39.Rheingau Musik Festival 2026
Music, Be Joyful! Voces8, Kammerchor der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK), Cappella Academica Frankfurt (musikalische Leitung: Barnaby Smith und Florian Lohmann), Basilika des Klosters Eberbach, 24.06.2026
| Kammerchor der HfMDK, Cappella Academica Frankfurt, Voces8 alle Fotos: Ansgar Klostermann |
Spot on: United Kingdom
Der Programmtitel Music Be Joyful! des Konzertabends in der vollbesetzten Basilika des Klosters Eberbach spricht Bände, ist damit doch im eigentlichen Sinne die Heilige Cäcilia gemeint, bekannt als die Schutzpatronin der Musik, der die vorgestellten Werke gewidmet waren.
Über Cäcilia ist wenig bekannt, außer der Annahme, dass sie aufgrund ihres christlichen Glaubens und ihrer Liebe zur Musik den Märtyrertod gestorben ist und vor allem (was ebenfalls Schwerpunkt des Konzerts sein sollte) in Großbritannien (Stichwort: Spot on: United Kingdom) besondere Verehrung erfährt.
| Kammerchor der HfMDK, Cappella Academica Frankfurt, Voces8 |
Die Macht der Musik
Ein großes Aufgebot an Amateuren, Studenten und Profis besetzte die Bühne der Basilika, darunter ca. 40 Sängerinnen und Sänger des Kammerchors der HfMDK, 36 Instrumentalisten der Cappella Academica Frankfurt (auf barocken Instrumenten) sowie Voces8, ein im Rhein Main Gebiet bereits bekanntes und beliebtes Gesangsoktett von der Insel, das 2005 in London unter anderem von Barnaby Smith gegründet wurde und bis heute auch geleitet wird.
Eine Huldigung an die Musik
Dieses gewaltige Trio hatte drei Werke von Henry Purcell (1659- 1695) und eines von Benjamin Britten (1913-1976) dabei, alles Lobeshymnen auf die verehrte Heilige. Nein, nicht ganz korrekt. Auch ein Vokalwerk Henry Purcells zur Krönung des Königs James II. am 23. April 1685 war darunter und kam sogleich zur Aufführung.
Eine Huldigungshymne im französischen Stil von ausgesprochenem Glanz. Ein Anthem mit Psalmtexten für Chor, Streicher und Basso Continuo (BC) in vier Abschnitten, die Purcells frühe Meisterschaft der Kompositionskunst belegen. Zwischen würdevollen Passagen, festlichen Deklamationen, reichhaltiger aber nie überladener Harmonik, und vor allem sprachlich am Text orientierte Melodieführung ist alles schon beim 25-Jährigen vorhanden.
Natürlich dominieren die perfekten Sänger von Voces8, darunter Savannah Porter und Eleonore Poignant (Sopran), aber auch Christoph Moore (Bariton) und Dominic Carver (Bass), aber auch der Chor hat beste Stimmen und ist in allen Stimmlagen nahezu gleichwertig besetzt. Im Klangraum der Basilika konnten sie zusammen mit dem Orchester, das leider zunächst nicht recht zur Geltung kam, die fantastische Musik zwischen Homophonie und Kontrapunktik zu feierlicher, ja sakraler Würde verhelfen. Ein Einstieg nach Maß, der allerdings keine ellenlange Vorrede von Barnaby Smith, der die ersten beide Werke auch dirigierte, gebraucht hätte.
| vorne stehend: Florian Lohmann, Voces8 |
Vollkommenste Chormusik
Es folgte von Benjamin Britten Hymn to St. Cecilia op. 27 (1941/42), ein grandioses a-cappella Werk, das man zu Brittens Vollkommensten zählen kann. Er vertont in dieser 11-minütigen Ode Texte seines Freundes W. H. Auden, und betrachtet sie bewusst in der Tradition der Cäcilia-Oden von Henry Purcell. Dazu kommt noch, dass er er am selben Tag wie die Heilige Cäcilia Geburtstag hat, nämlich am 22. November.
Britten schrieb es während sein USA Aufenthalts 1941, musste die Partitur bei seiner Heimreise an der Zollkontrolle abgeben, da man darin geheime Formeln (es herrscht Krieg) vermutete. Also schrieb er sie aus dem Kopf neu und beendete die Komposition 1942 für gemischten Chor, dreiteilig, und mit einzelnen solistischen Einlagen. In diesem Werk wird Cäcilia selbst zur Sängerin und Musikerin.
Beschwörung – Nervosität – entrückte Ruhe
Auch Britten versteht es, textbezogen wie Purcell zu komponieren, was ihm ausgezeichnet gelingt, Herausragend dabei seine Refrains Blessed Cecilia, appear in visions, wo die Musik stillzustehen scheint, ein Beschwörungspart par excellence.
Ebenso bemerkenswert der Teil II, eine Art Scherzo mit fugatoartigen Imitationen. Hier sprechen rätselhafte Stimmen in unterschiedlichen Nuancen. Nervosität beherrscht dieses Abschnitt, in dem erst am Schluss durch den Refrain wieder Ruhe einkehrt.
Im dritten und Schlussteil wechseln solistische Stimmen bei Imitation der Instrumente. Ein klassischer Cantus firmus herrscht hier vor, in dem Voces8 mit Eleonora Poignant, Blake Morgan (Tenor), Dominic Carver, und Katie Jeffries Harris (Alt) besonders hervortreten.
Alle widerspiegeln ganz eigene Charaktere und werden dabei hervorragend durch den Chor ergänzt.
Der Schlussrefrain wiederum gehört zu den ergreifendsten der Chorliteratur überhaupt. Die Musik sinkt in tiefere Register, die Energie schwindet und zurück bleibt eine Atmosphäre entrückter Ruhe. Alles so geschehen und von allen Teilnehmern wunderbar realisiert.
| vorne stehend: Florian Lohmann, links von ihm: Barnaby Smith, Voces8, Ensemblemitglieder der HfMDK |
Eröffnung des Festes nach Maß
Ab jetzt wechseln die Dirigenten. Florian Lohmann übernimmt die Leitung. Er ist seit 2019 Professor für Chorleitung an der HfMDK und kennt die Sänger, aber auch die Instrumentalisten der Cappella Academica bestens, was man auch sofort am musikalischen Ausdruck erfährt. Alles wird dynamischer, lebendiger und entsprechend auch more „Joyful“ für den Hörer.
Zunächst Purcells Ode for Cecilia´s Day 1683 „Welcome to all pleasures“ Z 339 (1683). Diese Ode ist zwei Jahre älter als sein Krönungshymnus. Er war kaum 24 Jahre alt, als er das Auftragswerk für die Aufführung in London am 22. November 1683, dem Gedenktag der Heiligen, von der The Musical Society erhielt.
Nach einem Text von Christopher Fishburn, der sowohl Cäcilia, als auch die Musik im Allgemeinen preist, schuf Purcell ein harmonisches Meisterwerk für Chor, Streicher, BC und Solisten, das sogleich gedruckt und vielfach weiter aufgeführt wurde, eine absolute Seltenheit im damaligen United Kingdom.
In acht Abschnitte aufgeteilt wird es durch eine gewaltige fünfteilige Symphony eingeleitet, in getragenem Ernst und triumphalen Zwischenstücken. Ein Auftakt, der dem Anspruch des musikalischen Festes absolut gerecht wurde.
| vorne stehend: Florian Lohmann, Kammerchor der HfMDK, Cappella Academica Frankfurt |
Ein Kunstwerk im Kunstwerk
Gleich der erste Chorsatz gibt das Hauptthema vor: Welcome to all Pleasures that delight („Willkommen zu all den Freunden, die begeistern …“). Alles wirkt hell, festlich und tänzerisch. Gleich als Nächstes folgt die wohl bekannteste Nummer dieses Werkes: Here the Deities Approve (Hier ergötzen sich die Gottheiten). Barnaby Smith singt mit Counterfalsett gegen die Bassfiguren des Accompagnato mit BC an, eine fast hypnotische Ruhe ausstrahlend. Ein Meisterwerk der Gesangskunst.
Es folgen die himmlische Freuden mit dem Trio Dominic Carver, Katie Jeffries-Harris und Christopher Moore, eine Musik mit Blick zum Himmel. Dann, nach einem Zwischenspiel des Ensemble, folgt Then lift up your voices (Dann erhebt eure Stimmen), wo Solisten und Chor in einen Dialog treten.
Nach dem instrumentalen Zwischenspiel, das einen Moment der Sammlung schafft, folgt eine der poetischsten Nummern überhaupt: Beauty, thou scene of love (Schönheit, du Schauplatz der Liebe) mit kantabler Melodik, von Blake Morgan (Tenor) wunderbar interpretiert und Accompagnato mit Theorbe, Orgel und Viola da Gamba perfekt begleitet. Hier hört man bereits den Opernkomponisten von Dido and Aeneas heraus.
Die Schlussnummer: In a consort of voices while the instruments play, fasst noch einmal die Idee der Ode zusammen. Sie besteht aus kontrapunktischen Verschiebungen, Imitationen und fugatoartigen Passagen. Alle Sänger sind absolut gefordert. Ein Kunstwerk im Kunstwerk, das vor allem der Chor blendend zu realisieren versteht.
Ein Hammer der Barockmusik
Nach einer langen Pause bei schwül-heißem Wetter noch einmal Purcell mit der zweiten Ode an St. Cecilia´s Day 1692 „Hail! Bright Cecilia (Heil Dir, strahlende Cäcilia), nach einem Text von Nicholas Brady. Ein gut 50-minütiger Hammer, ein Oratorium, eine Oper, was auch immer. Ohne Zweifel aber sein Meisterwerk neben seiner Oper Dido and Aeneas.
Ähnlich wie sein Vorgänger ist es für Chor, Solisten, Orchester und Basso continuo geschrieben, nur in größerem Ausmaße (darunter zwei Barocktrompeten, zwei Oboen d´amore, zwei Violonen, Orgel, Pauke und zwei Blockflöten. In 13 Abschnitte unterteilt wird es mit Symphonischem Einstieg (Symphony) und abschließendem Full Chorus klammerartig zusammengehalten.
| v. l. stehend: Barnaby Smith, Florian Lohmann, Euan Williamson, Christopher Moore |
Ein Klangkunstwerk
Gleich zu Beginn eine fünfteilige Ouvertüre in Rondomanier, man könnte auch von italienischem Stil sprechen, die Ursprungsthematik kehrt nach melodischen und musikalischen Ausflügen immer wieder zurück. Überhaupt ist diese Ode von außerordentlicher Besonderheit: Sie vermischt kongenial italienische Expressivität mit französischer Eleganz und englischer Chorkunst.
Purcell lässt den Gesang und die musikalische Begleitung in einer Art barocker Affektenlehre und musikalischer Rhetorik zusammenführen und erreicht damit neben Transparenz, auch ausgesprochene Sprachmelodie und kontrapunktische Vielfalt.
Zwar erzählt das Werk keine Handlung (wie in der Oper oder dem Oratorium), vermittelt dafür aber eine Betrachtung über die Wirkung verschiedener Klänge im Kontext von Gesang und Instrument.
Musikalisches Farbenspiel
Das bedeutet, der Hörer wird mit Stimme, Instrument und Accompagnato Begleitung in den Sog des Klangs und des musikalischen Farbenspiels hineingezogen. So geschehen in den diversen Duetten, Soli und Trios, die immer mit Blockflöten (Hark, each tree / Hört jeder Baum, 3), mit Violine (The Airy violin / die luftige Violine, 8) oder mit Trompete und Pauke (The fife and the harmony / Die Pfeife und die ganze Harmonie) einhergehen.
Hier zeigt sich wieder einmal Voces8 von seiner besten Seite. Herausragend wohl der Bariton Christopher Moore in Wondrous machine (Wunderbare Maschine, 7) begleitet und ergänzt durch trällernde Theorbe-Klänge, Orgel und trefflichem (BC) Accompagnato.
Sehr gelungen auch das Trio im sechsten Abschnitt (With that sublime celestial lay / mit erhabenen himmlischen Gesang) mit Barnaby Smith, Katie Jeffries-Harris und Christopher Moore, begleitet von einem wunderbaren Accompagnato von Theorbe, Cembalo, Viola da Gamba und Violonen.
| v. l. stehend: Savannah Porter, Eleonora Poignant, Florian Lohmann, Christopher Moore |
Festliche Pracht – apotheotischer Jubel
Weniger dagegen das Alto solo von Barnaby Smith in The fife and all the harmony, ein überaus komplexer, von Koloraturen durchzogener Abschnitt mit fanfarenartigen Trompeten und Pauken-Passagen. Hier glitt die Stimme ein wenig ins Jenseits und ward nicht mehr zu hören. Eine klangliche Grenzüberschreitung zu Lasten des Gesangs.
Wunderbar dagegen das folgende Duett zwischen Dominic Carver und Christopher Moore in Let these among themselves contest / Lass sie untereinander wetteifern (12), wo beide prächtig harmonieren und ihren Schlussrefrain allein sechs Mal in wachsendem espressivo wiederholen, entsprechend vom Accompagnato begleitet.
Eine gelungene Einleitung zum Schlusschor, worin der Anfangsgedanke aus der Ouvertüre wieder zurückkehrt. Hier ist der Chor wie auch das Ensemble dominant. Ein Apotheose pur, eine festliche Pracht mit jubelnder Klangwirkung.
| Kammerchor der HfMDK, Cappella Academica Frankfurt, Voces8 |
„Music, Be Joyful!“
Eine wunderbarer Schluss, der sowohl vom Kammerchor der HfMDK wie auch der Cappella Academica Frankfurt hervorragend realisiert wurde. Dank auch eines wirklich gut agierenden Dirigenten, Florian Lohmann, einer perfekt harmonierenden Voces8 A-cappella Company und einer gelungenen Auswahl an Kompositionen, die sowohl einen Einblick in die Verehrung der Heiligen Cäcilia wie auch die britische Art dies musikalische und textlich zu fassen ermöglichte.
Ein Konzertabend, der dem Motto: Music, Be Joyful! durchaus gerecht wurde, was die stehenden Ovationen auf Seiten des Publikums trefflich dokumentiert.
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