6. Tanzfestival Rhein-Main vom 28.10. bis zum 14.11.2021
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| Logo des Tanzfestivals Rhein-Main 2021 |
Auftaktveranstaltung mit Emanuel Gat Dance ACT II & III – or the unexpected return of Heaven and Earth, Frankfurt LAB, 28.10 2021
Imagine
Erleichterung
allüberall. Nach gefühlt ewiger Corona-Zwangspause kann heuer das Festival zum
sechsten Mal stattfinden und das unter dem Motto Imagine. In Anlehnung
an John Lennons Superhit: Imagine there is no heaven, it´s easy if you
try, no hell below us, above us only sky - was nicht kommentiert werden muss.
Kurze
Reminiszenzen der Verantwortlichen im Vorfeld der Inszenierung über die
ungewissen, tränenreichen Zeiten, die Fragen, wie und ob es weitergehen soll,
die vielen Unwägbarkeiten und Restriktionen, die einen Gutteil der Mitarbeiter
zur Aufgabe zwangen und die Zurückgebliebenen vor schier unlösbare Aufgaben
stellten. Sehr eindrücklich vermittelt von den beiden Kuratoren Anna Wagner
und Bruno Heynderickx, aber auch vom Intendanten des Mousonturm Matthias
Pees und der Projektleiterin Juliane Raschel. Karin Wolff
schließlich, die Geschäftsführerin des Rhein-Main Kulturfonds, sicherte nicht
allein finanzielle Unterstützung des Projekts bis 2025 zu, sondern stellte auch
die vielsagende, fast schon enigmatische Frage ans maskierte Publikum: „Finden
wir, dass das alles noch normal ist? Was ist eigentlich noch normal?“
Was ist
eigentlich normal?
Normal ist
es sicher nicht, maskenbewehrt und 3 G-kontrolliert die Hallen zu füllen und
ständig das Damoklesschwert eines vermeintlichen Virus über uns schweben zu fühlen.
Normal ist das sicher nicht, dass wir heute ein Verhalten an den Tag legen,
dass Emanuel Gat in einem Kurzinterview schlicht als „krank“ bezeichnet. Auf
die Frage nämlich, ob die Pandemie seinen Blick auf Körper und Bewegung verändert
habe antwortete er schlicht und klar: „Nein. Es hat mir nur bestätigt, wie
krank unsere Gesellschaft ist.“
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| Act II & III (Foto: Emanuel Gat Dance) |
Emanuel
Gat: Spotlight Künstler 2021
Emanuel
Gat (*1969) und
seine Dance Companie Emanuel Gat Dance (2004 gegründet) sind in
Frankfurt keine Unbekannten. Bereits 2018 arbeitete er mit dem Ensemble
Modern an einem musikalisch-choreographischem Projekt STORY WATER, das im
Juni im LAB geprobt und im November ebendort im Rahmen des Tanzfestival
Rhein-Main mit Musiken von Pierre Boulez und Rebecca Saunders aufgeführt wurde.
Auch die Goldlandbergs 2015 nach Glenn Goulds Interpretation der
Bachschen Goldberg Variationen bleiben in bester Erinnerung.
Als Spotlight
Künstler steht Emanuel Gat in diesem Jahr im Mittelpunkt des Festivals mit drei
Arbeiten, Act II & III (28. und 29.10. im LAB), Fotografische
Installationen (04. bis 11.11. im Kunsthaus Wiesbaden) sowie LOVETRAIN
2020 (07.11. im Staatstheater Darmstadt).
Radikal
gedacht und einen Urknall erzeugt
Gat ist
radikaler Denker, der das Verhältnis von Tanz und Musik immer wieder neu
auslotet. Musik und Tanz können seiner Auffassung nach durchaus unabhängig
voneinander existieren, aber beides zusammen erzeugt eine gewaltige Spannung,
die er mit einem „Urknall“ vergleicht, „ein drei- oder viertdimensionales
Fraktal, das sich gleichzeitig in alle Richtungen bzw. Dimensionen bewegt.“ (aus
dem Tagesprogramm)
Genau das
findet in Act II & III statt. Gat wählte für diese Choreographie die
legendäre Tosca Inszenierung von 1965 im Pariser Salle Wagram aus. In
der Besetzung: Maria Callas als Tosca, Carlo Bergonzi als Cavaradossi
und Tito Gobbi als Baron Scarpia (Leitung: Georges Prêtre).
Den vollständigen zweiten und dritten Akt des äußerst dramatischen Geschehens
lässt er mit elf seiner Tänzerinnen und Tänzer korrespondieren, die thematisch
Liebe, Eifersucht, Hoffnung, Verrat, Tod und Verfolgung körperlich sichtbar und
fühlbar umsetzen.
Ohne im Einzelnen die Handlung des Musikdramas kenntlich zu machen, was den Rahmen sprengen würde, geht es in dieser Puccini Oper gerade um diese existentielle Thematik. Ein wirklich blutrünstiges Theater, das alle Facetten menschlicher Gefühle offenlegt und an Spannung, wilder Leidenschaft, Grausamkeit und niedrigster Instinkte kaum zu überbieten ist. Die Musik und der Gesang sind entsprechend von starker Stimmung geprägt, melodisch liedhaft zwar, zutiefst romantisch, aber voller Dramatik und Exzentrik. Sie ist fokussiert auf drei Rollen, die bedeutende Sänger und Sängerinnen erfordern, was die drei Genannten allemal sind. Will heißen, auch ohne Tanz wäre die szenische Darstellung schon eines Opernabends wert.
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| Act II & III (Foto: Emanuel Gat Dance) |
Zwischen
Verschmelzung und Trennung
Was aber
macht Gat? Er lässt im zweiten Akt seine elf Tänzerinnen und Tänzer bar
jeglicher Bekleidung solistisch zu einzelnen Szenen auftreten. Das Licht ist
gedimmt, lediglich vier fensterähnliche Lichtquellen lassen die Körper nur
schemenhaft erkennen, aber Bewegung und Dynamik amalgamieren Musik, Gesang und
Tanz ebenso wie sie auch unabhängig voneinander existieren. Man ist hin und her
gerissen zwischen der Einmaligkeit der Oper und den harmonischen, kraftvoll
fließenden Bewegungen der Tänzerinnen (insgesamt vier) und Tänzer, die
zumindest im zweiten Akt nie zusammenkommen, auch wenn die Opernbühne sogar
Platz für einen Chor bietet.
Choreographische
Vielschichtigkeit
Erst zum Ende
des Aktes, Tosca hat den verhassten Scarpia erdolcht, begleitet von einem
unheimlichen Gesang der Callas/Tosca (è Morto) und der Einleitung des dritten
Aktes mit einem Hirtenlied von wunderbarer Naivität, sammelt sich die Company auf
der Bühne, mit schlichten Gewändern bekleidet, und interpretiert mit pulsenden,
schiebenden, ziehenden, koketten, verlockenden und laufenden Bewegungen in wechselnden
zweier, dreier, vierer und fünfer Gruppen aufgeteilt das vielschichtige Geschehen
innerhalb der Oper. Unter anderem begleitet von der berühmten Tenorarie des
Cavaradossi/Bergonzi (E lucevan le stelle … o dolci baci), des Schlussduetts
der Liebenden, von düsteren Trommeln untermalt, der Scheinhinrichtung, die eine
echte ist (die Musik wird leiser), der Schlussarie der Callas/Tosca (Presto, su!
Mario) bei dramatischer, marschähnlicher Musik bis zum Finale: Die Häscher
wollen Tosca greifen, sie aber springt von der Engelsburgmauer in den Tod.
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| Act II & III (Foto: Emanuel Gat Dance) |
Spannungsgeladene
geniale Idee
Choreographisch
ist dies gelöst durch anwachsende Dunkelheit auf der Tanzfläche – die vier
Fenster verschwinden langsam – und durch das nach dem „Urknall“ schlussendlich fraktale
Auseinanderdriften der Akteure in „alle Dimensionen“ (Gat). Ein spannungsgeladenes
Finale auf beiden „Bühnen“, der fiktionalen wie der realen.
Großer, langanhaltender
Beifall für eine angeblich in nur wenigen Tagen entstandene Arbeit des Emanuel
Gat, die einmal mehr beweist, dass seine aus der Corona-Not geborene Idee nicht
nur genial, sondern aufgrund seiner perfekt ausgebildeten,
tanzstarken Company auch realisierbar ist. Dennoch, vor dem Hintergrund seiner Auffassung, dass Musik und Tanz durchaus separat existieren können, ohne an gegenseitiger Qualität einzubüßen, wäre das Experiment zu wagen, diese Choreographie auch
einmal ohne Puccinis Musik vorzustellen. Ich wäre dabei.




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