34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
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| Khatia Buniatishvili auf dem Rheingau Musik Festival 2021 (Foto: Esther Haase) |
Ohne
Risiko keine Kreativität
Als Artist in Residence beendete Khatia Buniatishvili (*1987) ihre beeindruckende Anwesenheit auf dem diesjährigen Rheingau Musik Festival mit einem Rezital im nicht ganz vollbesetzten Kurhaus in Wiesbaden, das noch einmal ihre außergewöhnliche Interpretationsauffassung vieler Werke aus der Romantik und dem Barock zur Geltung kommen ließ. Ganz nach ihrer künstlerischen Maxime: „Kunst und Risikolosigkeit vertragen sich nicht. Etwas ohne Risiko machen zu wollen, tötet die Kreativität.“
Körpersprache,
Modedesign und selbstverständlich die Auswahl der präsentierten zwölf Werke von François Couperin, Johann Sebastian Bach, über Frédéric Chopin,
Franz Schubert, Franz Liszt bis hin zu Eric Satie, amalgamierten sich quasi zu
einer Klangpolyphonie zwischen Optimismus und Pessimismus, Innigkeit und Ausbruch,
Wildheit und Zartheit, wie nur sie sie ausstrahlt. Sexy, mit hüfthohem Schlitz
am Bein und weiten Ausschnitten ihrer anthrazitfarbenen Robe bei leichter
Schleppe, versank sie gleich in Eric Saties 1888 entstandenen Gymnopédies,
um nicht weniger intensiv, eher introvertiert sogleich in Frédéric Chopins Prélude
Nr. 4 e-Moll zu wechseln. Melancholisch mit extremem Rubato vorgetragen, wie
abgewandt von dieser Erde.
Dann aber
der erste Vulkanausbruch. Das Chopinsche Scherzo Nr. 3 op. 39, geschrieben
während seines Aufenthaltes auf Mallorca im Jahre 1838, wo er den Winter
gemeinsam mit der berühmt-berüchtigten George Sand verbrachte. Eine
Gefühlswallung zwischen nachdenklichem Choral und gnadenloser Wucht. Ein
pianistischer Ritt auf des Messers Schneide, voller Adrenalin und Kampfeslust.
Zwischen
Meditation und Explosion
Buniatishvili
verstand es, stetig zwischen Entspannung und Spannung oder besser: zwischen Meditation
und Explosion zu wechseln. Meditativ gerieten ihr Johann Sebastian Bachs
Air, aus dessen dritter Orchestersuite in D-Dur, das sie
eigenwillig aber höchst gesanglich arrangierte, wie auch Franz Schuberts
Impromptu Nr. 3 Ges-Dur, das ihr leider im Mittelteil aus den Händen
glitt und zu exzentrischen Ausrastern führte. Elegisch ist anders.
Oder auch
Liszts Bearbeitung des Schubert Ständchens „Leise flehen meine Lieder“.
Schwer und fast depressiv gespielt, aber zum Schluss hin mit wunderschön
anzuhörenden Echos ausgestattet. Hier verstand es Buniatishvili, den seidenen
Glanz des Steinway Flügels voll auszureizen.
Dann die so berühmte wie komplizierte Polonaise As-Dur op. 53 von Frédéric
Chopin. Ein rhythmisches Meisterwerk mit ausgewiesenen technischen Tücken
und extremen Tempowechseln. Fulminant das Vorspiel, viel zu schnell und kaum
erkennbar, mit darauffolgender wilder Thematik. Keine Polonaise im moderaten Tempo,
sondern vielmehr eine rasende Toccata. Der technisch anspruchsvolle Mittelteil
mit dem Oktav-Ostinato in der linken und dem liedhaften Überbau in der rechten
Hand, wurde unter ihren Händen zu einem repetierenden Maschinengewehrfeuer, das
in der darauffolgenden Schlussstretta einem französischen TGV-Zug in maximaler Geschwindigkeit
glich, dem allerdings bei der Einfahrt in den Bahnhof die Bremsen versagten.
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| Khatia Buniatishvili (Foto: Sven Simon) |
Eigenwillige
Interpretationen
Eigenwillig
ihre Interpretation der Chopinschen Mazurka op. 17 Nr. 4, mit
tänzerischem Mittelteil in zutiefst schwermütiger Rahmung. Auch Francois
Couperins Les Barricades Mystérieuses Nr. 6, ein dreiminütiges
Rondo aus seinen vier Büchern mit 27 Unterabteilungen, transformierte Buniatishvili in eine kontrapunktische Ballade mit ausgeprägter Pedalierung.
Die Liszt
Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Orgelpräludium und Fuge a-Moll
BWV 543 (die erste von insgesamt sechs), schien wie auf den Leib der
Pianistin geschrieben. Einem herrlichen Gesang mit unendlichen klangübergreifenden
Phrasen, alles in Mezzopiano, folgte eine Fuge von orchestralem Charakter.
Zunächst schlicht, dreistimmig. Dann erklangen die Glocken von Kiew wie aus den
Bildern einer Ausstellung von Modest Mussorgski. Leider aber klangen sie
eher verstimmt und bedrohlich. Wut und Rage schien Buniatishvili zu erfassen. Sie focht eher einen
Kampf gegen statt mit dem Flügel aus. Verstörend und wenig überzeugend.
Wunderbar dagegen
die Consolation Nr. 3 von Franz Liszt, die schönste aus dieser
Sechsergruppe. Buniatishvili ganz in ihrem Element. Tiefe Romantik, eine
Verbindung in Liebe zum Notentext.
Die Ungarische
Rhapsodie Nr.2 cis-Moll, Franz Liszts wohl bekannteste und
virtuoseste seiner insgesamt neunzehn geschriebenen, sollte noch einmal das
gesamte technische und musikalische Repertoire der Tastenkünstlerin beweisen.
Tatsächlich ist es nur wenigen Pianisten vergönnt, dieses mit
Höchstschwierigkeiten gespickte und mit extrem variablen Effekten versehene
Paradewerk, das wenig mit der Folklore der Sinti und Roma, dafür aber umso mehr
mit der klavieristischen Brillanz von Franz Liszt höchstpersönlich zu tun hat,
überhaupt vor der Öffentlichkeit zu spielen. Kurz: Man hört es selten.
Buniatishvili
glänzte tatsächlich mit technischer Brillanz und unglaublicher Streitbarkeit.
Dabei blieben allerdings die tänzerische Rhythmik und die virtuose Präzision weitgehend
auf der Strecke. Der beabsichtigte Klangrausch glich des Öfteren einem
unkontrollierten Ausraster, der nicht selten in fehlerhafte Passagen mündete.
Dem Publikum hat´s gefallen, wenngleich doch Einige der Zuhörer mehr mit sich als mit der
Musik beschäftigt waren.
| Khatia Buniatishvili im Kurhaus Wiesbaden (Foto: Ansgar Klostermann) |
Eine Frau für die Bühne wie geschaffen
Nach einer kurzen Zugabe (eine Klavierbearbeitung des Adagios aus Johann Sebastian Bachs erstem Brandenburgischen Konzert) verabschiedete sich die äußerst sympathische, exzentrische Khatia Buniatishvili von ihren RMF-Fans und sollte durchaus auch zukünftig beim RMF ihr großes Künstlerherz unter Beweis stellen dürfen. Sie ist zweifellos eine Frau für die Bühne. Sie wächst an den von ihr mit Bedacht ausgewählten Stücken und Werken und öffnet über ihr pianistisches Können ihr Herz und ihre Seele den Menschen. Möge im kommenden Jahr – Michael Herrmann, Intendant und Geschäftsführer des RMF, hat eindringlich in seiner Vorrede seiner Hoffnung in diesem Sinne Ausdruck verliehen – Herz und Seele der Musik wieder voll zur Geltung kommen und nicht von äußeren politischen Einflüssen beschränkt werden.


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