Samstag, 14. August 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021


Tenebrae Choir, Leitung Nigel Short, Kloster Eberbach, 13.08.2021

Tenebrae Choir mit Nigel Short (Dirigent) in der Basilika des Klosters Eberbach 
(Foto: Ansgar Klostermann)


Ein Chor wie aus einer anderen Welt


Eigentlich sollte man an einem 13. und dazu noch an einem Freitag dem Schicksal nicht in die Hände spielen. Doch tatsächlich kommt ausgerechnet an diesem Tag der lang ersehnte Sommer endlich zu seinem Recht. Das Kloster erstrahlt in hellem Lichte und drinnen in der unter Corona Bedingungen voll besetzten Basilika erscheint ein Chor wie aus einer anderen Welt. Tenebrae (übersetzt: Dunkelheit), so nennt sich diese kammermusikalische Besetzung von insgesamt 18 Sängerinnen und Sängern, die Nigel Short, preisgekrönter Dirigent und ehemaliges Mitglied der The King´s Singers, im Jahre 2001 zusammengestellt und zu einem einzigartigen Klangkörper ausgebildet hat.

Eine etwa 70-minütige Reise auf dem berühmten Jakobsweg in vier Etappen stand auf dem Programm. Joby Talbot (*1971), komponierte Path of Miracles (Pfad der Wunder) im Jahre 2005 für diesen Chor und widmete dieses Werk seinem im selben Jahr verstorbenen Vater. Nebenbei bemerkt musste die Uraufführung in London wegen eines Bombenattentats verschoben werden. Sie fand in der Bartholomäus Kirche in London am 17. Juli 2005 statt.

Die vier Etappen unterteilen sich in die Stationen Roncesvalles, Burgos, Leòn und Santiago de Compostela und beschreiben eindringlich die Gefühlswelt der Pilger.


Eine Pilgerfahrt mit Höhen und Tiefen

Ausgangspunkt ist Roncesvalles (normalerweise beginnt die Pilgerfahrt im französischen Saint-Jean-Pied-de-Port). Hier erinnert der Gesang an die Legende des Hl. Jakob. Die Pilger Hymne aus dem Codex Calixitinus: „Herr Santiagu, Grot Santiagu! Eultreya esuseya, Deus aia nos“ (Herr Jakobus! Gütiger Herr Jakobus! Weiter, höher! Gott steh uns bei!) ist das Kernstück dieses 1. Satzes.

Er beginnt mit einem Männerkreis von zehn Sängern und einem Countertenor. Sie stimmen ein „Pasibutbut“ an, ein Gesang der taiwanesischen Volksgruppe Bunbun, obertonreich, langsam crescendierend mit mysteriösen Glissandi, die von Frauenstimmen aus dem Kreuzgang der Basilika skandiert werden. Es klingt wie ein Aufruf mitzumachen. Tatsächlich versammeln sich alle auf der Bühne, singen in mehreren Sprachen (Griechisch, Latein, Deutsch, Baskisch, Französisch, Spanisch) und machen sich Mut für die lange Reise. Thematisch ein synkopiertes spanisch phrygisches Motiv, das die Wanderbewegung widerspiegeln soll.

Crotales mit ihren Glockenklängen unterstützen die abschließenden Gesangscluster im Wechsel von Dur und Moll. Gregorianischer Sprechgesang mündet in flächigen farbenreichen Akkorden.

Burgos, die nächste Station auf der langen Reise (bis dahin sind 12 Etappen vonnöten), zeigt sich als ein nachdenklicher Ort. Die Wunden und Schmerzen, die der, bis dahin überwiegend eintönige Weg bereitet hat, lassen Zweifel aufkommen.

„Ora pro nobis, Jacobe, a finibus terrae ad te clamavi“ (Bete für uns, oh Jakob! Vom Ende der Welt schreie ich zu dir!) beschreibt die Stimmung der Pilger. Musikalisch ausgedrückt durch einen weitgehend homophonen Chorsatz mit langen Orgelpunkten und kanonischen Gesängen. Das Bass-Solo mit dem oben genannten Zitat aus dem Psalm 61 gehörte zum Höhepunkt dieses Abschnitts, der ein endloses Wandern unter Pein und Schmerzen darstellt.

León, die dritte Station, vermittelt Mut und Zuversicht. Wer es bis hierhergeschafft hat, hat das Ziel Santiago de Compostela bereits vor Augen. Dementsprechend ist die Stimmungslage. „Lux Aeterna“ das musikalische Stichwort dieses Parts: „Li soleus qui en moi luist est me deduis, et Dieus est mon conduis (Die Sonne, die in mir leuchtet, ist meine Freude und Gott leitet mich). Gregorianischer Gesang mit wunderschönen Frauenstimmen aus dem Chor der Basilika und ostinater Gesang der Männer erfüllen die Halle. Die Harmonien sind hier konsonanter und von fröhlichem Gebet geprägt.

„Beate, qui habitant in domo tua, Domine, in saecula saeculorum laudabant te“ (Selig sind die, die in deinem Haus wohnen. Sie werden dich noch preise, aus dem Psalm 84/4) durch einen Sopran intoniert, lässt den Übergang zur letzten Station,

Santiago de Compostela, mit leichtem Gesang einleiten und erinnert zunächst rückblickend an die Vorstellungen und Absichten, die die Pilgergemeinde in Roncesvalles hegten. Eine Altstimme beschreibt Landschaft und Weg hierher, während der Kammerchor mit dem spanisch-phrygischen Motiv aus dem ersten Satz die Wanderbewegung in Ostinato-Wiederholungen widerspiegelt. Beim Anblick der Stadt erschallt in Reminiszenz aus Roncesvalles die Pilgerhymne: „Herr Santiagu, Grot Santiagu! Eultreya esuseya, Deus aia nos“, und es folgt ein Text aus der Carmina Burana: „Ver redit optatum“ … (Frühling hochwillkommen), ein Text, der gefühlt unendliche Male wiederholt wird.

Tenebrae Choir mit Nigel Short (Dirigent) in der Basilika des Klosters Eberbach 
(Foto: Ansgar Klostermann)


„Das Ende der Welt“: Besinnung, Einkehr, Läuterung

Mit einem Lobgesang auf den Heiligen Jakob und seine Taten und der Wechsel von Moll auf Dur scheint das Ende eine ungeahnte Wende zu nehmen: Das Innere tritt nach außen, die Idee wird zur Praxis. „We have walked out of our lives we had, … (Wir wollen nicht mehr in unser altes Leben zurück …). Der Weg nach Finisterre, ca. 85 Kilometer entfernt am Atlantik, symbolisiert „das Ende der Welt“. Hier soll übrigens der Leichnam Jakobs angelandet sein und seine letzte Ruhestätte in Santiago gefunden haben. Musikalisch verschwindet der Jubel Gesang im akkordischen flächigen Gebet, während einer nach dem anderen die Bühne verlässt, gleichsam als Signal der Besinnung, Einkehr und Läuterung.

Stehender, langanhaltender Beifall für eine phänomenale unvergleichliche Vorstellung. Tenebrae unter der unauffälligen und präzisen Leitung von Nigel Short, verstand es, Licht in das Dunkel der Pilger Seelen zu fluten und der Komposition von Joby Talbot von stilistischer Vielfalt - gemixt zwischen Gregorianik, Madrigaltechnik, Polyphonie und Homophonie bis hin zur Moderne zwischen Impressionismus und neoklassischen Elementen – und unglaublicher Klangschönheit nachhaltigen Eindruck zu verleihen. 

Die Basilika schwebte förmlich im blauen Abendhimmel. Man musste nicht alles verstehen (Text von Robert Dickinson, geb. 1962), aber jeder wusste nach dieser einmaligen Performance, wie die Herzen der Pilger ticken und warum diese Strapazen von 800 Kilometern bei wenigstens 32 Stationen den Menschen transformiert.

    

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