34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
Chilly Gonzales presented in PianoVision im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses Wiesbaden, 04.07.2021
| Chilly Gonzales im Kurhaus Wiesbaden (Fotos: Ansgar Klostermann) |
Chilly Gonzales (*1972),
Entertainer in Sachen Piano, aber gleichzeitig auch Dokumentarfilmer, Buchautor,
Musik Journalist, Radiosprecher, Grammy Gewinner, Komponist und last but not
least Gründer seiner Musikschule „The Gonzervatory“, versteht es, sein Publikum
mitzureißen und im Morgenmantel und in Pantoffeln den Saal zum Beben zu
bringen.
Geboren in Kanada und seit 2011 in
Europa tingelnd, mal wohnhaft in Berlin, mal in Köln, mal in Paris, besuchte
zum ersten Mal das Rheingau Musik Festival und wird im Rahmen von Focus Jazz
noch einmal am 23.07. mit dem Kaiser Quartett (Kurhaus Wiesbaden), am 12.08.
mit Malakoff Kowalski (Schloss Johannisberg) und am 13.08. mit Igor Levit und
Malakoff Kowalski (Kurhaus Wiesbaden) sein Publikum zu begeistern wissen.
In dieser Musik Session PianoVision
spielte er Ausschnitte aus seinen Alben „Solo Piano I, II, III“ (2004,
2012, 2018), wechselte zwischendurch an ein Cembalo und verstand es sogar in
Rapper-Manier zu singen.
Aber eines nach dem anderen.
| Chilly Gonzales im Kurhaus Wiesbaden (Fotos: Ansgar Klostermann) |
Minimalistische Schlichtheit = Schönheit
Gonzales, die Tastatur mit seinen
spielenden Händen wurde per Video übertragen (eine feine Idee), spielte
zunächst Nachdenklich-Emotionales, ein bisschen Erik Satie (Gymnopédies) und
Ludovico Einaudi (Nuvole Bianche). Der Flügel, tief und ein wenig dumpf intoniert
sowie elektronisch verfremdet, schaffte gleich ein Klima der Ruhe und Gelassenheit.
Minimalistisch, an klassischen Kadenzen orientiert, präsentierte er eine Art
Variation in sieben Teilen. Herrliche Klänge und ein mucksmäuschenstilles
Publikum, das nach dem Finalakkord in erste Begeisterungsstürme ausbrach.
Es folgte ein motivisch
einfallsreiches Stück in Fis-As-Es-Cis-Wechseln, leichtgängigen Fiorituren und
herrlichen Glissandi, die eine dauerhafte Klangwolke im Saal verbreiteten. Souverän
und ohne Hast, immer cool und gefällig.
Etwas komplizierter, wenngleich sich
seine Musik auf einfachsten, sich immer wiederholenden Kadenzen aufbaut, ging
es im dritten Stück zu. Eine Vier-Ton-Motivik mit chromatischer Ausmalung in F-Es-D-G
Kadenzfolgen, Terz- bzw. Sextsequenzen sowie rollenden Arpeggien, ließ doch
viel Ähnlichkeit mit den Moments musicaux von Franz Schubert erkennen.
Am Ende zeigte Gonzales mehrere Zettel ins Publikum wir „Ei gude wie“, wobei
das Ei zu „Eier“ erweitert wurde. Auch Mainz, der ewige Widerspruch zu
Wiesbaden, bekam mit „Fuck Mainz“ sein Fett ab. Die Lacher waren auf seiner
Seite.
| Chilly Gonzales im Kurhaus Wiesbaden (Fotos: Ansgar Klostermann) |
Jazzige Lebensfreude
Auf Rot durchfluteter Bühne bekam
der jazzige Teil des Programms seine Referenz. Blue Notes und Synkopen
bestimmten die Atmosphäre. Ein Boogie-Woogie, ein Ragtime, alle schnippten mit
Daumen und Zeigefinger, dann ein Übergang zu Dave Brubecks Take Fife.
Jetzt kam der Musikerklärer Gonzales zu Wort. Fünfviertel-Takt, sehr schwierig,
Take Fife im Vierviertel-Takt, schon besser zu verstehen, dann Take Fife im Dreiviertel-Takt,
witzig, zumal Gonzales dabei den Donau Walzer sang. Nun gut. Er betont
immer wieder zu Recht, dass er aus dem Jazz komme, dass er jazzen müsse und dass
ihm das deutsche Wort „jazzen“ am besten gefalle.
Dann wechselt er zum, bis dahin
verwaisten Cembalo, angeblich eine Weltpremiere. Wunderbar tief und klangvoll
intoniert fordert er Töne vom Publikum. Ein B, später ein A werden hereingerufen.
Natürlich bleibt er nicht dabei und improvisiert aus Johann Sebastian Bachs
ersten Präludien. Er versteht es, über die Saiten zu streichen, Glissandi zu
zaubern und aus dem Cembalo tatsächlich ein sinfonisches Instrument zu machen.
Eindrucksvoll.
Der Schluss des gut einstündigen
Programms besteht aus G-Es-F-C-Kadenzen, die er akkordisch mit heftigen Tremoli
bis zur Kakophonie ausreizt. Ein gewaltiger Schlussakkord reißt das Publikum
von den Sesseln. Gonzales ruft zurück: „Music is back, Music is back!“
Natürlich gibt er Zugaben.
Die erste ist ein Mix aus Emotionen:
„I try, to make the Piano cry“, meint er einleitend, und tatsächlich weint das
Piano Tränen der Rührung. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Immer wieder ruft
Gonzales: Music is back, Halleluja, und zwischendurch lobt er das Klavierspiel
und vergleicht es mit einem Liebesakt mit drei Kondomen („Piano is like Sex
with three Condoms“).
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| Chilly Gonzales, Foto: Alexandre Isard |
Eine fast perfekte Performance
Dann setzt er sich an den Flügel
und singt in Rapper Manier eine Slam Poetry zu Music is back like a
cadillac. Schrill und abgefahren mit rauer Stimme und rockiger Begleitmusik
wie aus der Floorshow aus der mittlerweile fast 50 Jahre alten The Rocky
Horror Picture Show.
Eine fast perfekte Performance,
ja, wenn nicht die unseligen Umstände der künstlerischen Freude immer wieder
einen Dämpfer aufsetzen müssten. Wie lächerlich ist es doch, wenn Menschen durch
geschlossene Nasen und Münder schreien und brüllen. Gonzales verstand es
zumindest im Ansatz, diese Groteske sichtbar und hörbar zu machen. Er nämlich
machte deutlich, dass Musik nicht allein Berührung und Coolness, sondern im
übertragenen Sinne vor allem Fieber und Ansteckung braucht und jegliche Hygiene
ein Sargnagel für sie bedeutet. Gonzales bot insofern nicht allein eine
Performance der künstlerischen Freiheit, sondern vor allem ein Gefühl von
Humanität und aufgeklärter Selbstbestimmtheit.
Wie heißt es doch! Cetero
censeo … esse delendam!

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