34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
Danzas Cubanas, Havana Lyceum Orchestra goes Rheingau, Kloster Eberbach, 03.08.2021
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| Mitglieder des Havana Lyceum Orchestra (Foto: RMF) |
Kubanische Musik einmal ganz modern
Wegen heftiger Regengüsse musste das Tanzspektakel des Havana Lyceum Orchestra vom Kreuzgang des Kloster Eberbach in die Basilika verlegt werden, was aber dem musikalischen Erlebnis keinerlei Einbußen bescherte. Ein Feuerwerk kubanischer Musikkultur prasselte auf das Publikum nieder und ließ schlussendlich kein Auge trocken.
In
unterschiedlichen Formationen standen die jungen Musiker und Musikerinnen auf
der Bühne und gaben einen Einblick in die Gegenwartsmusik auf Kuba, die uns
hauptsächlich durch Salsa, Rumba, Bossa-Nova, Cha-Cha-Cha oder allenfalls noch
Mambo bekannt ist. Richtig. Aber Kuba und seine Musik haben ein Vielfaches zu
bieten. Gute musikalische Ausbildung an Schulen, Konservatorien und Hochschulen
haben nicht allein exzellente Musiker, sondern vor allem auch mittlerweile
weltberühmte Komponisten hervorgebracht, die es verstehen, die unterschiedlichsten
musikalischen Einflüsse auf dieser Insel (spanische, afroamerikanische sowie karibische)
zu amalgamieren, weiterzuentwickeln und Neues entstehen zu lassen.
| Streichquartett mit Mitgliedern des Havana Lyceum Orchestra, links: William Roblejo Foto: Ansgar Klostermann |
Musik der
Landarbeiter
Gleich zu
Beginn spielte ein Streichquartett Tres Danzas Cubanas, komponiert von William
Roblejo (*1984), der selbst als erster Geiger dieses Ensembles fungierte. Drei
herrliche, der Volksmusik der Landarbeiter (guajiros) abgeschaute Tänze mit
Bossa Nova Einlagen und herrlichen Jazzpassagen. Aber auch klassische Elemente
fehlten nicht. Was aber diese Formation charakterisierte war ihre Begeisterung
und die immer swingende Leichtigkeit ihres Spiels. Technisch perfekt,
rhythmisch einmalig mit ausgeprägter Leidenschaft verstanden es die vier, das Publikum
gleich in die Welt der Karibik zu versetzen.
Viel Jazz
und afrikanischer Rhythmus
Ungewöhnlich
besetzt dann das Bläserquintett mit Schlagwerk (Fagott, Horn, Englisch Horn
bzw. Klarinette, Querflöte, Oboe, dazu Conga und kleine Trommeln), das Werke
von Paquito D´Rivera (*1948) präsentierte: Die Suite Aires Tropicales,
ein siebensätziges Stück, das bereits 1994 seine Uraufführung in New York
erlebte. Überhaupt ist D´Rivera einer der bekanntesten Komponisten Kubas,
gekrönt mit 14 Grammy Awards. Früh nach Amerika ausgewandert spielte er als Saxophonist
und Klarinettist mit so bekannten Größen wie Dizzy Gillespie oder Benny Carter
und wird für seinen Latin Jazz ebenso gefeiert wie für seine klassischen Kompositionen.
Drei Stücke spielte
das Sextett aus Aires Tropicales, darunter Alborada, eine
spanisches Begrüßungslied mit komplexen Rhythmen im 6/8 Takt, dann Son,
ein sehr beliebter Tanz, der das Publikum zum rhythmischen Klatschen mitriss
und eine gelöste Stimmung aufkommen ließ. Schließlich, unter Auslassung des geplanten
Contradanza, das Afro mit typisch afrikanischer Ostinato-Begleitung
und solistischen Einlagen von Flöte und Fagott. Immer herrschte das synkopische
Element des Jazz vor, aber voller Energie und Kraft. Die bewegenden Schlusstakte
rissen auch den letzten Zuhörer in der Basilika vom Stuhl.
| Bläserquintett und Perkussion mit Mitgliedern des Havana Lyceum Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann) |
Musik mit Reminiszenz an die Vergangenheit
Vergüenza, übersetzt Scham oder gar Schande, stammt von der jungen Violinistin und Komponistin, Jenny Peňa Campo, Mitglied des Havana Lyzeum Orchestra, aber auch erste Geigerin des Streichquartetts Caribe Nostrum, das dieses sehr folkloristische und hochvirtuose Stück präsentierte. Scham oder Schande? Die Komponistin möchte die Begriffe nicht programmatisch verstehen. Recht hat sie, denn, zwar in Moll gehalten und mit sehr ernstem Duktus, brillierte diese Variation doch durch ungemein schöne Liedpassagen, kanonische- wie barocke Stilelemente der Kontrapunktik und Fuge. Vielleicht eine Reminiszenz an die unselige Vergangenheit dieses Inselstaates? Das folgende Werk von ihr Camino por vereda, inspiriert, wie sie sagt, vom kubanischen Komponisten und Dirigenten Guido López Gavilán (*1944), erinnerte an den argentinischen Tango, wenngleich der Gesang und die solistischen Improvisationen wohl eher einen Mix kubanischer Folklore vermuten lässt. Ein Hörerlebnis bot dieses extraorbitante Streichquartett allemal. Alle vier Musiker (zwei Frauen, zwei Männer) gehören unbedingt zur Meisterklasse ihres Landes.
Ein
bisschen von Allem
Am Schluss
standen 14 Mitglieder des Havana Lyzeum Orchestra auf der Bühne. Ernesto
Oliva (*1988) und seine Suite Danzottas stand auf dem Programm. Ein
bisschen von allem (Un poco´e to) im ureigenen Sinne, denn Oliva, er stammt aus
Guantánamo, liebt die Volksmusik seiner Heimatstadt, den Changüi. Changüi, so
sagt es Wikipedia ist gegen 1860 im Osten Kubas aufgekommen und wird vor allem
von den Bergbauern dieser Region gepflegt. Sie besteht aus einem Gemisch aus afrikanischer
Bantu-Musik, Einflüssen der afrofranzösischen Musik Haitis sowie spanischer musikalischer
Musik der Kanaren. Durchatmen.
Faszinierende
Modernität mit Lebensfreude
Was die
vierzehn Akteure auf der Bühne an musikalischem Feuer boten, gehört in die
Rubrik Legendär. Eine faszinierende Modernität der Klänge zwischen Maurice Ravel,
Manuel De Falla und Claude Debussy, gemischt mit Motorengeräuschen,
Pferdegetrappel, Winden und Wasserfällen. Ein wildes Treiben mit virtuosen
Zwischensolos von Geigern, Bläsern und den beiden Perkussionisten. Viel Jazz,
viel Folklore, klassische Elemente aber auch eine Menge Rhythmus und
Lebensfreude. Alles schunkelte, machte sich frei von Corona bedingten Einschränkungen
und freute sich an der Kunst des Leichten, Schönen und Humanen. Das Wahre, Schöne,
Gute, Leitidee der Kunst der Romantik, wurde hier wieder hochaktuell.
Mit einem
kleinen Tänzchen entließen alle 17 Beteiligten des Abends das restlos
begeisterte Publikum in die jetzt glasklare Nacht.
Unbedingt
vormerken: Mozart
Y Mambo (Kurhaus Wiesbaden), 04.08., Kubanische Nacht (Kurhaus
Wiesbaden), 05.08., Havana Horns (Kurhaus Wiesbaden), 06.08.

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