6. Tanz Festival Rhein-Main vom 28.10. bis zum 14.11.2021
Coin Operated mit Jonas Lopez & Lander Patrick, Parkside Studios Offenbach, 31.10.2021
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| Jonas & Lander (Foto: Bruno Simao) |
Akrobatisches
Hoverboard-Treiben
Gut 20
Menschen warten auf die Einladung zur Performance von Jonas & Lander,
ein portugiesisches Künstlerduo, im großen Saal des Parkside Studios bei Bier
und sonstigen Getränken. Mit kleiner Verspätung rollen zwei in kecken weißen
Gymkostümen gekleidete Gestalten auf Hoverboards durch die Menschentrauben – ein
gefährlicher Spaß auf zwei Rädern, heißt es in der Werbung dazu –, braungebrannt,
wohlgebaut, bewaffnet mit riesigen Brillen, provokant-weiß geschminkten Lippen
und Selfiesticks und fordern durch laute, kommandohafte „Huschs“ und
entsprechende Gestik das Publikum auf, ihnen in einen, weiß getünchten Nebenraum
zu folgen.
Dort empfängt
eine Dame in weiß hinter einem Rechner auf rotem Block sitzend, rauchend,
hustend und singend das Publikum, das sich auf die Sitzplätze verteilt und spannungsgeladen
dem akrobatischen Hoverboard Treiben der beiden folgt, das in einer wirklich bewundernswürdigen
Pirouette endet.
Durch Münzen
gefüttert, verführt, gezwungen
Zwei in
weiße Tücher versteckte Rodeo Pferde, natürlich Schimmel, werden enthüllt und
theatralisch, vom einen sportlich, vom anderen elegant bestiegen. Und nun
sitzen sie da, der eine im Männer-, der andere im Damensitz und harren bewegungslos
der Dinge.
Lander Patrick
und Jonas Lopes,
kurz: Jonas & Lander sind seit 2011 ein Duo und das nicht nur
künstlerisch, choreographisch und musikalisch, sondern auch ganz persönlich.
Sie harmonieren in jeder Beziehung. Coin Operated ist der Idee nach eine
Pferd-Mensch Performance, eine Auseinandersetzung zwischen Tierunterwerfung,
Handel und Geld, in der die Pferde als Rodeo Maschinen die Metapher hergeben
für Dressur, Macht und Herrschaft. Allerdings funktioniert das nur, wenn sie
auch zum Galoppieren gebracht werden. Und das bedeutet, das Publikum muss die
Dressur durch Geld erkaufen. Die Pferde und damit die Reiter bewegen sich nur,
wenn sie durch Münzen gefüttert, verführt, gezwungen werden.
Eine geniale
Idee, vom Publikum natürlich sofort gecheckt, und von den beiden Künstlern mit
entsprechender Musik und Choreographie gedankt. Zunächst ein Fado, voller Liebesschmerz,
gesungen von Jonas Lopes und an der Gitarre begleitet von Lander Patrick. Alles
endet immer nach wenigen Minuten. Und bei Stillstand der Pferde ist auch
Stillstand auf den Sätteln.
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| Jonas & Lander (Foto: Bruno Simao) |
Ein
Potpourri der Stimmungen
Es folgen
viele Wechsel, und entsprechend auch die Stimmungen. Mal ein feuriger Flamenco,
dann ein heftiger Reiterkampf mit angedeuteter Attacke und Schießerei. Ein
Spiel mit den Tüchern bei düsterer Filmmusik endet mit dem Tod der beiden auf
dem Rücken der Pferde. Sofort aber kehrt beim nächsten Münzeinwurf ihr Leben
zurück, und das mit einem Calypso und Drohnen Beigabe.
Ein
Trommelwirbel scheint den Höhepunkt der Performance einzuleiten: Akrobatik auf
den galoppierenden Pferden ist angesagt. Nicht sonderlich gekonnt, dafür aber
witzig mit einem gehörigen Schuss Sexappeal. Dann ist Kate Bush mit ihrem
Ohrwurm Babooshka an der Reihe, unterbrochen von einem witzigen Zwischenfall,
denn plötzlich wollte das Pferd, trotz Münzeinwurf, nicht mehr. Zwei
Plastiktüten mit der Aufschrift „Minusgrade sind mein großes Plus“ und Eistütchen,
mal als Horn an die Stirn der Pferde aufgesetzt, dann als kulinarischer Genuss für
Mensch und Tier (viel Schmierereien an den edlen weißen Körpern der Schimmel). Auch
ein Trompetensolo zum Aufruf des Stierkampfs und ein Marsch der Toreros durfte
nicht fehlen.,
Eine wunderschöne
Eloge, aus Georg Friedrich Händels dramatischer Kantate Aci Galatea e Polifemo, gesungen vom Countertenor Philippe Jaroussky, bei einem
Liebesakt beider Reiter mit ihren herrlich anzusehenden Pferden, beendete die
kurzweilige, aber von seiner Idee leider nicht allzu überzeugende Vorstellung.
Dressur und Tierunterwerfung? Tiersklaverei und Kolonisation? Die Blicke waren ausschließlich
auf die beiden Künstler konzentriert, die Maschinen-Pferde mit ihrem Gleichlauf
dagegen unbedeutend und nur Mittel zum Zweck.
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| Jonas & Lander (Foto: Bruno Simao) |
Es war einmal ein (mechanisches) Pferd
Ein Schlussliedchen
auf Klavier von Pedro Abunhosa Era Uma Vez Um Cavalo (zu Deutsch: Es
war einmal ein Pferd, aus einem Hörspiel für Kinder) bei gleichzeitigem
Sammeln der Münzen aus dem Münzkasten und augenzwinkerten Blicken zum Publikum,
dem exzessiven Rauchen der Frau am Rechner (Joana Mario), gaben das endgültige
Zeichen, das lachende und zufriedene, aber kaum irritierte Publikum in den
frühen Abend zu entlassen.
Der Vorhang fiel,
viele Fragen offen, könnte das Fazit lauten. Vielleicht erklärt die Bemerkung
von Jonas Patrick auf die Frage, ob die Corona Pandemie seinen Blick auf den
Körper und die Bewegung verändert habe, einiges: „Nicht am Körper selbst,
sondern in der Beziehung zu anderen Körpern und vor allem in den wichtigen physischen
Dingen, die wir früher als selbstverständlich angesehen haben, wie z. B. in einem Club tanzen zu gehen, was für das
Wohlergehen einer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, ein wirkliches
Bedürfnis.“ (aus dem Programm des Abends)



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