Montag, 5. Juli 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021

Chilly Gonzales presented in PianoVision im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses Wiesbaden, 04.07.2021


Chilly Gonzales im Kurhaus Wiesbaden (Fotos: Ansgar Klostermann)



Im Morgenmantel und Pantoffeln


Chilly Gonzales (*1972), Entertainer in Sachen Piano, aber gleichzeitig auch Dokumentarfilmer, Buchautor, Musik Journalist, Radiosprecher, Grammy Gewinner, Komponist und last but not least Gründer seiner Musikschule „The Gonzervatory“, versteht es, sein Publikum mitzureißen und im Morgenmantel und in Pantoffeln den Saal zum Beben zu bringen.

Geboren in Kanada und seit 2011 in Europa tingelnd, mal wohnhaft in Berlin, mal in Köln, mal in Paris, besuchte zum ersten Mal das Rheingau Musik Festival und wird im Rahmen von Focus Jazz noch einmal am 23.07. mit dem Kaiser Quartett (Kurhaus Wiesbaden), am 12.08. mit Malakoff Kowalski (Schloss Johannisberg) und am 13.08. mit Igor Levit und Malakoff Kowalski (Kurhaus Wiesbaden) sein Publikum zu begeistern wissen.

In dieser Musik Session PianoVision spielte er Ausschnitte aus seinen Alben „Solo Piano I, II, III“ (2004, 2012, 2018), wechselte zwischendurch an ein Cembalo und verstand es sogar in Rapper-Manier zu singen.

Aber eines nach dem anderen.

Chilly Gonzales im Kurhaus Wiesbaden (Fotos: Ansgar Klostermann)


Minimalistische Schlichtheit = Schönheit

Gonzales, die Tastatur mit seinen spielenden Händen wurde per Video übertragen (eine feine Idee), spielte zunächst Nachdenklich-Emotionales, ein bisschen Erik Satie (Gymnopédies) und Ludovico Einaudi (Nuvole Bianche). Der Flügel, tief und ein wenig dumpf intoniert sowie elektronisch verfremdet, schaffte gleich ein Klima der Ruhe und Gelassenheit. Minimalistisch, an klassischen Kadenzen orientiert, präsentierte er eine Art Variation in sieben Teilen. Herrliche Klänge und ein mucksmäuschenstilles Publikum, das nach dem Finalakkord in erste Begeisterungsstürme ausbrach.

Es folgte ein motivisch einfallsreiches Stück in Fis-As-Es-Cis-Wechseln, leichtgängigen Fiorituren und herrlichen Glissandi, die eine dauerhafte Klangwolke im Saal verbreiteten. Souverän und ohne Hast, immer cool und gefällig.

Etwas komplizierter, wenngleich sich seine Musik auf einfachsten, sich immer wiederholenden Kadenzen aufbaut, ging es im dritten Stück zu. Eine Vier-Ton-Motivik mit chromatischer Ausmalung in F-Es-D-G Kadenzfolgen, Terz- bzw. Sextsequenzen sowie rollenden Arpeggien, ließ doch viel Ähnlichkeit mit den Moments musicaux von Franz Schubert erkennen. Am Ende zeigte Gonzales mehrere Zettel ins Publikum wir „Ei gude wie“, wobei das Ei zu „Eier“ erweitert wurde. Auch Mainz, der ewige Widerspruch zu Wiesbaden, bekam mit „Fuck Mainz“ sein Fett ab. Die Lacher waren auf seiner Seite.

Chilly Gonzales im Kurhaus Wiesbaden (Fotos: Ansgar Klostermann)

Jazzige Lebensfreude

Auf Rot durchfluteter Bühne bekam der jazzige Teil des Programms seine Referenz. Blue Notes und Synkopen bestimmten die Atmosphäre. Ein Boogie-Woogie, ein Ragtime, alle schnippten mit Daumen und Zeigefinger, dann ein Übergang zu Dave Brubecks Take Fife. Jetzt kam der Musikerklärer Gonzales zu Wort. Fünfviertel-Takt, sehr schwierig, Take Fife im Vierviertel-Takt, schon besser zu verstehen, dann Take Fife im Dreiviertel-Takt, witzig, zumal Gonzales dabei den Donau Walzer sang. Nun gut. Er betont immer wieder zu Recht, dass er aus dem Jazz komme, dass er jazzen müsse und dass ihm das deutsche Wort „jazzen“ am besten gefalle.

Dann wechselt er zum, bis dahin verwaisten Cembalo, angeblich eine Weltpremiere. Wunderbar tief und klangvoll intoniert fordert er Töne vom Publikum. Ein B, später ein A werden hereingerufen. Natürlich bleibt er nicht dabei und improvisiert aus Johann Sebastian Bachs ersten Präludien. Er versteht es, über die Saiten zu streichen, Glissandi zu zaubern und aus dem Cembalo tatsächlich ein sinfonisches Instrument zu machen. Eindrucksvoll.

Der Schluss des gut einstündigen Programms besteht aus G-Es-F-C-Kadenzen, die er akkordisch mit heftigen Tremoli bis zur Kakophonie ausreizt. Ein gewaltiger Schlussakkord reißt das Publikum von den Sesseln. Gonzales ruft zurück: „Music is back, Music is back!“

Natürlich gibt er Zugaben.

Die erste ist ein Mix aus Emotionen: „I try, to make the Piano cry“, meint er einleitend, und tatsächlich weint das Piano Tränen der Rührung. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Immer wieder ruft Gonzales: Music is back, Halleluja, und zwischendurch lobt er das Klavierspiel und vergleicht es mit einem Liebesakt mit drei Kondomen („Piano is like Sex with three Condoms“).


Chilly Gonzales, Foto: Alexandre Isard


Eine fast perfekte Performance

Dann setzt er sich an den Flügel und singt in Rapper Manier eine Slam Poetry zu Music is back like a cadillac. Schrill und abgefahren mit rauer Stimme und rockiger Begleitmusik wie aus der Floorshow aus der mittlerweile fast 50 Jahre alten The Rocky Horror Picture Show.

Eine fast perfekte Performance, ja, wenn nicht die unseligen Umstände der künstlerischen Freude immer wieder einen Dämpfer aufsetzen müssten. Wie lächerlich ist es doch, wenn Menschen durch geschlossene Nasen und Münder schreien und brüllen. Gonzales verstand es zumindest im Ansatz, diese Groteske sichtbar und hörbar zu machen. Er nämlich machte deutlich, dass Musik nicht allein Berührung und Coolness, sondern im übertragenen Sinne vor allem Fieber und Ansteckung braucht und jegliche Hygiene ein Sargnagel für sie bedeutet. Gonzales bot insofern nicht allein eine Performance der künstlerischen Freiheit, sondern vor allem ein Gefühl von Humanität und aufgeklärter Selbstbestimmtheit.

Wie heißt es doch! Cetero censeo … esse delendam!

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