50. Darmstädter Ferienkurse vom 31.07. bis zum 11.08.2021
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| Spoils of War, Instrumentenerfindung von Harry Partsch (alle Fotos: Kristof Lemp) |
Musikfabrik, Lichtenbergschule Darmstadt, 07.08.2021
Ein
abgespeckter Ferienkurssommer
Sehr
abgespeckt und brav geben sich die diesjährigen Darmstädter Ferienkurse mit
kaum 140 Studenten und Studentinnen aus nur wenigen Ländern, ca. 40 angegebenen
Dozenten und Null Komponisten, die lediglich online zu erreichen sind.
Dennoch, die
Sporthalle der Lichtenbergschule in Darmstadt war vollbesetzt, allerdings mit
hygienischem Abstand und Maskenpflicht auch während des Konzerts und nur sehr wenigen
Gästen außerhalb der Teilnehmer.
Sieben Werke
standen auf dem Programm, drei vom amerikanischen Musikpionier und Instrumentenbauer,
Harry Partsch (*1942), und jeweils eines von Liza Lim (*1966), Bethan
Morgan Williams (*1992), Milica Djordjević (*1984), Rebecca
Saunders (*1967) sowie Georges Aperghis (*1945).
Alle Werke,
sehr unterschiedlich im Charakter aber ähnlich in der Anlage, denn allesamt
spielten mit dem Klang und den Möglichkeiten der Instrumente.
Die Solisten
gehörten zum Ensemble Musikfabrik, das seit seiner Gründung 1990
in Köln zu den führenden Klangkörpern der Neuen und zeitgenössischen Musik
gehört. Ihre Spezialität ist die Auseinandersetzung mit neuartigen Instrumenten.
Harry Partsch hat ihnen beispielsweise 2012 erlaubt, sein gesamtes mikrotonales
Instrumentarium nachzubauen und deren Eigenwilligkeit im Klang und Gebrauch auf
der Bühne zu präsentieren.
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| Helen Bledsoe an der Piccoloflöte |
Spannende Geschichten für Jung und Alt
So auch in
diesem Konzert. Der Einstieg allerdings, The Dong with a luminous nose
von Georges Aperghis von 2019, wurde vom Ensemblemitglied Helen Bledsoe
auf der Piccoloflöte eingeleitet. In schriller Montur, mit grünen Haaren,
türkisfarbigen Ärmlingen und einfallsreichem Hosenanzug, erzählte sie spannende
Geschichten für Jung und Alt auf und mit diesem Instrument. Mit gekonnt hoher
Kopfstimme und dramatischer Tonbegleitung unterhielt sie das begeisterte Publikum
mit viel Nonsens zwischen Katzenmiauen und ernsten Gesangseinlagen. Für 10 Minuten
eine hinreißende Solo-Oper der Extraklasse.
Harry
Partschs Instrumentenpanoptikum
Harry
Partschs Castor und Pollux (1962), die Geschichte mit Leda und dem Schwan,
für Diamond Marimba und Low Bass Marimba, gespielt von den Ensemble Mitgliedern
Dirk Rothbrust und Thomas Meixner, erinnerte doch stark an ein
Kinderlied im Wechsel von Vierviertel- und Fünfvierteltakt. Dumpfe aber
beruhigende Holztöne hätten einem Schlaflied alle Ehre bereiten können, wenn
nicht der zweite Teil mit schnellen Sechzehntel Noten und komplexer Synkopik
aufgerüttelt hätte. Leichtigkeit und Klanglichkeit waren die belebenden
Merkmale dieses abwechslungsreichen Stückes.
Enigma
Auch die
folgende Komposition von Morgan-Williams Gêmdysin (2021) eine
Uraufführung für Es-Klarinette wurde auf einem herkömmlichen Instrument
präsentiert. Carl Rosman bewies hier seine exzellente Technik und
verstand es ausgezeichnet, dem Instrument neben Gurren, Schreien, Jammern, ein
perfektes Doppeltonspiel wie auch selten gehörte Obertöne zu entlocken. Gêmdysin,
ein walisisches Wort mit der komplizierten Bedeutung Spiel, Würfel und Ding in
der Natur hat eine enigmatische Bedeutung, viel Ungewisses, Rätselhaftes. So gestaltete
sich auch der Schluss. Abbruch und offene Fragen. Sehr gelungen diese UA mit
einem höchst versierten Musiker.
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| Melvyn Poore am Doppeltrichter-Euphonium |
Liza Lim
hatte ihr Stück von knapp sieben Minuten: The green Lion eats the sun
(2014) für Doppeltrichter Euphonium geschrieben. Nicht von Harry Partsch
konstruiert, dafür von Gottfried Büchel im Jahre 2011/12. Ein Blechinstrument
mit zwei Trichtern, wovon der eine wie ein Echo des anderen wirkte. Melvyn
Poore erforschte auch die Klangmöglichkeiten dieses ästhetisch anzuschauenden
Instruments, entwickelte regelrechte Sprechblasen und kommunizierte in Wort und
Ton mit beiden Trichtern. Ein wahrhaftiges Ein-Mann-Schauspiel auf höchstem
Niveau.
Augengenuss
und neuartiges Klangerlebnis
Eine Spoils
of War und eine Bass Marimba prägten instrumental das nächste Stück von Harry Partsch
mit dem Titel: And on the Seventh Day Petals fell in Petaluma (1963/66).
Ein zweiminütiges Stück aus insgesamt 34, die zu einem Bühnenwerk Delusion
of the Fury gehören, welches 2013 auf der Ruhrtriennale seine europäische
Uraufführung erfuhr. Beide Instrumente,
eines bestehend aus einem gewaltigen Holzgestell mit vier ebenso gewaltigen
Glasglocken. Dazu ein Hebelsystem, das die Klänge verschieben kann, das andere,
die Bass Marimba, eine gewaltige Holzkonstruktion mit 11 Tonhöhen. Ein kurzes
Intermezzo von den beiden oben genannten Perkussionisten mit Augengenuss und neuartigem
Klangerlebnis.
Schrei
nach Harmonie
How to
evade? (2011), oder:
Wie kann ich ausweichen von Milica Djordjević, soll ein Gemisch aus
Geigenklischees und klassischen Tonpassagen und deren Dekonstruktion
thematisieren. Auf herkömmlichen Instrumenten, nämlich Geige (Hannah Weirich)
und Oboe (Peter Veale) bot sich allerdings eher ein schräges bis
schrilles Geheule an, hinter dem die „bukolische Klangwelt“, wie es im Programm
heißt, doch auffallend zurückfiel. Auch „Wagners Tristan Akkord“ war unhörbar,
dafür extreme Ausreizung der Hörfähigkeit bis hin zum Schmerz. Versöhnlich der Schluss,
der als Schrei nach Harmonie gedeutet werden könnte.
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| Dirk Rothbrust am Schlagwerk (Foto: Kristof Lemp) |
Alles nur
Staub?
Ein
grandioser Abschluss des Konzerts sollte Dust (2017/18) von Rebecca
Saunders für einen Perkussionisten werden (eigentlich für zwei geschrieben).
Drei Perkussionsorte füllten die Bühne: links eine Pauke mit einer Menge
Bürsten, Reißigbesen, Steinen und Schlägeln, in der Mitte eine Anordnung von gewaltigen
porzellanenen Klangschalen und zwei Snares, und rechts außen ein Schlagwerk
Aufbau von überdimensionierter Größe mit diversen Glocken, Klangscheiben, Klangstäben,
einer großen Trommel, Klangspiralen, zwei riesigen Triangeln, eine gewaltige
Stimmgabel und unzählige Schlägel.
Dirk Rothbrust traute sich an den fast 25-minütigen
„Staubfilm“, denn in diesem Sinne beginnt dieses Monumentalwerk, ganz nach
Samuel Beckett, der das Leben als „ein Kommen und Gehen, ein wortlos´ Ding im
leeren Raum“ betrachtet: Staub zu Staub, Erde zu Erde!
Saunders hat
dieses Werk Christian Dierstein gewidmet, einer, der die Kurse und Konzerte der
Darmstädter Ferienkurse seit vielen Jahren prägt. Auch hier geht es vorwiegend
um die Suche nach ungewöhnlichen Klangfarben und Wegen zwischen Stille und
Lautstärke, zwischen Oberfläche, Gewicht (Schläge) und Berührung. Mal
psychodelisch, mal bedrohlich wild, mal rauschend und dann wieder harte Schläge
wie der leibhaftige Donner. Beeindruckend die Klangschalen und das Aufnehmen
der Schallwellen von den Snares und kleinen Trommeln. Auch hier das Finale
versöhnlich, friedlich. Ozeangleiche Schallwellen verschwinden im Kosmos, der
Staub verfliegt, nur der Atem bleibt.
Gerechtfertigter
Beifall des affirmativen Publikums. Keine Wege zur Bühne, keine Traubenbildung,
alles clean. Ein Kontrast zur hervorragenden Güte der Mitglieder der Musikfabrik.




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