Samstag, 30. Mai 2026

Internationale Maifestspiele 2026 in Wiesbaden

Maki Namekawa spielt Keith Jarretts Köln Concert 1975, Staatstheater Wiesbaden, 29.05.2026


Maki Namekawa (Foto: Andreas H. Bitesnich)

Vom Desaster zum Weltruhm

Das große Haus des Staatstheaters Wiesbaden war vollbesetzt, das Publikum gemischt, die Erwartung groß, denn viele konnten sich womöglich noch an das legendäre Köln Concert am 24. Januar 1975 erinnern, als Keith Jarrett (*1945), damals gerade einmal 29 Jahre alt, unter desaströsen Umständen dennoch bereit war, sein Solokonzert in der vollbesetzten Kölner Oper zu geben.

Was war geschehen? Statt des erwartete Bösendorfer Imperial Flügels stand lediglich ein verstimmter Stutzflügel (Firma unbekannt) zur Verfügung. Jarrett weigerte sich, darauf zu spielen und nur die Überredungskunst der damals 18-jährigen Veranstalterin, Vera Brandes, machte die Aufführung möglich, allerdings mit der Bemerkung des Künstlers: „Okay, I´ll play for you. But never forget – just for you!“


Den Zeitgeist treffen

Dass aus diesem beinahe Desaster der große Durchbruch des Pianisten werden sollte, das Publikum die 66 Minuten Improvisation des Künstlers mit Begeisterung goutierte, der Mitschnitt sich mehr als 3,5 Millionenfach verkaufte und die bei EMC veröffentlichte Jazz-Soloaufnahme die bis heute meistverkaufte Solo-Klavierplatte ist, das konnte niemand voraussehen.

Warum das? Es war offensichtlich der Zeitgeist, den Keith Jarrett traf. Das Konzert enthielt alles, was die New-Wave-Generation liebte zu hören: Jazz, Blues, Gospel, Minimal Music, meditative Patterns, House und vor allem viel Emotion und Seele, die Jarrett quasi im Blut hatte. Allein sein Auftreten faszinierte und seine Spielweise, die zwischen den Stilen changierte, aber mit organischem Spannungsbogen, klassischen Rückgriffen, Überraschungen und ausnehmend schönen Improvisationen, begeisterte.


Maki Namekawa (Foto: Website)

Überraschungen – Risiken – Spannungen

Wie gesagt, klassische Musikformen wechselten mit Jazztradition, Gospelelementen und minimalistischen wie rhythmischen Überraschungsmomenten. 

Kurz zusammengefasst: Seine stilistische Mischung wie sein risikoreiches Spiel (nie weiß man, wohin ihn seine Ideen führen) machen es schwer, ihn imitieren oder kopieren zu wollen. 

Dennoch versuchten und versuchen es viele Pianisten, aber, so der Künstler selbst, ohne die Oberfläche seiner Musiksprache zu verlassen. Seine Kritik: Man habe aus diesem höchst spannungsgeladenen und emotionalen Konzert schlicht „eine Art Wohlfühlästhetik“ gemacht.


Transparenz – klare Aussage

Kommen wir an dieser Stelle zur Solopianistin Maki Namekawa (*1969). Die aus Japan stammende und international vielfach ausgezeichnete Pianistin möchte einen anderen Weg als die meisten Jarrett-Epigonen gehen.

Sie hält sich zwar an die tatsächlich vorhandene Partitur (Namekawa spielte nach Noten), versucht aber, entsprechend ihrer persönlichen wie musikalischen Herkunft, rhythmische wie klangliche Besonderheiten herauszuarbeiten. So benutzt sie neben der asiatischen Pentatonik vor allem auch komplexe Rhythmen aus der Minimal Music, die vor allem an diejenige von Philip Glass (*1937) angelehnt sind. 

Als dessen Freundin spielt sie nicht nur seine Werke, sondern hat wohl seine letzten Klavierkompositionen (Piano Sonata, 2019, M-Concerto for piano and orchestra, 2023) auch uraufgeführt. 

So baut sie in das vierteilige Werk, bestehend aus Part I, Part IIa, Part IIb und Part IIc, viele dieser Elemente ein, wobei sie großen Wert auf Transparenz und klare Aussage legt.


Pentatonik und modale Skalen

In diesem Sinne dehnt sie Part I, den längsten und dramatischen Abschnitt, zwar bis 25 Minuten aus, benutzt, wie vom Komponisten vorgesehen, die ostinaten Bassfiguren (wechselnde a- und g-Moll Akkordbrechungen), die Gospel Einlagen sowie die rhythmischen Steigerungen, baut aber dazu Elemente der Pentatonik mit den entsprechenden modalen Skalen ein. 

Das macht den Abschnitt zwar abwechslungsreicher, aber nicht unbedingt spannungsgeladener.

Tatsächlich ist ihr Spiel sehr kontrolliert, um nicht zu sagen von Bachscher Sachlichkeit. Auch sind die improvisatorischen Abschnitte, von denen es vor allem in Part I viele gibt, eher von figurativer Ausschmückung als von Intuition und tiefer Kontemplation geprägt.


Maki Namekawa (Foto: Andrea H. Bitesnich)

Ganz im Sinne des New Age

Es gibt zaghaften Applaus, den die Pianistin, die in schlichtem japanischen Outfit gekleidet ist, gerne annimmt. Die Teile IIa und IIb gehen fließend ineinander über und dauern etwa eine halbe Stunde. 

So beginnt IIa liedhafter und melodischer. Hier scheint Philip Glass Ideengeber zu sein. Während die linke Hand einen fließenden Impuls erzeugt, singt die rechte Hand in langen, ausgedehnten Linien. 

Hier ist die Pianistin voll in ihrem Element. Sie spielt sehr transparent, gibt mitunter den Rhythmus durch Fußklopfen vor, und macht durchaus deutlich, dass gerade dieser Part in der New-Age-Bewegung der 1970er Jahre sehr gut ankam, denn er wurde von Ambient-Pianisten (Stichwort Brian Eno) gerne aufgegriffen.


Perkussive Schärfe – impressionistische Akkordik

Quasi attacca geht es in Part IIb. Er bildet im klassischen Sinne ein Scherzo ab, energetisch scharf mit einem trioartigen Intermezzo. 

Vor allem das Intermezzo muss hier hervorgehoben werden. Eine Folge von Akkorden mit impressionistischem Einschlag. Vieles erinnert an Ravels hochkomplexe raffinierte Harmonik mit jazzartigen Elementen, aber auch an die Pagodes von Claude Debussy. 

Maki Namekawa kann vor allem in diesem Teil überzeugen, liegen ihr doch die weichen, flirrenden, schwebenden und offenen Akkordpassagen, die sie ebenfalls mit pentatonischer Modalität bereichert. Ein refrainartiger Rückgriff auf den Anfang lässt noch einmal die Schärfe und Perkussivität des Scherzos aufblitzen und endet in einer langen Coda harfenähnlicher Glissandi. 

Auch hier zunächst zaghafter Applaus, aber schon etwas mutiger als zuvor.


Epilog der Einkehr

Die letzten knapp 10 Minuten des Part IIc kann man getrost als Epilog bezeichnen. Die Musik beruhigt sich. 

Ein wenig Bebop, gepaart mit langen Improvisationen, aber auch mit einfachen Patterns, die vor allem die Hippies der 1970er begeisterten. Eine langsame innere Einkehr setzt ein, die Pianistin versinkt sukzessive in tiefe Ruhe und Melancholie.

Maki Namekawa (Foto: H.boscaiolo)



Erfrischend sachlich

Der Beifall setzt nach einer gedanklichen Pause ein, wird laut und lauter, aber nicht frenetisch. Die Pianistin muss viele Male zurück zur Bühne. 

Maki Namekawa ist eine bescheidene Künstlerin an den Tasten. Ihr Spiel ist erfrischend transparent, gleichzeitig aber auch sehr sachlich und irgendwie auch architektonisch konstruiert. Natürlich möchte sie niemals Keith Jarrett imitieren, seine Emotionen teilen.

Maki Namekawa (Foto: Bernhard Holub)

Der Partitur ihr eigenes Leben einhauchen

Nein, Maki Namekawa ist sie selbst auf der Bühne, keine Nachahmerin oder „Oberflächenproduzentin“. Sie versucht, in die Partitur des Künstlers neues, eigenes, ihr ganz spezielles Leben zu hauchen, was ihr allerdings nur bedingt gelingt, denn Jarretts Köln Concert ist und bleibt ein Unikat. 

Sie spielte, das sei an dieser Stelle vermerkt, eine vom Keith Jarrett autorisierte Fassung und soll sich intensiv mit ihm abgesprochen haben. Ihre Auftritte heißt es, erregten Aufsehen bei internationalen Festivals (siehe Programm). Wer allerdings Keith Jarrett erlebt und gehört hat, kann dem leider nur geringe Bedeutung beimessen. Revivals sind selten besser als das Original.

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