Mittwoch, 11. August 2021

 

50. Darmstädter Ferienkurse vom 31.07. bis zum 11.08.

 

Das Ufa-Gitarrensextett in der Darmstädter Orangerie (Foto: Kristof Lemp)


Asymptotic Freedom II für sechs E-Gitarren, Uraufführung, Orangerie Darmstadt, 10.08.2021


Eine Uraufführung in diesen Zeiten

Herrlicher Sommerabend, herrliches Ambiente, viele Menschen im Park der Orangerie. Befreites Leben bahnt sich dort seinen Weg in die Realität. Kinder spielen ausgelassen, Boule Spieler besetzen die freien Plätze vor der Orangerie. Es herrscht Ausgelassenheit. Drinnen, im Saal der Orangerie, leider aseptisches Klima. Einhundert überwiegend junge Leute verteilen sich maskenbewehrt auf die freien Stühle, Abstand ist heilige Pflicht, kaum Gespräche oder wenn, dann leise wie in einer Kirche. Die sechs Interpreten sitzen weit auseinander, verteilt auf die gesamte Fläche vor der Fensterseite, geschätzt auf gut vierzig Meter. Soll es dem Klang Rechnung tragen, oder dem Abstand und der Hygiene? Man weiß es nicht so recht.


Ein Traum wird wahr

Asymptotic Freedom II lässt spontan Assoziationen von asymptomatischen Infektionen aufkommen. Aber bitte keine falschen Bezüge. Tatsächlich aber ist diese Komposition von der in den USA lebenden Russin Elena Rykova (*1991) ein Produkt der Corona Krise und ihrer monatelangen Lockdowns. Sie selbst spricht im Programm Interview von neun Monaten, die das Werk bis zu seiner Fertigstellung 2021 brauchte, von virtuellen Zusammenkünften mit den sechs Gitarristen und von einem metaphysischen Raum, wo sich alle trafen, jeder daheim, in der Absicht, die Entwicklung des Stücks voranzutreiben.

Finanziell getragen und in Auftrag gegeben von den Darmstädter Ferienkursen, den Wittener Tagen und der französischen La Muse en Circuit, konnte sie, eigenen Aussagen zufolge, ihren Kinderwunsch Gitarre zu spielen und eine Band zu gründen, endlich über den kompositorischen Weg realisieren. Ausgebildet am Klavier habe sie zwar immer eine klassische Gitarre besessen, aber nie das Instrument gelernt, obwohl es doch wichtigster Bestandteil von Rock-, Pop- und allerlei anderer Tanz-Musik sei, die sie täglich höre und liebe.

Das Ufa-Gitarrensextett in der Darmstädter Orangerie (Foto: Kristof Lemp)


Familienunternehmen Ufa

Das E-Gitarren-Sextett, bestehend aus Giuseppe Mennuti (*1994), Christopher Moy (*1990), Francesco Palmieri (*1996), Ruben Mattia Santorsa (*1992) Alex Tentor (*1993) sowie Samuel Toro Pérez (*1992), hat sich 2020 aus Teilnehmern der Darmstädter Ferienkurse zusammengefunden und sich den Geburtsort der Komponistin, Ufa, zum Namen gegeben. Asymptotic Freedom II (ebenso Asymptotic Freedom I) könnte man auch als ein Familienunternehmen bezeichnen. Rykova benutzt selbst den Begriff und bezeichnet die Zeit der Zusammenarbeit als ihre schönste: „Das Stück wurde ein sicherer metaphysischer Ort, an dem wir uns treffen und auf bestimmte Art miteinander existieren und füreinander spielen konnten.“ (aus dem Programm der DF)

 

 Ein einstündiges Monumentalwerk ohne Entwicklung

Jetzt zur Uraufführung. Wie viele andere Kompositionen dieser Ferienkurse, versucht die Komponistin auch hier, die Klangmöglichkeiten des Instruments, hier der E-Gitarre, auszureizen, zu entdecken und möglicherweise auch zu erforschen. Ein einstündiges Monumentalwerk, mit viel Fantasie in 10 Teile gegliedert, ließ den Zuhörer doch des Öfteren die Frage stellen, was denn nun ausgereizt, entdeckt oder gar Neues erforscht wurde.

Immerhin beherrschten die Interpreten durchaus perfekt ihre Instrumente, verstanden es, den Saal in ein Raumklanggemisch von Wellen, glockenähnlichem Geläut, kosmischen Tönen, flächigen Klangfarben zu hüllen. Vom Donnerwetter bis zu Radiostörungen, vom Meeresrauschen bis hin zu erschreckend scharfen punktuellen Tonfolgen. Aber alles oft sehr langatmig, ohne wirkliche Entwicklung oder dramatische Zuspitzung und leider kam es einem vor, als ob man schon vieles bei den Rockbands der 1970er und 1980er Jahre gehört hätte. Wäre nicht das rege Boulespiel vor dem Fenster, die Gruppendiskussionen und das langsam im Abendlicht sich verändernde Ambiente des Parks gewesen, man hätte sich doch weitgehend gelangweilt oder wäre bestenfalls in einen meditativen Zustand gefallen.

Das Ufa-Gitarrensextett in der Darmstädter Orangerie (Foto: Kristof Lemp)


Man darf sich Isolation nicht schönreden

Dazu die letzten 20 Minuten ein permanentes Pochen in sehr tiefer Tonlage, ein Gefühl des Kopfschmerzes, das auch von der friedvollen Schlusssequenz, ein sehr schön gespielter melodischer Part mit arpeggierter Begleitung, kaum noch wett gemacht werden konnte.

Schade eigentlich, denn die Absicht der Komponistin, „das Streben nach Freiheit und die Manifestation der Freiheit im Miteinander, das die unabhängige Existenz eines jeden Wesens feiert, einzigartig und geheimnisvoll, mit einer komplexen, kraftvollen Resonanz“ ist prinzipiell wunderbar. Möglicherweise aber haben die Folgen der mittlerweile seit eineinhalb Jahren grassierenden Pandemie, um nicht zu sagen Plandemie, die Köpfe der Menschen bereits erreicht. Ihr ursprünglicher Plan nämlich, dieses Werk so aufzuführen, dass die Interpreten in Glaskästen und abgeschlossenen Räumen spielten und das Publikum, natürlich mit Maske und Abstand, von Raum zu Raum wechseln sollte (man erinnert sich mit Gruseln an Aldous Huxleys Schöne Neue Welt), fand sie zwar doch zu „unfriendly“. Die Absicht allein aber spricht Bände. Das Format in der Orangerie übrigens auch. Man kann sich Isolation im Rahmen von Hygiene und Angst auch schönreden.

Der Beifall war gemäßigt, aber wie immer auf den Ferienkursen freundlich und anerkennend. Und das ist gut so.    

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