Montag, 8. November 2021

 

Tristan und Isolde, Handlung in drei Aufzügen, Oper von Richard Wagner, Premiere im Staatstheater Wiesbaden, 07.11.2021
 
Barbara Haveman, Marco Jentzsch (Foto: Karl und Monika Forster)

Liebe, das Elixier des Lebens

Tristan und Isolde (1865) in der Version von Richards Wagner (1813-1883) ist zweifelsohne die sinnlichste, aufwühlendste, erregendste Liebesgeschichte, die für die Opernwelt jemals geschrieben wurde. Und noch heute zieht sie die Menschen in ihren Bann. Wie das? fragt man sich, wo wir doch in einer Welt der dominierenden Maschinisierung, Digitalisierung und Funktionalisierung aller menschlicher Gefühle, Emotionen wie auch der Empathie leben.

Die Antwort ist so simpel wie wahr: Weil wir Menschen sind und die Liebe das Elixier des Lebens ist und immer bleiben wird.

Tristan und Isolde füllte auch das wunderbare neobarocke Staatstheater in Wiesbaden mit Wagner-Liebhabern, Opernbegeisterten sowie Liebessehnsüchtigen in Zeiten der Abstände, Trennungen und gegenseitigen Mistrauens. Bei wirklich entspanntem Ambiente (großes Lob an den Veranstalter) harrte man erwartungsvoll der dramatischen zwischenmenschlichen Handlung auf der Bühne. Und man wurde keineswegs enttäuscht.

 

Zwischen Todes- und Liebestrank

Bereits das Vorspiel des Orchesters (Leitung: Michael Güttler), bei noch geschlossener Bühne, ließ die Liebesqual, die Sehnsucht, die Leidenschaft der beiden Hauptprotagonisten verspüren. Wagners legendärer Tristanakkord, eine sich nicht auflösende verminderter Septe, wies bereits den Weg in die Unendlichkeit und Unerfüllbarkeit der reinen unschuldigen Liebe.

Der Vorhang öffnet sich und Isolde (Barbara Haveman, Sopran) und Brangäne (Khatuna Mikaberidze, Sopran), ihre Dienerin und Vertraute, befinden sich im Reisemodus. Eine Menge Koffer und voll behangene Kleiderständer füllen den Raum (Rolf Glittenberg, Bühne). Im Hintergrund eine Riesenleinwand mit Videoeinblendungen (Gérard Naziri, Video, Andreas Frank, Licht). Felsen und Meer beleben die düstere Vorahnung. Denn Isolde befindet sich auf der Überfahrt nach Cornwall zu ihrem zukünftigen Gatten, König Marke. Fatalerweise hat sich Tristan, ihr heimlicher Geliebter, als Brautwerber für seinen Onkel angeboten, leitet die Schiffreise, aber meidet Isolde wie der Teufel das Weihwasser. Diejenige, die ihm das Leben gerettet wie den Mord an ihrem Verlobten Morold verziehen hat? Aus Sicht Isoldes verlangt dies Rache als einzige Antwort. Ein Sühnetrank soll beiden den Tod bringen. Brangäne allerdings tauscht das Elixier gegen den Liebestrank aus.

Tristan (Marco Jentzsch, Tenor), der Treue und sittliche Enthaltsamkeit gegenüber seinem Herrn und König geschworen hat, erscheint mit seinem Schildträger Kurwenal (KS Thomas de Vries, Bariton) vor Isolde. Beide trinken den vermeintlichen Todestrank, die Bühne verwandelt sich. Im Hintergrund erscheint ein herrschaftliches Gebäude, die Farben wechseln in Blautöne. Tristan und Isolde trifft der Schlag. Der Blick – das musikalische Blickmotiv wird intoniert – sagt alles. Beide umarmen sich weltvergessen, weltverloren. Brangäne bereut bereits ihre Tat, ihr schwant Fürchterliches. Das Schiff, im Video sichtbar, legt an, der Chor aus dem Off verkündet die Ankunft Markes, der mit seinem Gefolge, ganz in Blau und Schwarz, die Bühne betritt, während der Vorhang fällt.

 

Kurzweilig und spannungsgeladen

Sehr kurzweilig und dramaturgisch spannungsgeladen (Wolfgang Behrens, Dramaturgie) der 1. Akt. Dazu schauspielerisch und sängerisch äußerst ansprechende Partien. Barbara Haveman und Marco Jentzsch gaben ein schönes Paar ab, harmonierten von Anfang an perfekt. Ihre Stimmen allerdings drangen nicht immer durch und wurden oft vom Orchester regelrecht überrollt. Herausragend dagegen der kräftige, dramatische Sopran von Khatuna Mikaberidze und der warme lautstarke Bariton von KS Thomas de Vries.

 

Marco Jentzsch, Barbara Haveman (Foto: Karl und Monika Forster)

Ein endlos erscheinendes Liebesgedicht

Der zweite Aufzug beginnt abermals mit einem bewegten blendend vorgetragenen Vorspiel des Orchesters. Es ist der Einstieg in ein endlos erscheinendes Liebesgedicht, ein Poem der Nacht in einem samtenen, Kosmos verbundenen As-Dur.

Tristan und Isolde treffen sich heimlich, während die Welt in Form einer Fackel brennt. Die Bühne ist in Rot, Braun, Blau gehüllt und mit von schwarzen Tüchern bedeckten Sockeln besetzt. Vier Tanz-Paare begleiten das Duett der Beiden im Hintergrund. Sind es Nachtelfen? Amoren, Liebesgötter? Oder lebendig gewordene griechische Statuen, von nacktem Ebenmaß? Eigentlich von allem Etwas. In blau-weißen Farben imitieren sie die nächtlichen Liebesgeheimnisse der Liebenden mit zartester Orchesterbegleitung: „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“. Es ist das Eins-Werden, die restlose Verschmelzung von Tristan und Isolde bis hin zum Höhepunkt, die vollkommenste Erfüllung im Liebestod: „So stürben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End …“.  Ein musikalischer wie sängerischer Hochgenuss.

Warum diese absolut gelungene Szene mit einem Video überfrachtet wird – ein archaisches Liebespaar, wunderbar anzusehen, vollzieht den Liebesakt, während die beiden Protagonisten auf der Bühne unter der Decke verschwinden – ist nicht recht nachvollziehbar (die Tanzpaare könnten dies in artifizieller Form auch). Und warum sich in den filmischen Liebesakt faschistoide Gewaltszenen mischen, bleibt weitgehend im Dunkeln.

Richtig dagegen: Der Tag, die Wirklichkeit, bricht brutal und schonungslos in das Liebesgeschehen ein. Die Elfen verschwinden, Marke und sein Gefolge (Statisten in Kendo Ausrüstung) erscheinen auf der Bühne. Das Paar ist ertappt. Der Durchbruch ist vollzogen.

 

Young Doo Park (Foto: Karl und Monika Forster)

Ein Hochgenuss mit Abstrichen

Marke (Young Doo Park, Bass) ist maßlos enttäuscht und kann Tristans Untreue nicht begreifen. Seine fantastisch mitreißend zelebrierte Arie in gewaltigem Bass lässt den Seelenschmerz seines liebsten Freundes in alle Glieder fahren. Die Bühne wandelt sich in eine wolkenverhangene Kulisse. Tristan antwortet lediglich über die Musik, das Liebesmotiv wird gespielt, und möchte mit Isolde aus der Wirklichkeit entfliehen. Markes Höfling, Melot (Andrea Karasiak, Tenor), ein aufbrausender Charakter, zückt das Schwert. Tristan aber stürzt sich selbst hinein. Der Vorhang fällt.

Ein Hochgenuss, dieser zweite Aufzug. Alles stimmte, nur das Video, ein Filmausschnitt ohne direkten Bezug zur Handlung, wirkte befremdlich und aufgesetzt. Wohl auch Anlass für einige Pfiffe am Ende der Oper.


Beklemmendes Liebesleid

Der Schluss-Akt gehörte zu den dramaturgischen und sängerischen Leckerbissen dieser Premiere. Zurück in seiner Burg Kareol liegt Tristan auf einem Krankenbett wie tot. Ein Hirte (Erik Biegel, Bariton) eingehüllt in eine Plane und wie ein Menhir von Steinen umsäumt, inmitten der Bühne thronend (Andrea Schmitt-Futterer, Kostüme), spielt auf seiner Schalmei (Englisch Horn im Orchester) eine ergreifende musikalische Weise. Kurwenal sitzt stumm am Bett, im Hintergrund schneebedeckte Berge, die langsam in einen beigen Nebel verschwinden.

Tristan wacht auf, ist verwirrt und wünscht sich im Fieberwahn Isolde herbei. Sein Volk begrüßt ihn, lässt ihn hochleben, erkennt seinen körperlichen und geistigen Zustand und erscheint dann auf der Bühne mit einem Sarg. Gemeinsam (mit Tristan) gehen sie von dieser Welt und verschwinden in einem Erdloch, das sich inmitten der Steine auftut. Eine beklemmende Szene, die das Liebesleid sinnbildlich verallgemeinert.

 

v. l.: Marco Jentzsch, Erik Biegel, Statist (liegend), KS Thomas de Vries (Foto: Karl und Monika Forster)

Körper und Seele

Tristan hat sich mittlerweile in Körper und Seele geteilt. Ein nackter Mann, in Größe und Aussehen ihm ähnlich, entsteigt dem Erdloch und legt sich ins Krankenbett, während Tristans zweite Hälfte, seine Seele, ganz in Weiß gekleidet, wie die Auferstehung Jesu Christi, den Liebesfluch: „Liebestrug und Minnezwang“ herausbrüllt. Unheimlich, mitreißend.

Mittlerweile verfärbt sich die Bühne in ein helles Türkis, das Schiff mit Isolde wird vom Hirten angesagt (auf dem Video erscheint eine weibliche Gestalt von hinten mit langen blonden Haaren). Als Isolde, ebenfalls ganz in Weiß die Bühne betritt, ist die Seele Tristans bereits im Jenseits, sein Körper liegt im Bett und wird von Isolde jubelnd begrüßt: „Tristan der Held in jubelnder Kraft …“ Sie möchte nur noch eine Stunde der Liebe.

 

Wahnsinn, statt Friede und Versöhnung

Stimmungswechsel. Marke und sein Gefolge erscheinen. Kurwenal missdeutet die Ankunft, es kommt zum Gefecht und dem einzigen Einsatz der Kendo-Statisten (das Video zeigt zudem Kriegsszenen aus dem 2. Weltkrieg), bei dem Kurwenal fällt. Marke allerdings ist entsetzt über den Wahnsinn, denn er wollte Frieden und Versöhnung. Das Entsetzen beherrscht kurzzeitig die Bühne. Isolde sitzt reglos inmitten des Chaos, erhebt sich, während alle die Bühne verlassen, allem Irdischen weit entrückt und singt: „Mild und leise, wie er lächelt“ am Bett des Toten, der aufsteht (es ist tatsächlich der wirkliche Tristan, nicht sein Double!) und gemeinsam mit ihr in Richtung des Lichts, dass im Background heller und heller wird, von der Bühne verschwindet: „In des Welt Atems –wehendem All, ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust“. Zurück bleibt das leere Krankenbett, an dem Kurwenal, der absolut treue Schildträger Tristans, Totenwache hält.

 

Marco Jentzsch, Barbara Haveman (Foto: Karl und Monika Forster)

Spannung, Verklärung, Ekstase, Inbrunst

Ein überirdischer Liebestod, dramatisch kaum zu überbieten, wenngleich die Erschöpfung Isoldes alias Barbara Haveman kaum zu überhören war. Dieser dritte Aufzug gehört zum Besten, was diese Opernpremiere zu bieten hatte. Spannung, Verklärung, Ekstase und Inbrunst. An dieser Stelle sei noch einmal größtes Lob an die Inszenierung (Uwe Eric Laufenberg), an die musikalische Leitung und das hessische Staatsorchester (Michael Güttler) und all die oben genannten TeammitgliederInnen (Tänzer und Chor nicht zu vergessen) gerichtet.

Der Beifall war überschwänglich, mit einigen Pfiffen gemischt (zu Recht, was die Videoüberfrachtung betraf). Herausragend vom Publikum bedacht wurde jedoch Young Doo Park als Kurwenal, der am Ende des zweiten Aktes eine bemerkenswerte Arie hinlegte. Ebenso Khatuna Mikaberidze als Brangäne, die in einigen Szenen Barbara Haveman durchaus die Show stahl. Marco Jentzsch hat sich bereits als Stolzing in Wagners Meistersinger in Wiesbaden bestens eingeführt. Sein heller, klarer, mitunter lyrischer Tenor passte perfekt zu der von Barbara Haveman, deren Sopran anfangs ausdrucksstark und klar, mit gar dramatischer Attitüde brillierte, am Ende leider ein wenig an Kraft verlor und in der Höhe gepresst wirkte. Schauspielerisch überzeugte sie allerdings auf der ganzen Linie. Die eigenwillige Inszenierung von Uwe Eric Lauterbach verstand es, wie üblich, das Drama zu aktualisieren und das Hohelied der Liebe, die keine Macht der Welt (auch nicht vorgegebene gesellschaftliche Norm) verhindern kann, auf die Bühne zu zaubern. Absoluter Chapeau an ihn wie alle Mitwirkenden.

 

 


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