Mazeppa (1884), Oper in drei Akten und sechs Bildern von Peter Tschaikowsky (1840-1893), Oper Frankfurt, 13.09.2026 (Frankfurter Erstaufführung einer Übernahme der Produktion der Tiroler Festspiele von 2024)
| Petr Sokolov (Mazeppa) und Nombulelo Yende (Maria) alle Fotos von Xiomara Bender |
Liebe, Leidenschaft, Politik, Tragödie
Liebe, Leidenschaft, Politik und Tragödie: Alles in einer Kontrastdramaturgie vereint, was will man mehr. Wieder einmal hat es die Frankfurter Oper geschafft, das Publikum mit einer Thematik zu konfrontieren, die zeitlos und dennoch brandaktuell die Gemüter der Menschen beschäftigt. Mazeppa (richtiger Name Iwan Masepa, 1640-1709), tatsächlich eine historische Figur, die bis heute die unterschiedlichsten Deutungsmuster einnimmt, könnte kein besserer Vertreter für Verrat und Niedertracht auf der einen Seite, und Freiheitskämpfer auf der anderen Seite sein.
Damals trieb er sein Unwesen als ukrainischer Heerführer der Saporoger Kosaken, paktierte zunächst mit Zar Peter I. genannt auch: Der Große (1672-1725), verriet ihn wohl aus Machtgründen, paktierte mit den Schweden, die sich im Krieg mit Russland befanden, musste nach der verheerenden Niederlage in Poltawa im Jahre 1709 fliehen und starb im gleichen Jahr im Exil des Osmanischen Reiches.
In der Ukraine ist er folglich bis heute ein Freiheitskämpfer und in Russland eigentlich das was er war, ein Verräter, der mithilfe des Schwedenkönigs Karl XII. (1682-1718) den Zaren vom Thron zu stürzen beabsichtigte.
| v.l.n.r. Alexander Roslavets (Kotschubej) und Karolina Makuła (Ljubow) sowie Peter Sokolov (Mazeppa), Stephen Louis (Torpedo) und Jarrett Porter (Orlik) |
Mazeppa, ein Unhold
Die Frankfurter Regie, sich der Ambivalenz des Themas bewusst, machte das einzig richtige:
Mazeppa wird in dieser Oper, ganz im Sinne von Tschaikowsky, zum Unhold, der es schafft, eine rechtschaffene Familie zu zerstören, indem er die viele Jahrzehnte jüngere Maria „raubt“ (O-Ton ihres Vaters Kotschubej), die Familie zur Rache zwingt (Kotschubej verrät die Verschwörungspläne Mazeppas dem Zaren), und somit eine fatale Tragödie in Gang setzt, die schließlich zur düstersten und pessimistischsten Oper führt, die Tschaikowsky jemals geschrieben hat (so sagt es zumindest Matthew Wild, der Regisseur dieser Inszenierung).
Aufstieg und Fall Mazeppas
Aber das ist noch viel zu wenig. Tschaikowsky stützt sich in dieser Oper, für die er mehrere Jahre brauchte, vor allem auf die Vorlage von Alexander Puschkins Poem Poltawa (1829), worin Mazeppa schlecht wegkommt, und überlässt das Libretto Viktor P. Burenin (1841-1926), der daraus eine Geschichte konstruiert, die sich vielleicht so skizzieren lässt:
Ein Mädchen verliebt sich in einen viel älteren Herren, der Macht, Reichtum und Bekanntheit ausstrahlt. Der Vater ist dagegen, vor allem aus Gründen des großen Altersunterschieds. Aus der ursprünglichen Freundschaft zwischen Mazeppa und der Familie Kotschubej entsteht Feindschaft.
Die gekränkte Familie sinnt auf Rache und erntet den Lohn der Denunziation. Der Zar glaubt ihm nicht und liefert ihn seinem ärgsten Feind Mazeppa aus. Folter und Tod sind die Folgen. Mazeppa ist Ruhm- und Geldsüchtig, verliert im Krieg (Schlacht von Poltawa) alles: seine Macht, seinen Reichtum und vor allem die Liebe von Maria. Als Heimatloser endet er im Exil, Marias Familie findet den gewaltsamen Tod und Maria endet im Wahnsinn.
| v. l.: Petr Sokolov (Mazeppa) und Alexander Roslavets (Kotschubej) |
Parabelerzählung erster Güte
Das Frankfurter Team
um Matthew Wild (Regie), Herbert Murauer (Bühne und
Kostüme), Jan Hartmann (Licht), Bibi Abel
(Video), Christiana Stefanou (Choreographie), Stephen Louis
alias Torpedo (Kampfchoreographie), Manuel Pujol (Chor), Maximilian Enderle (Dramaturgie) und
vor allem Karsten Januschke (musikalische Leitung), machte
aus dem Stoff eine Parabelerzählung erster Güte.
Alle Figuren hat man zu fiktiven Charakteren erklärt, das heißt vor allem die Figur des Mazeppa (Petr Sokolov, Bariton) gerät jetzt zum Tyrannen (ganz im Sinne Puschkins), von mafiosen Strukturen umgeben.
Maria (Nombulelo Yende, Sopran), eine in festgelegten familiären Traditionen aufgewachsenes Mädel, erkennt zu spät, dass sie im Mächtespiel der Familie und Mazeppas Mafiabande nur eine willfährige Schachfigur verkörpert.
Dazu Kotschubej (Alexander Roslavets, Bass), ihr autoritärer, staatstreuer, aber liebevoller Vater, Andrej (John Findon, Tenor), ihr verzweifelter Jugendfreund, Ljubow (Karolina Makuła), ihre schwache, aber rachsüchtige Mutter, sowie Orlik (Jarrett Porter, Bariton), Scherge und Begleiter Mazeppas, und last but not least Iskra (Jihun Hong, Tenor), engster Freund von Kotschubej.
All diese Personen sind nichts weiter als Schachfiguren einer groß angelegten Tragödie, die in ihrer perfekt inszenierten Stereotypie, durchaus zeitlos angelegt sind.
| Kudaibergen Abildin (Betrunkener Kosak; mit dem Messer) sowie Ensemble |
„Klaustrophobisches Kammerspiel“
Das Bühnenbild wie auch die Kostüme repräsentieren ein Oben und Unten. Eine nackte graue Wand öffnet und schließt sich, lässt Zimmer und Wohnbereich einer reichen Familie sichtbar werden. Das Unten ist fürs Volk (den Chor) bestimmt. Das eigentliche Geschehen spielt sich in Bad, Kinderzimmer und Wohnzimmer ab, im Stil eines „klaustrophobischen Kammerspiels“ (O-Ton Matthew Wild).
Die Kleidung der Akteure ist zeitlos, ja die des Volkes ärmlich, sehr an den Bettlern auf den Straßen Frankfurts orientiert. Auch sind die Szenen mit Videos und Straßenkämpfen bereichert. So sieht man beispielsweise die Ankunft von Mazeppa bereits früh über ein weißes Pferd als Videobild.
Auch wird das Tanzlied und der Hopak, ein ukrainischer Volkstanz, im 1. Akt von einem Pas de Deux begleitet (Eleonore Ricci und Gabriel Capizzi), ein wenig bemüht zwar (man hätte sich hier einen echten Hopak gewünscht), aber durchaus für Abwechslung und Spannung sorgend, denn in den Tanz greifen die Schergen Mazeppas ein, werden übergriffig und lassen bereits erkennen, dass sie es nicht gut mit dem Volk meinen.
| Stephen Louis (Torpedo) und Alexander Roslavets (Kotschubej) |
Blut und Gewalt – kriminalistisches Element
Überhaupt spielt die Gewalt eine entscheidende Rolle. Alle Szenen, so die Trennung der Maria von der Familie (1. Akt), die Hinrichtung von Kotschubej und seinem Freund Iskra (2. Akt), sind von Gewalt und Blutrünstigkeit durchzogen (Es spritzt das Blut, und der Hinrichtungsakt misslingt zunächst und wird von einer grässlichen Messerattacke vollendet).
Dennoch bleibt alles insofern akzeptabel, als der doch wenig fortschreitenden Handlung damit ein nahezu kriminalistisches Element abgewonnen wird.
Zwischen Lyrik und grotesker Martialität
Die Musik tut ihr Übriges. So changiert sie genial zwischen liedhafter Lyrik und grotesker Martialität. Bereits die Ouvertüre enthält die Leitmotivik Mazeppas, die sich durch die gesamte Oper fortsetzt, und bedient sich dazu einer Menge ukrainischer und russischer Volkslieder (an dieser Stelle sei bemerkt, das sich Tschaikowsky sehr oft in der Ukraine aufhielt und deren Musik schätzte).
Hier wird bereits der Tragödien Schluss musikalisch wie auch szenisch vorbereitet, denn man sieht Maria und Andrej 10 Jahre früher beim Spiel auf dem Kinderbett in der glücklichen Familie Kotschubej, die den Draufgänger und Freund Mazeppa nach einem Scharmützel gesundpflegt und dabei das Interesse der kleinen Tochter weckt. Eine perfekte und gelungene Idee.
| Nombulelo Yende (Maria; im Kleid mit weißem Kragen) und Ensemble |
„Entweder Thron oder Galgen“
Hervorzuheben sind hier vor allem die Liebesszenen des zweiten Aktes. Zunächst die von Mazeppa (Petr Sokolov): „Was für eine stille Nacht …“, dem man Herz, Liebe und Emotion nicht absprechen kann (vom Publikum auch mit Beifall bedacht), dann das Liebesduett zwischen Mazeppa und Maria (Nombulelo Yende), ein Wechselspiel von Liebe und Machtgier, eines der besten Szenen des Premiere Abends.
Mazeppa eröffnet ihr seinen Aufstandsplan und festigt damit zunächst die Liebe der beiden. Sie träumen von der Zarenkrone (eindrückliche Tischszene, wo sich beide auf der Tischplatte entgegenrobben), er aber beendet das Duett mit der Bemerkung: „Entweder Thron oder Galgen.“
Zwischen Realität und Fiktion
Schließlich die Liebesarie von Maria. Auch sie beginnt herzerweichend mit: „Die Nacht ist so still“, wird aber von der Mutter (Karolina Makuła) abrupt unterbrochen.
Auch dieses Duett gerät zum Höhepunkt des Premiere Abends. Die Mutter, Ljubow, erzählt von der drohenden Hinrichtung des Vater. Eine Wahnsinns Duett, das Maria in tiefe Verzweiflung stürzt. Denn es folgt die Hinrichtung, die beide am Fernseher, das Publikum aber real verfolgen. Eine Szene, die Realität und Fiktion punktgenau darstellt.
Ein Problem der Moderne, die Kriege und andere Grausamkeiten nicht real, sondern zu nahezu 100 Prozent am Fernseher oder im Internet mit entsprechenden Folgen erleben. Das nur nebenbei bemerkt.
| John Findon (Andrej) |
Elend – Tod – Flucht
Der dritte Akt, er wird eingeleitet mit der Titelüberschrift: „Nach einem harten Winter frisst der Wolf auch andere Wölfe“, und von einer gut 10-minütigen Schlachtszenen Musik begleitet.
Ein symphonisches Zwischenspiel voller russischer und ukrainischer Liedzitate sowie Motivübernahmen aus seiner Ouvertüre 1812 sowie aus dem Slawa-Hymnus. Hier sieht man lediglich die Folgen einer Schlacht, nämlich Elend, Tod und Flucht. Vom Chor eindrucksvoll inszeniert. Alles liegt in Trümmern, letzte Auftritte von Mazeppa, Maria, Andrej und Orlik sind Teil des Finales.
Erfüllung der Parabel
Andrej sinnt auf Rache und brilliert noch einmal mit einer Liebes- und Rachearie, die sich gewaschen hat. Alte Bilder erscheinen, die Kinderliebe wird wiederbelebt, aber alles wird kontrastiert von seiner Rache, die er an Mazeppa vollziehen möchte.
Mazeppa und sein Scherge Orlik erscheinen als Gejagte und werden von ihm gestellt. Im Zweikampf wird er von Orlik hinterrücks erschossen. Mazeppa meinte dazu lediglich, er wollte nicht seinen Tod. Maria erscheint, blass und ausgemergelt. Sie fasst es nicht, was geschehen ist. Die Mutter, Ljubow, betritt ebenfalls noch einmal die Bühne, wird von ihrer Tochter nicht mehr verstanden, wie auch Mazeppa nicht mehr zur Realität Marias gehört.
Mazeppa und sein Scherge Orlik machen sich vom Acker (Mazeppa vielleicht mit schlechtem Gewissen) und die Regie zeigt noch einmal im Zeitraffer das Elend der Familie Kotschubej: alles zerstört, alles voller Blut und alle vier Familienmitglieder schrecklich verstümmelt aufgereiht: Kotschubej, Andrej, Ljubow und Iskra.
| v. l.: Karolina Makuła (Ljubow) und John Findon (Andrej) sowie Alexander Roslavets (Kotschubej) und Jihun Hong (Iskra) |
Zurück zum Anfang – größter Schmerz
Bekanntlich endet die Oper mit einem Wiegenlied Marias: „Schlaf mein süßes Kind, schlaf mein Lieber, mein Süßer“. In dieser Inszenierung hält sie allerdings nicht ihren Jugendfreund Andrej in den Armen, sondern er erscheint noch einmal aus dem Zimmer der Familie Kotschubej, während Maria eines ihrer Plüschtiere in den blutigen Armen wiegt.
Zurück zum Anfang: Im Kinderzimmer sitzen die Kinder Maria und Andrej zusammen auf dem Bett und spielen miteinander. Ihr letzter von der Musik mit Geigen und Flöten begleiteter Hauch lautet schlicht: „Schlaf“. Der Vorhang fällt.
Wie schrieb doch Tschaikowsky seiner Gönnerin Nadeschda von Meck über seine Mazeppa: „Kein Schmerz ist größer, als sich der Zeit des Glückes zu erinnern, wenn man im Elend ist.“
| Kinderstatisterie der Oper Frankfurt |
Ideenreich – bester Gesang – beste Musik – Sehenswert
Eigentlich eine perfekte Inszenierung, voller Pfiff und kriminalistischer Dramaturgie. Beste Musik des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter der insgesamt umsichtigen Leitung von Karsten Januschke (einige Male brachen die Chöre durch und die Sänger waren ebenfalls des Öfteren allein gelassen). Herausragend durchweg die genannten Sänger und vor allem auch der Chor der Oper Frankfurt unter der Leitung von Manuel Pujol.
Ideenreich die Tanz- und Kampfeinlagen, die das Geschehen auf der Bühne nicht allein bereicherten, sondern der doch insgesamt wenig sich entwickelnden Handlung (die Oper könnte nach gut einer Stunde fertig sein) unglaubliche Spielräume eröffnete. Dazu gehörte auch das gelungene Bühnenbild, das alle Handlungen optisch auf wenige Punkte konzentrierte und somit der Oper Transparenz und Übersicht verlieh.
Die Videoeinblendungen zur Schlacht von Poltawa zeigten Kriegsszenen wohl aus dem Ukraine Debakel der Jetztzeit. Viele Drohnen, Panzer und zerstörte Städte. Kann man machen, muss man aber nicht. Gelungen dabei allerdings das gezeigte Leid und Elend, das jeder Krieg, jede Schlacht nach sich zieht.
Alles in Allem eine sehenswerte und dichte Mazeppa, die wieder einmal die Qualität der Frankfurter Oper unter Beweis stellt.
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