34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
| Sol Gabetta (Violoncello), Elim Chan (Dirigentin), Mitglieder des Gstaad Festival Orchesters im Kurhaus Wiesbaden (Foto: Ansgar Klostermann) |
Das Rheingau
Musik Festival befindet sich bereits im „Herbst“ seines umfangreichen
Programms und bekanntlich bietet diese Jahreszeit Außergewöhnliches an
Stimmungen und Eindrücken, was, bezogen auf die musikalischen Angebote, der
Fortsetzung der Höhepunkte keine Grenzen zu setzen scheint. Dazu passt das
zeitlose Jugendstil-Ambiente des Friedrich-von-Thiersch-Saales, das von zwei attraktiven
Frauen, Sol Gabetta (*1981) am Violoncello und Elim Chan (*1986) am
Dirigentenpult, trotz ihres tief schwarzen Outfits, eingerahmt vom gewaltigen Gstaad
Festival Orchester (gegr. 2010) in ein herbstbuntes Licht gehüllt wurde.
Es ging um
zwei großartige Kompositionen der Meister ihres Fachs, die im Zenit ihres
Schaffens und am nahenden Winter ihres irdischen Daseins noch einmal letzte Kompositionen
schufen, die zumindest die Musikwelt bis heute heftig bewegen. Und das zu Recht.
Es sind das Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op.85 (1919)
von Edward Elgar (1857-1934) sowie die Sinfonie Nr. 4 e-Moll op.98 (1884/85)
von Johannes Brahms (1833-1897).
Beide Werke
sind die letzten dieser Art, beide sind Bekenntnisse und beide sind in
außergewöhnlichen Zeiten geschrieben.
| Sol Gabetta und Mitglieder des Gstaad Festival Orchesters (Foto: Ansgar Klostermann) |
Symbiose
zwischen Melancholie und Lieder ohne Worte
Kommen wir
zu Elgars Cellokonzert. Er schrieb es unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs und
der tödlichen Erkrankung seiner geliebten Frau Alice. Schmerz und innere
Emigration machten es ihm unmöglich, wie er selbst an seine Frau schrieb,
jemals wieder ein Stück zu vollenden. Auch stand dieses einmalige Werk anfangs
unter einem schlechten Stern, denn die Uraufführung unter seinem persönlichen
Dirigat ging gänzlich daneben. Es wurde von daher selten gespielt, und erst
viele Jahre später, nämlich 1965 unter der Einspielung der legendären
Jacqueline du Pré weltweit bekannt, beliebt und gehörte ab da zum
Pflichtprogramm eines jeden Cellisten, der auf der Weltbühne mitwirken möchte.
Sol
Gabetta hatte beste
Voraussetzung mit ihrer Dirigentin und dem Orchester. Obwohl Elim Chan
kurzfristig für den erkrankten Pablo Hera-Casado einspringen musste (es gab
lediglich eine dreistündige Vorlaufzeit) passte das Feeling. Perfekte Dynamik,
fließende Übergänge, Tutti und Soli wie aus einem Guss. Man fühlte eine
symbiotische Verbundenheit zwischen den Klangkörpern, woran die Dirigentin
durch feinste aber akzentuierte Bewegungen sowie höchste Aufmerksamkeit einen
wesentlichen Anteil hatte.
Obwohl das
Werk von einer gewissen Melancholie geprägt ist, man denke an den Klagegesang
des Adagio im ersten Satz oder das „Lied ohne Worte“, ein hymnisches Bittgebet
an die Götter, nicht zu vergessen die schwermütigen Passagen im Schlusssatz,
gelang es der sehr gesanglich spielenden, immer mit einem Lächeln auf den
Lippen agierenden und stets aufmunternden Kontakt zu ihren Mitspielern
pflegenden Interpretin, das übermütige Scherzo des zweiten Satzes (Allegro
molto) mit leichtgängigen Tremoli, hochvirtuos und brillant vorzutragen und
die übermütige Volksweise des Schlusssatzes tänzerisch und mit großer Freude am
Spiel zu präsentieren. Unter ihren genialen Händen auf der Stradivari „Bonamy
Dobree-Suggia“ von 1717 und gemeinsam mit dem bestens aufgelegten und mit ihr
sehr verbundenem Orchester (man musizierte nicht zum ersten Mal miteinander) erhielt
dieses Werk ein herbstliches Farbenkleid voller Lust und Spontaneität. Ihr
Motto: Genieße den Herbst ohne auf den kalten Winter zu schielen, ging dabei voll
auf.
Eine
herrliche Arrangement-Zugabe: Peter Tschaikowskis Lanskys Aria aus der Oper
Eugen Onegin, dokumentierte noch einmal fraglos Sol Gabettas gesangliche
Note und ihre offensichtliche Liebe zum Lied und zur vollkommenen Hingabe an sie.
Da ist sie solitär. Großer, langanhaltender Beifall für eine lebensfrohe sympathische
Frau.
Herbes
Klima und lebensfrohes Aha
Die Vierte
Sinfonie, wie Elgars Cellokonzert in e-Moll geschrieben, und, ähnlich wie
Elgars Werk, in einer außergewöhnlichen persönlichen Situation zwischen 1884
und 1885 entstanden (er zog sich in die Einsamkeit der Berge zurück), gehört zu
seiner letzten dieser Art. Auch sie beherrscht ein melancholischer Zug,
wenngleich es dem Orchester von Anfang an gelang, die frühherbstliche
Landschaft, die Herbe des Klimas in Mürzzuschlag um das Gebirge der Schneealpe
in Niederösterreich (einer der Entstehungsorte der Sinfonie), aber vor allem
seine Liebe zur Gegend, wo „die Kirschen nicht süß und essbar“ werden, zum Ausdruck
zu bringen. Gerade der erste Satz, Allegro non troppo, mit seinen Posaunen-Fanfaren
und Jagdrufen wirkte wie ein leichtes lebensfrohes Aha, voller Freude und
hymnischer Anbetung an die Natur.
Ebenso der
zweite Satz, ein Andante moderato, er soll angeblich in Pörtschach am Wörther
See das Licht der Welt erblickt haben, eine lyrische Kantilene im hellen E-Dur,
mit einem liedhaften Ostinato auf wunderschöner volksliedhafter Melodie kommt
leicht und lebensfroh daher.
Im dritten
Satz, einem Allegro giocoso, wechselt das musikalische Klima in einen
lärmenden Trubel in C-Dur. Hörnerklang und Posaunenrufe durchbrechen das immer
wiederkehrende Thema, das synkopisch rhythmisiert, mit sehr virtuosen Elementen
in einem angedeuteten Trio, wie ein wildes Scherzo daherkommt.
Erst im
Schlusssatz scheint sich Brahms seines melancholischen Zustands wieder bewusst
zu werden. Ganz, wie man ihn erwartet, fällt er in die e-Moll Stimmung zurück.
Dramaturgisch benutzt er hier das Stilmittel der Chaconne und hängt, in Anlehnung
an Ludwig von Beethovens 32 c-Moll Variationen (Brahms liebte diese und
spielte sie auch häufig öffentlich), entsprechend viele Variationen an.
| Sol Gabetta (Violoncello), Elim Chan (Dirigentin), Mitglieder des Gstaad Festival Orchesters im Kurhaus Wiesbaden (Foto: Ansgar Klostermann) |
Dieses Allegro
energico e passionato forderte noch einmal alle Orchesterstimmen bis aufs
Äußerste und zwang sie, zwischen Himmelhoch-jauchzend bis Zu-Tode-betrübt alles
zu geben. Herausragend dabei die Flöten-, Oboen-, Hörner- und Posaunen-Variationen,
die präzisen Portati und Pizzikati der Streicher sowie die gewaltige Steigerung
im Tutti in dunklen Akkorden bis zum abrupten, schroffen Fortissimo-Finale. Wie
ein drohendes Grollen aus den Tiefen der Hölle. Schlechtes Wetter, Blitz und
Donner und inneres Zagen mögen Brahms hier inspiriert haben?
Das Gstaad
Festival Orchester mit seiner hoch engagierten, und sportlich-dynamisch
dirigierenden Leiterin, Elim Chan, verstand es dennoch prächtig, das
hochbegeisterte Publikum fröhlich in den sommerlichen Abend zu entlassen und
die natürlichen Schönheiten der Berge um Mürzzuschlag und Pörtschach am
Wörthersee in angenehmer Erinnerung zu halten.
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