Orchesterfest mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Daniele Gatti und dem Violoncellisten Gautier Capuçon, Alte Oper Frankfurt, 01.06.2026
| Public Viewing auf dem Opernplatz (Foto: Wonge Bergmann) |
Ein voller Erfolg
Es ist das vierte Mal, dass die Alte Oper unter der Intendanz von Dr. Markus Fein die Konzertsaison mit einem Stream live auf dem Opernplatz ausklingen lässt.
Der Erfolg spricht für sich, denn bereits frühzeitig war der bestuhlte Platz bei diversen Snack- und Getränkeangeboten nahezu vollständig besetzt, was selbstverständlich auch für den Großen Saal der Alten Oper Frankfurt zutraf.
Eingeladen waren dieses Mal die Sächsische Staatskapelle Dresden unter ihrem seit gut einem Jahr engagierten Chefdirigenten Daniele Gatti (*1961) sowie Gautier Capuçon (*1981), der, ebenfalls seit dieser Zeit Artist in Residence bei der der Sächsischen Staatskapelle, gemeinsam mit dem weltberühmten Klangkörper die Welt bereist und am gestrigen Abend in Frankfurt residierte.
Größte Erwartungshaltung
Gautier Capuçon ist im Rhein Maingebiet kein Unbekannter, hat er doch bereits vor zwei Jahren mit den Wiener Symphonikern unter Petr Popelka und Antonin Dvořáks Cellokonzert op.104 für Furore gesorgt.
Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle Dresden jedenfalls traten in dieser Formation erstmals in Frankfurt auf, was natürlich die Erwartungshaltung in lichte Höhen trieb.
| Sächsische Staatskapelle Dresden (Foto: Website) |
Man kannte und schätzte sich
Was hatten sie mitgebracht: Eine Mischung aus Richard Wagners (1813-1883) mittleren und späten Werken, das Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ (1862/68) sowie den „Karfreitagszauber“ aus dessen Bühnenweihfestspiel Parsifal (1882), in Kombination mit Camille Saint-Saëns´ (1835-1921) Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op.33 (1872) sowie Claude Debussys (1862-1918) La Mer: Drei sinfonische Skizzen für Orchester (1903/1905).
Eine Mischung, die es in sich hatte, kannten sich doch die Komponisten und waren durchaus bereit und angetan von Stil und Kompositionsweise des unumschränkten Meisters seiner Zeit, Richard Wagner.
Wertvoller als alle späteren Opern
Gehen wir in Detail.
Die Meistersinger stehen zwar in Kontrast zu den übrigen
Opern Wagners, aber nichtsdestotrotz gehören sie neben dem Tristan
und dem Parsifal zu seinen großartigsten
Kompositionen.
Selbst Johannes Brahms fand die Takte der Meistersinger
„wertvoller als alle Opern, die nachher komponiert worden
sind“.
| Gautier Capuçon (Foto: Website) |
Kritik am Kunstestablishment
Was aber wollte Wagner? Er komponierte ganz bewusst ein heiteres Satyrspiel, in dem er das damalige Kunstestablishment aufs Korn nahm. In den Personen von Hans Sachs und Walther von Stolzing personifiziert er die Tradition und den Fortschritt. In Stolzing, den revolutionäreren Erneuerer der Musik und Kunst, sah sich Wagner letztlich auch selbst.
Interessanterweise wurden die Meistersinger erst 1868 im Beisein des Märchenkönigs Ludwig II uraufgeführt, in einer Zeit der andauernden staatlichen Repression und des absehbaren Deutsch-Französischen Krieges, der 1871 zur Deutschen Nationalstaatsbildung ausgerechnet in Versailles führte, eine entsetzliche Demütigung Frankreichs.
C-Dur-Kathedrale
Was aber sagt uns die Musik? Dieses Vorspiel gehört zu seinen beliebtesten Orchesterwerken, fasst es doch bereits alle Gedanken der komischen Oper in knapp 16 Minuten zusammen. Die Musik strahlt Zuversicht und Lebensfreude aus, feiert die Kunst, das Handwerk, Tradition wie Fortschritt gleichermaßen.
Sie steigert sich gewissermaßen nach diversen Themen zu einer gewaltigen Schlussapotheose, einer Synthese, die sämtliche Instrumentengruppen bis ins Kleinste fordern. Man könnte dieses Vorspiel mit Fug und Recht auch eine C-Dur-Kathedrale bezeichnen. Zumindest gehören diese Minuten zu den besten, die Wagner komponiert hat.
Die Sächsische Staatskapelle konnte alle Ansprüche des Werks bestens erfüllen. Begannen sie doch ein wenig tastend und fragend, um sich im weiteren Verlauf stetig zu steigern und somit eine zum Zerreißen drohende Spannung aufzubauen.
Daniel Gatti führte das Orchester mit knappen Bewegungen, ohne Partitur, aber mit größter Sorgfalt und unglaublicher Präsenz, um nicht zu sagen Autorität.
| Gautier Capuçon, Daniele Gatti, Sächsische Staatskapelle Dresden Foto: Oliver Killig |
Nach kurzer Pause dann Saint-Säens´ Violoncello Konzert mit Gautier Capuçon.
1872 geschrieben fällt es gerade in die größte Schmach der französischen Seele. Aber es ist alles andere als verzweifelt, traurig oder gar wütend. Nein Camille Saint-Säens schreibt das genaue Gegenteil. Er schafft ein Werk, konzentriert in einer Form von drei Abschnitten, voller französischer Eleganz mit klassischer Formklarheit (Sonatenhauptsatz) und romantischer Leidenschaft.
Dazu eines, das den Solisten absolut fordert, hoch virtuos, voller Energie und tänzerischen Einlagen ist, und vor allem im Allegretto des Mittelteils, einem Menuett, kaum leichter und quirliger sein kann.
In kaum zwanzig Minuten kann sich der Solist nicht allein durch Brillanz und Schönklang beweisen. Nein, er dominiert das gesamte Werk, ist in ständigem Austausch mit dem Dirigenten und dem vergleichbar kleinen Orchester, dialogisiert permanent und lässt über brillante Figurationen die Spannung zwischen Solo und Tutti sich ständig in einem energetischen Feuerwerk ausweiten.
Absoluter Genuss
Besonders kunstvoll ist die Rückkehr zu den Motiven im ersten und zweiten Abschnitt, das dem Ganzen die geschlossene Sonatenform vermittelt. Capuçon scheint dieses Meisterwerk besonders zu lieben, nutzt er doch die dramatische Tiefe, den warmen Gesang im mittleren Bereich und die strahlende Höhe seiner „L´Ambassadeur“ Matteo Goffriler (1701) weidlich aus.
Ein absoluter Genuss für Zuhörer wie Zuschauer. Nicht von ungefähr gehört das Cellokonzert neben den bekannten von Schumann, Dvořák und Elgar zu den beliebtesten und meistgespielten dieser Gattung.
Frenetischer Beifall war dem Solisten, wie auch der orchestralen Begleitung sicher. Die Zugabe, eine Transkription für sieben Celli (alle aus dem Kreis des Orchesters) aus Leo Delibes´ (1836-1891) Oper Lakmé (1880), trieb die Sympathie für den sportlichen Publikumsliebling noch einmal auf lichte Höhen. Eine großartige Klanginterpretation, die das Publikum mit lächelnden Gesichtern in die Pause einlud.
| Gautier Capuçon, Daniele Gatti, Sächsische Staatskapelle Dresden Foto: Oliver Killig |
Ohne Wagner kein Impressionismus
Der zweite Teil des Konzertabends wurde mit Wagners berühmten „Karfreitagszauber“ eingeleitet. Warum das, fragt man sich, in einer Zeit des beginnenden Sommers und des fast vergessenen Karfreitags aus dem vergangenen April? Die Antwort liegt insofern auf der Hand, als man davon ausgeht, dass in dieser gut 15-minütigen Zwischenmusik aus Wagner Weihfestspiel Parsifal vieles bereits für die kommende Epoche des Impressionismus festgezurrt wird. Selbst Debussy, der den Parsifal zwar ablehnte, aber dafür den Tristan sehr schätzte, sprach davon, dass ihm die Takte des Tristans „eine neue Welt eröffnet“ hätten.
Viele Musikwissenschaftler gehen sogar so weit, zu behaupten, ohne Wagner hätte es den Impressionismus, nicht gegeben. Nun denn.
| Daniele Gatti, Sächsische Staatskapelle Dresden Foto: Oliver Killig |
Wagners Zwischenspiel aus dem dritten Akt gehört zur jedenfalls verklärtesten Musik, die er je geschrieben hat. Sie beschreibt den Glauben an den Frühling nach einem langen Winterschlaf. Den Glauben an die Auferstehung und an die Erlösung. Leid – Mitleid – Erlösung sind die Leitmotive, es erscheinen das Gralsmotiv, das Glaubensmotiv wie auch das Auferstehungsmotiv, alles in gedrängter Augenblickform. Großartig konzentriert.
Viele sprechen von der pantheistischen Naturverklärung, aber auch von der Vision der Mitmenschlichkeit und Versöhnung, alles Themen, die bis heute ihre Bedeutung beibehalten haben.
Fünfzehn Minuten orchestrale Schönheit, gepaart mit einer seltenen Mischung aus Melancholie und Hoffnung. Musikalisch tatsächlich „wie ein Ozean unendlich und unergründlich“ hätte Debussy dazu gesagt. Ergreifend jedenfalls und zur Nachdenklichkeit auffordernd.
Meer – unzählige Erscheinungsformen
Nach einem kurzen, gedankenvollen Beifall folgte La Mer.
Debussy orientierte sich in dieser dreiteiligen Komposition nur indirekt an stilistische Merkmale Wagners. Aber dennoch hat ihn die Schwerelosigkeit der unendlichen Melodie und die harmonische Raffinesse Wagners fasziniert.
In La Mer malt der Komponist nicht einfach die Bewegungen des Wassers, sondern er versucht, die ständigen, quasi chaotischen Bewegungen in Farben und Musik zu fassen. Seine Gefühle, die ihn dabei bewegen, in Musik umzusetzen.
Dabei verlässt er klare Formen, lässt Motive entstehen und verschwinden, gebraucht statt herkömmlicher Harmonien Kirchentonarten, Modale Tonleitern, Glanztonleitern, ständige Rhythmusveränderungen und fließende Prozesse, die der Natürlichkeit des Meeres gerecht werden sollen. Denn, so Debussy: „Ich liebe das Meer wegen seiner unzähligen Erscheinungsformen.“
| am Pult: Daniele Gatti, Sächsische Staatskapelle Dresden Foto: H.boscaiolo |
In drei Teilen erzählt er in gut 24 Minuten zunächst das „Morgengrauen bis Mittag auf dem Meer“, ein Satz aus der Tiefe und Unbestimmtheit. Licht und Schatten geben sich ein Stelldichein, die Stimmung wechselt von Stille zu Bewegung und gipfelt im strahlenden Höhepunkt des Sonnenaufgangs.
Der 2. Satz, „Spiel der Wellen“, gehört bereits zum typischen Harmoniegefüge Debussys. Hier wirkt seine Musik schwerelos, farbenreich, die Lichtreflexe des Wassers widerspiegelnd. Es glitzert, flirrt und kräuselt, ein verwirrendes Lichtspiel auf der Wasseroberfläche.
Schließlich im dritten Satz, ein „Dialog zwischen Wind und Meer“, ringen die Naturkräfte miteinander. Gewitter, Sturm, Donner und Blitz geben sich ein Stelldichein, ohne aber dramatisch gesteigert zu werden. Nein, es ist ein Spiel der Naturkräfte, bei dem der Mensch lediglich zuschauen, die Welt wie sie tatsächlich ist, erfahren darf.
Eine überaus spannende Interpretation, denn Gatti gelingt es vorzüglich, sowohl die klangliche Pracht im Sinne Wagners oder Richard Strauss´ herauszuarbeiten, als auch die Klangschichten transparent erscheinen zu lassen. Es ist ein Meisterwerk des Komponisten.
| am Pult: Daniele Gatti, Sächsische Staatskapelle Dresden Foto: H.boscaiolo |
Wirkung der asiatischen Kultur
Die Uraufführung im Jahre 1905 löste geteilte Reaktionen aus. Das Werk eröffnete eine neue Klangwelt, die vom Publikum noch nicht verstanden wurde. Das Cover der Erstausgabe enthielt interessanterweise einen Ausschnitt aus dem Holzschnitt Die große Welle vor Kanagawa des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai. Die Pariser Weltausstellung aus dem Jahre 1900 hatte insofern seine Wirkung hinterlassen.
Nicht allein die Gamelankunst, der Einsatz ungewöhnlicher Klang- und Perkussionskörper, ebenso die bildende Kunst hatte Einzug in die europäische Kultur gehalten und in La Mer ihren vollkommenen Ausdruck gefunden.
| Public Viewing auf dem Opernplatz (Foto: Wonge Bergmann) |
Orchesterfest – Highlight der Frankfurter Kulturszene
Vollkommen war auch die Interpretation, die die Vielfalt der Sächsischen Staatskapelle Dresden (sie wurde 1548 vom Kurfürst Moritz von Sachsen gegründet) unterstreicht.
Hat sie doch mit den berühmtesten und besten Dirigenten zusammenarbeiten dürfen, zuletzt mit Christian Thielemann und seit 2025 mit Daniele Gatti, der als musikalische Lichtgestalt den hellauf begeisterten Großen Saal verlassen durfte.
| Public Viewing auf dem Opernplatz (Foto: Wonge Bergmann) |
Ein Festabend, der ebenfalls auf dem Opernplatz goutiert wurde. Auch hier war man "Feuer und Flamme", wenn auch die Übertragung, so die Meinung einiger Besucher, nicht immer hundertprozentig funktionierte.
Das Ambiente allerdings ist angenommen und zählt zu den Highlights der Frankfurter Kulturszene.
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