Tristan und Isolde, Handlung in drei Aufzügen, Oper
von Richard Wagner, Premiere im Staatstheater Wiesbaden, 07.11.2021

Barbara Haveman, Marco Jentzsch (Foto: Karl und Monika Forster)
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| Barbara Haveman, Marco Jentzsch (Foto: Karl und Monika Forster) |
Liebe, das Elixier des Lebens
Tristan und Isolde (1865) in der Version von Richards
Wagner (1813-1883) ist zweifelsohne die sinnlichste, aufwühlendste, erregendste
Liebesgeschichte, die für die Opernwelt jemals geschrieben wurde. Und noch
heute zieht sie die Menschen in ihren Bann. Wie das? fragt man sich, wo wir
doch in einer Welt der dominierenden Maschinisierung, Digitalisierung und Funktionalisierung
aller menschlicher Gefühle, Emotionen wie auch der Empathie leben.
Die Antwort ist so simpel wie wahr: Weil wir Menschen sind
und die Liebe das Elixier des Lebens ist und immer bleiben wird.
Tristan und Isolde füllte auch das wunderbare neobarocke
Staatstheater in Wiesbaden mit Wagner-Liebhabern, Opernbegeisterten sowie
Liebessehnsüchtigen in Zeiten der Abstände, Trennungen und gegenseitigen Mistrauens.
Bei wirklich entspanntem Ambiente (großes Lob an den Veranstalter) harrte man
erwartungsvoll der dramatischen zwischenmenschlichen Handlung auf der Bühne.
Und man wurde keineswegs enttäuscht.
Zwischen Todes- und Liebestrank
Bereits das Vorspiel des Orchesters (Leitung: Michael
Güttler), bei noch geschlossener Bühne, ließ die Liebesqual, die Sehnsucht,
die Leidenschaft der beiden Hauptprotagonisten verspüren. Wagners legendärer Tristanakkord,
eine sich nicht auflösende verminderter Septe, wies bereits den Weg in die
Unendlichkeit und Unerfüllbarkeit der reinen unschuldigen Liebe.
Der Vorhang öffnet sich und Isolde (Barbara Haveman,
Sopran) und Brangäne (Khatuna Mikaberidze, Sopran), ihre Dienerin und
Vertraute, befinden sich im Reisemodus. Eine Menge Koffer und voll behangene
Kleiderständer füllen den Raum (Rolf Glittenberg, Bühne). Im Hintergrund
eine Riesenleinwand mit Videoeinblendungen (Gérard Naziri, Video, Andreas Frank, Licht). Felsen
und Meer beleben die düstere Vorahnung. Denn Isolde befindet sich auf der
Überfahrt nach Cornwall zu ihrem zukünftigen Gatten, König Marke. Fatalerweise
hat sich Tristan, ihr heimlicher Geliebter, als Brautwerber für seinen Onkel
angeboten, leitet die Schiffreise, aber meidet Isolde wie der Teufel das
Weihwasser. Diejenige, die ihm das Leben gerettet wie den Mord an ihrem
Verlobten Morold verziehen hat? Aus Sicht Isoldes verlangt dies Rache als
einzige Antwort. Ein Sühnetrank soll beiden den Tod bringen. Brangäne
allerdings tauscht das Elixier gegen den Liebestrank aus.
Tristan (Marco Jentzsch, Tenor), der Treue und sittliche
Enthaltsamkeit gegenüber seinem Herrn und König geschworen hat, erscheint mit
seinem Schildträger Kurwenal (KS Thomas de Vries, Bariton) vor Isolde.
Beide trinken den vermeintlichen Todestrank, die Bühne verwandelt sich. Im
Hintergrund erscheint ein herrschaftliches Gebäude, die Farben wechseln in Blautöne.
Tristan und Isolde trifft der Schlag. Der Blick – das musikalische Blickmotiv
wird intoniert – sagt alles. Beide umarmen sich weltvergessen, weltverloren.
Brangäne bereut bereits ihre Tat, ihr schwant Fürchterliches. Das Schiff, im Video
sichtbar, legt an, der Chor aus dem Off verkündet die Ankunft Markes, der mit
seinem Gefolge, ganz in Blau und Schwarz, die Bühne betritt, während der
Vorhang fällt.
Kurzweilig und spannungsgeladen
Sehr kurzweilig und dramaturgisch spannungsgeladen (Wolfgang
Behrens, Dramaturgie) der 1. Akt. Dazu schauspielerisch und
sängerisch äußerst ansprechende Partien. Barbara Haveman und Marco Jentzsch gaben
ein schönes Paar ab, harmonierten von Anfang an perfekt. Ihre Stimmen
allerdings drangen nicht immer durch und wurden oft vom Orchester regelrecht überrollt.
Herausragend dagegen der kräftige, dramatische Sopran von Khatuna Mikaberidze
und der warme lautstarke Bariton von KS Thomas de Vries.
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| Marco Jentzsch, Barbara Haveman (Foto: Karl und Monika Forster) |
Ein endlos erscheinendes Liebesgedicht
Der zweite Aufzug beginnt abermals mit einem bewegten blendend
vorgetragenen Vorspiel des Orchesters. Es ist der Einstieg in ein endlos
erscheinendes Liebesgedicht, ein Poem der Nacht in einem samtenen, Kosmos
verbundenen As-Dur.
Tristan und Isolde treffen sich heimlich, während die Welt
in Form einer Fackel brennt. Die Bühne ist in Rot, Braun, Blau gehüllt und mit von
schwarzen Tüchern bedeckten Sockeln besetzt. Vier Tanz-Paare begleiten das
Duett der Beiden im Hintergrund. Sind es Nachtelfen? Amoren, Liebesgötter? Oder
lebendig gewordene griechische Statuen, von nacktem Ebenmaß? Eigentlich von
allem Etwas. In blau-weißen Farben imitieren sie die nächtlichen
Liebesgeheimnisse der Liebenden mit zartester Orchesterbegleitung: „Oh sink
hernieder, Nacht der Liebe“. Es ist das Eins-Werden, die restlose Verschmelzung
von Tristan und Isolde bis hin zum Höhepunkt, die vollkommenste Erfüllung im
Liebestod: „So stürben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End …“. Ein musikalischer wie sängerischer Hochgenuss.
Warum diese absolut gelungene Szene mit einem Video
überfrachtet wird – ein archaisches Liebespaar, wunderbar anzusehen, vollzieht
den Liebesakt, während die beiden Protagonisten auf der Bühne unter der Decke
verschwinden – ist nicht recht nachvollziehbar (die Tanzpaare könnten dies in
artifizieller Form auch). Und warum sich in den filmischen Liebesakt
faschistoide Gewaltszenen mischen, bleibt weitgehend im Dunkeln.
Richtig dagegen: Der Tag, die Wirklichkeit, bricht brutal
und schonungslos in das Liebesgeschehen ein. Die Elfen verschwinden, Marke und
sein Gefolge (Statisten in Kendo Ausrüstung) erscheinen auf der Bühne. Das Paar
ist ertappt. Der Durchbruch ist vollzogen.
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| Young Doo Park (Foto: Karl und Monika Forster) |
Ein Hochgenuss mit Abstrichen
Marke (Young Doo Park, Bass) ist maßlos enttäuscht
und kann Tristans Untreue nicht begreifen. Seine fantastisch mitreißend zelebrierte Arie in gewaltigem Bass lässt den Seelenschmerz seines liebsten
Freundes in alle Glieder fahren. Die Bühne wandelt sich in eine wolkenverhangene
Kulisse. Tristan antwortet lediglich über die Musik, das Liebesmotiv wird
gespielt, und möchte mit Isolde aus der Wirklichkeit entfliehen. Markes Höfling,
Melot (Andrea Karasiak, Tenor), ein aufbrausender Charakter, zückt das
Schwert. Tristan aber stürzt sich selbst hinein. Der Vorhang fällt.
Ein Hochgenuss, dieser zweite Aufzug. Alles stimmte, nur das
Video, ein Filmausschnitt ohne direkten Bezug zur Handlung, wirkte befremdlich
und aufgesetzt. Wohl auch Anlass für einige Pfiffe am Ende der Oper.
Beklemmendes Liebesleid
Der Schluss-Akt gehörte zu den dramaturgischen und
sängerischen Leckerbissen dieser Premiere. Zurück in seiner Burg Kareol liegt
Tristan auf einem Krankenbett wie tot. Ein Hirte (Erik Biegel, Bariton)
eingehüllt in eine Plane und wie ein Menhir von Steinen umsäumt, inmitten der
Bühne thronend (Andrea Schmitt-Futterer, Kostüme), spielt auf seiner
Schalmei (Englisch Horn im Orchester) eine ergreifende musikalische Weise. Kurwenal
sitzt stumm am Bett, im Hintergrund schneebedeckte Berge, die langsam in einen
beigen Nebel verschwinden.
Tristan wacht auf, ist verwirrt und wünscht sich im
Fieberwahn Isolde herbei. Sein Volk begrüßt ihn, lässt ihn hochleben, erkennt
seinen körperlichen und geistigen Zustand und erscheint dann auf der Bühne mit
einem Sarg. Gemeinsam (mit Tristan) gehen sie von dieser Welt und verschwinden
in einem Erdloch, das sich inmitten der Steine auftut. Eine beklemmende Szene,
die das Liebesleid sinnbildlich verallgemeinert.
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| v. l.: Marco Jentzsch, Erik Biegel, Statist (liegend), KS Thomas de Vries (Foto: Karl und Monika Forster) |
Körper und Seele
Tristan hat sich mittlerweile in Körper und Seele geteilt.
Ein nackter Mann, in Größe und Aussehen ihm ähnlich, entsteigt dem Erdloch und
legt sich ins Krankenbett, während Tristans zweite Hälfte, seine Seele, ganz in
Weiß gekleidet, wie die Auferstehung Jesu Christi, den Liebesfluch: „Liebestrug
und Minnezwang“ herausbrüllt. Unheimlich, mitreißend.
Mittlerweile verfärbt sich die Bühne in ein helles Türkis,
das Schiff mit Isolde wird vom Hirten angesagt (auf dem Video erscheint eine weibliche
Gestalt von hinten mit langen blonden Haaren). Als Isolde, ebenfalls ganz in Weiß
die Bühne betritt, ist die Seele Tristans bereits im Jenseits, sein Körper
liegt im Bett und wird von Isolde jubelnd begrüßt: „Tristan der Held in
jubelnder Kraft …“ Sie möchte nur noch eine Stunde der Liebe.
Wahnsinn, statt Friede und Versöhnung
Stimmungswechsel. Marke und sein Gefolge erscheinen. Kurwenal
missdeutet die Ankunft, es kommt zum Gefecht und dem einzigen Einsatz der Kendo-Statisten (das Video zeigt zudem Kriegsszenen aus dem 2. Weltkrieg), bei dem
Kurwenal fällt. Marke allerdings ist entsetzt über den Wahnsinn, denn er wollte
Frieden und Versöhnung. Das Entsetzen beherrscht kurzzeitig die Bühne. Isolde
sitzt reglos inmitten des Chaos, erhebt sich, während alle die Bühne verlassen,
allem Irdischen weit entrückt und singt: „Mild und leise, wie er lächelt“ am
Bett des Toten, der aufsteht (es ist tatsächlich der wirkliche Tristan, nicht
sein Double!) und gemeinsam mit ihr in Richtung des Lichts, dass im Background
heller und heller wird, von der Bühne verschwindet: „In des Welt Atems –wehendem
All, ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust“. Zurück bleibt das leere
Krankenbett, an dem Kurwenal, der absolut treue Schildträger Tristans,
Totenwache hält.
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| Marco Jentzsch, Barbara Haveman (Foto: Karl und Monika Forster) |
Spannung, Verklärung, Ekstase, Inbrunst
Ein überirdischer Liebestod, dramatisch kaum zu überbieten,
wenngleich die Erschöpfung Isoldes alias Barbara Haveman kaum zu
überhören war. Dieser dritte Aufzug gehört zum Besten, was diese Opernpremiere
zu bieten hatte. Spannung, Verklärung, Ekstase und Inbrunst. An dieser Stelle
sei noch einmal größtes Lob an die Inszenierung (Uwe Eric Laufenberg),
an die musikalische Leitung und das hessische Staatsorchester (Michael
Güttler) und all die oben genannten TeammitgliederInnen (Tänzer und Chor
nicht zu vergessen) gerichtet.
Der Beifall war überschwänglich, mit einigen Pfiffen
gemischt (zu Recht, was die Videoüberfrachtung betraf). Herausragend vom Publikum
bedacht wurde jedoch Young Doo Park als Kurwenal, der am Ende des zweiten
Aktes eine bemerkenswerte Arie hinlegte. Ebenso Khatuna Mikaberidze als
Brangäne, die in einigen Szenen Barbara Haveman durchaus die Show stahl. Marco
Jentzsch hat sich bereits als Stolzing in Wagners Meistersinger in
Wiesbaden bestens eingeführt. Sein heller, klarer, mitunter lyrischer Tenor passte
perfekt zu der von Barbara Haveman, deren Sopran anfangs ausdrucksstark
und klar, mit gar dramatischer Attitüde brillierte, am Ende leider ein wenig an
Kraft verlor und in der Höhe gepresst wirkte. Schauspielerisch überzeugte sie
allerdings auf der ganzen Linie. Die eigenwillige Inszenierung von Uwe Eric Lauterbach
verstand es, wie üblich, das Drama zu aktualisieren und das Hohelied der Liebe,
die keine Macht der Welt (auch nicht vorgegebene gesellschaftliche Norm) verhindern kann, auf die Bühne zu zaubern. Absoluter
Chapeau an ihn wie alle Mitwirkenden.




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