34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021
Daniel Barenboim (Klavier) und das West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Lahav Shani, Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal, 06.08.2021
| West-Eastern Divan Orchestra, am Flügel: Daniel Barenboim, Dirigent: Lahav Shani Foto: Ansgar Klostermann |
Erstmals seit fast zwei Jahren ein großes Orchestererlebnis
Ein denkbarer
Konzertabend sollte es werden. Daniel Barenboim (*1942), Gründer des West-Eastern
Divan Orchestra im Jahre 1999, gemeinsam mit dem leider zu früh verstorbenen
Literaturkritiker Edward W. Said (1935-2003), präsentierte dieses
außergewöhnliche Orchester mit zwei Werken von Sergei Prokofieff (1891-195),
die Sinfonie Nr. 1 D-Dur op.25, bekannt als Symphonie classique
(1916) wie von Johannes Brahms (1833-1897), das Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur
op. 83, er selbst am Flügel.
Unter der
Leitung des jungen, bereits hoch dekorierten Dirigenten und Pianisten, Lahav
Shani (*1989 in Tel Aviv), drängten sich bis zu 70 Instrumentalisten und
Instrumentalistinnen (ohne Abstand aber mit Maske) auf die viel zu kleine Bühne
des unter Corona Bedingungen voll besetzten Friedrich-von-Thiersch-Saales und zeigten
eindrucksvoll – das Orchester besteht bekanntlich zu gleichen Teilen aus
arabischen bzw. palästinensischen und israelischen Akteuren –, dass Musik
Brücken bauen und ideologische Gräben überwinden kann.
Ein
bisschen zu ernst
Kommen wir
zum Detail. Prokofieff Symphonie classique nennt sich so, weil sie
bewusst in der Stilweise der Klassik, vertreten durch Josef Haydn und Wolfgang
Amadeus Mozart, geschrieben ist. Prokofieff gerade einmal 25 Jahr alt, als er
diesen Ohrwurm schrieb, meinte selbst, dass ihm im Kompositionskurs der Kompositionsstil
Haydn besonders gefallen habe und er eine solche Sinfonie mal eigenhändig
schreiben wollte. Sie wurde kurz und knapp bemessen, kein Teil länger als
dreieinhalb Minuten, aber auch gleichzeitig seine berühmteste, oder besser:
seine bekannteste.
In nur 15 Minuten
vier Sätze (Allegro, Larghetto, Gavotta. Non troppo Allegro, Finale. Molto
vivace), wovon viele Teile in Titelmusiken (z. B. Kulturmagazin aspekte), unzähligen Ballettmusiken oder auch Filmmusiken zu hören sind,
bedeutete gleichzeitig auch, die Wesenszüge dieses Orchesters im Schnellverfahren
kennenzulernen. Sehr ernst nahmen die Musiker ihre Aufgabe. Frei geführt vom
Dirigenten, der sportlich aber unprätentiös agierte, dennoch den Spielern eine
etwas trockene, zackige bis akademische Attitüde aufzwang. Erst im dritten Satz schien sich das
Orchester warmgelaufen zu haben und ließ Heiterkeit und Witz dieser Sinfonie erkennen.
Das abschließende Molto vivace (sehr lebendig) zeichnete sich denn auch
durch dynamischen Fluss, treibende Pizzikati der Streicher und herrliche Solopassagen
der Holzbläser aus. Auch gelang es dem Dirigenten ausgezeichnet, die am Anfang doch
ein wenig steif und fast schon gehemmt auftretenden Instrumentalisten, frei zu
geben und ihrem jugendlichen Elan die Türen zu öffnen.
| Daniel Barenboim während des Spiels (Foto: Ansgar Klostermann) |
Eine
gewaltige Sinfonie mit Klavier
Dann das
Klavierkonzert von Johannes Brahms mit dem Maestro Daniel Barenboim. Der
79-jährige hatte sich da ein Programm der Extraklasse aufgeladen. Keine
Geringeren wie Vladimir Horowitz, Artur Rubinstein, Claudio Arrau oder auch
Emile Gilels, um nur einige zu nennen, haben sich dieses monumentalen, über 50 Minuten
andauernden Werkes angenommen. Ein kräftezehrendes sinfonisches Meisterwerk, an
dem Brahms selbst vier Jahre mit Unterbrechungen arbeitete (zwischen 1878 bis
zu seiner Uraufführung im Dezember 1881), und von dem er euphemistisch meinte,
es sei „ein ganz kleines Klavierkonzert“ (in einem Brief an Elisabeth von
Herzogenberg).
Weit
gefehlt. Es gehört mit zu den schwierigsten und längsten dieser Gattung, vor
allem auch deshalb, weil es großgriffig, akkordisch, von virtuoser Komplexität
und vor allem vom nahezu gleichberechtigten Dialog zwischen Orchester und
Klavier lebt, ein Wesensmerkmal dieses, man möchte sagen, sinfonischen
Klavierkonzerts. Sinfonisch nicht allein wegen der für Klavierkonzerte bis
dahin unüblichen Viersätzigkeit, sondern vor allem, weil Klavier und Orchester
durchweg eng miteinander verzahnt sind. So gibt es keine Kadenz, lediglich
einige Solopartien (auch im Orchester), und in vielen Passagen spielt das gesamte
Orchester gemeinsam mit dem Pianisten, so dass kaum ein Unterschied zu hören
ist.
| West-Eastern Divan Orchestra, am Flügel: Daniel Barenboim, Dirigent: Lahav Shani Foto: Ansgar Klostermann |
Viel Gutes ohne von den Stühlen zu reißen
Vor allem
der dritte Satz, das Andante, gehörte zum Besten dieser Darbietung. Barenboim
dialogisierte mit dem liedhaften Cello, das eine herrliche, lyrische Melodie darbot
und improvisierte gleichsam im Mittelteil zwischen Achtel und Triolen das Thema
um später wieder den Dialog aufzunehmen mit dem Cellisten und dann auch dem
Klarinettisten aufzunehmen. Wunderbar dieser Satz, auch deshalb, weil hier die sinfonische
Fläche zugunsten der Liedform ABA verlassen und Barenboim die ganze Kunst
seiner pianistischen Ausdruckkraft unter Beweis stellen konnte.
Insgesamt
aber konnte diese Interpretation nicht durchweg überzeugen. Barenboim, ein
ausgezeichneter Pianist ohne Zweifel, hat nicht die Hand und auch nicht mehr
die Kraft, dieses Monumentalwerk makellos zu bewältigen. Dennoch, und das muss
hervorgehoben werden, diese Orchester zeigte sich bestens vorbereitet, konnte
im Schlusssatz, ein verspieltes Thema im schnellen 2/4 Takt, einem rumänischen oder ungarischen Tanz ähnlich, noch
einmal auftrumpfen, ohne aber von den Stühlen zu reißen.
| Michael Hermann und Daniel Barenboim bei der Verleihung des Rheingau Musikpreises 2020, im Hintergrund Mitglieder des Orchesters (Foto: Ansgar Klostermann) |
Für
Frieden und Humanität
Der Applaus
war herzlich aber gedämpft. Keine Zugabe, dafür die Verleihung des Rheingau
Musikpreises 2020 für das West-Eastern Diva Orchestra und Daniel Barenboim,
eine Auszeichnung, in der die Jury dieses Projekt, das eng mit dem Namen Daniel
Barenboims verknüpft ist, unter anderen als unschätzbar für die kulturelle Bildung, den
Frieden und die Völkerverständigung wie die visionäre Kraft der Musik für
Humanität bezeichnet.
Barenboims Dankesrede war kurz und prägnant: „Alles stimmt nicht“, meinte er einleitend fast ketzerisch. Erklärte aber umgehend diese Äußerung. Sinngemäß: Ja wir brauchen eine Vision für eine bessere Zukunft. Frieden herrscht nicht, solange nicht das gleiche Recht und die gleiche Verantwortung für alle herrschen. Dieses ist im Orchester der Fall und wird dort gelebt. Aber nicht in der Politik.
„Wir brauchen Gerechtigkeit für die Palästinenser und Sicherheit für die Israelis. Dieser Tag wird dann kommen, wenn die politischen Führer so denken können und handeln wollen. Ich bin stolz, ein Teil von diesem Orchester zu sein!“
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