Herbstkonzerte des IEMA-Ensembles 2021
Masterstudiengang „internationale Ensemble Modern Akademie“
an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK),
Prüfungskonzert am 17.09.2021, HfMDK-Frankfurt
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| IEMA-Ensemble 2020/21 (Foto: Barbara Fahle) |
Zum Mäusemelken komisch
Es ist schon zum Mäusemelken komisch, in Zeiten der
angeblichen Corona-Pandemie ein öffentliches Konzert im Bereich der Neuen- bzw.
zeitgenössischen Musik zu besuchen. Drei G ist das Stichwort, getestet, genesen
oder geimpft, absolute Kontrolle der Sachstand, und wehe, der Schnelltest ist
um nur wenige Stunden abgelaufen. Jetzt zählt der Gesunde als krank und braucht
einen erneuten Test. Überhaupt ist nur noch der Geimpfte wirklich gesund – obwohl
doch nachweislich noch ansteckend und höchst ansteckungsgefährdet (siehe Massenansteckung
auf der 2 G-Party in Münster vor wenigen Tagen, wo sich Geimpfte und Genesene
bei knapp 350 Teilnehmern mindestens 85-mal ansteckten) –, der Genesene nur
halb, das heißt vier Wochen, und der nicht Geimpfte solange krank, bis er durch
einen teuren, sinnfreien, weil extrem fehlerbelasteten Test für gesund erklärt
wird.
Verkehrte Welt
Dann folgt das nächste surreale Schauspiel. Ein fast leerer
großer Saal der Hochschule (Sitzabstände sechs Stühle zum nächsten freien
Platz), „vollbesetzt“ mit vielleicht 70 Besuchern (Fassungsvermögen mindestens
300) und alle von ihnen voll maskiert, denn das Killervirus schwebt ja
bekanntlich über den heiligen Seraphim-Hallen und setzt sich in jede nur
unbedeckte Nase. Im Hof der Hochschule allerdings steht und sitzt man eng
aneinander, die Masken in der Tasche, lässig am Handgelenk oder weniger woke
unter dem Kinn, denn draußen vor der Tür ist es dem Virus, wie wir ja wissen,
zu unangenehm. Wetter halteben. Es hat es lieber mit den Klangwellen der Musik,
die es so himmlisch durch den Äther treiben. Verrückte Welt. Auf der Bühne
dagegen herrscht reges Treiben ohne Maske und Abstand. Im Publikum dagegen
Vollvermummung auch während des Konzerts plus Extrem-Abstand. Wenn das mal
nicht wirkt und das Virus endlich in die Knie zwingt. Hoffentlich liegen die
Akteure morgen nicht alle im Krankenhaus? Aber nein. Das Virus braucht sie ja,
um singend durch die Welt zu segeln.
Wohin führt der vorauseilende Gehorsam?
Ach ja. Die Frankfurter Oper hat stolz verkündet, dass
wieder alle Sitzplätze ohne Abstand besetzt werden dürfen, leider aber mit
Dauervermummung. Aber immerhin. Andere Konzertveranstalter verringern die
Abstände und lassen, wie allgemein üblich, in geschlossenen Räumen die Masken
am Platz absetzen. Angeblich alles mit den Gesundheitsämtern und den Politkern
abgesprochen. Wer es glaubt, wird selig. Das surreale Theater findet offensichtlich
nicht mehr auf der Bühne, sondern vor ihr statt. Das ist die Realität und die
ach so freiheitlich denkende und handelnde Kunst übt sich im vorauseilenden
Gehorsam. Aber genug davon.
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| Probeaufnahmen vom 16.09. im großen Saal der HfMDK (Foto: Barbara Fahle) |
Perfekte Ensembleleistung
Zum Prüfungskonzert. Gleich sechszehn Instrumentalisten und
Instrumentalistinnen besetzten die Bühne für György Ligetis (1923-2006) im
Jahre 1971 komponierte Melodien. Im Stil von der bereits 1961
entstandenen Komposition Atmosphères geschrieben, die die steile
Karriere des Komponisten begründete, gehört Melodien zu dessen eher selten
gespielten Werken, ist aber dennoch ein meisterhaft komponiertes Stück,
vielschichtig angelegt, flirrend leicht mit Celesta, Piccolo Flöte, Xylophon
und Vibraphon untermalt, voll von melodischen Splittern, die immer wieder durch
den pastellfarbigen Grundklang hindurchschimmern. Fantastische Klangpracht
zwischen Tuba und Streicherflageoletts, alles mit Maß und ohne Schärfe. Eine
lange im Äther verschwindende Coda mit Glockenklängen lässt den Zuhörer wie aus
einem Traum erwachen. Eine perfekte Ensembleleistung ohne Ausnahme.
Dreamcatcher (2014) von Nina Šenk
(*1982) sollte eigenen Aussagen zufolge ein „Portrait unseres Lebens“ abbilden.
Für sieben Player (4 Streicher, Klarinette, Flöte und Perkussion) geschrieben
verschaffte es tatsächlich die Assoziation eines Lebens von der Wiege bis zur
Bahre. Am Anfang war das sprichwörtliche Licht, ein Staunen mit helldunkler
Kontrastierung. Dann folgten die Tücken des Erwachsen Werdens mit
vorwärtstreibenden Rhythmen, schroffen Tremoli und nervösen, dynamischen
Passagen. Dazwischen Violin- und Violoncello Solo zum Höhepunkt des Seins
treibend mit schlaglichtartigem Tutti. Der Zenit ist überschritten. Der Mensch
kommt zu sich. Sammlung ist angesagt. Back to the Roots. Lange, flirrende
Streicherpassagen werden von einem Pfeifton des Perkussionisten beendet. Der
Ruf der Ewigkeit? Möglich. Gut gemacht und überzeugend interpretiert.
Zwischen Meditation und höchster Konzentration
Anna Thorvaldsdottir (*1977) sucht in ihrer Komposition Ró (2013) die Ruhe, die absolute Ruhe. So auch die Übersetzung des Titels. In der Musiksprache ist es wohl der Ton, der reine, der wahrhaftige Ton. Ein Stück für acht Spieler (vier Streicher, Klarinette, Flöte, Klavier und Perkussion), das sich tastend, ja zitternd langsam, ganz sachte und vorsichtig einem Ton annähert. Es ist zunächst das eingestrichene F, das allerdings wieder in seine Einzelteile zerfällt. Mikrotonale Wellen beherrschen die Klänge, einzig das Klavier schafft mit seinen Leittönen ein wenig Klarheit, ohne aber den diffusen Intervallen Struktur geben zu können oder zu wollen. Es knistert im Hintergrund (Die Perkussion arbeitet mit Papier) und die Suche nach der Wahrhaftigkeit endet in einem zweigestrichenen C. Himmlisch und klar. Ein mitreißendes Stück. Meditation und höchste Konzentration mischten sich zu einer Ganzheit.
Die Pause ließ die bleierne Zeit kurzfristig vergessen. Man
plauderte eng und gelöst, beklagte zwar die lange Zeit des Lockdowns und den
Kultur Tod, lobte aber gleichzeitig die Isolation als Möglichkeit der
musikalischen Verbesserung und der Einübung neuer Werke. Nun denn. Wenn das der
Vorteil des Knasts ist? Wichtige ja verhängnisvolle Bücher sind ja bekanntlich auch
dort geschrieben worden.
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| Probeaufnahmen vom 16.09. im großen Saal der HfMDK (Foto: Barbara Fahle) |
Ein Concerto grosso der Ausnahmekategorie
Ein langes Concerto grosso oder richtiger: Concerto de Chambre
No. 2 (2010) für sechs Instrumente von Bruno Mantovani (*1974)
leitete den zweiten Teil des Konzertabends ein. Sehr virtuos begonnen vom
Ensemble Modern Mitglied Jaan Bossier, der Riccardo Acciarino ersetzte, und
brillant fortgesetzt von allen Ensembleteilnehmern. Ein Stück „zwischen
fieberhafter Artikulation und kontemplativer Gelassenheit“, schreibt zu Recht
Antonio La Spina, der ein kurzes Statement im Programm abgegeben hat, dabei
aber den Nagel auf den Kopf trifft. Hochspannung mit technischen Höchstleistungen
der Pianistin, Kathrin Isabelle Klein, der Geigerin, Jae A Shin,
aber auch dem gesamten Ensemble, das die rhythmische Raffinesse und
Unisono-Passagen mit abrupten Unterbrechungen nicht zuletzt auch aufgrund des
hervorragenden Dirigats von Felix Schauren, in überzeugender Manier
bewältigten. Ein Genuss für alle, auch für die Jury, könnte man meinen.
Der Wald der Widersprüche
Es folgte Wald der Widersprüche für sieben Spieler
(2018/19) von Jörg-Peter Mittmann (*1962), angelehnt an Rainer Maria
Rilkes Stundenbuch: „Du bist der Wald der Widersprüche. Ich darf dich
wiegen wie ein Kind.“ Nach dem
phänomenalen Concerto grosso ein wenig gewöhnungsbedürftig. Es pulsiert,
klopft, pocht im 4/4 Takt, rechtzeitig unterbrochen durch eine befreiende Kantilene
der Oboe (Claire Colombo), die allerdings sofort wieder zurückfällt in
ein bruitistisches Getümmel, in ein wildes Aufbäumen, das bis zur Erschöpfung
anhält. Versöhnlich der Schluss. Ein Aufatmen, begleitet von einer sanften
Elegie des Klaviers. Hinreißend gespielt von Kathrin Isabelle Klein.
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| Probeaufnahmen vom 16.09. im großen Saal der HfMDK (Foto: Barbara Fahle) |
Es war eine Freude
Die Auswahl von Assonance VI (1991) von Michael
Jarrell (*1958) als Schlusspunkt des Konzerts war keine sonderlich gute
Entscheidung, denn sie erwies sich als die am wenigsten Auffällige von allen
angebotenen Kompositionen. Glücklicherweise war sie kurz. Geschrieben für ein
Oktett, versuchte der Komponist ein Versmaß in Musik umzuinterpretieren.
Tatsächlich enthielt das zunächst aufmunternde Material bereits alle Elemente
des weiteren musikalischen Verlaufs, wo dann einzelne Tonlagen herausgepickt und quasi
analytisch-materialisiert tonalisiert wurden. Sollte das die Assonance sein? Zwei Zimbeln beendeten dann die sich diminuierenden
Elemente und das war´s dann.
Ein großartiges Konzert des IEMA-Nachwuchses. Die Jury
musste eine Freude daran gehabt haben. Das Publikum hatte sie und der Schreiber
auch. Aber: Cetero censeo, Pandemia
esse delendam, und das sehr, sehr bald!!




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