Montag, 18. Mai 2026

Gewandhaus-Orchester, Andris Nelsons (musikalische Leitung), Yulianna Avdeeva (Klavier), Alte Oper Frankfurt, 17.05.2026

 Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: H.boscaiolo

Hervorragend – außergewöhnlich

Das Gewandhaus-Orchester, das älteste übrigens auf diesem Globus (1743 gegründet und 1781 ins namensgebende Messehaus der Tuchhändler in Leipzig umgezogen) ist immer wieder ein gern gesehener und gehörter Gast in Frankfurt. In dieser Saison mit Andris Nelsons (*1978), ihrem Chefdirigenten seit 2018, am Pult, und der Siegerin des Chopin-Klavierwettbewerbs 2010, Yulianna Avdeeva (*1985) am Flügel. 

Beide in Russland geboren, haben sie doch ein Programm mitgebracht, das wohl zum hervorragendsten und außergewöhnlichsten der russischen Kompositionskunst gehört: Das Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 (1900/01) von Sergej Rachmaninow (1873-1943) sowie die Sinfonie Nr. 10 e-Moll op.93 (1953) von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975).

Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto

Musik der Wiedergeburt“

Die Geschichte um das 2. Klavierkonzert ist narrativ und spekulativ, aber dennoch ein Krisenwerk. Denn Rachmaninow schrieb es im Zustand der tiefen Verletzung seiner Persönlichkeit. Grund: Man hatte seine erste Sinfonie von 1897 zerrissen, was ihn in tiefe Depression versetzte. Erfolgsverwöhnt, ließ er sich psychologisch von Nikolai Dahl (1860-1939), einem bekannten Moskauer Psychologen, behandeln, der ihn tatsächlich wieder aufrichtete mit der simplen Methode: Du kannst es!! und das permanent über Jahre wiederholt.

Zum Dank widmete ihm Rachmaninow sein zweites Klavierkonzert. Viele empfinden es deshalb auch als die Musik einer „Wiedergeburt“. Sei´s drum.

Yulianna Avdeeva, Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto

Monumental – lyrisch – schwermütig

Yulianna Avdeeva, in geschmackvollem Outfit mit schwarzer Hose, glitzerdunkler Jacke und hochgestecktem Haar, beginnt mit den ikonisch schweren Klavierakkorden, die wie aus abgründiger Tiefe emporsteigen. Die Einleitung des gut 35-minütigen dreisätzigen Werks ist beschwörend, schicksalshaft, fast wie ein langsames Erwachen.

Gleich zu Beginn auch der satte, aufwühlende Klang des Orchesters, der der Pianistin zunächst kaum Raum gibt, ihr aber Schritt für Schritt den Zugang öffnet und ihre transparente, tief emotionale Virtuosität offen zur Wirkung kommen lässt.

Bereits ein erster Satz von Monumentalität einerseits und Lyrik wie düsterer, typisch russische Leidenschaft andererseits.

Yulianna Avdeeva, Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Größte Differenziertheit

Der zweite Satz gerät zum wirklichen Höhepunkt. Er ist das Herzstück des Konzerts. Avdeeva eröffnet gemeinsam mit der Klarinette einen traumhaften Seelenzustand, einen Klangraum von Melancholie und Nostalgie sowie einer entrückten Ruhe voller Schönheit und tiefer Traurigkeit zugleich.

Selten so eine Interpretation gehört, denn auch das gewaltig große und überwältigende Orchester kann dreifaches piano wie auch vierfaches forte. Andris Nelsons öffnet sowohl den Raum für die Solisten im Orchesterapparat, der Pianistin wie auch den des Orchestertutti, das seine klangliche Differenziertheit gerade hier ausleben kann.

Andris Nelsons, Yulianna Avdeeva, Gewandhaus-Orchester
Foto: H.boscaiolo


Leichtigkeit und Lebensfreude

Der dritte Satz, ein Allegro scherzando wiederum beginnt unruhig und dramatisch, im Marschrhythmus, und im Seitenthema mit einer der populärsten Melodien Rachmaninows überhaupt (sogar die Popmusik hat es adaptiert). Hier ist klavieristische Brillanz und sinfonische Wucht in gleicher Weise gefordert. Das bombastische Werk steigt quasi per aspera ad astra, in triumphale Helligkeit, begleitet von langen Orgelpunkten und kurzen Kadenzen der Pianistin. 

Sie geben dem Ganzen einen Tick Leichtigkeit und Lebensfreude und man müsste Rachmaninow, der von sich selbst einmal sagte: „Ich bin ein unglücklicher Mensch, und als Mensch werde ich nach meiner Charakterverfassung niemals glücklich sein“, an dieser Stelle wirklich Lügen strafen.

Yulianna Avdeeva, Gewandhaus-Orchester
Foto: H.boscaiolo


In die Annalen der Besten

Das zweite Klavierkonzert wurde bekanntlich bei der Uraufführung im Oktober 1901 in der Kaiserlich-Russischen Musikgesellschaft in Moskau mit Rachmaninow höchstselbst am Flügel frenetisch gefeiert und gehört bis heute zu den wohl populärsten der romantischen Gattung überhaupt. 

Viele Pianisten haben sich an dieses schwierige Unterfangen gewagt, darunter die besten aller besten wie Vladimir Horowitz, Sviatoslav Richter, Martha Argerich oder auch Krystian Zimmerman. Alle mit legendären Interpretationen. Yulianna Avdeeva kann mit mit Fug und Recht dazu gezählt werden. Ihre Interpretation am gestrigen Abend war phänomenal und gehört in die Annalen der Besten.

Ihre Zugabe, aus Rachmaninows 24 Préludes op.23, Ges-Dur, Nr. 10, war ebenso ein Gedicht wie ihre Konzert-Interpretation. Der Beifall war enthusiastisch und das sollte das Wenigste sein. Man wünscht sich von ihr eine Klavierrezital an diesem Ort.

Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Viel Verschwörung um die Zehnte

Kommen wir zur 10. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Auch sie hat eine narrative Vorgeschichte voller Spekulationen und Behauptungen. Man glaubt einer ständigen Verschwörungstheorie zu unterliegen. Selbst das Abendprogramm spricht von einer „Abrechnung mit dem Regime“ nach der Behauptung Solomon Wolkows (*1944), einem Russenhasser par excellence, der Schostakowitsch mit der 10. ein Abrechnung mit Stalin und eine antirussische Sinfonie unterstellt, und das als sogenannte Zeugenaussage, die nachweislich gefälscht ist.


Riesiger psychologischer Roman

Na ja, kein wirklich gutes Omen für die doch schwierige, lange und gewaltige Sinfonie. Schostakowitsch schrieb sie nach langer Pause im Jahre 1953, unmittelbar nach Stalins Ableben am 05. März 1953, und konnte sie im Dezember von der Leningrader Philharmonie unter der Leitung von Yevgeni Mrawinski uraufführen lassen, und das zunächst mit nur mäßigem Erfolg.

Tatsächlich fällt diese Sinfonie in das russische Tauwetter, das Chruschtschow, der Nachfolger Stalins, einleitete. Sie wirkt wie ein riesiger psychologischer Roman, gespickt mit Elementen der Einsamkeit, Angst, Gewalt und dem Schostakowitsch eigenen Sarkasmus sowie eigener Ironie.

Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Selbstbefragung ohne Antwort

Gleich der erste Satz mit schlichtem Moderato überschrieben ist von monumentaler Länge (fast 30 Minuten), einer Mahler Sinfonie vergleichbar. Tiefe Streicher, riesige Spannungsbögen und ausbrechende Gewaltszenen im vierfachen forte, die, sofort erstickt, wieder in ein dreifaches Pianissimo zurückfallen. Alles scheint auf zwei Motiven, die sich gegenüberstehen, aufzubauen. Ein Perpetuum mobile, das kein Ende zu finden scheint, sich aber in einem Zwiegespräch von Flöte und Geige aushaucht.

Der zweite Satz, ein Allegro ist kurz (vier Minuten) und brutal, ohne Ende. Hier spricht die Gewalt des Krieges, der Zerstörung, der Vernichtung. Ein Marcia con fuoco von ungeheurer Macht und Übergriffigkeit. Es wird oft die Abrechnung mit Stalin hineininterpretiert. Kann sein, muss aber nicht.

Der dritte Satz, eine Allegretto bildet das geheimnisvolle Zentrum ab. Hier erscheint nämlich das geheimnisvolle D-S-C-H-Motiv, nach Schostakowitsch Initialen, sowie das Elmira-Motiv E-A-E-D-A-, das seiner damaligen Schülerin und vermutlich Geliebten. Der Satz wirkt zuweilen wie das Dies Irae, aber auch wie ein nächtlicher Monolog: Wo will ich hin, wie gestalte ich meine Zukunft? 

Mal im Walzer Rhythmus, schräg und gar nicht schwungvoll, mal pochend, wie ein nervöser Herzschlag, lang-kurz-kurz-lang etc. Ein Satz der durch Mark und Bein geht, eine Selbstbefragung ohne wirkliche Antwort.


Kraftvoll – widerständig – ironisch

Der abschließende vierte Satz, geteilt in ein Andante und Allegro, beginnt wieder düster und unsicher, wie der erste: Ein Dialog zwischen Klarinette, aber auch Oboe, Geige und Flöte.

Dann ist wieder das D-S-C-H Motiv herauszuhören, ein verschleiertes Dies Irae. Dennoch scheint der Komponist seinen Weg zu finden, denn die Stimmen werden kraftvoller, ja liedhafter und steigern sich bis zum vierfachen forte. 

Alles wird widerständiger, aufmüpfiger und insgesamt hoffnungsfroher, ohne sich aber triumphal zu entfalten. Nein, das Ganze verbleibt, wie Schostakowitschs übliche Art überhaupt, im Bereich von Nervosität und Ironie. Eine seiner Stärken oder Schwächen, von welchem Standpunkt man es betrachtet.

Andris Nelsons, Gewandhaus-Orchester
Foto: H.boscaiolo

Ohrenbetäubend – Geist verstummend

Das monumentale Werk endet nach einer ausgedehnte Fermate in einer extrem virtuosen Coda, wo alle Instrumentengruppen noch einmal höchst gefordert sind, mit langem Trommelwirbeln und glissandoartigen Skalenläufen der Streicher sowie einem Finalschlag von Blechen, Trommeln, Pauken und Becken, der fast die Ohren taub werden lässt.

Eine Vorstellung des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Andris Nelsons, die sprachlos werden und irgendwie den Geist verstummen ließ. 

Eine Interpretation einer der größten Sinfonien überhaupt in Ausmaßen einer Mahler Sinfonie, von russischer Befindlichkeit der Nach-Stalin-Ära wie auch von monumentaler Architektur, hochkomplexer motivischer Arbeit sowie typischer autobiographischer Elemente (Ironie, Sarkasmus und schräge Freude), die Schostakowitschs musikalisches Schaffen allgemein auszeichnen.

Langer Applaus, aber keine Zugabe. Warum auch.


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