50. Darmstädter Ferienkurse vom 31.07. bis zum 11.08.
![]() |
| Das Ufa-Gitarrensextett in der Darmstädter Orangerie (Foto: Kristof Lemp) |
Asymptotic
Freedom II für sechs
E-Gitarren, Uraufführung, Orangerie Darmstadt, 10.08.2021
Eine
Uraufführung in diesen Zeiten
Herrlicher
Sommerabend, herrliches Ambiente, viele Menschen im Park der Orangerie. Befreites
Leben bahnt sich dort seinen Weg in die Realität. Kinder spielen ausgelassen,
Boule Spieler besetzen die freien Plätze vor der Orangerie. Es herrscht
Ausgelassenheit. Drinnen, im Saal der Orangerie, leider aseptisches Klima.
Einhundert überwiegend junge Leute verteilen sich maskenbewehrt auf die freien
Stühle, Abstand ist heilige Pflicht, kaum Gespräche oder wenn, dann leise wie
in einer Kirche. Die sechs Interpreten sitzen weit auseinander, verteilt auf
die gesamte Fläche vor der Fensterseite, geschätzt auf gut vierzig Meter. Soll
es dem Klang Rechnung tragen, oder dem Abstand und der Hygiene? Man weiß es
nicht so recht.
Ein Traum
wird wahr
Asymptotic
Freedom II lässt
spontan Assoziationen von asymptomatischen Infektionen aufkommen. Aber bitte
keine falschen Bezüge. Tatsächlich aber ist diese Komposition von der in den USA lebenden
Russin Elena Rykova (*1991) ein Produkt der Corona Krise und ihrer
monatelangen Lockdowns. Sie selbst spricht im Programm Interview von neun
Monaten, die das Werk bis zu seiner Fertigstellung 2021 brauchte, von
virtuellen Zusammenkünften mit den sechs Gitarristen und von einem metaphysischen
Raum, wo sich alle trafen, jeder daheim, in der Absicht, die Entwicklung des
Stücks voranzutreiben.
Finanziell
getragen und in Auftrag gegeben von den Darmstädter Ferienkursen, den Wittener
Tagen und der französischen La Muse en Circuit, konnte sie, eigenen Aussagen
zufolge, ihren Kinderwunsch Gitarre zu spielen und eine Band zu gründen, endlich
über den kompositorischen Weg realisieren. Ausgebildet am Klavier habe sie zwar
immer eine klassische Gitarre besessen, aber nie das Instrument gelernt, obwohl es doch wichtigster Bestandteil von Rock-, Pop- und allerlei anderer Tanz-Musik
sei, die sie täglich höre und liebe.
![]() |
| Das Ufa-Gitarrensextett in der Darmstädter Orangerie (Foto: Kristof Lemp) |
Familienunternehmen
Ufa
Das E-Gitarren-Sextett,
bestehend aus Giuseppe Mennuti (*1994), Christopher Moy (*1990), Francesco
Palmieri (*1996), Ruben Mattia Santorsa (*1992) Alex Tentor
(*1993) sowie Samuel Toro Pérez (*1992), hat sich 2020 aus Teilnehmern
der Darmstädter Ferienkurse zusammengefunden und sich den Geburtsort der Komponistin,
Ufa, zum Namen gegeben. Asymptotic Freedom II (ebenso Asymptotic
Freedom I) könnte man auch als ein Familienunternehmen bezeichnen. Rykova benutzt
selbst den Begriff und bezeichnet die Zeit der Zusammenarbeit als ihre schönste: „Das Stück wurde ein sicherer metaphysischer Ort, an dem wir uns treffen und
auf bestimmte Art miteinander existieren und füreinander spielen konnten.“ (aus
dem Programm der DF)
Jetzt zur Uraufführung.
Wie viele andere Kompositionen dieser Ferienkurse, versucht die Komponistin
auch hier, die Klangmöglichkeiten des Instruments, hier der E-Gitarre,
auszureizen, zu entdecken und möglicherweise auch zu erforschen. Ein
einstündiges Monumentalwerk, mit viel Fantasie in 10 Teile gegliedert, ließ den
Zuhörer doch des Öfteren die Frage stellen, was denn nun ausgereizt, entdeckt
oder gar Neues erforscht wurde.
Immerhin beherrschten
die Interpreten durchaus perfekt ihre Instrumente, verstanden es, den Saal
in ein Raumklanggemisch von Wellen, glockenähnlichem Geläut, kosmischen Tönen, flächigen Klangfarben zu
hüllen. Vom Donnerwetter bis zu Radiostörungen, vom Meeresrauschen bis hin zu erschreckend
scharfen punktuellen Tonfolgen. Aber alles oft sehr langatmig, ohne wirkliche Entwicklung
oder dramatische Zuspitzung und leider kam es einem vor, als ob man schon vieles
bei den Rockbands der 1970er und 1980er Jahre gehört hätte. Wäre nicht das rege
Boulespiel vor dem Fenster, die Gruppendiskussionen und das langsam im Abendlicht
sich verändernde Ambiente des Parks gewesen, man hätte sich doch weitgehend
gelangweilt oder wäre bestenfalls in einen meditativen Zustand gefallen.
![]() |
| Das Ufa-Gitarrensextett in der Darmstädter Orangerie (Foto: Kristof Lemp) |
Man darf
sich Isolation nicht schönreden
Dazu die
letzten 20 Minuten ein permanentes Pochen in sehr tiefer Tonlage, ein Gefühl des
Kopfschmerzes, das auch von der friedvollen Schlusssequenz, ein sehr schön
gespielter melodischer Part mit arpeggierter Begleitung, kaum noch wett gemacht
werden konnte.
Schade
eigentlich, denn die Absicht der Komponistin, „das Streben nach Freiheit und
die Manifestation der Freiheit im Miteinander, das die unabhängige Existenz
eines jeden Wesens feiert, einzigartig und geheimnisvoll, mit einer komplexen, kraftvollen
Resonanz“ ist prinzipiell wunderbar. Möglicherweise aber haben die Folgen der mittlerweile
seit eineinhalb Jahren grassierenden Pandemie, um nicht zu sagen Plandemie, die
Köpfe der Menschen bereits erreicht. Ihr ursprünglicher Plan nämlich, dieses
Werk so aufzuführen, dass die Interpreten in Glaskästen und abgeschlossenen
Räumen spielten und das Publikum, natürlich mit Maske und Abstand, von Raum zu
Raum wechseln sollte (man erinnert sich mit Gruseln an Aldous Huxleys Schöne Neue
Welt), fand sie zwar doch zu „unfriendly“. Die Absicht allein aber spricht
Bände. Das Format in der Orangerie übrigens auch. Man kann sich Isolation im
Rahmen von Hygiene und Angst auch schönreden.
Der Beifall
war gemäßigt, aber wie immer auf den Ferienkursen freundlich und anerkennend.
Und das ist gut so.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen