"Sonst gute Nacht“, Akademie Musiktheater heute (AMH), Drei szenische Kurzopern des Jahrgang 2024-2026, Festakt im Rahmen des Kooperationsprojekts der Deutschen Bank Stiftung mit dem Ensemble Modern und Sängern der Kunstuniversität Graz, LAB Frankfurt, 26.10.2026
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| Foto: Akademie Musiktheater heute |
Gute Nacht meine Herrschaften
„Sonst gute Nacht“ könnte sich vermutlich auf Douglas Rushkoffs (*1961) Bestseller Survival of the Richest (Suhrkamp 2025) beziehen, in dem er, der Medientheoretiker und Professor am Queens College, eingeladen von fünf Superreichen in einen unbekannten Luxus-Wüstenort auf die Frage der dort Anwesenden zur Zukunft des Globus irritiert feststellen muss, dass diese Eliten eher von der Fluchtlogik besessen, als am Fortschritt der Menschheit interessiert sind. Nicht die Rettung der Welt ist ihre Absicht, sondern die Rettung ihrer Haut.
Rushkoff fasste diese Tage in ein dystopisches Buch mit einem persönlichen Gegenentwurf, der da lautete: Beendet Euren hyper- individualistischen Egozentrismus und fördert lieber echte soziale Kooperation, Solidarität und vor allem eine gerechte reale Welt. Kurz: Seid nett zueinander und schlagt nicht aufeinander los, statt Euch in Exit-Szenarien wie Luxus Bunker, schwimmende Städte (Seasteading) oder Marsmissionen zu flüchten. Ansonsten: Gute Nacht meine Herrschaften.
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| Foto: Akademie Musiktheater heute |
Ein Gesamtkunstwerk
Dieses „Motto“ machten sich 15 Stipendiaten des Jahrgangs 24-26 zu eigen und schafften innerhalb von zwei Jahren ein Gesamtkunstwerk von drei in sich kohärenten Kurzopern aus jeweils vorgeschriebenen 20 Minuten Länge mit den Titeln: Der Drache auf dem Silbertablett (Musik: Maximiliano Soto Mayorga, Regie: Lars Marcel Braun), Silberschwere Lider (Musik: Adrian Laugsch, Regie: Konstantin Paul) und Tango Paradiso (Musik: Abigail Varga, Regie: Maria Chagina).
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| Stipendiaten bei der Einführung Foto: H.boscaiolo |
Mitleid für den Drachen
Drei Titel, die es in sich haben. Zunächst spielt der Drache auf dem Silbertablett tatsächlich in einer moderne Küche mit Koch bzw. Souchefin (Katie Richardson McCrea, Mezzosopran / Contralto) und dem Chef (Valentino Blasina, Tenor).
Die Handlung in Kurzform: Auf einer schwimmenden Luxusplattform (Seastead) geraten Küchenchef und Souchefin in einen Konflikt. Sie sollen einen Drachen kochen und den Herrschaften der abgeschotteten Welt servieren. Tragikomische Szenerie, wo doch der Chef weder Blut noch Fleisch ertragen kann und die Souchefin mit größter Wollust den Drachen ausweidet und zubereitet.
Dazu ein knackiges Libretto von Sophie Jira (verantwortlich für alle drei Kurzopern) und der vielsagende Bezug auf Wagners Ring (Siegfried erschlägt den Riesen Fafner) und dem Libretto- Schlusssatz: Lass das bloß die Brigade nicht wissen: „sonst heißt es für uns beide Gute Nacht“.
Ebenso auffallend expressiv die Musik, die explizit handlungsorientiert bei offensichtlichem Mitleid für den Drachen, dessen Leid vom 11-köpfigen Ensemble Modern unter der brillanten Leitung von Katharina Dickopf, beeindruckend herausgearbeitet wurde.
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| Team aus Der Drache auf dem Silbertablett Foto: H.boscaiolo |
Der Klon fürs ewige Leben
Nahezu übergangslos wechselte die Bühne (Jade Boeckh & Sonja Hilpert, für alle drei Vorstellungen verantwortlich) zu Silberschwere Lider.
Die Handlung: Ein Sohn (Martin Simonovski, Bassbariton) erhält zu seiner Volljährigkeit (er wird 18 Jahre alt) von seiner Mutter (Laure Cathérine Beyers, Sopran) einen Klon seiner selbst. Ab jetzt entwickelt sich ein verstörendes Spiel um Familie, Begehren, Liebe, und vor allem der Frage nach der menschlichen Identität. Gute Nacht. Der stumme Vater, geistig und körperlich ein Frack, wird von Alexander Julius Leventov mit großer Überzeugungskraft dargestellt.
Dieser Mittelteil ist dramaturgisch (Annika Spegg & Pia Syrbe) sowie musikalisch eine Meisterleistung, da er den exzellenten Sängern durch den enormen Stimmumfang alles abverlangt.
Hervorragend das Duett des Klons (Valentino Blasina, jetzt als Countertenor) und Martin Simonovski, die beide größtenteils ihren Part in clicktrack-Technik (wobei es bei ständig wechselndem Metrum darauf ankommt, dass die Sänger ein stabiles Zeitgefühl entwickeln) über mehr als 10 Minuten gestalteten. Große Leistung auch vom Ensemble Modern unter der musikalischen Leitung von Barbara Dragan.
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| Team aus Silberschwere Lider Foto: H.boscaiolo |
Die Vergesslichkeit – Das Paradies
Den Abschluss der Trilogie bildete Tango Paradiso. Auch hier zunächst die Kurzversion:
Zwei Kakerlaken (Beatriz Gaudéncio Ramos, Sopran & Katie Richardson McCrea, Contralto) erwachen in einer ungewissen Zukunft. Sie sind die letzten Bewohner der Seastead und reflektieren über ihre Zukunft und den Sinn des Lebens. Dabei spielt der Tango Paradiso die Rolle der Sehnsucht, des Erinnerns, der Nostalgie wie auch der Geborgenheit.
Überragend hier der höchst anspruchsvolle Gesang der beiden Sängerinnen im Kontext eines Tangos, der Astor Piazzolla alle Ehre gemacht hätte. Ein genussvoller Rhythmus mit witzig gestylter Maske (Johanna Winkler, Mitarbeiterin des neunköpfigen Hilfsteams im Hintergrund) und ausgefeilter Dramaturgie von Annika Spegg & Pia Syrbe.
Die Aufforderung, das Paradies nicht zu verlassen, mit einem zwischenzeitlichen Fandango unterlegt, könnte als Sinnbild der allgemeinen Verwirrtheit gelten, nämlich der Vergesslichkeit der Menschen seit ihrer Vertreibung aus dem göttlichen Paradies, weil sie vom Apfel der Erkenntnis gegessen haben. Großer Beifall und Anerkennung waren allen Stipendiaten und Akteuren gewiss.
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| Szene aus Tango Paradiso vorne: Beatrice Gaudéncio Ramos, Katie Richardson McCrea Foto: H.boscaiolo |
Das Zeitalter des Irrationalen
Der Jahrgang 24-26 hat die Idee des Zeitalters des Irrationalen (ich verweise auf das lesenswerte Buch von James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen, Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert, 2008, worin er sehr umfangreich der Frage nach dem Ursprung des Okkulten nachgeht), kongenial ins 21. Jahrhundert übersetzt.
Jetzt allerdings ausgehend von der geheimnisvollen Zusammenkunft der fünf reichsten und wohl mächtigsten Männer des Globus (die Namen sind das Geheimnis eines jeden für sich) in der vielsagenden Wüste des Gedankenreichtum (Dank an dieser Stelle noch einmal an Sophie Jira für ihre brillante Analyse und librettistische Umsetzung).
An dieser Stelle sei auch Dank an die Gruppe, die sich mit größter künstlerischer Qualität dieser Thematik genähert und das dystopische, apokalyptische Denken, das seit Beginne des 21. Jahrhunderts die Menschheit zu quälen scheint, auf die Bühne des LAB-Frankfurt gezaubert hat, was absolut gelungen ist.
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| Team aus Tango Paradiso Foto: H.boscaiolo |
Okkulte Ideen – Totalitäre Ideen
Dennoch. Das sei festgehalten, beschäftigt das Thema die Menschheit seit ihrem Bestehen, ist in der Antike bereits vielfach behandelt (siehe Mythologie des Prometheus) und weitete sich im 20. Jahrhundert vor wie zwischen den Weltkriegen in größtem Ausmaße aus.
James Webb prägte den nachdenklichen Satz in seinem Buch:
„Wenn sich herausstellt, dass einflussreiche Leute okkulte Ideen hegen ist es durchaus vernünftig, diese Ideen als Anzeiger für eine aufgeschlossene Haltung den tieferen Fragen des Lebens gegenüber zu sehen und daher zu einer annähernden Geschichte einiger Menschen in ihrer Ganzheit zu gelangen. Denn okkulte Ideen bedeuten oft eine umfassende Weltsicht von der Art, wie sie früher mit religiösem Glauben in Zusammenhang gebracht wurde und heute von totalitären politischen Systemen verlangt wird.“ (S. 30).
Wie über die Zeiten hinweg aktuell möchte man meinen.
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| Schlussapplaus mit allen Teilnehmern Foto: H.boscaiolo |
25 Jahre Akademie Musiktheater heute
Tatsächlich befinden wir uns heute in einer ähnlichen Situation wie zwischen den Weltkriegen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Deshalb noch einmal Chapeau an das Riesen-Team (15 Stipendiaten, fünf Sänger (zwei Männer, drei Frauen), 11 Musiker sowie 9 unsichtbare technische Helfer im Hintergrund), das unter den Fittichen der Deutsche Bank Stiftung (zu nennen wären hier vor allem der Vorsitzende, Jürgen Fitschen, und die Geschäftsführerin Dr. Kristina Hasenpflug) Großartiges in Musik, Regie, Dramaturgie, Bühnengestaltung, Kostüme, Sprache, Gestaltung und Kulturmanagement geleistet haben.
Man feierte gleichzeitig das 25-jährige Bestehen der Akademie Musiktheater heute, das Frau Hasenpflug & Herr Fitschen in zwei angenehm kurzen Reden in Erinnerung brachten, und mit einer anschließenden Reminiszenz an die vergangenen erfolgreich verlaufenen zwei Jahre, noch einmal alle Stipendiaten des Opernevents einzeln zu recht würdigten und gleichzeitig die neue Mannschaft 2026/2028 vorstellten.
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| ganz links: Dr. Kristina Hasenpflug & Jürgen Fitschen bei der Ehrung der Stipendiaten Foto: H.boscaiolo |
Festakt der Extraklasse
Ein großartiger Festakt mit abschließendem ausgesuchten Buffet bei angeregten Gesprächen der geladenen Gäste und – alles andere als „Sonst gute Nacht“, sondern eher: Lasst es Euch gut gehen und die Nacht zum Tage werden!









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