Freitag, 24. September 2021

 

Herbstkonzerte des IEMA-Ensemble 2021

Masterstudiengang „internationale Ensemble Modern Akademie“ an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), Drittes Prüfungskonzert in der Naxos-Halle Frankfurt, 23.09.2021

 

IEMA-Ensemble 2020/21 (Foto: Barbara Fahle)

Bahnbrechende Werke in großartigem Ambiente

Das großartige Ambiente der Naxos-Halle Frankfurt schaffte ideale Bedingungen für dreizehn Instrumentalisten und Instrumentalistinnen der IEMA, um, mit einer Ausnahme, bereits in die Jahre gekommene bahnbrechende Werke von Mauricio Kagel (1931-2008), Karlheinz Stockhausen (1928-2007), Helmut Zapf (*1956) sowie Annie Gosfield (*1960) im wahrsten Sinne wiederzubeleben und ins Licht der Gegenwart zu rücken. Einzig der 1991 geborene Italiener und Mitglied des IEMA Ensembles, Antonio La Spina (*1991), fiel da etwas aus dem Rahmen, ohne ihn jedoch zu sprengen.

Ein fast vierstündiger Abend, eingeleitet mit einer Konzerteinführung (die Geschäftsführerin der IEMA Christiane Engelbrecht befragte drei Ensemblemitglieder - Veronika Paleeva, Violine, Kathrin Isabell Klein, Klavier, und Zacharias Faßhauer, Kontrabass - nach dem Entstehen der Kompositionen und ihrer interpretatorischen Auseinandersetzung damit), einem Doppelkonzert und einer einstündigen Umbaupause, die zu Gesprächen genutzt werden sollte, ließ eigentlich nichts zu wünschen übrig, wenn man denn die Corona bedingten Einschränkungen außer Acht lässt, was freiheitlich denkenden und demokratisch gesinnten Staatsbürgern leider immer schwerer fällt. Aber der Worte sind zu viel in einer sich radikal auf Gleichschaltung zubewegenden und auf Obrigkeit getrimmten Gesellschaft.

 

Overvoltage Rumble von Annie Gosfield mit v. l.: Zacharias Faßhauer, Kathrin Isabelle Klein,
Lucie Chollet, Moritz Klein, Nathalia Buitrago, Riccardo Acciarino (Foto: Barbara Fahle)


Akustik und Elektronik im Widerstreit

Das erste Werk stammte von der Amerikanerin Annie Gosfield. Overvoltage Rumble (2006) für sechs Instrumente (Bassklarinette, Synthesizer, Violoncello, Perkussion, E-Gitarre, Kontrabass) besteht aus einer Ansammlung von akustischen und elektronischen Klängen, die von einem konsequenten Beat des Schlagzeugs begleitet, oder besser überwölbt werden. Ausgangs- und Endpunkt des gut 10-minütigen Werks ist eine Note (vermutlich das G), die in Timbre und Tonhöhe moduliert wird und sich in kontrastreiche Klangduelle verstrickt, bereichert durch Telefonklingeln, Radiogeräusche und Tiergebrüll. Das Schlagzeug hält konstant seine fünf gegen sieben Beats, schafft aber im Wechsel der rhythmischen Betonung mitunter Country-Music-, Blues- und Freejazz Atmosphäre. Selbst asiatische Pentatonik scheint sich aus der Polyrhythmik herauszuhören. Die Komponistin hatte dieses eigenwillig instrumentierte Stück für eine amerikanische Band Bang on a can All-Stars geschrieben und es auf ihr „technisches und musikalisches Know-how“ ausgelegt. Es war eine Freude, mit welcher Leichtigkeit und Raffinesse die jungen Musiker dieses technische Know-how beherrschten und das Publikum mit Verve auf das Konzert einstimmten.

 

Ein Kampf bis zum K.O.

Dann folgte Mauricio Kagels Match für drei Spieler (1964), ein quasi „Boxkampf“ für zwei Cellisten und einem Schlagzeuger als „Ringrichter“, der neben der Beherrschung des Instruments auch ein gehöriges Maß an schauspielerischer Qualität abverlangt. Kagel selbst behauptet mit ironischem Unterton, er habe dieses Stück „im Traum komponiert“ (ein möglicher Seitenhieb auf Karlheinz Stockhausen, der Gleiches für sich behauptete): „An alle Einzelheiten konnte ich mich noch erinnern, vor allem natürlich an die Aufstellung der beiden Cellisten – jeder fast an der Rampe in einer der Bühnenecken – und dazwischen der Schlagzeuger als Vermittler und (Schieds-) Richter.“

Die drei Akteure, Moritz Koch am Schlagwerk, Lucie Chollet und Yiyang Zhao an den Celli, steigerten sich regelrecht in einen Kampf bis zum sprichwörtlichen K.O. (der Cellist fällt vom Stuhl), während der Perkussionist mit allen Mitteln seines Geräusch-Arsenals das Chaos mehr auf die Spitze trieb als Ordnung zu schaffen. Ein witziges Durcheinander mit Löwengebrüll, lautem Olé-Gerufe und Kampfgetümmel. Schlussszene: Gegner knock-Out, Händedruck der Siegerin mit dem Kampfrichter und alle ab mit einem Lächeln auf den Lippen.

 

Match für drei Spieler von Maurizio Kagel, v. l.: Moritz Klein, Yiyang Zhao, Lucie Chollet

Eine Zeitmaschine im Sextintervall

Antonio La Spina, wie gesagt Mitglied des IEMA Ensembles, stellte seine neueste Komposition They comes in waves (2021) vor. Geschrieben für zwei E-Gitarren (er selbst spielte eine der beiden), Flöte, Violoncello, Klavier, Violine, Klarinette und Schlagzeug. Eine Zeitmaschine im Sextintervall. Wie ein Uhrpendel wiederholen sich in Permanenz die Intervalle und lassen in den Zwischenräumen Platz für Ausreißer, Klangfiguren und elektronisch-fantastische Einspielungen. Ein elfminütiges Stück ohne wirkliche Entwicklung, ein Wellengang der ewigen Wiederholungen. Mitunter meditativ, ohne wirklichen Anfang und im Prinzip auch ohne Ende.

 

Ein Memoriam an die französische Revolution

Ganz das Gegenteil rivolto (s´ouvrir et se changer) (1989) von Helmut Zapf. Geschrieben für Kontrabass (Zacharias Faßhauer), Bratsche (Flora Geißelbrecht) und Englisch Horn (Claire Colombo). Verteilt auf der rechten Seite der riesigen Halle, probte das Trio die Französische Revolution, denn Zapf schrieb dieses Werk in Memoriam dieses sich zum 200. Mal jährenden Ereignisses.

Zapf, ein musikalisches Gewächs der DDR und heutiges Mitglied der Akademie der Künste Berlin, brilliert darin durch ungeheurere Kraft und Energie (nicht von ungefähr riss der Bratschistin eine Saite nach dem ersten der drei Teile) und zieht dabei alle Register der kompositorischen Techniken zwischen Aleatorik, Serialismus, Dodekaphonie, klassischer Formästhetik und nicht zuletzt wunderbarer melodischer Partien. Erinnert doch der Schlusspart von rivolto an Richard Wagners Englisch Horn-Solo aus Tristan und Isoldes Vorspiel des Dritten Aktes. Spannung bis zum Zerreißen mit großer Empathie und herrlicher Soloeinlage von Claire Colombo. Ein Hinhörer der Extraklasse.

 

Ein Beethoven 2021

Kagels Ludwig van … (1969/70), zum 200. Geburtstag Ludwig van Beethovens gedacht und trotz Augenzwinkern, burschikoser Rebellion und scheinbarer Respektlosigkeit eine beachtliche Würdigung des unbestrittenen Meisters, ließ alle Mitglieder des IEMA Ensembles auf der Bühne auftreten.

Aus dem Vorgespräch hatte sich ergeben, dass man Rückbezüge zu Kagels neunzigminütigen Schwarzweiß-Film genommen hat, der zeitgleich entstand und am 01. Juni 1970 im WDR gezeigt wurde. Kagel schrieb dazu eine „Metacollage“ für beliebige Besetzung, deren Partitur aus Abbildungen einer fiktiven Inneneinrichtung aus dem Film besteht, die mit Beethoven-Notenblättern beklebt sind. Das Ensemble hatte sich die Aufgabe vorgenommen, den Wust der Notenblätter zu sichten, Fragmente herauszukristallisieren und zu einem Ganzen zusammenzufügen. Schwierig aber machbar. Innerhalb eines Jahres (so lange dauerten die Vorbereitungen dazu) zauberte das Ensemble ein gefordertes 15-minütiges Beethoven-Werk-2021.

 

Geniale Ideen und perfektes Zusammenspiel

Die Klangregie (Lukas Nowak) setzte gleich mit Ausschnitten aus dem dritten Satz des 5. Klavierkonzerts ein, bearbeitete die Vinyl Schallplatte wie ein Disk-Jockey und überließ dann dem Dirigenten (Felix Schauren) das weitere Prozedere. Man hörte Fragmente aus dem frühen Streichtrio Es-Dur op.3, eine herrliche Streicherinterpretation der Klaviersonate A-Dur op.101 sowie eine Unmenge bekannter Taktfolgen und Motive aus diversen Sinfonien, Konzerten und Orchesterstücken. Höhepunkt des Ganzen aber war der vokale Teil mit Antonio La Spina als Sänger. Er collagierte Kagels Einführungstext zum Film und baute daraus einen groovigen Bar-Song mit swingender Rhythmus- und Chorbegleitung im Stil der 1960er Jahre. Vielleicht etwas zu ausgedehnt, aber einfallsreich und irgendwie doch zeitgemäß. Ein bisschen Nostalgie und Hoffnung auf die alte Normalität? Jedenfalls fehlte der Dirigent bei diesem Gesangs-Arrangement und kehrte erst mit dem Schlussakkord auf seinen Platz zurück. Frage: Braucht man ihn noch, den Dirigenten? Antwort: Ja, man braucht ihn, denn die Schlusskadenz hätte ohne ihn mager und gestaltlos gewirkt.

Ein fulminanter Abschluss des IEMA-Ensembles, das mit dieser Kagelschen Metacollage (alles wurde von den Akteuren nachkomponiert und arrangiert) wirkliche große Klasse und perfektes Zusammenspiel demonstrierte.

 

www.internationale-em-akademie.de

Gelungene Kontakte zwischen Interpreten und Tape

Nach einer ausgedehnten Pause unter dem Motto „Get-together“, notwendig für einen technischen Umbau, noch Kontakte (1958/60) für Elektronik, Klavier und Schlagzeug von Karlheinz Stockhausen

Kathrin Isabelle Klein und Moritz Koch liefen noch einmal zu Höchstleistungen auf. Stockhausen, ein unermüdlicher Arbeiter in der Erzeugung noch nie gehörter Klänge, verwirklichte in einem seiner wichtigsten und auch bekanntesten Werke seine Vision von einer Musik, in der akustische und elektronische Klangerzeugung unmerklich ineinander übergehen sollen. Mit der damals verfügbaren Mess- und Regeltechnik erzeugte er in mühevollster Kleinarbeit rätselhaft vielschichtige Klänge, die eigentlich nicht zu benennen sind, von ihm aber schlicht „Himmlisch“ genannt wurden.

Da das Tape starr seine Runden dreht, müssen Schlagzeuger und Pianist in exakter Synchronizität mit dem Tonband spielen. Eine absolute Herausforderung, die zudem noch vom Pianisten, hier die geniale Kathrin Isabelle Klein, Schlagzeugkenntnisse abverlangt.


Hybride Musik der Zukunft

Ein gigantischer Perkussionsapparat tut sein Übriges. Kuhglocken en masse, Tamtams, Xylophon, Trommeln, Snares, Zimbeln, Crotales, kurz: alles was Klang und Geräusche macht, dazu ein präpariertes Klavier, das zwischen Clustern und seriellen Tonfolgen alles bietet, was dieser hybriden Musik zur Wirkung verhilft. Selbst wenn einige Abschnitte frei interpretiert, möglicherweise sogar improvisiert wurden, so weist dieses Werk bereits bis in die heutige Zeit, wo zwar mit wesentlich verbesserter Technik immer noch die Absicht vorherrscht, Akustik und Elektronik in einen musikalischen Schmelztiegel zu verrühren, um "Unerhörtes" zu erfinden.

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