Montag, 28. Juni 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021

 

Zweites Eröffnungskonzert mit dem hr-Sinfonieorchester (Andrés Orozco-Estrada) und dem amerikanischen Violinisten Augustin Hadelich (*1984)

Michael Herrmann eröffnet das 34. RMF 2021 in der Basilika des Klosters Eberbach (Foto: Ansgar Klostermann)



Ist die Zeit des Schweigens vorüber, wie es bemerkenswerterweise im Programm der Eröffnungskonzert steht? Nein, muss die Antwort lauten. Lediglich die Ohren können wieder ein leises Säuseln von Freiheit und Erwachen vernehmen. Noch. Man ist fatalerweise an den römischen Staatsmann Cato dem Älteren (234-149 v. Chr.) erinnert, der kategorisch jede seiner Reden im Senat mit dem Satz beendete: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“, um damit die äußere Gefahr, die auf Rom lastete, durch die ständige Wiederholung immer in Erinnerung zu halten. Historisch hatte er recht behalten und zumindest das römische Imperium in den beiden punischen Kriegen für mehrere Jahrhunderte gerettet. Auf Corona und die menschenunwürdigen Bedingungen bezogen sollte das gleiche gelten. Nie nachlassen und der Freiheit der Kunst ohne jegliche Einschränkung den Weg ebnen.

Mit den Hebriden (1829) von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) wurde ein erster zaghafter Schritt getan. Michael Herrmann, Geschäftsführer und emsiger Intendant des RMFs, begrüßte die Gäste in der lediglich zu 50 Prozent besetzten Basilika des Klosters Eberbach mit den Worten (sinngemäß): Wir sind „sehr erleichtert“, die 34. Ausgabe des Rheingau Musik Festivals vor einem vollen Haus eröffnen zu dürfen. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass im vergangenen Jahr 150 Veranstaltungen ausgefallen seien und 85.000 Tickets zurückgegeben werden mussten. Ein Mammutaufgabe, die die Vorbereitungszeit des Festivals weit überstiegen hätte und keiner Wiederholung bedürfe.

Alles halbiert, das Publikum wie auch das hr-Sinfonieorchester, mit Abstand und Masken. Die Hebriden, eine tief romantische Eindrucksmusik des 20-jährigen Ausnahmekünstlers nach dem Besuch der Fingalshöhle auf den schottischen Hebriden, wo nebenbei bemerkt auch seine schottische Sinfonie das Licht der Welt erblickte, erinnert an eine szenische Bildbetrachtung impressionistischer Malerei wie die eines Claude Monet oder Èdouard Manet.  

Mit elektronischer Verstärkung (wie ein Mitglied des Orchesters meinte, zur Verbesserung der internen Kommunikation) kam diese wunderbar melodische Konzert-Ouvertüre, auch bedingt durch die kathedrale Akustik der Basilika, doch sehr diffus und verschwommen ans Ohr des Publikums. Vielleicht auch der besonderen Situation der noch grassierenden Pandemie geschuldet.



vorne: Augustin Hadelich (Geiger), Andrés Orozco-Estrada (Dirigent), im Hintergrund:  hr-Sinfonieorchester
(Foto: Ansgar Klostermann)


"Scheußlich und langweilig" ?

Dann der Höhepunkt des Abends. Das Violinkonzert d-Moll op. 47 (1903) von Jean Sibelius (1865-1957), ein Meisterwerk mit einem Geiger der Extraklasse, Augustin Hadelich (*1984) an der Guarneri del Jesù von 1744.

Bereits der erste Satz, Allegro moderato, ein Gedicht an slawisch anmutenden Klangfarben, mit langen, sehr langen Orchesterpassagen und ebenso langen Soloeinlagen des bestens aufgelegten Interpreten, dessen Bogentechnik präzise und ruhig die schwierigsten figurativen Stellen mit größter Leichtigkeit, aber auch tiefem Ernst bewältigte. Denn dieses Konzert schwankt zwischen Depression und Zuversicht, fast schon manisch zu nennen, verliert sich aber nie in Details.

Wenn der berühmte Violinist Joseph Joachim (1831-1921), das Werk als „scheußlich und langweilig“ bezeichnet haben soll, dann fehlen die Worte. Ja, es ist fast schon avantgardistisch, vor allem im stark akzentuierten und rhythmisch kontrastierenden Schlussteil, was möglicherweise die an den romantischen Schönklang gewöhnten Ohren missfiel. Aber deshalb langweilig? Nein! Scheußlich? Ein diabolischer Tanz wühlt vielleicht auf und mag ängstigen. Aber was Sibelius, selbst exzellenter Geiger und Joseph Joachim in nichts nachstehend, im Schlusssatz, Allegro ma non tanto, an Expression und Klangfülle aus allen Instrumentalisten herauskitzelt, wie auch den Solisten an die Grenze menschlicher Möglichkeiten führt, das ist vom Feinsten und bleibt in Dauer-Erinnerung.

Nicht zu vergessen das Adagio di molto, der Mittelsatz. Schwermütig mit ausgedehnten Phrasen, gelang es Hadelich über viele Minuten, den Spannungsbogen zu halten und überaus feinfühlig die finnische Seenlandschaft abzubilden, wobei ihm das Orchester (hier passte die Reduzierung punktgenau) großartig und von Orozco-Estrada beseligend und emotional geführt, wunderbar ergänzend beiseite stand.

Die Zugabe, Louisiana Mistry von Coleridge-Taylor Perkinson (1932-2004), ein Gemisch aus Blues, Country und Cakewalk, jazzig gespielt mit Doppelgriffen und wechselnder Synkopik, befreite von der schweren Last der finnischen Einsamkeit und zeigte einmal mehr die Vielseitigkeit von Hadelich. Erstmals auf dem RMF sollte er doch zum Dauerbrenner auch zukünftiger Festivals im Rheingau werden.



hr-Sinfonieorchester mit Andrés Orozco-Estrada (Foto: Ansgar Klostermann)


Zwischen Leichtigkeit und Maestoso

Den Abschluss bildete Mendelssohns 5. Sinfonie d-Moll op. 107 (1830) – eigentlich die Zweite, weil sie erst 1868 posthum erschien –, eine Sinfonie, die er zur 300. Wiederkehr der Reformation schrieb und in die er neue Ideen der Instrumentierung und Form einschrieb.

Genau genommen stehen alle vier Sätze autonom, ohne allerdings völlig voneinander unterschieden zu sein. Auch arbeitet er mit Zitaten, wie dem „Dresdner Amen“, besser bekannt aus Richard Wagners Parsifal (das Parsifal-Motiv). Dazu schließt diese viersätzige Sinfonie mit Johann Sebastian Bachs Choral: Eine feste Burg ist unser Gott, der allerdings im einleitenden Andante des ersten Satzes bereits anklingt und quasi eine Klammer dieses sinfonischen Meisterwerks bildet.

Ansonsten viel Leichtigkeit im Scherzo des zweien Satzes, Allegro vivace, was leider ein wenig zu getragen und schwerfällig daherkam. Dafür aber wirkte der dritte Satz, Andante, wie ein Ausschnitt aus Mendelssohns Klavieralbum: Lieder ohne Worte mit irisierendem Flötensolo. Ein Sommernachtstraum, der gefühlvoll in den abschließenden Choral mündet. Hier kommen in Reminiszenz an J. S. Bach die Kontrapunktik und Fugentechnik zum Zuge. Das Ganze endet im gewaltigen Maestoso.

Mendelssohn gehörte nicht nur zu den besten Pianisten seiner Zeit, sondern beweist sich auch in dieser Sinfonie als genialer Nachfolger der Beethovenschen Weg-Suche in die musikalische Freiheit.


Eine Ära geht zu Ende. Was bringt die neue?

Hier anschließend ein großer Dank an Andrés Orozco-Estrada, der an diesem Abend sein letztes Konzert dirigierte und das hr-Sinfonieorchester in Richtung Wien, wo er bereits wohnt, verlassen wird. Eine tänzerische, sehr am Rhythmus orientierte Ära geht damit zu Ende.

Ein fantastischer Einstieg in die neue RMF Saison, wenn, ja wenn nicht diese unwürdigen Umstände herrschen würden. Insgesamt allerdings war die Stimmung gelassen, was beruhigte. Wenn diese lästigen Durchsagen nur noch ausblieben. Sie erinnern, mich zumindest, sehr an den albanischen Kommunismus der 1970er Jahre, wo man ständig auf allen öffentlichen und nichtöffentlichen Plätzen zu staatskonformem Verhalten aufgefordert wurde. Ich denke, das möchte in einer freien Gesellschaft niemand.

 

 

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