Sonntag, 7. Juni 2026

Alexander Malofeev, Klavierrezital, Alte Oper Frankfurt, 06.06.2026

Alexander Malofeev (Foto: Carolin Windel)

Genie und Wahnsinn

Alexander Malofeevs (*2001) Klavierrezital im Fürst Metternich Saal auf Schloss Johannisberg im Rahmen des Rheingau Musik Festivals am 03.September 2025 ist den Besuchern noch in bester Erinnerung. Hatte er doch in einem Mammutprogramm von gut zweieinhalb Stunden ein Konzert präsentiert, das zwischen Genie und Wahnsinn changierte, und die Hörer in Ekstase versetzte. Nicht von ungefähr gehörte sein Auftritt mit zum Besten in der Klaviermusik, was das damalige Festival zu bieten hatte.

Am gestrigen Abend trat er im vollbesetzten Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt auf (vielleicht müsste man ihm in Zukunft den Großen Saal zur Verfügung stellen) und hatte wieder einmal eine Mischung aus unterschiedlichsten Stilepochen wie musikalischen Formensprachen mitgebracht.

Darunter Franz Schuberts (1797-1828) Drei Klavierstücke D 946 (1828/1868), Edvard Griegs (1843-1907) Aus Holbergs Zeit – Suite im alten Stil op.40 (1884), Jean Sibelius´ (1865-1957) Fünf Stücke für Klavier solo op. 75 (1914), Alexander Skrjabins (1872-1915) Valse As-Dur op. 38 (1913), sowie von Arthur Vincent Lourié (1892-1966) Cinq Préludes fragiles op.1 (1908) und von Sergej Rachmaninow (1873-1943) die Sonate für Klavier Nr.2. b-Moll op.36 (1931, zweite Fassung).


Alexander Malofeev (Foto: Liudmila Malofeev) 

Bekenntnishaft – intim

Schuberts Drei Klavierstücke gehören zum Repertoire des Tastenzauberers, sind sie doch die letzten drei bekenntnishaft-intimen Werke des todkranken Komponisten, quasi die Fortsetzung seiner heute meistgespielten Impromptus, aber aus vielerlei Gründen Verschütt gegangen, erst 1868 von Johannes Brahms, der Schubert sehr verehrte, veröffentlicht, und noch heute relativ selten gespielt.

Dennoch gehören sie zum beeindruckendsten und anspruchsvollsten der Klavierliteratur. Unter den Händen des immer noch blutjungen Pianisten gerieten die drei Kleinodien zu einem romantischen Kontrasterlebnis zwischen dramatischer Unruhe und innigster, ja intimer Melodik. 

Leichtgängig und doch von langen Legatobögen, weicher Linienführung sowie von extremer dynamischer Nuancierung geprägt. Ein erste halbe Stunde, die vor allem die tiefe Emotionalität und extrem differenzierte Tastenbehandlung des Künstlers unter Beweis stellte.


Zwischen Drama und Komödie

Nach kurzer Atempause folgte die allseits bekannte, aber selten auf Klavier gespielte Holberg Suite von Edvard Grieg.

Er schrieb sie zum 200. Geburtstag des „Molière des Nordens“, wie man den Satiriker und Komödiendichter Ludvig Holberg (1684-1754) respektvoll nannte, und machte im Stile des Neobarock daraus ein „Perückenstück“, mit anderen Worten, eine Parodie, die zum damaligen Zeitpunkt durchaus goutiert wurde. Dennoch entschied er sich alsbald (er selbst spielte die Uraufführung seiner Komposition auf dem Klavier), diese fünfteilige Suite für Streichorchester zu erweitern. Eine Entscheidung, die die Holberg Suite bis heute zu einem der beliebtesten Kompositionen macht.

Alexander Malofeev wiederum entschied sich für die selten aufgeführte Klavierfassung, die mit einer toccatenartigen Ouvertüre beginnt, von einer langsamen, würdevollen Sarabande fortgesetzt, mit einer beschwingten Gavotte weitergeführt, in einer religiös anmutenden nahezu ätherischen Air sein Zentrum zu finden scheint, und schließlich in einer rasend schnellen Rigaudon ein kraftvolles Finale findet. Eine Rigaudon allerdings mit scharfen Staccato-Passagen und rhythmischen Finessen, die der Suite insgesamt eine dramatische, wie auch komödiantische Note erteilen.


Alexander Malofeev ( Foto: Priska Ketterer)

Kein Programm – Charakterstücke

Der zweite Teil des Rezital-Abends sollte ein Erlebnis der besonderen Art werden. Alexander Malofeev beginnt mit den fünf Stücken für Klavier solo von Jean Sibelius. 

Er gab diesen fünf Miniaturen (jede davon dauert kaum mehr als zwei Minuten) Baumnamen und Titel wie: „Wenn die Eberesche blüht“, „Die einsame Tanne“, oder einfach nur „Die Espe“, „Die Birke“, „Die Fichte“. Sibelius war bekanntlich ein Naturmensch. Er schrieb diese „Gebrauchsstücke“ (jedes einzelne steht für sich) in seinem Haus Ainola, in der Nähe von Helsinki, das mitten in einem waldreichen Park lag. 

Hier könnten die Titel herrühren. Allerdings hat er eigenen Aussagen zufolge nie an ein Programm gedacht.

Tatsächlich sind sie eher Mini-Charakterstücke, die zwischen dem Stolz, der Kiefer, dem ernsten Adagio der Tanne, dem nervösen Flirren der Espe, der Lyrik der Birke, oder der Feierlichkeit der Fichte changieren. 

Tatsächlich vermitteln diese Stücke trotz geringer Virtuosität viel Atmosphäre, präzise Harmonik und sind von eigentümlicher nordischer Melancholie geprägt, die Alexander Malofeev in seiner typischen klavieristischen Interpretation herrlich zu vermitteln versteht.

Alexander Malofeev ( Foto: H.boscaiolo)

Walzererlebnis zwischen Eleganz und Ekstase

Ohne Pause und kaum merklich wechselt er zur Valse von Alexander Skrjabin. Er nennt dieses gut sechs Minuten dauernde Meisterwerk nicht von ungefähr „Grand Concert Valse Fantasie“, denn es gehört zu seinem Übergang von der Spätromantik in die Moderne. Es oszilliert zwischen Lyrik und virtuos ausufernder Tanzfreude, allerdings von rhythmischen Überlagerungen, im Wechsel von Quintolen gegen Triolen) nahezu pervertiert. 

Ein Walzer ohne Walzercharakter und dennoch ein Walzerkonstrukt, so wie ihn Malofeev ausbuchstabiert. Er schafft es tatsächlich, das Wesen des Dreivierteltakts im Stile eines Maurice Ravel herauszufiltern und macht aus dem Valse zwar keinen tanzbaren, dafür aber einen von spätromantischer Eleganz und skrjabinischer Ekstase, halt eben ein Meisterwerk par excellence.

Malofeev kostet förmlich die Klangwogen aus, ohne die Transparenz zu vernachlässigen. Und so geht er wieder einmal nahtlos über zu Louriés Cinq Préludes fragiles.


Dandy – Futurist – Avantgardist

Von Bedeutung ist sein Name insofern, als er sich die Vornamen von Arthur Schopenhauer und Vincent van Gogh gegeben hat, die er ohne Wenn und Aber verehrte. Zeitlebens verstand sich Lourié als Dandy, Futurist und Avantgardist.

Leider sind viele seiner Werke, er verließ die UdSSR als man lediglich noch den „sozialistischen Realismus“ in Kunst und Kultur zuließ, lebte in Frankreich und musste von dort im Jahre 1941, nach der Deutschen Besetzung, als Jude nach den USA flüchten, wo er, ziemlich vergessen, im Jahre 1966 in Princeton verstarb.

Alexander Malofeev (Foto: H.boscaiolo)

Zartheit – Zerbrechlichkeit – Klangfülle

Seine fünf Préludes fragiles allerdings lassen sich nahtlos in Skrjabins Valse einordnen, denn sie leben ebenfalls von der Polyrhythmik, vom Impressionismus wie auch von der expressionistischen Dissonanz. 

Fünf Miniaturen von jeweils kaum zwei Minuten Dauer, die das kompositorische Spektrum des Komponisten lebhaft widerspiegeln.

Eine scheinbar ziellose, futuristische, flüchtige, alles Neue sich aneignende musikalische Struktur, die von Alexander Malofeev hervorragend herausgearbeitet und in seiner Zartheit wie Zerbrechlichkeit regelrecht zelebriert wird.

So beginnt er mit einem zarten Monolog, schwebend und geheimnisvoll, um dann im zweiten Teil in tiefen Impressionismus zu versinken. Zärtlich (Tendre) geht es weiter, man hört den Pianisten singen, um dann freundlich, ja liebenswürdig (Affabile) in das Modère, den umfangreichsten Schlusssatz, zu wechseln. Hier gleicht er sich doch Rachmaninows Stilistik an. 

Er verlässt die bis dahin vorherrschende Fragilität und Flüchtigkeit und bevorzugt jetzt die Klangfülle, die Rachmaninow beispielsweise in seinen Moments musicaux resonanzreich praktiziert. Bekanntlich schätzte Lourié seinen Zeitgenossen sehr.

Alexander Malofeev (Foto: H.boscaiolo)

Chopinorientierung

Insofern war es auch erlaubt, ohne Zwischenapplaus und gedankliche Pause, quasi attacca in die Klaviersonate b-Moll von Sergej Rachmaninow überzuleiten.

Er komponierte sie 1913 und überarbeitete sie mehrmals, bis 1931 die Schlussfassung vorlag. Eine stark gekürzte (-120 Takte) Neuauflage, die sich nach Aussagen des Komponisten an Chopins b-Moll Klaviersonate in Zeit (19 Minuten), Tonart und gar Opuszahl (35 bei Chopin, 36 bei Rachmaninow) orientieren sollte.

Dauerte die Erstfassung noch 25 Minuten, so ist die Letztfassung diejenige, die auch Alexander Malofeev bevorzugt.


Leidenschaft – Melancholie – Klangvolumen

Tatsächlich ist das dreisätzige Werk ein Ausbund an Leidenschaft, spätromantischer Klangfülle, russischer Melancholie und sinfonischem Denken. 

Gleich geht es wie in einem orkanartigen Sturm los. Spannung pur mit gewaltigen Akkordballungen und einem permanenten, ja wilden Vorwärtsdrängen. Auffallend die Glockenklänge in der Durchführung des Sonatenhauptsatzes, ein Charakterelement dieser Sonate. 

Dann folgen im zweiten Satz, einem Non Allegro, lange Gesangslinien, die vom Pianisten mit größter Ruhe und langen ausgebreiteten Phrasen zelebriert werden. Auch hier wird die Glockentextur aus dem ersten Satz wieder aufgegriffen, ein Klangvolumen, dass den ganzen Saal zum klingen bringt.

Das Allegro molto des dritten Satzes ist wieder von rasenden Passagen und monumentalen Akkorden geprägt, die sich stark an den ersten Satz, aber auch an Teile des Non Allegro anlehnen. 

Hier triumphiert die Musik in einer glockendurchfluteten Schlussapotheose, die beim letzten Ton spontan viele Hörer in laute „Wahnsinn (s)“-Rufe ausbrechen lassen.

Alexander Malofeev (Foto: H.boscaiolo)

Emotionale Wucht – kongeniale Virtuosität

Malofeev spielt schier Unmenschliches in einer verblüffenden Leichtigkeit und transparenter Brillanz, die nur Staunen übrig lässt.

Die Sonate ist zwar nicht so perfekt strukturiert wie beispielsweise Liszts h-Moll Sonate, besitzt aber dafür eine ungeheure emotionale Wucht, die vom Interpreten in seiner inneren Zerrissenheit, Leidenschaft, Virtuosität und auch Lyrik kongenial vorgestellt wurde.

Stehende Ovationen und Bravo Rufe begleiteten den  immer noch sehr bescheidenen, in schlichtes Schwarz gekleideten Pianisten hinaus. 

Er ließ sich allerdings nicht lange Bitten und spielte drei Zugaben von bemerkenswerter Besonderheit: Zunächst von Alexander Skrjabin das Prélude op. 9 Nr. 1 für die linke Hand, dann aus Tschaikowskis Nussknacker Suite eine Bearbeitung von Mikhail Pletnev, sowie eine Valse in e-Moll von Alexander Griboyedov (1795-1829), ein simples Kinderlied, quasi als Rausschmeißer.

Wieder einmal ein Malofeev, der restlos begeisterte, und wohl auch mit zu den Besten seiner Zunft zu zählen ist.


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