Samstag, 13. Juni 2026

Ensemble Modern unter der Leitung von Ingo Metzmacher, Peter Tantsits (Tenor), Amanda Becker (Sopran), Alte Oper Frankfurt, 12.06.20 (6. Abonnementkonzert)

Ensemble Modern (Foto: Katharina Dubno)

Henzes „Lied von der Erde“

Voices (1973 / 1974) von Hans Werner Henze (1926-2012) stand auf dem Programm, ein Zyklus aus 22 Liedern für Mezzosopran, Tenor und ein hochflexibles Ensemble von mindestens 15 Musikerinnen und Musikern mit Instrumenten aus verschiedensten Kulturen.

Die Texte stammen von bekannten und weniger bekannten Autoren, wie Bertolt Brecht, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Heinrich Heine, aber auch von Ho Chi Minh, Victor Hernandez Cruz, Calvin C. Hernton, Heberto Padilla und vielen anderen. Das Thema rankt sich um Unterdrückung, Exil, Gewalt, Widerstand und Hoffnung. 

Gewidmet hat Henze die einzelnen Lieder Freunden und Bekannten aus seinem Umkreis.

Ein zweigeteilter 90-minütiger Zyklus, der weder Oratorium noch Musiktheater oder szenische Darstellung abbildet, sondern vielmehr als ein politisches Gegenstück von Mahlers Lied von der Erde bezeichnet werden könnte. Nicht von ungefähr wird der Zyklus auch als Henzes „Lied von der Erde“ beschrieben.

Ingo Metzmacher (Foto: Felix Broede)

Reflexion des politischen Denkens

Henze selbst schreibt zu diesem Werk: „Die Auswahl der Gedichte und ihre Anordnung reflektieren mein persönliches politisches Denken und mein emotionales Engagement, und so sind es weniger literarische Inhalte oder musikalische Strukturen als vielmehr dieses politische Denken und dieses Engagement, die der Sammlung ihren Zusammenhalt geben.“

Stilistisch könnte man seinen Kommentar dahingehend ergänzen, dass er postserielle Strukturen in seinen Vertonungen anwendet, um sie „zum Vehikel konkreter Aussagen werden zu lassen“, wobei er Jazzelemente, Folklore, Cabaret- und Broadway Adaptionen wie auch Aleatorik, Improvisationen und nicht zuletzt klassische Liedkomposition mit einschließt.

Henze als Experimentierer, Collagierer, Polystilistiker und musikalischer Grenzgänger? Tatsächlich scheint er das Prinzip: Alles ist machbar, Alles ist möglich zu vertreten, wenn auch in jedem einzelnen Lied oder Song auf unterschiedlichste Weise.


Frankfurter Erstaufführung

Das Ensemble Modern, es spielte bereits diverse Werke von Henze und arbeitete mit ihm jahrelang fruchtbar zusammen, führte allerdings dieses sehr selten gespielte Werk gestern, den 12.06., erstmals vollständig auf.

Ursprünglich ein Auftragswerk der Sinfonietta London, wo es auch am 04. Januar 1974 in der Queen Elizabeth Hall uraufgeführt wurde, erfuhr es die Deutsche Erstaufführung in der Alten Oper Frankfurt am 21.09.1981, kurz nach ihrer Eröffnung, allerdings nicht vom Ensemble Modern, aber unter dem Dirigat des Komponisten höchstselbst.

Simone Becker (Foto: Peter Adamik)

Exzellente Allrounder

Die musikalische Leitung der 15 Instrumentalisten übernahm Ingo Metzmacher (*1957), ein exzellenter Kenner der Henzeschen Werke. Ihm zur Seite standen die Berlinerin und Mezzosopranistin Amanda Becker, wie auch amerikanischen Tenor, Peter Tantsits, zwei Meister ihres Fachs, die mal solistisch, mal im Duett sangen, immer aber mit bester dramaturgischer Theatralik und gewaltiger Schauspielkunst.

Auch das Ensemble Modern musste fachfremd mittun: So sangen sie chorisch wie einzeln, ließen Ballons fliegen, stampften und marschierten und drangsalierten ihre und ihnen fremde Instrumente. So machte sich der Hornist Thomas Mittler mit der Celesta gemein, rührte der Fagottist Johannes Schwarz die Trommel, bediente die Cellistin Annie Jacobs-Perkins den Gamelan, alle Instrumentalisten die Crotales und last but not least schlug der Sänger Peter Tantsits das Becken, dass es nur so krachte.


Extreme Unterschiede

Die einzelnen Songs zu beschreiben wäre zu viel des Guten, waren die einzelnen Lieder in ihrer Unterschiedlichkeit doch extrem gestaltet und müssten eigentlich gesondert charakterisiert werden.

Dennoch kann man wenige herausheben:

So der Prison Song Nr. 2 von Ho Chi Minh, ein stampfender Vortrag mit der asiatischer Attitüde des Gamelan, begleitet vom Sprechgesang Amanda Beckers in englischer Sprache.

Oder Caino von Gino de Sanctis, der siebente Song, eine italienische Ballade über die Sinnlosigkeit des Krieges mit Flöten-, Gitarre- und Akkordeon-Begleitung sowie einem sehr melodiösen Gesang der Solistin.

Ebenso Electro Cop Nr. 4 von Victor Hernandez Cruz, ein Song, den Henze seinem Freund Herbert Marcuse widmete. Mit Bandeinspielungen, Ballonflügen, Stadiongeschrei und einer dramatischen Gesangseinlage von Peter Tantsits, die heftig die Ohren kitzelte. Electro Cop ist eine beißende Satire auf den kritiklosen Medienkonsum der Massen und deren Manipulierbarkeit.

Zu erwähnen auch die Vermutung über Hessen die Nr. 20 von F. C. Delius, gewidmet Hans Magnus Enzensberger, wo ein Chor brüllt, Pfeifen schrillen, ein Megaphon zu Demonstration auffordert und der Sänger Peter Tantsits deklamierend schreit: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!“ Ein politische Satire auf die Kopflosigkeit der Herrschenden beim hessischen Generalstreik im November 1948, musikalisch von extremer Ausdrucksstärke zwischen Bruitismus und solistischer Virtuosität des Fagotts, der Bratsche und der Oboe.

Peter Tantsits (Foto: Website)

Schluss mit Blumenfest

Auch zu nennen die Nr. 21, Schluss von Michalis Katsaros, gewidmet Rainer Esche (befreundeter Musikwissenschaftler), ein Song, der die müde Gesinnung der Bildungsbürger aufs Korn nimmt, im Wechsel von zweier und dreier Rhythmus, begleitet von Mandoline, Gitarre und Akkordeon: „Schluss mit der Interpretation“ heißt es, „Schluss mit dem Publikum“, aber nach dem Schluss von all dem folgt – Die Freiheit,

Eigentlich ein ideales Schlusswort, aber das das 22. Lied, Blumenfest für Duett sollte erst das endgültige Finale einleiten. 

Eine satirische Reminiszenz auf die Hippie- und Flowerpower Bewegung nach einem Text von Hans Magnus Enzensberger. Henze widmete das Lied Yoichi Ohira, einem japanischen Glasdesigner. Enzensberger meint dazu: „Das Blumenfest ist mir an einem einzigen Sommermorgen ... von der Feder gehüpft, bedarf also keiner Überbewertung …“

So sollte es sein, denn das Duett sang in repetierendem Stil von der symbolischen Bedeutung der Blumen, mal das Schöne, Liebende und Schenkende repräsentierend, dann aber auch das Zerstörerische, Pflückende, Abreißende.

Ein Song wie ein Bänkellied oder eine Moritat, begleitet von einer Glasorgel (bespielt vom Oboisten Christian Hommel), sich in einen „gregorianischen Choral“ wandelt, und den langen Liederabend, oder besser Henzes „Lied von der Erde“, mit maximaler ästhetischer Schärfe abschließt. 

Ensemble Modern (Foto: Katharina Dubno)

Beeindruckendes Erlebnis

Sehr gute Sänger (Amanda Becker mit großem Stimmumfang und Peter Tantsits, ein begnadeter Dramatiker), perfekte Ensemblemusik und vor allem ein umsichtiger und souveräner Dirigent, Ingo Metzmacher, der das musikalische Geschehen in jeder Hinsicht überlegen und vorausschauend leitete. Nicht zu vergessen die Tontechniker und Klangregisseure Moritz Fischer und Norbert Ommer.

Ein kleines Manko war die Artikulation der beiden Sänger. Man verstand textlich leider so gut wie gar nichts (auch sangen sie viel Songs in Englisch, Spanisch, Griechisch und Italienisch). Aber gerade das Textverständnis wäre notwendig gewesen, um die unterschiedlichen Auffassungen der Dichter und Texter überhaupt nachvollziehen zu können. Vielleicht könnten Übertitel an die Wand projiziert, wie in Opern üblich, eine hilfreiche Lösung sein?

Ansonsten ein anstrengender, aber unglaublich vielseitiger Liederabend, der tatsächlich alle Register des kompositorischen Könnens von Hans Werner Henze zog. Damals vielleicht umstritten wegen der Polystilistik und musikalischen Vielgestaltigkeit. Heute aber ein beeindruckendes Erlebnis, das allerdings immer noch viel Aufmerksamkeit und Geduld verlangt.

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