39. Rheingau Musik Festival 2026
2. Eröffnungskonzert mit dem hr-Sinfonieorchester (musikalische Leitung: Alain Altinoglu) und Hayato Sumino (Klavier), Kurhaus Wiesbaden, 21.06.2026
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester alle Fotos: Ansgar Klostermann |
Große Erwartungen – epochemachende Werke
Das 39. Rheingau Musik Festival ist eröffnet. Bei schwülem gewittrigen Wetter, allerdings gut klimatisiertem und vollbesetztem Friedrich-von Thiersch-Saal, hatte das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung ihres Chefs Alain Altinoglu ein Programm im Gepäck, das aufs Beste mit dem Ambiente harmonierte und die Erwartungen an den Konzertabend hochschraubte.
Gleich drei Werke waren es, die die musikalische Welt verändern und beeinflussen sollten:
Zunächst die Polowetzer Tänze aus der Oper „Fürst Igor“ in der Konzertfassung von Alexander Borodin (1833-1887), eine Tanzsuite, die zu den einflussreichsten Orchesterszenen des 19. Jahrhunderts gehört, dann das Klavierkonzert Nr. 2 op.18 (1901) von Sergej Rachmaninow (1873-1943), ein Werk, das ihn nicht nur aus seiner tiefen Depression befreite, sondern auch zu seinem internationalen Durchbruch verhalf, und schließlich die „Enigma Variationen“ oder besser die Variations on an Original Theme for Orchestra op.36 von Edward Elgar (1857-1934), mit dem nicht allein die englische Nationalmusik nach Henry Purcell neu geboren, sondern auch Elgars große Karriere eingeleitet wurde.
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester |
Energie – Farbenreichtum – orientalisches Flair
Aber gehen wir ins Detail.
Zunächst die Polowetzer Tänze. Bekanntlich sind die Polowetzer Tänze von Alexander Borodin Teil der Oper Fürst Igor, an der der Komponist 18 Jahre lang laborierte, sie aber nie zu Ende brachte. Das gelang seinen Freunden Nikolai Rimski Korsakow und Alexander Glasunow aus dem russischen „mächtigen Häuflein“ drei Jahre nach seinem Ableben im Jahre 1890.
Die Polowetzer Tänze allerdings gingen eigene Wege. Als Abschluss des zweiten Aktes gedacht, avancierten sie frühzeitig zu einer eigenen Suite (uraufgeführt 1909) und gehören bis heute zu den berühmtesten Ballettnummern des 19. Jahrhunderts.
Charakteristisch für sie sind ihre starke energetische Wirkung voller Farbenreichtum und orientalisch konnotierter Orchestrierung. Das riesige Orchester mit fünf Perkussionisten und vierfach besetzten Blechbläsern wechselt zwischen wilden, ekstatischen Tänzen (durchweg ohne folkloristische Vorbilder) und sinnlichen wie lyrischen Melodielinien.
Insgesamt sind es sieben Tänze in vier Abschnitte unterteilt, darunter die Tänze der Polowetzer Mädchen, der wilde Tanz der Männer, beide gleich zweimal, sowie der Tanz der Knaben und zwei allgemeine Tänze. (Die Polowetzer, auch Kumanen genannt, waren ein nomadisches Turkvolk zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert)
Ein Ohrwurm par excellence
Eindrucksvoll ist der Kontrast zwischen den lyrischen fast schwebenden Mädchentänzen und den rhythmisch scharfen Männertänzen, die schließlich in einen mitreißenden Schlusstanz münden.
Das hr-Sinfonieorchester scheint noch etwas unter der schwülen Hitze zu leiden, die zumindest draußen bei heftigem Gewitter herrscht. Man kennt die eingängigen Melodien, die bereits in etlichen Musicals, Songs und Balletten ihren Niederschlag gefunden haben.
Bemerkenswert an dieser Stelle vielleicht, dass Noten aus der Musicalpartitur Anastasia das Grabmal des Komponisten zieren und während der olympischen Winterspiel im russischen Sotschi, 2014, das Hauptthema der Suite zur Eröffnungsfeier gespielt wurde. Am gestrigen Konzertabend konnte es nur besser werden.
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester |
Ein unbedingtes Muss
Hayato Sumino (*1995) ist kein Unbekannter mehr, hat er doch beim letzten RMF 2025 im Laiendormitorium des Klosters Eberbach das Publikum von den Stühlen gerissen. In diesem Jahr ist er Artist in Residenz und präsentiert in unterschiedlichen Formationen sieben Mal seine außergewöhnliche Musikalität und seine technische Versiertheit auf dem Piano.
Im Eröffnungskonzert hatte er das zweite Klavierkonzert op.18 von Sergej Rachmaninow mitgebracht, ein Werk, das nicht allein den Durchbruch des Komponisten und genialen Pianisten ermöglichte, sondern auch für junge Tastenkünstler ein unbedingtes Muss ist. Warum das?
Krisenwerk – Wiedergeburt
Das dreisätzige Werk von gut 35 Minuten Dauer ist das Ergebnis einer tief sitzenden Krise des Künstlers. Drei Jahre zuvor ist seine erste Sinfonie völlig in die Hose gegangen, was ihn tief verletzte. Er musste sich in psychiatrische Behandlung begeben, aus der er drei Jahre später gestärkt entlassen wurde, um in wenigen Wochen dieses Klavierwerk zu produzieren.
Ein Krisenwerk wie ein Werk der Wiedergeburt ist es allemal, besteht es doch aus wunderbaren Melodien, technischen Finessen fürs Piano und unglaublicher sinfonischer Kraft des Orchesters. Eine Komposition, die sowohl an das Orchester wie auch an den Solisten größte Anforderungen stellt. Die Uraufführung am 09. November 1901 spielte Rachmaninow selbst, unter der Leitung seines Cousins Alexander Siloti, und es wurde gleich zum absoluten Hit erklärt.
Das Konzert begründete seinen Ruf als einer der bedeutendsten Klavierkonzert Komponisten seiner Zeit, steht es doch zwischen der romantischen Tradition eines Peter Tschaikowski und der hoch virtuosen Klavierkunst eines Franz Liszt.
| Hayato Sumino, Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester |
Teil des sinfonischen Ganzen
Tatsächlich ist es eher sinfonisch gestaltet, das heißt, das Klavier ist nicht gegen, sondern als Teil eines großen sinfonischen Ganzen zu betrachten.
Hayato Sumino, in edlem Schwarz mit Fliege gekleidet, verstand es gleich zu Anfang, mit acht mächtigen Klavierakkorden, die wie Glockenklänge aus die Tiefe steigen, seine energetische, vorwärtsdrängende Kraft zu demonstrieren. Eine gewaltige Spannung allerdings zum zweiten Thema, das von ihm sehr gesanglich und voller Wärme gespielt wurde. Leider begleitet von einem viel zu lauten Orchester.
Der Schluss des Satzes von ausnehmend symphonischer Wucht ließ denn wieder einmal das Publikum in Klatschorgien verfallen, absolut störend, aber leider immer üblicher geworden in den Konzertsälen.
Wie Filmmusik
Das Adagio sostenuto des zweiten Satzes, in E-Dur geschrieben, besteht aus traumartiger Ruhe, langen Bögen und subtiler Harmonik. Eher kammermusikalisch gefasst, denn hier dialogisiert der Solist mit einzelnen Instrumenten und Interessentengruppen.
Sumino übernimmt jetzt quasi die Orchesterführung, hält er doch Sicht und Kommunikationskontakt mit den einzelnen Spielern, was dem Werk eine besondere Note erteilt.
Man spürt bereits die Affinität zur Filmmusik. Wurde doch die Thematik des zweiten Satzes in diverse Filmmusiken adaptiert und von so bekannten Schauspielerinnen und Sängerinnen wie Greta Garbo, Marilyn Monroe und Elizabeth Taylor bevorzugt. Die drei Damen hätten ihre Freude an Suminos Interpretation gehabt.
| Hayato Sumino, Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester |
Leidenschaft eines Twen
Der Finalsatz beginnt scheinbar ruhig und gelassen, mündet aber alsbald in eines der berühmtesten Themen der Konzertliteratur. Ein leidenschaftlicher Ausbruch eines Twen, der vor Kraft strotzt und doch zwischen Drama, Wahnsinn und Liebe hin und her schwankt.
Interessant dabei ist, das viele Motive wiederkehren und den Eindruck einer zusammenhängenden Erzählung vermitteln. Man könnte in diesem Sinne die drei Sätze auch mit Krise und Aufbruch, innere Einkehr und persönliche Befreiung überschreiben.
Hayato Sumino konnte zwar wenig mit dem Orchester kommunizieren, dazu ließ ihm Alain Altinoglu, der fast ausschließlich mit seinem Klangkörper beschäftigt war, keinen oder wenig Raum, auch spielte das hr-Sinfonieorchester in weiten Teilen viel zu laut und übertönte die virtuosen und lyrischen Passagen oft in unangemessener Weise. Ein altes Problem des hr-Sinfonieorchesters und seinem Chefdirigenten.
| Hayato Sumino, hr-Sinfonieorchester |
Ästhetisches Prinzip des: Sowohl – als auch
Hayato Sumino, seinesgleichen im Jahre 2020 mit dem Master der Ingenieurswissenschaften gekürt, an Forschungsarbeiten am Pariser IRCAM tätigt, vielfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter gleich zwei OPUS KLASSIK Preisen aus dem Jahre 2025, ist scheinbar offen für alles, gehört er doch zur Generation YouTube und erfreut sich dort eines Mehr-millionenfachen-Klick Publikums.
Er ist „neugierig auf jede Art von Klang“, meint er im Interview mit Franziska Jung vom RMF. Und sie schreibt weiter: „Hayato Sumino ist ein ganz besonderer Künstler. Einer, der sich auf den Weg macht, weit mehr als ein weiterer Virtuose der Szene zu sein. Denn in seiner Welt hat er das ,Entweder – oder` längst durch das ,Sowohl – als auch` ersetzt und diese neue Form der Offenheit zu seinem ästhetischen Prinzip werden lassen.“
Sumino gab denn auch eine entsprechende Zugabe. Das Thema nahm er aus Mozarts reichhaltigem Variationsschatz: Ah! Vous dirai-je Maman KV265 (besser bekannt als: Morgen kommt der Weihnachtsmann) und baute darauf eigene Variationen auf, die Epochen und Stile zusammenführten, vom Barock bis zum Modern Jazz, von Ravel, Debussy, Liszt, Chopin bis zum Bebop eines Charlie Parker und Thelonious Monk, alles drin. Hayato Sumino gehört nicht von ungefähr zu den dreißig besten Pianisten auf dem Globus.
| Hayato Sumino, hr-Sinfonieorchester |
Charakterisieren und Portraitieren
Nach langer Pause schließt das Eröffnungskonzert mit Edward Elgars „Enigma Variationen“ op. 36 (1899). Ein Rätsel in jeder Beziehung, beinhalten die vierzehn Variationen doch jeweils das
Portrait einer realen Person, quasi eine Charakterisierung ihrer Persönlichkeit, sowie ein ungelöstes Thema, das über allen Variationen steht, ein Thema, dessen Herkunft bis heute allerdings nicht geklärt ist.
Gleich zu Beginn die Charakterisierung seiner Frau Alice, warm, liebevoll, zärtlich. Dann folgt sein Freund Hew David Steuart-Powel (H.D.S-P.), in Erinnerung an gemeinsame Kammermusikabende mit schnellen kontrapunktischen Klavierfiguren orchestral imitiert.
Richard Baxter Townsend (R.B.T.), die dritte Variation, ist eine humorvolle Charakterstudie eines exzentrischen Amateur-Schauspielers, und William Meath Baker (W.M.B.), die Vierte, eine kurze geschäftige Sechsachtel-Piece, voller Eile und Nervosität.
Und so geht es weiter. Zu nennen wären noch die Siebente Troyte nach Arthur Troyte Griffith, eine stürmische fast chaotische Variation über einen Freund von geringer pianistischer Qualität aber mit unglaublichem Temperament ausgestattet.
Dann die Neunte, Nimrod überschrieben. Sie wird als das Kernstück des Werkes betrachtet. Sie schildert ein Gespräch zwischen Elgar und August Jäger über Kunst und Lebenskrisen. Sehr homophon mit Horn und Posaunenbegleitung, einem Choral ähnlich.
Die 10. Variation, betitelt mit Dorabella, gemeint ist Dora Penny, ist leichtgängig mit stotternden Bewegungsmustern gestaltet. Dora scheint Sprechprobleme gehabt zu haben.
Die dreizehnte Variation (***) Romanze. Moderato ist vermutlich Lady Mary Lygon gewidmet. Sie gehört zu den geheimnisvollsten, verschleiert Elgar doch bewusst ihre Identität und drückt das musikalisch durch schwebende Harmonien und eine düster Atmosphäre aus.
Triumphal – selbstbewusst – brillant
Die letzte Variation gehört dem Komponisten selbst. E.D.U. ist sein Kosename, taucht immer mal wieder in den anderen Variationen auf, sagt aber nichts über ihn, aber indirekt doch alles über ihn aus, denn es ist triumphal, selbstbewusst angelegt, äußerst virtuos gestaltet und erinnert doch fatal an seinen Pomp and circumstance March, den er allerdings erst ein Jahr später aus der Taufe hebt. Sei´ s drum.
Elgar schrieb die Enigma Variationen in einer Zeit der Erfolglosigkeit und der wachsenden Kritik an seiner Person als Komponisten.
Bezeichnend die Feststellung nach der Uraufführung im Jahre 1899 im Rahmen des Worcester Three Choirs Festival in London: „Dieser Mangel wurde nun durch das Hinzufügen eines brillanten Finales zur letzten Variation behoben … Die Schlussakkorde beeinflussen maßgeblich das Urteil des Zuhörers … und tragen entscheidend zur Bedeutung dieses meisterhaften und ansprechenden Werkes bei.“ (aus: Das Worcester Festival, The Referee, 17. Sept.1899, S. 4)
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester |
Schalk im Nacken
Tatsächlich ragt die Schlussvariation absolut heraus, was auch das hr-Sinfonieorchester perfekt realisierte. Ein Abschluss, der es in sich hatte. Viele ungelöste Rätsel, dabei viel Humor, Ironie und typischer englischer Witz.
Elgar, so sagt man, habe den Schalk im Nacken gehabt. Er sei nie in Sentimentalität versunken und habe gerade mit dieser Musik die Herzen der Briten auf einzigartige Weise erobert. Noch heute gelten sie von daher als eines der bedeutendsten Werke der britischen Musikgeschichte.
| hr-Sinfonieorchester (Foto: Ben Knabe) |
Eröffnung mit Gewitterdonner
Die Vorstellung des hr-Sinfonieorchesters unter den Händen von Alain Altinoglu konnte weitgehend überzeugen. Es fehlten allerdings mitunter die besonderen kleinteiligen, wesentlichen rätselhaften Charaktermomente in der Interpretation. Die Oberfläche dominierte gegenüber dem Tiefgründigen.
Dem Publikum allerdings gefiel es, und das ist die Hauptsache. Ein Einstieg in die folgenden nahezu 160 Veranstaltungen bis zum September zwischen Begeisterung und Gewitterdonner. Mal sehen.
Zur Empfehlung vorgeschlagen: Das Eröffnungskonzert wird im Rahmen des ARTE-Projekts "europiano - Die schönsten Klavierkonzerte aus Europa" am 21.06. um 22.15 in ARTE übertragen. Für Liebhaber durchaus empfehlenswert, auch später noch.
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