34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
Zweites Eröffnungskonzert mit dem hr-Sinfonieorchester (Andrés Orozco-Estrada) und dem amerikanischen Violinisten Augustin Hadelich (*1984)
| Michael Herrmann eröffnet das 34. RMF 2021 in der Basilika des Klosters Eberbach (Foto: Ansgar Klostermann) |
Mit den Hebriden (1829) von Felix
Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) wurde ein erster zaghafter Schritt getan.
Michael Herrmann, Geschäftsführer und emsiger Intendant des RMFs, begrüßte die
Gäste in der lediglich zu 50 Prozent besetzten Basilika des Klosters Eberbach
mit den Worten (sinngemäß): Wir sind „sehr erleichtert“, die 34. Ausgabe des
Rheingau Musik Festivals vor einem vollen Haus eröffnen zu dürfen. Gleichzeitig
wies er darauf hin, dass im vergangenen Jahr 150 Veranstaltungen ausgefallen seien
und 85.000 Tickets zurückgegeben werden mussten. Ein Mammutaufgabe, die die
Vorbereitungszeit des Festivals weit überstiegen hätte und keiner Wiederholung bedürfe.
Alles halbiert, das Publikum wie auch das
hr-Sinfonieorchester, mit Abstand und Masken. Die Hebriden, eine tief romantische
Eindrucksmusik des 20-jährigen Ausnahmekünstlers nach dem Besuch der
Fingalshöhle auf den schottischen Hebriden, wo nebenbei bemerkt auch seine
schottische Sinfonie das Licht der Welt erblickte, erinnert an eine szenische
Bildbetrachtung impressionistischer Malerei wie die eines Claude Monet oder Èdouard
Manet.
Mit elektronischer Verstärkung (wie ein Mitglied des Orchesters meinte, zur Verbesserung der internen Kommunikation) kam diese wunderbar melodische Konzert-Ouvertüre, auch bedingt durch die kathedrale Akustik der Basilika, doch sehr diffus und verschwommen ans Ohr des Publikums. Vielleicht auch der besonderen Situation der noch grassierenden Pandemie geschuldet.
| vorne: Augustin Hadelich (Geiger), Andrés Orozco-Estrada (Dirigent), im Hintergrund: hr-Sinfonieorchester (Foto: Ansgar Klostermann) |
"Scheußlich und langweilig" ?
Dann der Höhepunkt des Abends. Das Violinkonzert d-Moll
op. 47 (1903) von Jean Sibelius (1865-1957), ein Meisterwerk mit einem
Geiger der Extraklasse, Augustin Hadelich (*1984) an der Guarneri del
Jesù von 1744.
Bereits der erste Satz, Allegro moderato, ein Gedicht
an slawisch anmutenden Klangfarben, mit langen, sehr langen Orchesterpassagen
und ebenso langen Soloeinlagen des bestens aufgelegten Interpreten, dessen
Bogentechnik präzise und ruhig die schwierigsten figurativen Stellen mit
größter Leichtigkeit, aber auch tiefem Ernst bewältigte. Denn dieses Konzert
schwankt zwischen Depression und Zuversicht, fast schon manisch zu nennen,
verliert sich aber nie in Details.
Wenn der berühmte Violinist Joseph Joachim (1831-1921), das
Werk als „scheußlich und langweilig“ bezeichnet haben soll, dann fehlen die
Worte. Ja, es ist fast schon avantgardistisch, vor allem im stark akzentuierten
und rhythmisch kontrastierenden Schlussteil, was möglicherweise die an den
romantischen Schönklang gewöhnten Ohren missfiel. Aber deshalb langweilig? Nein!
Scheußlich? Ein diabolischer Tanz wühlt vielleicht auf und mag ängstigen. Aber was
Sibelius, selbst exzellenter Geiger und Joseph Joachim in nichts nachstehend, im
Schlusssatz, Allegro ma non tanto, an Expression und Klangfülle aus
allen Instrumentalisten herauskitzelt, wie auch den Solisten an die Grenze
menschlicher Möglichkeiten führt, das ist vom Feinsten und bleibt in Dauer-Erinnerung.
Nicht zu vergessen das Adagio di molto, der
Mittelsatz. Schwermütig mit ausgedehnten Phrasen, gelang es Hadelich über viele
Minuten, den Spannungsbogen zu halten und überaus feinfühlig die finnische
Seenlandschaft abzubilden, wobei ihm das Orchester (hier passte die Reduzierung
punktgenau) großartig und von Orozco-Estrada beseligend und emotional geführt,
wunderbar ergänzend beiseite stand.
Die Zugabe, Louisiana Mistry von Coleridge-Taylor
Perkinson (1932-2004), ein Gemisch aus Blues, Country und Cakewalk, jazzig
gespielt mit Doppelgriffen und wechselnder Synkopik, befreite von der schweren
Last der finnischen Einsamkeit und zeigte einmal mehr die Vielseitigkeit von Hadelich.
Erstmals auf dem RMF sollte er doch zum Dauerbrenner auch zukünftiger Festivals
im Rheingau werden.
| hr-Sinfonieorchester mit Andrés Orozco-Estrada (Foto: Ansgar Klostermann) |
Zwischen Leichtigkeit und Maestoso
Den Abschluss bildete Mendelssohns 5. Sinfonie d-Moll op. 107 (1830) – eigentlich die Zweite, weil sie erst 1868 posthum erschien –, eine Sinfonie, die er zur 300. Wiederkehr der Reformation schrieb und in die er neue Ideen der Instrumentierung und Form einschrieb.
Genau genommen stehen alle vier Sätze autonom, ohne allerdings
völlig voneinander unterschieden zu sein. Auch arbeitet er mit Zitaten, wie dem
„Dresdner Amen“, besser bekannt aus Richard Wagners Parsifal (das
Parsifal-Motiv). Dazu schließt diese viersätzige Sinfonie mit Johann Sebastian
Bachs Choral: Eine feste Burg ist unser Gott, der allerdings im einleitenden Andante
des ersten Satzes bereits anklingt und quasi eine Klammer dieses sinfonischen
Meisterwerks bildet.
Ansonsten viel Leichtigkeit im Scherzo des zweien Satzes, Allegro
vivace, was leider ein wenig zu getragen und schwerfällig daherkam. Dafür aber
wirkte der dritte Satz, Andante, wie ein Ausschnitt aus Mendelssohns
Klavieralbum: Lieder ohne Worte mit irisierendem Flötensolo. Ein
Sommernachtstraum, der gefühlvoll in den abschließenden Choral mündet. Hier
kommen in Reminiszenz an J. S. Bach die Kontrapunktik und Fugentechnik zum Zuge. Das Ganze
endet im gewaltigen Maestoso.
Mendelssohn gehörte nicht nur zu den besten Pianisten seiner
Zeit, sondern beweist sich auch in dieser Sinfonie als genialer Nachfolger der
Beethovenschen Weg-Suche in die musikalische Freiheit.
Eine Ära geht zu Ende. Was bringt die neue?
Hier anschließend ein großer Dank an Andrés
Orozco-Estrada, der an diesem Abend sein letztes Konzert dirigierte und das
hr-Sinfonieorchester in Richtung Wien, wo er bereits wohnt, verlassen wird.
Eine tänzerische, sehr am Rhythmus orientierte Ära geht damit zu Ende.
Ein fantastischer Einstieg in die neue RMF Saison, wenn, ja
wenn nicht diese unwürdigen Umstände herrschen würden. Insgesamt allerdings war
die Stimmung gelassen, was beruhigte. Wenn diese lästigen Durchsagen nur noch
ausblieben. Sie erinnern, mich zumindest, sehr an den albanischen Kommunismus
der 1970er Jahre, wo man ständig auf allen öffentlichen und nichtöffentlichen
Plätzen zu staatskonformem Verhalten aufgefordert wurde. Ich denke, das möchte in einer freien Gesellschaft niemand.
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