6. Tanzplattform Rhein-Main vom 28.10. bis zum 14.11.2021
Claire Cunningham mit Thank you very much, im Frankfurt LAB, 05.11.2021
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| v. l.: Claire Cunningham, Tanja Erhart (Foto: Hugo Glendinning) |
Tribut an Elvis Presley
Es sollte ein „Tribute Artists“ sein, oder genauer
formuliert: ein Tribut an Elvis Presley, dem legendären Sänger, Songwriter und
Entertainer der 1950er und 1960er Jahre, bis heute tausende Male mehr oder
weniger erfolgreich imitiert, aber dadurch immer noch irgendwie lebendig
geblieben. Das Besondere dieser Performance aber ist es, dass vier behinderte
Tänzer und Tänzerinnen die Figur Presley im wahrsten Sinne sezieren,
detailliert aufdröseln und sie dann auf spezielle Weise wieder zusammensetzen.
Ja, vier Behinderte, sie nennen sich provokativ auch Crips,
was übersetzt Krüppel bedeutet, zwei Frauen mit Krücken, Claire Cunningham
und Tanja Erhart, letztere auch, da einbeinig, im Rollstuhl sich
bewegend, ein Mann, Dan Daw, der unter einer krankhaften Erhöhung des
Muskeltonus leidet, einer Spastik, sowie die groß gewachsene Tänzerin, Vicky
Malin, die sich als behinderte Künstlerin bezeichnet, weil sie nach eigener
Aussage mit einer „Fußgelenkschiene“ leben und tanzen muss.
Wie soll das gehen, fragt man sich, einen Showman,
Bühnenlöwe und Schwarm aller weiblichen Teens und Twens mit vier Crips auf der
Bühne zum Leben zu erwecken und ihm, dem Größten seiner Zeit, Tribut zu zollen?
Die Idee dazu ist Cunningham bereits vor sechs Jahren
gekommen, sagt sie in einem Interview. Zunächst habe sie an ein Solostück für
Kaz Langley, eine Tänzerin im Elvis Presley Look, gedacht, aber sehr bald auf
eine Gruppenperformance umgeschwenkt, die sich bis heute in dieser Form entwickelt
habe. Allerdings besteht sie auf einer Prozess-Arbeit, die nicht abgeschlossen
sei. Dennoch sei diese Show „viel mehr geworden, als sie sich jemals hätte
vorstellen können“.
Lockere Kommunikation
Gehen wir ins Detail. Die große Bühne ist umstellt mit Cocktail-Tischchen,
ein zweimalzwei Meter erhöhter Sockel unterbricht die Bühnenfläche, die im
Hintergrund noch einmal durch eine Videoleinwand und eine zweite Materialbühne aufgeteilt
ist. Zunächst erscheinen alle vier Künstler und beginnen mit dem Publikum zu
kommunizieren, locker, gelassen. Small Talk halteben. Dann beginnt Cunningham
einen Krückentanz nach Bewegungsvorgaben aus dem Off (alles übrigens auf der
Leinwand übersetzt, sehr hilfreich, da ausgesprochen textlastig, und von einer
Gebärdensprachlerin visualisiert).
Alle Tänzer stehen jetzt auf der Bühne und üben
Hüftbewegungen à la Elvis Presley und singen abschließend Richard Strauss´ Also
sprach Zarathustra, mit piepsenden Stimmen. Eine Persiflage auf den
gewaltigen Einstieg in den besagten Stanley Kubrick Film Odyssee 2000?
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| Vicky Malin (Foto: Hugo Glendinning) |
Love me tender
Jedenfalls beginnt jetzt das Solo von Vicky Malin.
Etwas anstößig entledigt sie sich ihres Overalls, setzt Sun Glases auf und
geleitet Claire Cunningham zum Mikro – auf einen Trip nach
Dis-Graceland, bei Love me Tender, love me sweet, never let me go, aus
dem Munde des Meisters. Dazwischen erzählt Cunningham aus ihrer Kindheit, über ihre
Wünsche und Hoffnungen, von der Zeit, die Zeit brauche, über Jenna James,
Darren Lee, beide erfolgreiche Elvis Imitatoren, sowie von ihrem Wunsch, einmal
so singen und sich bewegen (Moves) zu können, wie ihr Idol. Vicky hat sich
mittlerweile in typische Elvis Klamotten gezaubert, mit grüner Schärpe und Cape
um der Schulter, und erklärt ausführlich die Moves von Presleys Auftritten, den
Hoedown, den Lasso, die Hüftschwünge, aber auch die Hand- und Armbewegungen.
Immer mit der Aufforderung ans Publikum, mitzumachen, was auch fleißig befolgt
wird. Mit Always on my mind, ein Song von Wayne Thompson, Mark James und
Johnny Christopher, endet ihr „Solo“, in dem es viel um Balance bzw.
Gleichgewicht geht.
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| Dan Daw (Foto: Hugo Glendinning) |
Drei Grundbewegungen Presleys
Jetzt kommt Dan Daw an die Reihe. Er versucht sich an
einer Linie und verschüttet dabei Wasser aus einem Glas. Er bittet zunächst eine
Person aus dem Publikum, ihn auf der Linie zu begleiten, dann fordert er eine
weitere Person auf, das Wasser vom Boden zu entfernen und schließlich führt er ein
Gespräch, eher ein vorbereitetes Frage-und-Antwort-Spiel, mit einer weiteren
Person. Alles Teil der
Performance. Eigentlich nicht sonderlich witzig, aber dafür sehr zeitaufwändig,
zu zeitaufwändig. Schließlich zeigt er drei Grundbewegungen Presleys auf der
Bühne, das Maschinengewehr, das Armdrehen mit anschließendem Armstoßen und die Links-rechts-Stepps“.
Sein Fazit, nach freundlichem Applaus: „Wenn du entspannt bist, ist das Publikum
auch entspannt.“
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| Tanja Erhart (Foto: Hugo Glendinning) |
Heißer Strip
Die Szene und die Musik wechseln. Trouble von Colbert
Hamilton, der schwarze Elvis, wie er auch genannt wird, kommt vom Band, und Tanja
Erhart, ganz in verführerischem Rot mit viel Glitzer rollt über die Bühne
und vollführt einen Strip, bei dem es einem heiß werden lässt. Viel Glamour und
Ausstrahlung besitzt sie, ihr Tanz ist so hot wie der Song. Dann erzählt sie ausschweifend
über ihre Dreibeinigkeit, und dass sie es cool findet, nur ein Bein zu haben. Ihre
angebotene „Lucy“ (gemeint das Ersatzbein) habe sie von Anfang an abgelehnt. Ihr
Fazit: „Ich habe Lucy mit 15 bekommen, aber ich mag die Krücken lieber. Denn es
geht mir ums Herz und das ist schön.“ Dass sie elegant aufstehen und sich
setzen kann, beweist sie mit einer abschließenden Nummer, in die auch das
Publikum mit einbezogen wird. Der Applaus ist ihr dafür sicher.
Ein Duett auf Krücken
Nach einem „irren“ Duett (O-Ton) zwischen Cunningham und
Erhart mit dem Hintergrundtext: „Noch nie haben sie jemand gesehen, der so
aussah. Wir sind Außenseiter, eine Bedrohung“, erscheinen alle Vier auf der
Bühne – Dan Daw als David Bowie – und schütteln sich. Denn Schütteln macht
frei. Bei pulsierender Musik und ekstatischer Steigerung der Schüttelbewegung
erscheint der Text: „Wollen wir Elvis-haft sein? Keiner kann jemand anderes
sein.“ Sie sammeln sich auf dem Bühnensockel und singen Love me tender, love
me sweet (immerhin dreistimmig). Warum sie sich dabei die Masken aufsetzen,
bleibt ihr Geheimnis.
Dann monologisiert Cunningham abermals ausgiebig über ihre
Krankheitsgeschichte, wohingegen im Anschluss daran Dan Daw ein
sehenswertes Solo in goldenem Jackett und kurzer schwarzer Hose tanzt.
Leichtfüßig, trotz der Behinderung (er nennt es „abweichende Funktionalität
seines Körpers“) und wunderbar auf die Musik – eine elektronisch erzeugte rhythmische
Klangfolge, nicht von Elvis – fokussiert.
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| v. l.: Tanja Erhart, Claire Cunningham (Foto: Hugo Glendinning) |
Wir leben in komischen Zeiten
Der Höhepunkt des Abends? Nein. Noch nicht. Cunningham
spricht, nachdem sich alle bereits vorgestellt und verabschiedet haben, noch
einmal einen langen Monolog über ihren Lieblingssong, wie sie ihn am liebsten
vorgetragen hätte und so weiter. Aber: „Wir leben ja in komischen Zeiten“, in
einer „Rundherum Leere. Wir sind auseinandergeraten“, meint sie
gedankenverloren. Ja sehr komisch, möchte man ergänzen, wenn sich schon junge
Leute in Blockwart-Manier herausnehmen, anderen vorschreiben zu wollen, wie man
„richtig“ (!), eine Maske trägt – nämlich über der Nase zudrücken. Man glaubt
es nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hätte.
Dann singt sie los, den Ohrwurm von Elvis als Dankeschön, als Thank you very much an
das Publikum und an die Tatsache, dass sie hier haben auftreten dürfen: „Wise
men say, only fools rush in, but i can´t help falling in love with you, etc. etc.“
Eine schöne Sopranstimme, sehr leicht und bestens als Abschluss dieser Mammut-Show von fast zwei Stunden geeignet. Vielleicht sei an dieser Stelle angemerkt, dass bei aller Hochachtung vor dieser Leistung und dem Ansinnen von Claire Cunningham, der Akzeptanz von Behinderung neue tänzerische Wege zu eröffnen, ein bisschen weniger mehr bedeutet hätte. Die Texlastigkeit, die langen Monologe, der leider geringe Anteil an Tanz, ließen doch einige Längen und Wiederholungen aufkommen und die Frage nach Identität, Imitation und Selbstfindung zu wenig im Fokus erscheinen. Vieles erschien von daher aneinandergereiht (nummerngleich), mit langen, sehr langen abschweifenden Interludien. Schade. Dennoch, alle vier haben sich als wunderbare Tänzer und Selbstdarsteller gezeigt und allein das war der Abend wert.
Claire Cunninghams Blick auf die Corona-Krise
Eine Bemerkung noch zu Cunninghams Einstellung zur Corona Krise
und ihr Blick auf Körper und Bewegungen:
Sie betont, dass die Maßnahmen im Zusammenhang mit Corona,
wie z. B. platzierte Bewegungsanweisungen, Sicherheitsabstände, Maskenschutz,
das Navigieren in Räumen und „dass man nicht mehr tun kann, was man will“, für
Behinderte Alltäglichkeit bedeute. Sie seien „die Art und Weise, wie Behinderte
in ableistischen (ungerechten) Gesellschaften leben müssten“. Das mag richtig
sein. Aber rechtfertigt das diese Maßnahmen für alle?
Hoffentlich ist diese Übersetzung aus dem Programm unvollständig, denn ansonsten
outete sie sich mit dieser larmoyanten Aussage als Misanthropin (Gott bewahre), die endlich Freude darüber
empfindet, dass die gesamte Menschheit so wie Crips leben sollten. Hilfreich ist
das allemal nicht und sollte auch nicht als allgemeine Haltung in dieser
furchtbaren Situation stehen bleiben dürfen. Auch kann und wird dies das Verständnis für eine veränderte Haltung zu Behinderten wohl kaum in positivem Sinne beeinflussen.





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