Freitag, 22. Mai 2026

hr-Sinfonieorchester, Kahchun Wong (musikalische Leitung), Boris Giltburg (Klavier), hr-Sendesaal, 21.05.2026 (im Rahmen der Konzertreihe Auftakt: Schostakowitsch pur)

hr-Sinfonieorchester (Foto: Ben Knabe)

Witzig, leicht, effektvoll

Schostakowitsch pur“, heißt das Motto des Konzertabends im nahezu vollbesetzten Sendesaal des Hessischen Rundfunks. Was das Publikum geboten bekam, war absolut vom Feinsten. 

Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) vielseitiges Werkschaffen (wer kennt nicht seine Opern, seine Kammer- und Klaviermusiken, wie auch seine Filmmusiken, Ballette und selbstverständlich seine 15 Sinfonien) enthält auch Witziges, Leichtes, Effektvolles wie zum Beispiel seine Festouvertüre op. 96 (1954), oder sein zweites Klavierkonzert F-Dur op.102 (1957), das er seinem Sohn Maxim zu dessen 19. Geburtstag geschenkt hat, ein ideenreiches, heiteres, lebensfrohes und äußerst virtuoses Glanzstück. 

Auch seine Fünfte Sinfonie d-Moll op.47 (1937) hatte das hr-Sinfonieorchester im Paket, von der Schostakowitsch selbst sagte, es sei seine schöpferische Antwort auf die berechtigte Kritik an seinen vorherigen Werken, gemeint wohl die schroffe Ablehnung Stalins seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk (1934).


Boris Giltburg (Foto: Jaqueline Immikhuizen)

Vorzeigewerk für besondere Anlässe

Aber gehen wir ins Detail. Die Festouvertüre schrieb Dmitri Schostakowitsch angeblich innerhalb weniger Tage. Ein Auftragswerk der Regierung für den 37. Jahrestag der russischen Revolution. Die Uraufführung fand im Moskauer Bolschoi Theater statt, wurde mit Jubel aufgenommen und galt seitdem als Vorzeigewerk für besondere Anlässe. So wurde es unter anderem auch zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Moskau im Jahre 1980 gespielt.

Schostakowitschs Musik wird regelmäßig eine politische Absicht unterstellt, wobei man sich nahezu ausschließlich auf den Historiker und leider auch Quellenfälscher Solomon Wolkow (*1944) bezieht, der auch hier Doppelbödigkeit in einer Überzeichnung des Jubels und maskenhaften Verkleidung zu interpretieren glaubt.

Ulrich Edelmann, Kahchun Wong, hr-Sinfonieorchester
(Foto: H.boscaiolo)

Triumphaler Einstieg

Tatsächlich erinnert das äußerst kurzweilige ca. sechs Minuten dauernde Werk mit fanfarenartigen Blechbläsern, rasenden Streicherfiguren, flirrenden Holzbläsern und triumphalen Steigerungen in Vielem an Vorgänger wie Gioachino Rossini, Michail Glinka (beide schätzte Schostakowitsch sehr) wie vor allem auch an bekannte Zirkusmusiknummern.

Ein energiegeladene Eröffnung des Konzertabends mit einem Debütanten Kahchun Wong (*1986) am Pult, der das gewaltige hr-Sinfonieorchester mit fünf Perkussionisten, drei und vierfach besetzten Holz- und Blechbläsern, einer Banda mit vier Hörnern, drei Trompeten und drei Posaunen, und dazu divers Trommeln, Becken und Triangel, souverän und mit präziser Körpersprache leitete. Ein Einstieg also, der die Ohren wackeln ließ und einen prächtigen Vorgeschmack auf das folgende Klavierkonzert bot.


Boris Giltburg (Foto: Website) 

Exzellenter Klaviervirtuose

Boris Giltburg (*1984), ebenfalls Debütant im hr-Sendesaal, gilt als einer der markantesten Pianisten auf dem riesigen Markt exzellenter Klaviervirtuosen. Hervorgehoben werden seine analytischen und narrativen Fähigkeiten sowie seine emotionale Intensität und glänzende Virtuosität. 

Als Debütant hatte er naturgemäß größte Erwartung beim Publikum geweckt, Erwartungen, die er über die Maßen zu erfüllen verstand. (Bemerkenswert: Der in Moskau geborene und in Israel lebende Giltburg ist selbstverständlich ein weitgereister und mit Preisen gesegneter Künstler),


Neoklassik – Romantik – brutale Attacke

Schostakowitsch hat bekanntlich das dreisätzige Werk für seinen Sohn Maxim, der wie sein Vater ein herausragender Pianist war, konzipiert und es mit allerlei Feinheiten gespickt, die wohl seinem Sohn förmlich in die Hände spielten. 

So ist der erste Satz, ein Allegro, von außerordentlicher Brillanz im neoklassischen Stil, ein Mischung aus Prokofjew und Salonmusik.

Das Andante des zweiten Satzes wiederum lebt von innigster Romantik. Man ist unweigerlich an Tschaikowskis langsamen Satz aus seinem b-Moll Klavierkonzert erinnert. Diesem Satz fehlt jeglicher Kontrast, der Schostakowitsch zu eigen ist. Nein, er gehört zu den innigsten Eingebungen des Komponisten.

Attacca wird das Finale eingeleitet. Das wiederum besteht aus burleskem Witz, rhythmischer Schärfe, synkopischen Jazzelementen, metrischen Verdichtungen. Einfach alles, was die Physis seines Sohnes bis an die Grenzen forderte. 

Maxim hat sie wohl blendend gemeistert, denn damit wurde er mit Bestnoten bei der Abschlussprüfung im Moskauer Konservatorium bedacht.

Boris Giltburg, er spielte zwar nach Noten, meisterte sein Debüt ebenfalls mit Bestnoten. In knapp 20 Minuten zeigte er die gesamte Palette seines Könnens. Zwischen ausgesuchter Lyrik und brutaler Attacke ist bei ihm alles möglich.


Boris Giltburg, hr-Sinfonieorchester (Foto: H.boscaiolo)

Sinnlich – farbig

Vor allem seine tiefe Emotionalität im Andante Satz konnte vollauf überzeugen. Gleich gab er noch zwei Zugaben aus Sergej Rachmaninows reichem Schatz seiner 24 Präludien. Beide aus op. 32 von 1910, von herrlicher Sinnlichkeit und unglaublicher Farbigkeit. 

Giltburg bekam herzlichen und lang anhaltenden Applaus. Man wünscht ihn sich des Öfteren im Rhein-Main Gebiet.


 hr-Sinfonieorchester (Foto: H.boscaiolo)

Ergebnis der Selbstkritik

Die Fünfte Sinfonie hat Schostakowitsch während der Terrorjahre des Stalinismus geschrieben. War der Status der Kunst und Musik bis Anfang der 1930er Jahre noch absolut frei und gar auch westlich orientiert, so änderte sich das Mitte der 1930er Jahre. Die Einführung des „sozialistischen Realismus“ wollte die Kunst verständlicher gestaltet wissen und sich am Interesse der Arbeiterklasse orientieren. 

Tatsächlich geriet diese ideologische Kunst / Musikausrichtung zur absoluten Staatsdoktrin und entsprechend wurden Werke, die sich dem nicht beugten, entweder scharf kritisiert (dazu gehörte auch Schostakowitsch Oper Lady Macbeth von Mzensk, der man Chaos statt Musik unterstellte), oder die Werke wurden einfach ignoriert bzw. ihre Schöpfer aus dem Verkehr gezogen. Schostakowitsch Selbstkritik im Rahmen seiner Fünften ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.


Klassische Form – moderne Schärfe

Dass er dieses Werk entsprechend der „neuen Richtlinie“ komponierte ist allein daran zu erkennen, dass es frenetisch gefeiert wurde und zu den Vorzeigekompositionen des „sozialistischen Realismus“ zählte. 

Inwieweit der Komponist kritische Elemente einbaute, seinem Sarkasmus, seiner bekanntlich ausgeprägten Ironie freien Lauf ließ, sei dahingestellt. Jedenfalls besteht es aus einer Mischung klassischer Formen und moderner Schärfe, wobei Einflüsse von Beethoven, Mahler und Tschaikowski durchaus herauszuhören sind.


Dramatische Filmszenen

Gleich zu Beginn, der Satz ist schlicht mit Moderato gekennzeichnet, scheint tiefe Tragik zu herrschen (er beginnt mit den Kontrabässen und verbleibt zunächst in tiefer, düsterer Stimmung), die aber alsbald in einen marschmäßigen Rhythmus wechselt und zu massiven Ausbrüchen führt. Auffallend hier die motivischen Folgen, die lediglich in den einzelnen Instrumentengruppen variiert werden. 

Eine Sonatenhauptsatzform zwar, aber ohne typische Aufteilung in Exposition, Durchführung und Reprise, sondern eher in A-B-A Form, ohne allerdings liedhaft zu wirken. Großartig interpretiert vom hr-Sinfonieorchester und genial geleitet vom Dirigenten, Kahchun Wong, der gemeinsam mit dem Musikerinnen und Musikern die musikalischen Fortgänge wie in einem dramatischen Filmgeschehen inszenierte.

Ulrich Edelmann, Kahchun Wong, hr-Sinfonieorchester
(Foto: H.boscaiolo)
Bitterer Humor

Das Allegretto des zweiten Satzes könnte man als groteskes Scherzo, oder gar einen schrägen Walzer bezeichnen. Halb Tanz, halb Karikatur, voll bitterem Humor, wobei wieder die Transparenz der Instrumentenbehandlung auffällt. 

Schostakowitsch lässt Celli mit Flöten, Fagotte mit Kontrabässen, Geigen mit Bläsern dialogisieren, alles im dreiviertel Takt, der eher wie ein Soldatenmarsch durch die Häuserschluchten wirkt. Hier lässt Gustav Mahler grüßen, der Ähnliches in seiner Fünften und Sechsten kreiert.


Zum Weinen schön

Im Largo des dritten Satzes findet der Komponist sein emotionales Zentrum. Ohne jegliche Perkussion dominieren die Geigen mit langen Streicherklagen. Seufzermotive des Sologeigers, Ulrich Edelmann, und choralähnliche Passagen der Holzbläser schaffen eine Atmosphäre tiefer Trauer. 

Alles bewegt sich im piano oder pianissimo. Lange Tremoli im Flageolett lösen sich langsam in ein Celesta-Klavier-Harfen- und Glockenspiel auf, um dann in einem lang andauernden Orgelpunkt der Streicher im Morendo auszuhauchen. 

Angeblich sollen bei der Uraufführung, so erzählt man, viele der Zuhörer geweint haben. Tatsächlich war die Interpretation des hr-Sinfonieorchesters zum Weinen schön.

Kahchun Wong, hr-Sinfonieorchester (Foto: H.boscaiolo)

Martialischer Triumphzug

Das abschließende Allegro beginnt gleich martialisch und beendet abrupt die tiefe Emotionalität des Vorsatzes. Jetzt wird es rhythmisch pochend mit polyphonem Kontrapunkt, den Schostakowitsch bekanntlich perfekt beherrscht. Alle Instrumente greifen ineinander bei wechselnder Metrik und überlagernden Rhythmen. Zwischendurch eine kleine Schein-Erholung, die Hörner rufen zum Aufbruch und werden von den Geigen begleitet.

Dann aber folgt ein Triumphzug, der sich gewaschen hat. Mit unglaublicher Lautstärke, ausgedehnten Bordunklängen der Streicher und gewaltigen Blechbläser- und schrillen Holzbläser Einlagen, endet das Werk im vierfachen forte und acht gewaltigen Paukenschlägen. Wolkow vermeint hier den Zwang mit Knüppel zum Jubeln herauszuhören.

Kahchun Wong, hr-Sinfonieorchester (Foto: H.boscaiolo)

Pure Begeisterung

Kahchun Wong und das mitreißend musizierende hr-Sinfonieorchester jedenfalls hinterließen ein jubelndes und hellauf begeistertes Publikum, das stehende Ovationen bot und den Dirigenten vielmals auf die Bühne zurück klatschte. Keine Zugabe, dafür nur fröhliche Gesichter.



1 Kommentar:

  1. Die Zugaben sind korrekt angegeben. Habe selbst mit dem Pianisten gesprochen. Der Kritiker hat vermutlich den Donnerstag mit dem Freitag verwechselt.
    H.boscaiolo

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