem patriarchalisch puritanischen Welt kann sie es Niemandem recht machen und scheitert an ihren eigenen Ansprüchen, eine „Gute“ sein zu wollen.
| Karina Repova (Dodo) Nancy Weißbach (Mutter), Julietta Aleksanyan |
Das Manifest
Unglaublich, wie Julietta Aleksanyan als Bess in dieser schier unlösbaren Aufgabe aufgeht. Sie singt nahezu ohne Unterbrechung während mehr als zweieinhalb Stunden. Man spürt förmlich ihre Entwicklung von der lebensfrohen ja naiven jungen Frau, die ihren Mann mit Haut und Haaren liebt (ja sogar ins Frivole und Vulgäre abgleitet) und langsam erfahren muss, dass die Konventionen mehr und mehr Macht über sie bekommen.
Übrig bleibt ihr schlussendlich lediglich der Ausruf: My body is my map (mein Körper ist meine Landkarte), das Mazzoli quasi als ihr „Manifest“ begreift: „Am Ende bleibt Bess nur noch sie selbst, der sie folgen kann – ihr wurde alles genommen außer ihrem Körper.“
Geniales Paar
Tatsächlich schafft das Regieteam in bewundernswerter Weise diese Transformation einer Person in Dichte und Logik, in einer aufsteigenden Dramaturgie bis zum katastrophalen Finale auf die Bühne zu bringen, wobei natürlich die Sänger und Sängerinnen, allen voran Julietta Aleksanyan und Brett Carter, ihren besonderen Anteil haben.
Beide gehen in ihren Rollen förmlich auf. Ihre Intimszenen sind schauspielerisch brillant und ihre Stimmen ebenfalls. Sie changieren zwischen Freude, Forderung, Verzweiflung, Begehren und nicht zuletzt Besessenheit. Ein Melodram, das sich auf der Bühne abspielt und durchaus Lars von Triers Erfolgsstreifen standhält, wenn nicht sogar übertrumpft.
| Julietta Aleksanyan, Männerchor |
Viel Diskussionsstoff
Man müsste eigentlich jede Szene detailliert beschreiben, um dem Werk nahe zu kommen. Denn Regieteam und Komponistin und nicht zuletzt der Librettist haben hier ein stupendes Meisterwerk geschaffen, dass ohne viel Aufwand höchste Anteilnahme und auch Diskussionsstoff bietet.
| Brett Carter |
Mein Körper ist autonom
An dieser Stelle sei die Zusatzkomposition, als Coda gedacht, erwähnt. Dazu hat Mazzoli sich einen Damenchor ausgedacht (hier Frauen aus dem Mainzer Gebiet), die dem Manifest der Bess eine Signatur für das 21. Jahrhundert verleihen soll.
Im Glauben, die Frauen im Westen litten noch heute unter der Knute der Männer und der patriarchalischen Systeme, erweitert sie den Text „Mein Körper ist eine Landkarte“ durch eine vierzehn Zeilen lange Wunschliste, gesungen, gefordert und geschrien von den 25 Frauen des Ensemble der "Mainzer Frauen", die die Bühnenhandlung beschließen.
Ihr Credo dazu lautet, die Geschichte ins 21. Jahrhundert zu tragen, mit modernen Frauen, „die ihre körperliche Autonomie auf vielfältige ausdrucksstarke und inspirierende Weise definieren“ (Programm S.17).
| Julietta Aleksanyan, Männerchor |
Verlorener Diskussionsstoff
Hier liegt vielleicht der Knackpunkt dieser Aufführung. Denn ihr geht noch ein ellenlanger Prolog voraus, in dem die 25 Frauen kurz und knapp ihre Rolle als Frau definieren, ehe das Melodram beginnt.
Die Coda würde ich vor diesem Hintergrund als Epilog bezeichnen, wenngleich durch diese Erweiterung die unglaubliche Massivität der Konfliktlinien zwischen Religiosität, Glaube, Liebe, Sexualität und menschliche Schwächen und Stärken ziemlich aufgeweicht wird, ja meines Erachtens verloren geht.
Wie der Film damals die Gemüter erregte, so könnte es auch diese Oper und hätte es ohne den Zusatz (die Coda) bestimmt viel mehr. So aber ist man an die Frauenbewegung der 1970er Jahre erinnert mit dem Bekenntnis: Mein Bauch gehört mir.
Heute ein Anachronismus, wie auch die Behauptung, die Frauen im Westen müssten um ihre Emanzipation in gleicher Weise kämpfen wie zu Zeiten des Calvinismus. Weit gefehlt denke ich.
| Mitte: Julietta Aleksanyan, "Mainzer Frauenchor" |
Glaube – Opfer – Transzendenz
Aber der Rückgriff auf das Andersen Märchen bei Lars von Trier war damals genial und ist es heute noch. Missy Mazzoli sollte es bei ihrer ursprünglichen Oper bewenden lassen. Ihre sogenannte Coda verwässert die Thematik nur.
Dennoch, eine fulminante Opernpremiere mit klanglicher Unschuld im ersten Akt, Dissonanzen und Reibungen im zweiten Akt bei schreiend deklamatorischem Gesang, und Auflösungserscheinungen im dritten Akt. Bess´ Stimme wird zum Klang, ihre Apotheose zum metaphysischer Akt.
Man könnte Breaking the Waves als Glaube, Opfer und Transzendenz zusammenfassen, was in der gestrigen Premiere voll zur Geltung kam.
Eine Oper, die es lohnt zu besuchen, und das mehrmals.
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