Samstag, 18. September 2021

 

Herbstkonzerte des IEMA-Ensembles 2021

Masterstudiengang „internationale Ensemble Modern Akademie“ an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), Prüfungskonzert am 17.09.2021, HfMDK-Frankfurt

IEMA-Ensemble 2020/21  (Foto: Barbara Fahle)


Zum Mäusemelken komisch

Es ist schon zum Mäusemelken komisch, in Zeiten der angeblichen Corona-Pandemie ein öffentliches Konzert im Bereich der Neuen- bzw. zeitgenössischen Musik zu besuchen. Drei G ist das Stichwort, getestet, genesen oder geimpft, absolute Kontrolle der Sachstand, und wehe, der Schnelltest ist um nur wenige Stunden abgelaufen. Jetzt zählt der Gesunde als krank und braucht einen erneuten Test. Überhaupt ist nur noch der Geimpfte wirklich gesund – obwohl doch nachweislich noch ansteckend und höchst ansteckungsgefährdet (siehe Massenansteckung auf der 2 G-Party in Münster vor wenigen Tagen, wo sich Geimpfte und Genesene bei knapp 350 Teilnehmern mindestens 85-mal ansteckten) –, der Genesene nur halb, das heißt vier Wochen, und der nicht Geimpfte solange krank, bis er durch einen teuren, sinnfreien, weil extrem fehlerbelasteten Test für gesund erklärt wird.


Verkehrte Welt

Dann folgt das nächste surreale Schauspiel. Ein fast leerer großer Saal der Hochschule (Sitzabstände sechs Stühle zum nächsten freien Platz), „vollbesetzt“ mit vielleicht 70 Besuchern (Fassungsvermögen mindestens 300) und alle von ihnen voll maskiert, denn das Killervirus schwebt ja bekanntlich über den heiligen Seraphim-Hallen und setzt sich in jede nur unbedeckte Nase. Im Hof der Hochschule allerdings steht und sitzt man eng aneinander, die Masken in der Tasche, lässig am Handgelenk oder weniger woke unter dem Kinn, denn draußen vor der Tür ist es dem Virus, wie wir ja wissen, zu unangenehm. Wetter halteben. Es hat es lieber mit den Klangwellen der Musik, die es so himmlisch durch den Äther treiben. Verrückte Welt. Auf der Bühne dagegen herrscht reges Treiben ohne Maske und Abstand. Im Publikum dagegen Vollvermummung auch während des Konzerts plus Extrem-Abstand. Wenn das mal nicht wirkt und das Virus endlich in die Knie zwingt. Hoffentlich liegen die Akteure morgen nicht alle im Krankenhaus? Aber nein. Das Virus braucht sie ja, um singend durch die Welt zu segeln.


Wohin führt der vorauseilende Gehorsam?

Ach ja. Die Frankfurter Oper hat stolz verkündet, dass wieder alle Sitzplätze ohne Abstand besetzt werden dürfen, leider aber mit Dauervermummung. Aber immerhin. Andere Konzertveranstalter verringern die Abstände und lassen, wie allgemein üblich, in geschlossenen Räumen die Masken am Platz absetzen. Angeblich alles mit den Gesundheitsämtern und den Politkern abgesprochen. Wer es glaubt, wird selig. Das surreale Theater findet offensichtlich nicht mehr auf der Bühne, sondern vor ihr statt. Das ist die Realität und die ach so freiheitlich denkende und handelnde Kunst übt sich im vorauseilenden Gehorsam. Aber genug davon.

Probeaufnahmen vom 16.09. im großen Saal der HfMDK (Foto: Barbara Fahle)


Perfekte Ensembleleistung

Zum Prüfungskonzert. Gleich sechszehn Instrumentalisten und Instrumentalistinnen besetzten die Bühne für György Ligetis (1923-2006) im Jahre 1971 komponierte Melodien. Im Stil von der bereits 1961 entstandenen Komposition Atmosphères geschrieben, die die steile Karriere des Komponisten begründete, gehört Melodien zu dessen eher selten gespielten Werken, ist aber dennoch ein meisterhaft komponiertes Stück, vielschichtig angelegt, flirrend leicht mit Celesta, Piccolo Flöte, Xylophon und Vibraphon untermalt, voll von melodischen Splittern, die immer wieder durch den pastellfarbigen Grundklang hindurchschimmern. Fantastische Klangpracht zwischen Tuba und Streicherflageoletts, alles mit Maß und ohne Schärfe. Eine lange im Äther verschwindende Coda mit Glockenklängen lässt den Zuhörer wie aus einem Traum erwachen. Eine perfekte Ensembleleistung ohne Ausnahme.

Dreamcatcher (2014) von Nina Šenk (*1982) sollte eigenen Aussagen zufolge ein „Portrait unseres Lebens“ abbilden. Für sieben Player (4 Streicher, Klarinette, Flöte und Perkussion) geschrieben verschaffte es tatsächlich die Assoziation eines Lebens von der Wiege bis zur Bahre. Am Anfang war das sprichwörtliche Licht, ein Staunen mit helldunkler Kontrastierung. Dann folgten die Tücken des Erwachsen Werdens mit vorwärtstreibenden Rhythmen, schroffen Tremoli und nervösen, dynamischen Passagen. Dazwischen Violin- und Violoncello Solo zum Höhepunkt des Seins treibend mit schlaglichtartigem Tutti. Der Zenit ist überschritten. Der Mensch kommt zu sich. Sammlung ist angesagt. Back to the Roots. Lange, flirrende Streicherpassagen werden von einem Pfeifton des Perkussionisten beendet. Der Ruf der Ewigkeit? Möglich. Gut gemacht und überzeugend interpretiert.


Zwischen Meditation und höchster Konzentration

Anna Thorvaldsdottir (*1977) sucht in ihrer Komposition (2013) die Ruhe, die absolute Ruhe.  So auch die Übersetzung des Titels. In der Musiksprache ist es wohl der Ton, der reine, der wahrhaftige Ton. Ein Stück für acht Spieler (vier Streicher, Klarinette, Flöte, Klavier und Perkussion), das sich tastend, ja zitternd langsam, ganz sachte und vorsichtig einem Ton annähert. Es ist zunächst das eingestrichene F, das allerdings wieder in seine Einzelteile zerfällt. Mikrotonale Wellen beherrschen die Klänge, einzig das Klavier schafft mit seinen Leittönen ein wenig Klarheit, ohne aber den diffusen Intervallen Struktur geben zu können oder zu wollen. Es knistert im Hintergrund (Die Perkussion arbeitet mit Papier) und die Suche nach der Wahrhaftigkeit endet in einem zweigestrichenen C. Himmlisch und klar. Ein mitreißendes Stück. Meditation und höchste Konzentration mischten sich zu einer Ganzheit.

Die Pause ließ die bleierne Zeit kurzfristig vergessen. Man plauderte eng und gelöst, beklagte zwar die lange Zeit des Lockdowns und den Kultur Tod, lobte aber gleichzeitig die Isolation als Möglichkeit der musikalischen Verbesserung und der Einübung neuer Werke. Nun denn. Wenn das der Vorteil des Knasts ist? Wichtige ja verhängnisvolle Bücher sind ja bekanntlich auch dort geschrieben worden.

Probeaufnahmen vom 16.09. im großen Saal der HfMDK (Foto: Barbara Fahle)


Ein Concerto grosso der Ausnahmekategorie

Ein langes Concerto grosso oder richtiger: Concerto de Chambre No. 2 (2010) für sechs Instrumente von Bruno Mantovani (*1974) leitete den zweiten Teil des Konzertabends ein. Sehr virtuos begonnen vom Ensemble Modern Mitglied Jaan Bossier, der Riccardo Acciarino ersetzte, und brillant fortgesetzt von allen Ensembleteilnehmern. Ein Stück „zwischen fieberhafter Artikulation und kontemplativer Gelassenheit“, schreibt zu Recht Antonio La Spina, der ein kurzes Statement im Programm abgegeben hat, dabei aber den Nagel auf den Kopf trifft. Hochspannung mit technischen Höchstleistungen der Pianistin, Kathrin Isabelle Klein, der Geigerin, Jae A Shin, aber auch dem gesamten Ensemble, das die rhythmische Raffinesse und Unisono-Passagen mit abrupten Unterbrechungen nicht zuletzt auch aufgrund des hervorragenden Dirigats von Felix Schauren, in überzeugender Manier bewältigten. Ein Genuss für alle, auch für die Jury, könnte man meinen.


Der Wald der Widersprüche

Es folgte Wald der Widersprüche für sieben Spieler (2018/19) von Jörg-Peter Mittmann (*1962), angelehnt an Rainer Maria Rilkes Stundenbuch: „Du bist der Wald der Widersprüche. Ich darf dich wiegen wie ein Kind.“  Nach dem phänomenalen Concerto grosso ein wenig gewöhnungsbedürftig. Es pulsiert, klopft, pocht im 4/4 Takt, rechtzeitig unterbrochen durch eine befreiende Kantilene der Oboe (Claire Colombo), die allerdings sofort wieder zurückfällt in ein bruitistisches Getümmel, in ein wildes Aufbäumen, das bis zur Erschöpfung anhält. Versöhnlich der Schluss. Ein Aufatmen, begleitet von einer sanften Elegie des Klaviers. Hinreißend gespielt von Kathrin Isabelle Klein.

Probeaufnahmen vom 16.09. im großen Saal der HfMDK (Foto: Barbara Fahle)


Es war eine Freude

Die Auswahl von Assonance VI (1991) von Michael Jarrell (*1958) als Schlusspunkt des Konzerts war keine sonderlich gute Entscheidung, denn sie erwies sich als die am wenigsten Auffällige von allen angebotenen Kompositionen. Glücklicherweise war sie kurz. Geschrieben für ein Oktett, versuchte der Komponist ein Versmaß in Musik umzuinterpretieren. Tatsächlich enthielt das zunächst aufmunternde Material bereits alle Elemente des weiteren musikalischen Verlaufs, wo dann einzelne Tonlagen herausgepickt und quasi analytisch-materialisiert tonalisiert wurden. Sollte das die Assonance sein?  Zwei Zimbeln beendeten dann die sich diminuierenden Elemente und das war´s dann.

Ein großartiges Konzert des IEMA-Nachwuchses. Die Jury musste eine Freude daran gehabt haben. Das Publikum hatte sie und der Schreiber auch.  Aber: Cetero censeo, Pandemia esse delendam, und das sehr, sehr bald!!

 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen