Montag, 6. September 2021

 

34. Rheingau Musik Festival vom 26.06. bis zum 05.09.2021

 

Abschlusskonzert mit der Deutschen Radio Philharmonie (DRP), unter der Leitung von Pietari Inkinen, Maria Dueñas (Violine) und Pablo Sáinz-Villegas (Gitarre), Kloster Eberbach, 05.09.2021

 

Der gut besetzte Klosterhof mit der DRP (Foto: Ansgar Klostermann)

Eine bunte Kulisse mit maskenfreien Gesichtern

Man hatte den Klosterhof ausgewählt, um unter freiem Himmel bei herrlicher Sonne gut 1500 Menschen unter den hier gemäßigteren Corona Hygienemaßnahmen zusammenbringen zu können. Dazu eine Bühne errichtet, die Platz für mehr als 50 Instrumentalisten bereithielt. Eine beeindruckende bunte Kulisse mit freudigen erwartungsvollen, maskenlosen Gesichtern und sehr gelöster allgemeiner Stimmung. Michael Herrmann, der Intendant des Festivals, dankte allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für die aufopferungsvolle Bereitschaft, aus dem 34. Festival eine Erfolgsgeschichte zu machen, sowie den insgesamt 100.000 Besuchern, die trotz schwieriger äußerer Bedingungen dem Unternehmen Kunst und Musik im Rheingau 2021 die Treue geschworen haben.

209 Konzerte und Veranstaltungen in gut zwei Monaten sind kein Pappenstiel, zumal viele Konzerte doppelt, das heißt hintereinander aufgeführt werden mussten, was eine extreme Belastung für die Künstler und Künstlerinnen bedeutete. Dennoch, so brachte es der Chef der Staatskanzlei Hessen, Axel Wintermeier, auf die prägnante Formel: „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht!“

 

Die Deutsche Radio Philharmonie (DRP) mit Pietari Inkinen am Pult (Foto: Ansgar Klostermann)

Bekanntes, allzu Bekanntes in bester Manier

Erfolg hin oder her, das Abschlusskonzert gehörte, um es vorwegzunehmen, zum würdigen Höhepunkt des diesjährigen Festivals. Auf dem Programm stand durchweg Bekanntes, Allzu Bekanntes. Aber dafür in bester Manier und großer Brillanz von allen Akteuren dargeboten.

Ein Orchester, die Deutsche Radio Philharmonie (DRP), eine seit 2007 bestehende Fusion zwischen dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (RSO) und dem Rundfunkorchester Kaiserslautern (SWR), das unter der genialen Leitung des Finnen Pietari Inkinen, seit 2017 ihr Chefdirigent, eine große Lust am Spiel ausstrahlte, glänzend untereinander harmonierte und das Zusammenspiel mit den beiden Solisten mit Bravour bewältigte.

Zum Hors d´oeuvre die Ouvertüre zur Oper Carmen (1875) von Georges Bizet, ein scharfer Appetizer von gut zwei Minuten und idealer Geschmacksöffner für alle weiteren Gänge.

 

Maria Dueñas an der Geige, Pietari Inkinen und Mitglieder der DRP (Foto: Ansgar Klostermann)

Kompromisslos klar und rhythmisch definiert

Die Carmen-Fantasie op.25 (1883) von Pablo de Sarasate forderte gleich die Geschmacksnerven aufs Erheblichste. Eine junge Frau, gerade einmal 18 Jahre alt, nämlich die in Granada geborene Maria Dueñas, überzeugte durch einen starken, nahezu männlichen Strich, der in der Tiefe wie in der Höhe kompromisslos klar und im Rhythmus definiert und perfekt akzentuiert ausgespielt war. Natürlich unterstützt durch die notwendige elektronische Verstärkung, verstand sie es dennoch, gerade im langsamen melodischen Teil, angenehm weich, wie ein glasklarer Bergfluss zu musizieren, um dann im Finale ihre überwältigende Virtuosität gerade bei den Oktavsprüngen, Tremoli, den rasenden Terz-Triolen und den wilden Schluss Arpeggien über alle vier Saiten ihre ungewöhnliche Spielintelligenz unter Beweis zu stellen. Spontaner Kommentar eines Publikumsnachbarn „Diese Frau hat eine Kraft wie ein Holzfäller.“ Das natürlich im absolut positiven Sinne gemeint.

 

Spritzig, leicht und heiter

Zur Erholung ein Aperitif vor dem neuen Menü Gang. Drei aus den insgesamt zwischen 1869 und 1880 „komponierten“ 21 Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms, bearbeitet für Orchester (eigentlich zu vier Händen komponiert). Die Nummern 17, 21 und 01. Oft leider dahin geleiert, eine Art Rausschmeißer, verstand es Pietari Inkinen jedoch, die Arrangements ganz individuell interpretieren lassen und so den kurzen Tänzen, vielfach geklaute Melodien der ungarischen Roma, eine angenehme Spritzigkeit, Leichtigkeit und Heiterkeit zu verleihen.

Übergehen wir getrost die berühmten Zigeunerweisen op.20 (1878) von Pablo de Sarasate. Ähnlich virtuos und rhythmisch angelegt wie die Carmen-Fantasie, wiederholte die wunderbare und bereits in ihren jungen Jahren mit unzähligen Preisen und Awards ausgestattete Maria Dueñas ihr perfektes Geigenspiel. Möglicherweise eine Nachfolgerin der bereits legendären Anne-Sophie Mutter? Begeistert hat sie, wie damals ihre Vorgängerin im gleichen Alter.

Pablo Sáinz-Villegas an der Gitarre, Pietari Inkinen und Mitglieder der DRP (Foto: Ansgar Klostermann)


Ein Spaziergang durch die Gärten des königlichen Palastes in Madrid

Aber jetzt zur Hauptspeise. Ein sympathischer junger Mann mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen betritt die Bühne, seine Konzert Gitarre in der Hand, und traut sich an ein Konzert, das nur wenigen Interpreten vergönnt ist. Es ist das Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester (1939/1940) von Joaquin Rodrigo. Sein Name: Pablo Sáinz-Villegas (*1977)

Jeder kennt die herrlichen Melodien. Aber live gehört haben es nur wenige. Andrés Segovia (1893-1987), die Gitarrenlegende schlechthin, hat es zur Weltberühmtheit erhoben. Aber auch Rodrigos Freund, Regino Sáinz de la Maza (1896-1981), dem er das Werk gewidmet hat, soll die Uraufführung in Paris blendend gemeistert haben. Der ungewöhnliche Titel leitet sich von den Gärten des königlichen Palastes in Madrid ab, in denen der, durch eine Diphtherie-Erkrankung erblindete Komponist gerne spazieren ging, aber auch den Tod seines Kindes betrauerte. Es ist ein Werk im der klassischen Sinfonieform geschrieben, dreiteilig im Allegro, Adagio, Allegro, aber von großer Emotionalität des Komponisten durchseelt.

 

Große Eleganz und spanische Grandezza

Gestützt durch die dezente elektronische Verstärkung hob sich das Spiel des Solisten angenehm vom Orchester ab. Bereits der Fandango des ersten Sonatenhauptsatzes überzeugte auf ganzer Linie durch spanisches Rhythmusgefühl, wunderschöne Skalenläufe, und vor allem durch die ausgewogene Orchesterbegleitung, ein Verdienst des Dirigenten selbstverständlich. Nicht zu vergessen eine Violoncello Einlage mit hinreißend gespielter Melodie.

Das Adagio, ein Klagelied in h-Moll, gehört zum Schönsten, was je für eine Gitarre komponiert worden ist. Ein Zwiegespräch zwischen Gitarre und Englisch-Horn mit improvisierenden Zwischenspielen und einer außergewöhnlichen Kadenz des Solisten. War es eine Eigen-Produktion? So jedenfalls noch nie gehört. Das Ende dieses fast schon religiösen Prozessionsgesanges, eine gebrochene Akkordfolge über alle Tonhöhen, sollte auch das Herz des vermeintlich Gefühlskältesten erwärmt haben.

Das Allegro gentile, ein Rondo mit wechselnden Taktfolgen, präsentierte der Solist in mittlerem Tempo, aber mit viel Schwung und größter Eleganz. Ganz spanische Grandezza und von außerordentlicher Souveränität. Ein Erlebnis und das nicht allein durch die Musik.

  

Bühne und Teile des Publikums im Klosterhof (Foto: Ansgar Klostermann)


Freie Musik braucht freie Menschen

Jetzt brauchte man noch einen Absacker, wozu wieder einmal drei der 21 Brahmschen Ungarischen Tänze herhalten mussten. Die Nummern 6, 4 und 5. Lediglich die Nummer 01 ist von Brahms arrangiert, die fünf anderen von Anton Dvořák, Albert Parlow und Paul Juon. Einfach klasse, wie dieses fusionierte Ensemble auch diese Nummern kredenzte.

Freie Musik braucht freie Menschen. Und dieser Spätnachmittag des 05. September 2021 gab einen, wenn auch nicht vollkommenen, Beleg dafür, wie es wieder einmal sein könnte.

 

 

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