Freitag, 29. Oktober 2021

 

6. Tanzfestival Rhein-Main vom 28.10. bis zum 14.11.2021

 

Logo des Tanzfestivals Rhein-Main 2021

Auftaktveranstaltung mit Emanuel Gat Dance ACT II & III – or the unexpected return of Heaven and Earth, Frankfurt LAB, 28.10 2021


Imagine

Erleichterung allüberall. Nach gefühlt ewiger Corona-Zwangspause kann heuer das Festival zum sechsten Mal stattfinden und das unter dem Motto Imagine. In Anlehnung an John Lennons Superhit: Imagine there is no heaven, it´s easy if you try, no hell below us, above us only sky - was nicht kommentiert werden muss.

Kurze Reminiszenzen der Verantwortlichen im Vorfeld der Inszenierung über die ungewissen, tränenreichen Zeiten, die Fragen, wie und ob es weitergehen soll, die vielen Unwägbarkeiten und Restriktionen, die einen Gutteil der Mitarbeiter zur Aufgabe zwangen und die Zurückgebliebenen vor schier unlösbare Aufgaben stellten. Sehr eindrücklich vermittelt von den beiden Kuratoren Anna Wagner und Bruno Heynderickx, aber auch vom Intendanten des Mousonturm Matthias Pees und der Projektleiterin Juliane Raschel. Karin Wolff schließlich, die Geschäftsführerin des Rhein-Main Kulturfonds, sicherte nicht allein finanzielle Unterstützung des Projekts bis 2025 zu, sondern stellte auch die vielsagende, fast schon enigmatische Frage ans maskierte Publikum: „Finden wir, dass das alles noch normal ist? Was ist eigentlich noch normal?“


Was ist eigentlich normal?

Normal ist es sicher nicht, maskenbewehrt und 3 G-kontrolliert die Hallen zu füllen und ständig das Damoklesschwert eines vermeintlichen Virus über uns schweben zu fühlen. Normal ist das sicher nicht, dass wir heute ein Verhalten an den Tag legen, dass Emanuel Gat in einem Kurzinterview schlicht als „krank“ bezeichnet. Auf die Frage nämlich, ob die Pandemie seinen Blick auf Körper und Bewegung verändert habe antwortete er schlicht und klar: „Nein. Es hat mir nur bestätigt, wie krank unsere Gesellschaft ist.“

 

Act II & III (Foto: Emanuel Gat Dance)

Emanuel Gat: Spotlight Künstler 2021

Emanuel Gat (*1969) und seine Dance Companie Emanuel Gat Dance (2004 gegründet) sind in Frankfurt keine Unbekannten. Bereits 2018 arbeitete er mit dem Ensemble Modern an einem musikalisch-choreographischem Projekt STORY WATER, das im Juni im LAB geprobt und im November ebendort im Rahmen des Tanzfestival Rhein-Main mit Musiken von Pierre Boulez und Rebecca Saunders aufgeführt wurde. Auch die Goldlandbergs 2015 nach Glenn Goulds Interpretation der Bachschen Goldberg Variationen bleiben in bester Erinnerung.

Als Spotlight Künstler steht Emanuel Gat in diesem Jahr im Mittelpunkt des Festivals mit drei Arbeiten, Act II & III (28. und 29.10. im LAB), Fotografische Installationen (04. bis 11.11. im Kunsthaus Wiesbaden) sowie LOVETRAIN 2020 (07.11. im Staatstheater Darmstadt).

 

Radikal gedacht und einen Urknall erzeugt

Gat ist radikaler Denker, der das Verhältnis von Tanz und Musik immer wieder neu auslotet. Musik und Tanz können seiner Auffassung nach durchaus unabhängig voneinander existieren, aber beides zusammen erzeugt eine gewaltige Spannung, die er mit einem „Urknall“ vergleicht, „ein drei- oder viertdimensionales Fraktal, das sich gleichzeitig in alle Richtungen bzw. Dimensionen bewegt.“ (aus dem Tagesprogramm)

Genau das findet in Act II & III statt. Gat wählte für diese Choreographie die legendäre Tosca Inszenierung von 1965 im Pariser Salle Wagram aus. In der Besetzung: Maria Callas als Tosca, Carlo Bergonzi als Cavaradossi und Tito Gobbi als Baron Scarpia (Leitung: Georges Prêtre). Den vollständigen zweiten und dritten Akt des äußerst dramatischen Geschehens lässt er mit elf seiner Tänzerinnen und Tänzer korrespondieren, die thematisch Liebe, Eifersucht, Hoffnung, Verrat, Tod und Verfolgung körperlich sichtbar und fühlbar umsetzen.

Ohne im Einzelnen die Handlung des Musikdramas kenntlich zu machen, was den Rahmen sprengen würde, geht es in dieser Puccini Oper gerade um diese existentielle Thematik. Ein wirklich blutrünstiges Theater, das alle Facetten menschlicher Gefühle offenlegt und an Spannung, wilder Leidenschaft, Grausamkeit und niedrigster Instinkte kaum zu überbieten ist. Die Musik und der Gesang sind entsprechend von starker Stimmung geprägt, melodisch liedhaft zwar, zutiefst romantisch, aber voller Dramatik und Exzentrik. Sie ist fokussiert auf drei Rollen, die bedeutende Sänger und Sängerinnen erfordern, was die drei Genannten allemal sind. Will heißen, auch ohne Tanz wäre die szenische Darstellung schon eines Opernabends wert.


Act II & III (Foto: Emanuel Gat Dance)

Zwischen Verschmelzung und Trennung

Was aber macht Gat? Er lässt im zweiten Akt seine elf Tänzerinnen und Tänzer bar jeglicher Bekleidung solistisch zu einzelnen Szenen auftreten. Das Licht ist gedimmt, lediglich vier fensterähnliche Lichtquellen lassen die Körper nur schemenhaft erkennen, aber Bewegung und Dynamik amalgamieren Musik, Gesang und Tanz ebenso wie sie auch unabhängig voneinander existieren. Man ist hin und her gerissen zwischen der Einmaligkeit der Oper und den harmonischen, kraftvoll fließenden Bewegungen der Tänzerinnen (insgesamt vier) und Tänzer, die zumindest im zweiten Akt nie zusammenkommen, auch wenn die Opernbühne sogar Platz für einen Chor bietet.


Choreographische Vielschichtigkeit

Erst zum Ende des Aktes, Tosca hat den verhassten Scarpia erdolcht, begleitet von einem unheimlichen Gesang der Callas/Tosca (è Morto) und der Einleitung des dritten Aktes mit einem Hirtenlied von wunderbarer Naivität, sammelt sich die Company auf der Bühne, mit schlichten Gewändern bekleidet, und interpretiert mit pulsenden, schiebenden, ziehenden, koketten, verlockenden und laufenden Bewegungen in wechselnden zweier, dreier, vierer und fünfer Gruppen aufgeteilt das vielschichtige Geschehen innerhalb der Oper. Unter anderem begleitet von der berühmten Tenorarie des Cavaradossi/Bergonzi (E lucevan le stelle … o dolci baci), des Schlussduetts der Liebenden, von düsteren Trommeln untermalt, der Scheinhinrichtung, die eine echte ist (die Musik wird leiser), der Schlussarie der Callas/Tosca (Presto, su! Mario) bei dramatischer, marschähnlicher Musik bis zum Finale: Die Häscher wollen Tosca greifen, sie aber springt von der Engelsburgmauer in den Tod.

Act II & III (Foto: Emanuel Gat Dance)


Spannungsgeladene geniale Idee

Choreographisch ist dies gelöst durch anwachsende Dunkelheit auf der Tanzfläche – die vier Fenster verschwinden langsam – und durch das nach dem „Urknall“ schlussendlich fraktale Auseinanderdriften der Akteure in „alle Dimensionen“ (Gat). Ein spannungsgeladenes Finale auf beiden „Bühnen“, der fiktionalen wie der realen.

Großer, langanhaltender Beifall für eine angeblich in nur wenigen Tagen entstandene Arbeit des Emanuel Gat, die einmal mehr beweist, dass seine aus der Corona-Not geborene Idee nicht nur genial, sondern aufgrund seiner perfekt ausgebildeten, tanzstarken Company auch realisierbar ist. Dennoch, vor dem Hintergrund seiner Auffassung, dass Musik und Tanz durchaus separat existieren können, ohne an gegenseitiger Qualität einzubüßen, wäre das Experiment zu wagen, diese Choreographie auch einmal ohne Puccinis Musik vorzustellen. Ich wäre dabei.   

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen