34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
| Tenebrae Choir mit Nigel Short (Dirigent) in der Basilika des Klosters Eberbach (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein Chor wie aus einer anderen Welt
Eigentlich
sollte man an einem 13. und dazu noch an einem Freitag dem Schicksal nicht in
die Hände spielen. Doch tatsächlich kommt ausgerechnet an diesem Tag der lang
ersehnte Sommer endlich zu seinem Recht. Das Kloster erstrahlt in hellem Lichte
und drinnen in der unter Corona Bedingungen voll besetzten Basilika erscheint
ein Chor wie aus einer anderen Welt. Tenebrae (übersetzt: Dunkelheit),
so nennt sich diese kammermusikalische Besetzung von insgesamt 18 Sängerinnen
und Sängern, die Nigel Short, preisgekrönter Dirigent und ehemaliges
Mitglied der The King´s Singers, im Jahre 2001 zusammengestellt und zu einem
einzigartigen Klangkörper ausgebildet hat.
Eine etwa
70-minütige Reise auf dem berühmten Jakobsweg in vier Etappen stand auf dem
Programm. Joby Talbot (*1971), komponierte Path of Miracles (Pfad
der Wunder) im Jahre 2005 für diesen Chor und widmete dieses Werk seinem im
selben Jahr verstorbenen Vater. Nebenbei bemerkt musste die Uraufführung in
London wegen eines Bombenattentats verschoben werden. Sie fand in der Bartholomäus
Kirche in London am 17. Juli 2005 statt.
Die vier
Etappen unterteilen sich in die Stationen Roncesvalles, Burgos, Leòn und Santiago de Compostela
und beschreiben eindringlich die Gefühlswelt der Pilger.
Eine
Pilgerfahrt mit Höhen und Tiefen
Ausgangspunkt
ist Roncesvalles (normalerweise beginnt die Pilgerfahrt im französischen
Saint-Jean-Pied-de-Port). Hier erinnert der Gesang an die Legende des Hl. Jakob.
Die Pilger Hymne aus dem Codex Calixitinus: „Herr Santiagu, Grot Santiagu!
Eultreya esuseya, Deus aia nos“ (Herr Jakobus! Gütiger Herr Jakobus! Weiter, höher!
Gott steh uns bei!) ist das Kernstück dieses 1. Satzes.
Er beginnt mit einem Männerkreis von zehn Sängern und einem Countertenor. Sie stimmen ein „Pasibutbut“ an, ein Gesang der taiwanesischen Volksgruppe Bunbun, obertonreich, langsam crescendierend mit mysteriösen Glissandi, die von Frauenstimmen aus dem Kreuzgang der Basilika skandiert werden. Es klingt wie ein Aufruf mitzumachen. Tatsächlich versammeln sich alle auf der Bühne, singen in mehreren Sprachen (Griechisch, Latein, Deutsch, Baskisch, Französisch, Spanisch) und machen sich Mut für die lange Reise. Thematisch ein synkopiertes spanisch phrygisches Motiv, das die Wanderbewegung widerspiegeln soll.
Crotales mit ihren Glockenklängen unterstützen die abschließenden Gesangscluster im Wechsel von Dur und Moll. Gregorianischer Sprechgesang mündet in flächigen farbenreichen Akkorden.
Burgos, die nächste Station auf der langen
Reise (bis dahin sind 12 Etappen vonnöten), zeigt sich als ein nachdenklicher
Ort. Die Wunden und Schmerzen, die der, bis dahin überwiegend eintönige Weg bereitet
hat, lassen Zweifel aufkommen.
„Ora pro
nobis, Jacobe, a finibus terrae ad te clamavi“ (Bete für uns, oh Jakob! Vom Ende der Welt schreie ich zu dir!) beschreibt die Stimmung der Pilger. Musikalisch
ausgedrückt durch einen weitgehend homophonen Chorsatz mit langen Orgelpunkten
und kanonischen Gesängen. Das Bass-Solo mit dem oben genannten Zitat aus dem Psalm
61 gehörte zum Höhepunkt dieses Abschnitts, der ein endloses Wandern unter Pein
und Schmerzen darstellt.
León, die dritte Station, vermittelt Mut
und Zuversicht. Wer es bis hierhergeschafft hat, hat das Ziel Santiago de
Compostela bereits vor Augen. Dementsprechend ist die Stimmungslage. „Lux
Aeterna“ das musikalische Stichwort dieses Parts: „Li soleus qui en moi luist
est me deduis, et Dieus est mon conduis (Die Sonne, die in mir leuchtet, ist
meine Freude und Gott leitet mich). Gregorianischer Gesang mit wunderschönen
Frauenstimmen aus dem Chor der Basilika und ostinater Gesang der Männer
erfüllen die Halle. Die Harmonien sind hier konsonanter und von fröhlichem
Gebet geprägt.
„Beate, qui habitant in domo tua, Domine, in saecula saeculorum laudabant te“ (Selig sind die, die in deinem Haus wohnen. Sie werden dich noch preise, aus dem Psalm 84/4) durch einen Sopran intoniert, lässt den Übergang zur letzten Station,
Santiago de Compostela, mit leichtem Gesang einleiten und erinnert zunächst rückblickend an die Vorstellungen und
Absichten, die die Pilgergemeinde in Roncesvalles hegten. Eine Altstimme beschreibt Landschaft
und Weg hierher, während der Kammerchor mit dem spanisch-phrygischen Motiv aus
dem ersten Satz die Wanderbewegung in Ostinato-Wiederholungen widerspiegelt. Beim
Anblick der Stadt erschallt in Reminiszenz aus Roncesvalles die Pilgerhymne: „Herr
Santiagu, Grot Santiagu! Eultreya esuseya, Deus aia nos“, und es folgt ein Text
aus der Carmina Burana: „Ver redit optatum“ … (Frühling hochwillkommen),
ein Text, der gefühlt unendliche Male wiederholt wird.
| Tenebrae Choir mit Nigel Short (Dirigent) in der Basilika des Klosters Eberbach (Foto: Ansgar Klostermann) |
„Das Ende der Welt“: Besinnung, Einkehr, Läuterung
Mit einem
Lobgesang auf den Heiligen Jakob und seine Taten und der Wechsel von Moll auf
Dur scheint das Ende eine ungeahnte Wende zu nehmen: Das Innere tritt
nach außen, die Idee wird zur Praxis. „We have walked out of our lives we had, … (Wir wollen nicht mehr
in unser altes Leben zurück …). Der Weg nach Finisterre, ca. 85 Kilometer
entfernt am Atlantik, symbolisiert „das Ende der Welt“. Hier soll übrigens der
Leichnam Jakobs angelandet sein und seine letzte Ruhestätte in Santiago
gefunden haben. Musikalisch verschwindet der Jubel Gesang im akkordischen
flächigen Gebet, während einer nach dem anderen die Bühne verlässt, gleichsam
als Signal der Besinnung, Einkehr und Läuterung.
Stehender, langanhaltender Beifall für eine phänomenale unvergleichliche Vorstellung. Tenebrae unter der unauffälligen und präzisen Leitung von Nigel Short, verstand es, Licht in das Dunkel der Pilger Seelen zu fluten und der Komposition von Joby Talbot von stilistischer Vielfalt - gemixt zwischen Gregorianik, Madrigaltechnik, Polyphonie und Homophonie bis hin zur Moderne zwischen Impressionismus und neoklassischen Elementen – und unglaublicher Klangschönheit nachhaltigen Eindruck zu verleihen.
Die Basilika schwebte förmlich im blauen Abendhimmel. Man musste nicht alles verstehen (Text von Robert Dickinson, geb. 1962), aber jeder wusste nach dieser einmaligen Performance, wie die Herzen der Pilger ticken und warum diese Strapazen von 800 Kilometern bei wenigstens 32 Stationen den Menschen transformiert.
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