Montag, 2. März 2020


CRESC … Biennale für aktuelle Musik Frankfurt Rhein Main, 28.02 – 07.03.2020

Crashkurs-Human_machine, Fünf Uraufführungen in der Albert-Schweitzer-Schule Offenbach, 01.03.2020
Ensemble Modern mit musikalischem Leiter Enno Poppe (Foto: EM/Walter Vorjohann)


Ein Crashkurs der Vielfalt

Dieser dritte Tag des Festivals ist auf die jüngsten musikalischen und kompositorischen Positionen mit Blick auf das Thema human_machine gerichtet. Fünf ausgesuchte  junge Nachwuchs-KomponistInnen haben dazu im Rahmen des 9. Internationalen Kompositionsseminars der internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA) gemeinsam mit dem Ensemble Modern (EM) und dem Dirigenten Enno Poppe (*1969) neue Stücke erarbeitet, die an diesem Sonntag uraufgeführt wurden.

Bereits der Empfang in der neugotisch angehauchten Aula des Offenbacher Gymnasiums entführte das Publikum in ein „begehbares Lichtobjekt“, installiert vom Offenbacher Künstlerkollektiv YRD.Works: ein kathedraler in weiße Gaze eingepackter Konzertraum, der unterschiedlich illuminiert den Blick hinter die Kulissen (Nebenräume und Geräte), aber auch die Konzentration auf den Innenraum und die Bühne gleichermaßen zuließ. Das Gefühl, in eine illustre ästhetische Welt der Musik einzusteigen, trug genial dazu bei, den „crashigen“ Kompositionen einen idealen Rahmen zu bieten.

Ein vier Stunden Programm, jeweils unterbrochen durch kurze Gespräche mit den Komponisten und Komponistinnen (Moderation:Enno Poppe), aber auch mit der Möglichkeit abzuspannen bei „Talks und Filmen“, oder einer „Klangintervention“ von Mitgliedern der IEMA, wie auch offenen Gesprächen zwischen teilnehmenden Komponistinnen wie Shiva Feshareki oder Brigitta Muntendorf (Moderator: Michael Rebhahn) –  persönliche Gespräche bei Kaffee und Kuchen in den Pausen selbstverständlich eingeschlossen – , verging wie im Fluge, und schaffte auch für sogenannte Nichteingeweihte wunderbare Einblicke in und Erkenntnisse über die Neueste und zeitgenössische Musikwelt.

Drei sehr verschieden Zeiten

Yu Kuwabara (Foto: SoundCloud)

Zudem bot die weitgehend im Gründerstil gebaute Schule ein herrliches Ambiente für diesen Crashkurs 2020. Nach einer  begrüßenden, harmonisch meditativen Klangintervention von James Tenney, von 10 IEMA-MusikerInnen mit herrlichen Farbeinspielungen eingeleitet, stellte Yu Kuwabara (*1984), eine junge in Tokio lebende aber weit gereiste Japanerin, ihr neuestes Werk Time Abyss (2019/20) vor.

Ein 16 Minuten dauerndes Stück für 17 Musiker, aufgeteilt in zwei Gruppen. Die Idee dieser Zeit-und-Raum befragenden Arbeit ist der Umgang mit verschiedenen Tempi und ihrer räumlichen Wahrnehmung. Davon wählt sie drei aus: die „verschachtelte“-, die „schräge“- und die „verdrehte“ Zeit. Alle diese Zeiten verschaffen der Musik eine ungeheure Spannung. Es schreit, es explodiert und pulsiert. Einem erregten Aufbäumen folgt ein erschöpftes Blasen, rasend schnelle Repetitionen wechseln mit langsamsten Tonflächen, rhythmischen Passagen springen zu chaotischen Taktmetren. Eine wegen der differenzierten Beats und der unterschiedlichsten Klangräume äußerst schwierig zu dirigierende Musik, wie Enno Poppe im Gespräch mit der Komponistin feststellt. Das Zusammenhalten der geforderten zwei Gruppen erfordere zudem von allen extreme Physis. Ein starkes und nachdenkliches Stück dieser sympathischen Japanerin, der als Kosmopolitin die Beziehung zwischen Japan und der Welt am Herzen liegt.

Sind wir alle okay?

Lawrence Dunn (Foto: Gaudeamus Muziekweek)

Mit We are all okay (2019/20) stellte sich der in Manchester lebende Komponist Lawrence Dunn (*1991) vor. Ein 15-minütiges Stück für 16 Player: melodisch, harmonisch, atmosphärisch. Seine Idee basiert auf Analogien für symbiotische Prozesse. Das bedeutet für dieses Stück, „das geschädigte menschliche  Ökosystem wiederzubeleben“. So lässt er Rotkehlchen singen und Kühe muhen, arbeitet mit minimalistischen Patterns à la Steve Reich, aber auch mit viel Elektronik, breit gefächerten Klangflächen und liedhaften Passagen. Diese Musik scheint das Wohlbefinden zu bevorzugen, schafft aber untergründig ein aufregend beängstigendes Klima. Sind es Todesschreie der Kühe? Ein elegischer Abschluss, ein Requiem auf unsere Naturzerstörung lässt uns mit diesen Gedanken zurück.

Wie tyrannisch kann Künstliche Intelligenz sein?


Michaela Catranis (Foto: Youtube)

Die in New York geborene Michaela Catranis  (*1985) bot Tyranny of Noise (2019/20), ein 18 minütiges Werk für 12 Spieler, Live-Elektronik und KI (Künstliche Intelligenz)-getriggerten Visuals. In Zusammenarbeit mit dem KI-Spezialisten Nikolay Jetchev, versuchte sie sich an der Synästhesie zwischen Klängen und Farbenspiel. Dabei dominierten mal die Samples, mal die Live-Spieler. Immer aber gab es eine quasi morphologische Transformation zwischen den MusikerInnen, der Elektronik und den Videospielen an der Decke der Aula. Die Absicht, die menschlichen Emotionen farblich-visuell auszuloten (mal transparent, mal kräftig bzw. expressiv) war zwar interessant, konnte allerdings nur mit viel Fantasie als KI erfasst werden. Zwar wirkte dieses vierteilige Werk (Wechsel zwischen reiner Elektronik und live-Musik) durch sehr starke, lautmalende Passagen weniger tyrannisch, dafür aber eher kurzweilig und abwechslungsreich, fokussiert auf die Fülle von Dynamiken, Klangfarben (Instrumentierung) und Lautstärken ausgerichtet.

Zwischen Selbstportrait und Selbstdarstellung

Igor Santos (Foto: crescbiennale - Künstler)

Den Abschluss bildeten zwei Komponisten, die bereits international zu Auszeichnungen gekommen sind. Der aus Brasilien stammende Igor Santos (*1985) porträtierte sich selbst in Portrait IO (2019/20) und Alex Paxton (*1990), ein englischer Jazzer mit engen Beziehungen zu den britischen Komponisten Sir Maxwell Davies (1934-2016) und Mark-Anthony Turnage (*1960), präsentierte Ilolli-Pop (2019/20).

Santos ging in seinem 17-minütigen Werk für 10 Sampler und 17 InstrumentalistInnen gleich in die Vollen. Es knallte, krachte und strebte im Fortissimo-Tutti kühn nach Vorwärts. Alltagsklänge wie Straßenverkehr, Liedfetzen, Gespräche, heftiges Atmen, aber auch Meeresrauschen, Vogelgesang und Krötenquaken wechselten mit bruchstückhafter Filmmusik aus Psycho (Alfred Hitchcock) oder Der rosarote Panther (Blake Edwards). Auch Anlehnungen an George Gershwins oder Leonard Bernsteins Musikstile waren nicht zu überhören. Viel metrischer Puls und Aufregung im Detail – im Tenor unglaublich positiv. „Ein Stück für die gute Laune“, äußerte spontan eine begeisterte Zuhörerin, und traf damit den Nagel auf den Kopf.

Alex Paxton (Foto: crescbiennale - Künstler)

Konträr dazu Paxtons Ilolli-Pop für Big-Band und improvisierende Musiker. Der Komponist griff in diesem 24-minütigen Parforceritt  selbst zu seiner Posaune und demonstrierte seine virtuose Klasse (sehr dem Freejazz verhaftet). Dieses Werk scheint den Weg eines Lebens von der Geburt bis zum Tod zu beschreiben. Eingangs ein Babygeheul, wimmernd und bettelnd, dann adoleszente Widerständigkeit mit schrägen und wilden Tonelementen. Ein Lebenszenit dann voller virtuoser, orchestraler Fülle, stampfend vorwärtstreibend, sprunghaft mit primitiven, gassenhaften Einspielungen. Und schließlich das langsame Absterben der Lebensgeister, moderat, elegisch mit romantisierender Reminiszenz.
EM, v.l.: Alex Paxton (Komponist), Giorgios Panagiotidis, Jagdish Mistry, Megumi Kasakawa, Christian Hommel (verdeckt), Uwe Dierksen, Sergi Bayarri Sancho, Michael Maria Kasper, Johannes Schwarz, Michele Marco Rossi
(Foto: Walter Vorjohann)

Mensch macht Musik


Ein fulminanter Abschluss dieses ereignisreichen Nachmittags in einem historischen Ambiente und einer den Uraufführungen perfekt entgegenkommenden Räumlichkeit. Ein Wohlfühl- wie ein Anregungsprogramm gleichermaßen. Ein geistiger Crashkurs zwischen Mensch und Maschine, der einmal mehr deutlich machte, dass Musik von Menschen gemacht ist – die Maschine allenfalls ihre Ergänzung –, und dass ihre Interpretation von MusikerInnen wie die des Ensemble Modern oder der IEMA nicht nur eine außergewöhnliche Hörererfahrung sondern auch ein optisches und sinnliches Erlebnis bedeutet.   

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