Samstag, 7. August 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021

Daniel Barenboim (Klavier) und das West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Lahav ShaniKurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal, 06.08.2021

West-Eastern Divan Orchestra, am Flügel: Daniel Barenboim, Dirigent: Lahav Shani
Foto: Ansgar Klostermann

Erstmals seit fast zwei Jahren ein großes Orchestererlebnis


Ein denkbarer Konzertabend sollte es werden. Daniel Barenboim (*1942), Gründer des West-Eastern Divan Orchestra im Jahre 1999, gemeinsam mit dem leider zu früh verstorbenen Literaturkritiker Edward W. Said (1935-2003), präsentierte dieses außergewöhnliche Orchester mit zwei Werken von Sergei Prokofieff (1891-195), die Sinfonie Nr. 1 D-Dur op.25, bekannt als Symphonie classique (1916) wie von Johannes Brahms (1833-1897), das Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83, er selbst am Flügel.

Unter der Leitung des jungen, bereits hoch dekorierten Dirigenten und Pianisten, Lahav Shani (*1989 in Tel Aviv), drängten sich bis zu 70 Instrumentalisten und Instrumentalistinnen (ohne Abstand aber mit Maske) auf die viel zu kleine Bühne des unter Corona Bedingungen voll besetzten Friedrich-von-Thiersch-Saales und zeigten eindrucksvoll – das Orchester besteht bekanntlich zu gleichen Teilen aus arabischen bzw. palästinensischen und israelischen Akteuren –, dass Musik Brücken bauen und ideologische Gräben überwinden kann.


Ein bisschen zu ernst

Kommen wir zum Detail. Prokofieff Symphonie classique nennt sich so, weil sie bewusst in der Stilweise der Klassik, vertreten durch Josef Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, geschrieben ist. Prokofieff gerade einmal 25 Jahr alt, als er diesen Ohrwurm schrieb, meinte selbst, dass ihm im Kompositionskurs der Kompositionsstil Haydn besonders gefallen habe und er eine solche Sinfonie mal eigenhändig schreiben wollte. Sie wurde kurz und knapp bemessen, kein Teil länger als dreieinhalb Minuten, aber auch gleichzeitig seine berühmteste, oder besser: seine bekannteste.

In nur 15 Minuten vier Sätze (Allegro, Larghetto, Gavotta. Non troppo Allegro, Finale. Molto vivace), wovon viele Teile in Titelmusiken (z. B. Kulturmagazin aspekte), unzähligen Ballettmusiken oder auch Filmmusiken zu hören sind, bedeutete gleichzeitig auch, die Wesenszüge dieses Orchesters im Schnellverfahren kennenzulernen. Sehr ernst nahmen die Musiker ihre Aufgabe. Frei geführt vom Dirigenten, der sportlich aber unprätentiös agierte, dennoch den Spielern eine etwas trockene, zackige bis akademische Attitüde aufzwang. Erst im dritten Satz schien sich das Orchester warmgelaufen zu haben und ließ Heiterkeit und Witz dieser Sinfonie erkennen. Das abschließende Molto vivace (sehr lebendig) zeichnete sich denn auch durch dynamischen Fluss, treibende Pizzikati der Streicher und herrliche Solopassagen der Holzbläser aus. Auch gelang es dem Dirigenten ausgezeichnet, die am Anfang doch ein wenig steif und fast schon gehemmt auftretenden Instrumentalisten, frei zu geben und ihrem jugendlichen Elan die Türen zu öffnen.

 

Daniel Barenboim während des Spiels (Foto: Ansgar Klostermann)

Eine gewaltige Sinfonie mit Klavier

Dann das Klavierkonzert von Johannes Brahms mit dem Maestro Daniel Barenboim. Der 79-jährige hatte sich da ein Programm der Extraklasse aufgeladen. Keine Geringeren wie Vladimir Horowitz, Artur Rubinstein, Claudio Arrau oder auch Emile Gilels, um nur einige zu nennen, haben sich dieses monumentalen, über 50 Minuten andauernden Werkes angenommen. Ein kräftezehrendes sinfonisches Meisterwerk, an dem Brahms selbst vier Jahre mit Unterbrechungen arbeitete (zwischen 1878 bis zu seiner Uraufführung im Dezember 1881), und von dem er euphemistisch meinte, es sei „ein ganz kleines Klavierkonzert“ (in einem Brief an Elisabeth von Herzogenberg).

Weit gefehlt. Es gehört mit zu den schwierigsten und längsten dieser Gattung, vor allem auch deshalb, weil es großgriffig, akkordisch, von virtuoser Komplexität und vor allem vom nahezu gleichberechtigten Dialog zwischen Orchester und Klavier lebt, ein Wesensmerkmal dieses, man möchte sagen, sinfonischen Klavierkonzerts. Sinfonisch nicht allein wegen der für Klavierkonzerte bis dahin unüblichen Viersätzigkeit, sondern vor allem, weil Klavier und Orchester durchweg eng miteinander verzahnt sind. So gibt es keine Kadenz, lediglich einige Solopartien (auch im Orchester), und in vielen Passagen spielt das gesamte Orchester gemeinsam mit dem Pianisten, so dass kaum ein Unterschied zu hören ist.

West-Eastern Divan Orchestra, am Flügel: Daniel Barenboim, Dirigent: Lahav Shani
Foto: Ansgar Klostermann

Viel Gutes ohne von den Stühlen zu reißen

Vor allem der dritte Satz, das Andante, gehörte zum Besten dieser Darbietung. Barenboim dialogisierte mit dem liedhaften Cello, das eine herrliche, lyrische Melodie darbot und improvisierte gleichsam im Mittelteil zwischen Achtel und Triolen das Thema um später wieder den Dialog aufzunehmen mit dem Cellisten und dann auch dem Klarinettisten aufzunehmen. Wunderbar dieser Satz, auch deshalb, weil hier die sinfonische Fläche zugunsten der Liedform ABA verlassen und Barenboim die ganze Kunst seiner pianistischen Ausdruckkraft unter Beweis stellen konnte.

Insgesamt aber konnte diese Interpretation nicht durchweg überzeugen. Barenboim, ein ausgezeichneter Pianist ohne Zweifel, hat nicht die Hand und auch nicht mehr die Kraft, dieses Monumentalwerk makellos zu bewältigen. Dennoch, und das muss hervorgehoben werden, diese Orchester zeigte sich bestens vorbereitet, konnte im Schlusssatz, ein verspieltes Thema im schnellen 2/4 Takt, einem rumänischen oder ungarischen Tanz ähnlich, noch einmal auftrumpfen, ohne aber von den Stühlen zu reißen.

Michael Hermann und Daniel Barenboim bei der Verleihung des Rheingau Musikpreises 2020, im Hintergrund
Mitglieder des Orchesters  (Foto: Ansgar Klostermann)


Für Frieden und Humanität

Der Applaus war herzlich aber gedämpft. Keine Zugabe, dafür die Verleihung des Rheingau Musikpreises 2020 für das West-Eastern Diva Orchestra und Daniel Barenboim, eine Auszeichnung, in der die Jury dieses Projekt, das eng mit dem Namen Daniel Barenboims verknüpft ist, unter anderen als unschätzbar für die kulturelle Bildung, den Frieden und die Völkerverständigung wie die visionäre Kraft der Musik für Humanität bezeichnet.

Barenboims Dankesrede war kurz und prägnant: „Alles stimmt nicht“, meinte er einleitend fast ketzerisch. Erklärte aber umgehend diese Äußerung. Sinngemäß: Ja wir brauchen eine Vision für eine bessere Zukunft. Frieden herrscht nicht, solange nicht das gleiche Recht und die gleiche Verantwortung für alle herrschen. Dieses ist im Orchester der Fall und wird dort gelebt. Aber nicht in der Politik. 

„Wir brauchen Gerechtigkeit für die Palästinenser und Sicherheit für die Israelis. Dieser Tag wird dann kommen, wenn die politischen Führer so denken können und handeln wollen. Ich bin stolz, ein Teil von diesem Orchester zu sein!“



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