Mittwoch, 3. Juli 2019



Rheingau Musik Festival: 22.06. – 31.08.2019

Danae Dörken, Klavierrezital im Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg, 02.07.2019

Danae Dörken (Fotos: Ansgar Klostermann/RMF)



Eine Reise durch die Kulturen Europas


Tochter einer griechischen Mutter und eines deutschen Vaters fühlt sich Danae Dörken (*1991), wie sie im Gespräch mit Moderator Markus Treier meinte, nirgendwo richtig zuhause, schöpfe aber aus der Vielfalt der Kulturen. Heimat sei für sie ein Gefühl, aber kein Ort. Ihr Wunsch sei es, dass die Kulturen ihre Eigenständigkeiten behielten, gleichzeitige aber harmonisch zusammenspielten.


In diesem Sinne bot Dörken eine musikalische Reise durch das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert an, mit Werken von so unterschiedlichen Komponisten aus ebenso unterschiedlichen Kulturen wie Béla Bartók (Ungarn), Francis Poulenc (Frankreich), Manolis Kalomiris (Griechenland), Manuel de Falla (Spanien) und nicht zuletzt Edvard Grieg (Norwegen).

Mit einer der berühmten Polonaisen, cis-Moll op. 26  Nr. 1 (1831/36), von Frederic Chopin (1810-1849) stieg sie in den Zug durch das halbe Europa. Sehr empathisch mit perfekter Ausformulierung der melodischen Linien, zwischen Weckruf, Schreittanz und Nachtstück. Dörken am Steinway Flügel ist eine elegante Pianistin mit bewegungsreichem Spiel und tiefer Innerlichkeit. Ihre rostfarbene paillettenbesetzte Robe mit engem Schnitt und weitem Rückenausschnitt passte brillant zu ihrem Interpretationsstil: glitzernd, facettenreich, eng am Notentext und zugleich von großer individueller Freiheit bestimmt.

Vor allem die Werke von Manolis Kalomiris (1883-1962) verstand sie prächtig zu verarbeiten. Kalomiris zählt zu den klassischen Vätern der griechischen Musik. Als Präsident der griechischen Nationaloper (seit 1950) und Gründer des griechischen und nationalen Konservatoriums (1919 bzw.1927) gilt er bis heute als einer der wichtigsten Komponisten des Landes. Seine Musik allerdings ist stark geprägt von seiner Wiener Zeit zwischen 1901 und 1906 und seiner Orientierung an der deutschen Romantik. Seine Cinq Préludes (1939) und das Nocturne fis-Moll (1906-08) erinnerten denn auch in vielem an Johannes Brahms, Frederic Chopin oder gar an Béla Bartók. Einzig die Leventika, das fünfte Prélude, ließ Rückschlüsse auf arabisch-türkische Einflüsse zu. Kalomiris lebte in seiner Jugendzeit in Smyrna (heute Izmir), das schon immer als Grenze zwischen Orient und Okzident galt. Die typische Rhythmik und Ornamentik dieses fünften Prélude verstand die Pianistin, in einen furiosen Ritt durch die Kulturen von Ost und West zu verwandeln.

Béla Bartóks (1881-1945) bei Pianisten sehr beliebten sechs Rumänische Volkstänze BB 68 Sz 56 (1915) gehören oft zum Zugabenrepertoire, da sie kurz und bündig (kaum 6 Minuten) und dazu noch sehr eigenwillig und modern konzipiert sind. Dörken machte aus der authentischen Bauernmusik – sie soll schroff und im besten Sinne 'dreckig' daherkommen –  eher ein  kunstmusikalisches Ereignis, voller Sinnlichkeit und romantischer Emotionalität. Ein wenig schade, weil gerade in diesen Miniaturen ein großer Kontrast zur damaligen Musikepoche und Stilistik steckte. 

Franz Schuberts Zwölf Deutsche Tänze D 790 (1823/1864) wiederum passten in die Gefühlswelt des frühen 19. Jahrhunderts. Alles zwischen Ländler, Deutscher Tanz, Allemande und Walzer. Man drehte sich im Kreise in einer Zeit des Umbruchs und der Krisen, nicht so recht wissend, wohin die Reise geht. Dörken fand hier den rechten Ton, auch wenn die Tänze ein bisschen an Wiener Heurigen-Stimmung erinnerten.
 
Danae Dörken

Courage ist, wenn man unerschrocken seinen Weg geht


Hochzeitstag auf Troldhaugen (1896) aus Edvard Griegs (1843-1907) Lyrischen Stücken/Band 1, eigentlich ein Gassenhauer par excellence, ging allerdings tüchtig in die Hose, oder, um in der Metapher der Kulturreise zu bleiben, der Zug entgleiste und blieb im Nirgendwo liegen. Schade: zu schnell, zu hudelig, zu dröhnend. Kein fröhlicher Marsch der Hochzeitsgäste, sondern eher eine rasende Toccata, die die Feiernden aufmischte und das Brautpaar auseinandertrieb.

Francis Poulenc´ (1899-1963) Huit Nocturnes (1929/38) wiederum gehörten zum Höhepunkt des Rezitals. Zwischen Salonmusik (Nr. 1), turbulenten Flügelschlägen (Nr. 5), gnomenhaften Verrenkungen (Nr. 7) und gesanglichen wie melodiösen Impressionen (Nr. 3 und Nr. 8) ist alles darin vertreten, was, so die Pianisten im Gespräch, den französischen Charakter beschreibt. Dörkens Affinität zum französischen Savoir-vivre kam in jedem der acht Nachtstücke beeindruckend zur Geltung.

Mit dem abschließenden Feuertanz aus Manuel de Fallas (1876-1946) Ballett Der Liebeszauber (1915) erreichte die Reise ihren Endpunkt. Ein Flamenco furioso. Technisch nicht brillant aber dafür mit absolutem Herzblut und Hingabe präsentiert. Artur Rubinsteins (1887-1982) Klavierbearbeitung (1925) soll bei der Uraufführung Stürme der Begeisterung beim Publikum ausgelöst haben. Der Legende nach musste er es dreimal wiederholen, um das Publikum aus seiner "Tobsucht" zu befreien. Das war im sehr gut besetzten Fürst-von-Metternich Saal zwar nicht so, aber das Publikum war trotzdem begeistert.

Die beiden Zugaben: Franz Liszts Rigoletto Paraphrase und Claude Debussys Mouvement aus Image/ Band 2, zwei stilistisch extrem kontrastreiche und technisch höchst anspruchsvolle Stücke, ließen Dörkens pianistische Ausnahmestellung der Next Generation erkennen. Diese beiden Werke spielte sie auswendig (im Gegensatz zu denen in ihrem offiziellen Programm mit I-Phone-Notentext) und es zeigte sich wieder einmal, dass die alte Kunst des Auswendig-Spielens (was leider immer mehr verloren geht) ein tiefes Verständnis des Notentextes verlangt, was sich gerade in diesen beiden Werken hörbar in der Qualität der Interpretation widerspiegelte. Danae Dörken hat alles, was einen Ausnahmepianisten ausmacht. Nach oben sind ihre Grenzen allerdings noch offen.

Die Idee des Veranstalters, am Ende der Rezitale ein Gespräch mit den Künstlern anzubieten und das Konzert revue passieren zu lassen, ist ausgezeichnet und findet beim Publikum prächtige Resonanz. Danae Dörken, die übrigens auf dem RMF debütierte, zeigte sich im Interview mit Markus Treiber als weltoffene junge Frau, die ihre Musik allen Menschen präsentieren möchte (hervorzuheben ihr 2015 gegründete Molevos International Music Festival, kurz MIMF, das alljährlich auf der Insel Lesbos, der Heimat ihrer Großeltern, stattfindet). 
Auf die Frage nach ihrer Courage, Motto des diesjährigen RMF, antwortete sie schlicht: „Für mich bedeutet Courage Unerschrockenheit, das zu tun, was ich mit vorgenommen habe und alle Widerstände mutig zu meistern.“





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