Herbstkonzerte des IEMA-Ensemble 2021
Masterstudiengang „internationale Ensemble Modern Akademie“
an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), Drittes Prüfungskonzert in der Naxos-Halle Frankfurt, 23.09.2021
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| IEMA-Ensemble 2020/21 (Foto: Barbara Fahle) |
Bahnbrechende Werke in großartigem Ambiente
Das großartige Ambiente der Naxos-Halle Frankfurt schaffte ideale Bedingungen für dreizehn Instrumentalisten und Instrumentalistinnen der IEMA, um, mit einer Ausnahme, bereits in die Jahre gekommene bahnbrechende Werke von Mauricio Kagel (1931-2008), Karlheinz Stockhausen (1928-2007), Helmut Zapf (*1956) sowie Annie Gosfield (*1960) im wahrsten Sinne wiederzubeleben und ins Licht der Gegenwart zu rücken. Einzig der 1991 geborene Italiener und Mitglied des IEMA Ensembles, Antonio La Spina (*1991), fiel da etwas aus dem Rahmen, ohne ihn jedoch zu sprengen.
Ein fast vierstündiger Abend, eingeleitet mit einer
Konzerteinführung (die Geschäftsführerin der IEMA Christiane Engelbrecht
befragte drei Ensemblemitglieder - Veronika Paleeva, Violine, Kathrin
Isabell Klein, Klavier, und Zacharias Faßhauer, Kontrabass - nach dem
Entstehen der Kompositionen und ihrer interpretatorischen Auseinandersetzung
damit), einem Doppelkonzert und einer einstündigen Umbaupause, die zu
Gesprächen genutzt werden sollte, ließ eigentlich nichts zu wünschen übrig,
wenn man denn die Corona bedingten Einschränkungen außer Acht lässt, was
freiheitlich denkenden und demokratisch gesinnten Staatsbürgern leider immer
schwerer fällt. Aber der Worte sind zu viel in einer sich radikal auf Gleichschaltung
zubewegenden und auf Obrigkeit getrimmten Gesellschaft.
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| Overvoltage Rumble von Annie Gosfield mit v. l.: Zacharias Faßhauer, Kathrin Isabelle Klein, Lucie Chollet, Moritz Klein, Nathalia Buitrago, Riccardo Acciarino (Foto: Barbara Fahle) |
Akustik und Elektronik im Widerstreit
Das erste Werk stammte von der Amerikanerin Annie
Gosfield. Overvoltage Rumble (2006) für sechs Instrumente
(Bassklarinette, Synthesizer, Violoncello, Perkussion, E-Gitarre, Kontrabass)
besteht aus einer Ansammlung von akustischen und elektronischen Klängen, die
von einem konsequenten Beat des Schlagzeugs begleitet, oder besser überwölbt
werden. Ausgangs- und Endpunkt des gut 10-minütigen Werks ist eine Note
(vermutlich das G), die in Timbre und Tonhöhe moduliert wird und sich in kontrastreiche
Klangduelle verstrickt, bereichert durch Telefonklingeln, Radiogeräusche und
Tiergebrüll. Das Schlagzeug hält konstant seine fünf gegen sieben Beats, schafft
aber im Wechsel der rhythmischen Betonung mitunter Country-Music-, Blues- und Freejazz
Atmosphäre. Selbst asiatische Pentatonik scheint sich aus der Polyrhythmik herauszuhören.
Die Komponistin hatte dieses eigenwillig instrumentierte Stück für eine
amerikanische Band Bang on a can All-Stars geschrieben und es auf ihr „technisches
und musikalisches Know-how“ ausgelegt. Es war eine Freude, mit welcher
Leichtigkeit und Raffinesse die jungen Musiker dieses technische Know-how
beherrschten und das Publikum mit Verve auf das Konzert einstimmten.
Ein Kampf bis zum K.O.
Dann folgte Mauricio Kagels Match für drei Spieler
(1964), ein quasi „Boxkampf“ für zwei Cellisten und einem Schlagzeuger als „Ringrichter“,
der neben der Beherrschung des Instruments auch ein gehöriges Maß an
schauspielerischer Qualität abverlangt. Kagel selbst behauptet mit ironischem
Unterton, er habe dieses Stück „im Traum komponiert“ (ein möglicher Seitenhieb
auf Karlheinz Stockhausen, der Gleiches für sich behauptete): „An alle Einzelheiten konnte ich mich noch erinnern, vor
allem natürlich an die Aufstellung der beiden Cellisten – jeder fast an der
Rampe in einer der Bühnenecken – und dazwischen der Schlagzeuger als Vermittler
und (Schieds-) Richter.“
Die drei Akteure, Moritz Koch
am Schlagwerk, Lucie Chollet und Yiyang Zhao an den Celli, steigerten
sich regelrecht in einen Kampf bis zum sprichwörtlichen K.O. (der Cellist fällt
vom Stuhl), während der Perkussionist mit allen Mitteln seines Geräusch-Arsenals
das Chaos mehr auf die Spitze trieb als Ordnung zu schaffen. Ein witziges
Durcheinander mit Löwengebrüll, lautem Olé-Gerufe und Kampfgetümmel.
Schlussszene: Gegner knock-Out, Händedruck der Siegerin mit dem Kampfrichter
und alle ab mit einem Lächeln auf den Lippen.
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| Match für drei Spieler von Maurizio Kagel, v. l.: Moritz Klein, Yiyang Zhao, Lucie Chollet |
Eine Zeitmaschine im Sextintervall
Antonio La Spina, wie gesagt Mitglied des IEMA Ensembles, stellte seine
neueste Komposition They comes in waves (2021) vor. Geschrieben für zwei
E-Gitarren (er selbst spielte eine der beiden), Flöte, Violoncello, Klavier,
Violine, Klarinette und Schlagzeug. Eine Zeitmaschine im Sextintervall. Wie ein
Uhrpendel wiederholen sich in Permanenz die Intervalle und lassen in den
Zwischenräumen Platz für Ausreißer, Klangfiguren und elektronisch-fantastische
Einspielungen. Ein elfminütiges Stück ohne wirkliche Entwicklung, ein Wellengang
der ewigen Wiederholungen. Mitunter meditativ, ohne wirklichen Anfang und im
Prinzip auch ohne Ende.
Ein Memoriam an die französische
Revolution
Ganz das Gegenteil rivolto
(s´ouvrir et se changer) (1989) von Helmut Zapf. Geschrieben für Kontrabass
(Zacharias Faßhauer), Bratsche (Flora Geißelbrecht) und Englisch Horn (Claire
Colombo). Verteilt auf der rechten Seite der riesigen Halle, probte das Trio die
Französische Revolution, denn Zapf schrieb dieses Werk in Memoriam dieses sich
zum 200. Mal jährenden Ereignisses.
Zapf, ein musikalisches Gewächs der
DDR und heutiges Mitglied der Akademie der Künste Berlin, brilliert darin durch
ungeheurere Kraft und Energie (nicht von ungefähr riss der Bratschistin eine
Saite nach dem ersten der drei Teile) und zieht dabei alle Register der
kompositorischen Techniken zwischen Aleatorik, Serialismus, Dodekaphonie,
klassischer Formästhetik und nicht zuletzt wunderbarer melodischer Partien.
Erinnert doch der Schlusspart von rivolto an Richard Wagners Englisch
Horn-Solo aus Tristan und Isoldes Vorspiel des Dritten Aktes. Spannung bis
zum Zerreißen mit großer Empathie und herrlicher Soloeinlage von Claire
Colombo. Ein Hinhörer der Extraklasse.
Ein Beethoven 2021
Kagels Ludwig van … (1969/70), zum 200. Geburtstag Ludwig van Beethovens gedacht und trotz Augenzwinkern, burschikoser Rebellion und scheinbarer Respektlosigkeit eine beachtliche Würdigung des unbestrittenen Meisters, ließ alle Mitglieder des IEMA Ensembles auf der Bühne auftreten.
Aus dem Vorgespräch hatte sich ergeben,
dass man Rückbezüge zu Kagels neunzigminütigen Schwarzweiß-Film genommen hat,
der zeitgleich entstand und am 01. Juni 1970 im WDR gezeigt wurde. Kagel
schrieb dazu eine „Metacollage“ für beliebige Besetzung, deren Partitur aus
Abbildungen einer fiktiven Inneneinrichtung aus dem Film besteht, die mit Beethoven-Notenblättern
beklebt sind. Das Ensemble hatte sich die Aufgabe vorgenommen, den Wust der
Notenblätter zu sichten, Fragmente herauszukristallisieren und zu einem Ganzen
zusammenzufügen. Schwierig aber machbar. Innerhalb eines Jahres (so lange
dauerten die Vorbereitungen dazu) zauberte das Ensemble ein gefordertes 15-minütiges
Beethoven-Werk-2021.
Geniale Ideen und perfektes
Zusammenspiel
Die Klangregie (Lukas Nowak)
setzte gleich mit Ausschnitten aus dem dritten Satz des 5. Klavierkonzerts ein,
bearbeitete die Vinyl Schallplatte wie ein Disk-Jockey und überließ dann dem
Dirigenten (Felix Schauren) das weitere Prozedere. Man hörte Fragmente
aus dem frühen Streichtrio Es-Dur op.3, eine herrliche Streicherinterpretation
der Klaviersonate A-Dur op.101 sowie eine Unmenge bekannter Taktfolgen
und Motive aus diversen Sinfonien, Konzerten und Orchesterstücken. Höhepunkt
des Ganzen aber war der vokale Teil mit Antonio La Spina als Sänger. Er collagierte
Kagels Einführungstext zum Film und baute daraus einen groovigen Bar-Song mit
swingender Rhythmus- und Chorbegleitung im Stil der 1960er Jahre. Vielleicht etwas
zu ausgedehnt, aber einfallsreich und irgendwie doch zeitgemäß. Ein bisschen Nostalgie
und Hoffnung auf die alte Normalität? Jedenfalls fehlte der Dirigent bei diesem
Gesangs-Arrangement und kehrte erst mit dem Schlussakkord auf seinen Platz zurück.
Frage: Braucht man ihn noch, den Dirigenten? Antwort: Ja, man braucht ihn, denn
die Schlusskadenz hätte ohne ihn mager und gestaltlos gewirkt.
Ein fulminanter Abschluss des
IEMA-Ensembles, das mit dieser Kagelschen Metacollage (alles wurde von
den Akteuren nachkomponiert und arrangiert) wirkliche große Klasse und
perfektes Zusammenspiel demonstrierte.
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| www.internationale-em-akademie.de |
Gelungene Kontakte zwischen
Interpreten und Tape
Nach einer ausgedehnten Pause unter
dem Motto „Get-together“, notwendig für einen technischen Umbau, noch Kontakte
(1958/60) für Elektronik, Klavier und Schlagzeug von Karlheinz Stockhausen.
Kathrin Isabelle Klein und Moritz Koch liefen noch einmal zu
Höchstleistungen auf. Stockhausen, ein unermüdlicher Arbeiter in der Erzeugung
noch nie gehörter Klänge, verwirklichte in einem seiner wichtigsten und auch bekanntesten
Werke seine Vision von einer Musik, in der akustische und elektronische Klangerzeugung
unmerklich ineinander übergehen sollen. Mit der damals verfügbaren Mess- und
Regeltechnik erzeugte er in mühevollster Kleinarbeit rätselhaft vielschichtige
Klänge, die eigentlich nicht zu benennen sind, von ihm aber schlicht „Himmlisch“
genannt wurden.
Da das Tape starr seine Runden
dreht, müssen Schlagzeuger und Pianist in exakter Synchronizität mit dem Tonband
spielen. Eine absolute Herausforderung, die zudem noch vom Pianisten, hier die
geniale Kathrin Isabelle Klein, Schlagzeugkenntnisse abverlangt.
Hybride Musik der Zukunft
Ein gigantischer Perkussionsapparat
tut sein Übriges. Kuhglocken en masse, Tamtams, Xylophon, Trommeln, Snares,
Zimbeln, Crotales, kurz: alles was Klang und Geräusche macht, dazu ein
präpariertes Klavier, das zwischen Clustern und seriellen Tonfolgen alles bietet,
was dieser hybriden Musik zur Wirkung verhilft. Selbst wenn einige Abschnitte
frei interpretiert, möglicherweise sogar improvisiert wurden, so weist dieses
Werk bereits bis in die heutige Zeit, wo zwar mit wesentlich verbesserter
Technik immer noch die Absicht vorherrscht, Akustik und Elektronik in einen musikalischen Schmelztiegel zu verrühren, um "Unerhörtes" zu erfinden.




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