Donnerstag, 17. September 2026

Saisoneröffnungskonzert der Alten Oper Frankfurt mit dem Treppenhausorchester (musikalische Leitung: Thomas Posth), Sem R. A. Wendt (Bassklarinette) und Goran Stevanovich (Akkordeon), Alte Oper Frankfurt, 16.09.2026

Thomas Posth, Treppenhausorchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Bei Kult klingeln die Alarmglocken

„Kult“ lautete das Thema des Konzertabends, und meinte damit mehr eine Konzertperformance, die Musik nach allen Regeln der Kunst auszureizen versuchte. Denn Musik ist mitnichten immer Kult, wie im Programm behauptet, das wäre zumindest bedenklich, denn Kult bedeutet unter anderem Ritualisierung, Mythenbildung und Symbolik jeglicher Art, während Musik und Kunst doch vorwiegend kulturelle Ausdrucksform in jeglicher Form zu sein hat. 

Beim Kult klingeln zumindest die Alarmglocken und man fragt sich, warum ausgerechnet dieses Eröffnungskonzert diesen Titel bekommt.

Thomas Posth, Treppenhausorchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Klassikszene aufmischen

Gehen wir dazu ins Detail. Das Treppenhausorchester wurde 2006 vom Tübinger Dirigenten, Cellisten und Konzertdesigner Thomas Posth (*1976) gegründet. Das Orchester arbeitet eigenen Aussagen zufolge mit einem erweiterten Konzertbegriff. Es möchte mit anderen Worten Grenzen der Live-Situation Konzert überschreiten, Türen für neue Hörerlebnisse öffnen und mit innovativen Herangehensweisen an die klassische Literatur die Klassikszene aufmischen oder zumindest verändern.

Dazu sind ihm viele neue Elemente des Umgangs mit dem Publikum und vor allem auch mit der musikalischen Präsentation der vorgestellten Kompositionen eingefallen.


Viel außermusikalisches Brimborium

Gleich beim Betreten der Alten Oper wird man zum Beispiel von freundlichen Musikerinnen und Musikern des Orchesters empfangen und mit Stickern, Symbolblättern und Einladungstickets beschenkt. Alles hat seinen Sinn, denn die Sticker schaffen Identität, die Symbolblätter erklären "dein" Verhalten im Saal und die Einladungstickets erlauben "dir", auf die Bühne zu gehen und unmittelbar am Spiel des Orchesters teilzuhaben.

Dann im Saal wird man wiederum von netten Menschen auf Melodien eingestimmt, die vom Orchester und ihrem umtriebigen Dirigenten bei Bedarf abgefragt werden. Alles bestens sichtbar über eine Videoleinwand, die übrigens wie bei einer Übertragung im Fernsehen eingesetzt wird. Man sieht immer die einzelnen Solisten, das gesamt Orchester von 20 Instrumentalisten und natürlich auch das Publikum. Es fehlt nur noch das Winken und Johlen, wenn man gesehen wird.

Thomas Posth, Treppenhausorchester mit Videoshow
Foto: H.boscaiolo


Wohlfühlprogramm erster Sahne

Okay. Mitgebracht hatte die Treppenhäusler die Sinfonische Suite op. 35 (1888) von Nikolaus Rimski-Korsakow (1844-1908), (allerdings in einer Bearbeitung von Pierre Oliver Schmitt), dann zwei Solostücke von Mauricio Kagel (1931-2008) Schattenklänge für Bassklarinette Solo, das Presto des zweiten Satzes (1995) sowie von John Zorn (*1953) Roadrunner für Akkordeon Solo (1986). 

Zudem noch die Bearbeitung für Streichorchester des Streichquartetts Nr. 6 f-Moll op.80 (1847) von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) und das Kammerkonzert Fractured Time (2020) von der in London geborenen und in den USA lebenden Komponistin Anna Clyne (*1980).

Ein ziemliches Aufgebot, möchte man meinen, für ein Publikum (bei freier Platzwahl), das keinen Eintritt bezahlen musste, zum großen Teil der klassischen Musik wenig abgewinnen kann und zudem sehr schnell müde und unruhig wird. Aber da muss man dem Konzertdesigner Respekt abgewinnen. 

Er hatte ein Wohlfühlprogramm erster Sahne aufgetischt. Die meisten Stücke dauerten zwischen vier und sechs Minuten, ausgenommen die vier Suiten der Scheherazade, die insgesamt gut 50-Minuten abverlangen.

Thomas Posth, Treppenhausorchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Einmarsch der Gladiatoren

Allora. Das Orchester empfing das höchst unruhige Publikum (ausgenommen die ersten abgetrennten 10 Reihen der VIPs) mit einem, wie gesagt, vorher eingestimmten „Song“, der wie der Einmarsch der Gladiatoren erst einmal für Aufmerksamkeit sorgte. Das Übrige erledigten Einspielungen auf der Leinwand und eine nette Begrüßung der gesamten Orchestermitglieder.


Fingerakrobatik mit Videoshow

Nach den ersten 20 Minuten (man spielte zunächst lediglich die beiden ersten Suiten, die letzten folgten im zweiten und Schlussteil) – das Spiel der Musiker wurde extrem durch elektronische Finessen des Tonmeisters gestylt – verließ das Orchester bei johlendem Beifall theatralisch die Bühne, formierte sich im Saal und machte die Bühne frei für Kagels Schattenklänge.

Eigentlich ein dreiteiliges Szenisch zu spielendes etwa 11 bis 14-minütiges Werk für Bassklarinette Solo, aus dem der Solist Sem, er selbst bezeichnet sich als Ens, aber dennoch ein gestandener Mann, im Scheinwerferlicht (allerdings nicht auf, sondern vor der Bühne) das rasend schnelle Presto von grollenden Tiefen bis unmenschlich filigrane Höhen in weniger als fünf Minuten darbot.

Wirklich super klasse, aber fürs Publikum grenzwertig. Lediglich die Videoshow, Sem wurde in allen Einzelheiten abgetastet, man sah die physischen Schwierigkeiten der Interpretation, machte das Werk für einen Großteil des Publikums hörbar und erträglich. Der Beifall galt mehr der Fingerakrobatik als der Musik.

Thomas Posth, Treppenhausorchester mit Videosymbolik
Foto: H.boscaiolo


Wilde Cartoon-Musik

Gleich darauf erschien wie aus dem Nichts der Akkordeonist Goran Stevanovich auf der Bühne. Sein Roadrunner bestand aus kurzen Versatzstücken bekannter Melodien, sinfonischen Themen von Beethoven bis Bartok, aber auch Tänze wie Tango, Walzer oder auch Sevdah-Musik (bosnische Folklore) waren herauszuhören.

Die Musik folgte der gleichnamigen amerikanischen Cartoon-Reihe, in der ein beutegieriger Kojote einem Rennkuckuck den Garaus machen möchte, aber immer als Verlierer zurückbleibt. Wild geht es darin zu, wie auch in der Musik des herrlich spielenden und mit dem Publikum kokettierenden Knopfkünstlers am Instrument.


Statt Trauer heroisches Andante

Ausufernder Beifall hier und jetzt kommt das Symbol: Alle auf die Bühne, die die entsprechenden Tickets besitzen. Der halbe Saal füllt sie. Viele müssen vor ihr verharren und gespielt wird Mendelssohns Adagio aus seinem viersätzigen Streichquartett f-Moll. Der eigentlich schmerzlich, klagende 3. Satz, in dem musikalische Fragmente seiner geliebten just verstorbenen Schwester Fanny anklingen.

Das leidenschaftliche Aufbäumen eines verzweifelten Bruders, wird hier leider in einem zwölfköpfigen Streichorchester mit Kontrabass und starken elektronischen Manipulationen eher zu einem heroischen lautstarken Andante, nichts von Trauer und Verzweiflung. Schade.

Thomas Posth, Treppenhausorchester
Foto: Tibor-Florestan Pluto

Zeitgefühl in Fieberträumen

Dann der symbolische Hinweis, die Bühne zu verlassen. Während dieses Prozesses wird das Publikum mit wilder kakophonischer Musik beschallt, um damit Fractured Time einzuläuten.

Anna Clyne ist keine Unbekannte unter den erfolgreichen Komponisten, sind ihre Orchesterwerke doch von großer energetischer Kraft und innovativen Ideen. Auch Fractured Time gehört dazu.

Hier erkundet sie das Zeitgefühl in Fieberträumen und schafft dabei turbulente aufrüttelnde Zustände. Vor allem das Klavier ist besonders gefordert (wohl ihr Lieblingsinstrument), aber auch ihre Affinität zu Strawinsky und Bartók ist bestens herauszuhören. 

Ein kurzes, tolles Stück, das vom Treppenhausorchester perfekt vorgestellt wird. Aber auch hier könnte ein wenig mehr eigene, natürliche, statt elektronisch bearbeitete Musik, der drohenden Sterilität bzw. designten Klangfarben entgegentreten.

Nach einem Zeichensalat auf der Videoleinwand, wie: jetzt klatschen, jetzt ist Pause, jetzt könnte ihr etwas trinken oder essen gehen, folgt der Zweite- und Schlussteil der Konzertperformance. Er besteht lediglich aus der dritten und vierten Suite aus Rimski-Korsakows Scheherazade.

Thomas Posth, Treppenhausorchester, Lichtermeer
Foto: Tibor-Florestan Pluto


Scheherazade als Rock-Pop-Event

Tatsächlich scheinen diese beiden Suiten dem Orchester auf den Leib geschnitten. Sie spielen mit höchster Konzentration und sichtbarer Leidenschaft. Allerdings, und das macht doch nachdenklich: 

Zwischendurch wird das Publikum, wieder durch die besagte Symbolik aufgefordert, mit ihren erleuchteten Handys den Charakter der Musik zu unterstreichen (schließlich geht es in der dritten Suite um die Liebe des jungen Prinzen zur Prinzessin, mit kantablen Streicherlinien und melodischen Holzbläsereinlagen und Soli. Eine große Liebesszene). Aber muss man daraus eine Rock-Pop-Szenerie machen?

Thomas Posth, Treppenhausorchester, Videosymbolik
Foto: H.boscaiolo


Von der Performance zum Klamauk

Dann das Fest in Bagdad, die vierte Suite. Man singt zuvor kakophone Töne, ein Geraune im Saal, mehr nicht, dann der attacca Übergang zum Finale. Die Geige, übrigens viel zu sehr elektronisch verfremdet, lässt immer wieder das Scheherazade Motiv ertönen. Das Orchester spielt mit Pfiff und äußerst präzise bis zum Zerschellen des Schiffes auf dem Meer.

Und jetzt geht die Performance über in den Klamauk. Alles verdunkelt sich und es folgt ein langes perkussives Klatschen, Fußtreten und Klopfen des gesamten Orchesters, dann folgt das Publikum mit Schnipsen und, man glaubt es kaum, jetzt wird es über ein symbolisches Zeichen zum Tanzen aufgefordert. Ja, es tanzt der Saal. Warum, weiß niemand, denn eigentlich endet das Ganze in einer Tragödie. Aber was soll´s.


Betreute Musik – Luxus ohne Inhalt

Man wird den Eindruck einer Infantilisierung des Publikums nicht los. Giggeln und Juchzen all überall und ein halbwegs denkender Mensch fühlt sich schlicht gesagt vorgeführt. Ja, offensichtlich braucht man betreutes Musik- und Konzertdenken. Hier gerät das Event zu einem Designerladen mit allerlei Luxusgegenständen, aber ohne wirklichen Inhalt.

Die Abschlussakkorde der wirklich beeindruckenden Scheherazade, hier in einer Bearbeitung für Kammerorchester, können leider den doch ziemlich bitteren Geschmack auf der Zunge kaum verhehlen.

Thomas Posth, Treppenhausorchester, Schlussapplaus
Foto: H.boscaiolo


Der neuen Wege gibt es viele

Die Alte Oper Frankfurt will neue Wege gehen, vor allem um junge Leute für die klassische Musik zu begeistern. Das Treppenhausorchester unter der musikalischen und designerischen Leitung von Thomas Posth, bietet seinen Weg, aber es gibt noch viele, viele andere.

Kein Wunder, dass sich im zweiten Teil des Eröffnungsabends vor allem die Reihen der sogenannten VIPs merklich gelichtet hatten. Alte Regel: Wenn man für ein Konzert (das bezieht sich selbstverständlich auf alle künstlerischen Angebote) nichts bezahlen muss, wird es als wertlos erachtet. Und: Kult ist nicht alle Musik!! Auch das sollte man zu bedenken geben.



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