Samstag, 21. August 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021


Sol Gabetta (Violoncello) und das Gstaad Festival Orchestra (Leitung: Elim Chan) im Kurhaus Wiesbaden, 20.08.2021

Sol Gabetta (Violoncello), Elim Chan (Dirigentin), Mitglieder des Gstaad Festival Orchesters im Kurhaus Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)


 Der Herbst mit seinen außergewöhnlichen Schönheiten


Das Rheingau Musik Festival befindet sich bereits im „Herbst“ seines umfangreichen Programms und bekanntlich bietet diese Jahreszeit Außergewöhnliches an Stimmungen und Eindrücken, was, bezogen auf die musikalischen Angebote, der Fortsetzung der Höhepunkte keine Grenzen zu setzen scheint. Dazu passt das zeitlose Jugendstil-Ambiente des Friedrich-von-Thiersch-Saales, das von zwei attraktiven Frauen, Sol Gabetta (*1981) am Violoncello und Elim Chan (*1986) am Dirigentenpult, trotz ihres tief schwarzen Outfits, eingerahmt vom gewaltigen Gstaad Festival Orchester (gegr. 2010) in ein herbstbuntes Licht gehüllt wurde.

Es ging um zwei großartige Kompositionen der Meister ihres Fachs, die im Zenit ihres Schaffens und am nahenden Winter ihres irdischen Daseins noch einmal letzte Kompositionen schufen, die zumindest die Musikwelt bis heute heftig bewegen. Und das zu Recht. Es sind das Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op.85 (1919) von Edward Elgar (1857-1934) sowie die Sinfonie Nr. 4 e-Moll op.98 (1884/85) von Johannes Brahms (1833-1897).

Beide Werke sind die letzten dieser Art, beide sind Bekenntnisse und beide sind in außergewöhnlichen Zeiten geschrieben.

Sol Gabetta und Mitglieder des Gstaad Festival Orchesters (Foto: Ansgar Klostermann)


Symbiose zwischen Melancholie und Lieder ohne Worte

Kommen wir zu Elgars Cellokonzert. Er schrieb es unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs und der tödlichen Erkrankung seiner geliebten Frau Alice. Schmerz und innere Emigration machten es ihm unmöglich, wie er selbst an seine Frau schrieb, jemals wieder ein Stück zu vollenden. Auch stand dieses einmalige Werk anfangs unter einem schlechten Stern, denn die Uraufführung unter seinem persönlichen Dirigat ging gänzlich daneben. Es wurde von daher selten gespielt, und erst viele Jahre später, nämlich 1965 unter der Einspielung der legendären Jacqueline du Pré weltweit bekannt, beliebt und gehörte ab da zum Pflichtprogramm eines jeden Cellisten, der auf der Weltbühne mitwirken möchte.

Sol Gabetta hatte beste Voraussetzung mit ihrer Dirigentin und dem Orchester. Obwohl Elim Chan kurzfristig für den erkrankten Pablo Hera-Casado einspringen musste (es gab lediglich eine dreistündige Vorlaufzeit) passte das Feeling. Perfekte Dynamik, fließende Übergänge, Tutti und Soli wie aus einem Guss. Man fühlte eine symbiotische Verbundenheit zwischen den Klangkörpern, woran die Dirigentin durch feinste aber akzentuierte Bewegungen sowie höchste Aufmerksamkeit einen wesentlichen Anteil hatte.

Obwohl das Werk von einer gewissen Melancholie geprägt ist, man denke an den Klagegesang des Adagio im ersten Satz oder das „Lied ohne Worte“, ein hymnisches Bittgebet an die Götter, nicht zu vergessen die schwermütigen Passagen im Schlusssatz, gelang es der sehr gesanglich spielenden, immer mit einem Lächeln auf den Lippen agierenden und stets aufmunternden Kontakt zu ihren Mitspielern pflegenden Interpretin, das übermütige Scherzo des zweiten Satzes (Allegro molto) mit leichtgängigen Tremoli, hochvirtuos und brillant vorzutragen und die übermütige Volksweise des Schlusssatzes tänzerisch und mit großer Freude am Spiel zu präsentieren. Unter ihren genialen Händen auf der Stradivari „Bonamy Dobree-Suggia“ von 1717 und gemeinsam mit dem bestens aufgelegten und mit ihr sehr verbundenem Orchester (man musizierte nicht zum ersten Mal miteinander) erhielt dieses Werk ein herbstliches Farbenkleid voller Lust und Spontaneität. Ihr Motto: Genieße den Herbst ohne auf den kalten Winter zu schielen, ging dabei voll auf.

Eine herrliche Arrangement-Zugabe: Peter Tschaikowskis Lanskys Aria aus der Oper Eugen Onegin, dokumentierte noch einmal fraglos Sol Gabettas gesangliche Note und ihre offensichtliche Liebe zum Lied und zur vollkommenen Hingabe an sie. Da ist sie solitär. Großer, langanhaltender Beifall für eine lebensfrohe sympathische Frau.


Herbes Klima und lebensfrohes Aha

Die Vierte Sinfonie, wie Elgars Cellokonzert in e-Moll geschrieben, und, ähnlich wie Elgars Werk, in einer außergewöhnlichen persönlichen Situation zwischen 1884 und 1885 entstanden (er zog sich in die Einsamkeit der Berge zurück), gehört zu seiner letzten dieser Art. Auch sie beherrscht ein melancholischer Zug, wenngleich es dem Orchester von Anfang an gelang, die frühherbstliche Landschaft, die Herbe des Klimas in Mürzzuschlag um das Gebirge der Schneealpe in Niederösterreich (einer der Entstehungsorte der Sinfonie), aber vor allem seine Liebe zur Gegend, wo „die Kirschen nicht süß und essbar“ werden, zum Ausdruck zu bringen. Gerade der erste Satz, Allegro non troppo, mit seinen Posaunen-Fanfaren und Jagdrufen wirkte wie ein leichtes lebensfrohes Aha, voller Freude und hymnischer Anbetung an die Natur.

Ebenso der zweite Satz, ein Andante moderato, er soll angeblich in Pörtschach am Wörther See das Licht der Welt erblickt haben, eine lyrische Kantilene im hellen E-Dur, mit einem liedhaften Ostinato auf wunderschöner volksliedhafter Melodie kommt leicht und lebensfroh daher.

Im dritten Satz, einem Allegro giocoso, wechselt das musikalische Klima in einen lärmenden Trubel in C-Dur. Hörnerklang und Posaunenrufe durchbrechen das immer wiederkehrende Thema, das synkopisch rhythmisiert, mit sehr virtuosen Elementen in einem angedeuteten Trio, wie ein wildes Scherzo daherkommt.

Erst im Schlusssatz scheint sich Brahms seines melancholischen Zustands wieder bewusst zu werden. Ganz, wie man ihn erwartet, fällt er in die e-Moll Stimmung zurück. Dramaturgisch benutzt er hier das Stilmittel der Chaconne und hängt, in Anlehnung an Ludwig von Beethovens 32 c-Moll Variationen (Brahms liebte diese und spielte sie auch häufig öffentlich), entsprechend viele Variationen an.

Sol Gabetta (Violoncello), Elim Chan (Dirigentin), Mitglieder des Gstaad Festival Orchesters im Kurhaus Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)

Herausragende Orchestermusiker und -Musikerinnen

Dieses Allegro energico e passionato forderte noch einmal alle Orchesterstimmen bis aufs Äußerste und zwang sie, zwischen Himmelhoch-jauchzend bis Zu-Tode-betrübt alles zu geben. Herausragend dabei die Flöten-, Oboen-, Hörner- und Posaunen-Variationen, die präzisen Portati und Pizzikati der Streicher sowie die gewaltige Steigerung im Tutti in dunklen Akkorden bis zum abrupten, schroffen Fortissimo-Finale. Wie ein drohendes Grollen aus den Tiefen der Hölle. Schlechtes Wetter, Blitz und Donner und inneres Zagen mögen Brahms hier inspiriert haben?

Das Gstaad Festival Orchester mit seiner hoch engagierten, und sportlich-dynamisch dirigierenden Leiterin, Elim Chan, verstand es dennoch prächtig, das hochbegeisterte Publikum fröhlich in den sommerlichen Abend zu entlassen und die natürlichen Schönheiten der Berge um Mürzzuschlag und Pörtschach am Wörthersee in angenehmer Erinnerung zu halten.

 

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