Mit riesigen Schritten in die journalistische wie künstlerische Unfreiheit
Verliert die Kunst ihre Autonomie (beispielsweise durch
finanzielle und ideologische Einflüsse), dann verliert sie ihre Kraft,
gesellschaftliche Verhältnisse in Frage zu stellen und eine Gegenposition zur
ihr zu entwickeln. Schon der französische Philosoph Jacques Derrida
(1930-2004) schrieb dazu sinngemäß: Wirklich autonome Kunst und Musik steht
grundsätzlich in Opposition zur Realität und ist die radikale Negation des
Status Quo. Begibt sie sich freiwillig ihrer Autonomie (wie leider gegenwärtig
auf der ganzen Linie zu erleben, d. V.), begibt sie sich ihres wirklichen
Inhalts und wird schlicht servil.
Warum dieser Vorspann?
Zurzeit findet das 6. Tanzfestival Rhein-Main (28.10.
– 14.11.) statt, auf der ich als freier Journalist akkreditiert bin, zumindest war
ich das bis zum 10.November. Das Festival könnte ohne Sponsoring gar nicht
existieren, was die Veranstalter auch gar nicht verschweigen. Allerdings ohne
Eingriffe in die Abläufe und Inhalte der Performances geht es selbstverständlich
auch nicht.
Restriktionen aller Art – auf der von Herrn Pees in der Mail
erwähnten Pressekonferenz am 29.09. fielen sie allerdings aus, da das
Nichttragen der Maulkörbe im Presseraum explizit erlaubt war; Vergesslichkeit
ist in diesen Zeiten auch eine Tugend – werden auf diesem Tanzfestival
besonders gewissenhaft durchgeführt (gründliche Test- und Passkontrolle,
übertriebene Maskenkontrolle und ständiges Auffordern, die angeblichen
Hygieneregeln einzuhalten) und wehe, das Imagine (Motto des Festivals)
wird nur ansatzweise gestört, dann folgt die blanke Angst und gleichzeitig die
überzogene, ja faschistoide Reaktion.
So geschehen bei Claire Cunninghams Thank you very much
am 05.11. im LAB Frankfurt. Zuerst wird man von einem jungen Mädel von hinten
angegangen, man habe die Maske nicht korrekt über der Nase, dann kommt, nach
offensichtlicher Denunziation, eine Hygienepolizistin des Hauses angeflogen und
fordert auf, die korrekt getragene Maske über der Nase zusammenzudrücken, denn
nur so trage man sie korrekt. Im Übrigen gehöre ich zu den wenigen negativ
Schnellgetesteten, während die Doppelgeimpften doch mittlerweile die eigentlichen
Corona-Gefährder (ein hässliches Wort) sind, wie mittlerweile selbst vom RKI
zugegeben wird. Aber lassen wir diesen Unsinn.
Meine Reaktion darauf können Sie nachlesen.
Ja, ich spreche von faschistoidem Verhalten dieser beiden
Mädels (sie waren jung, könnten meine Enkelinnen sein, und bis zu den Augen
vermummt) und möchte dies hier erklären:
Faschistoid bezeichnet ein Verhalten, das in
autoritärer und übergriffiger Weise Kleidung, Verhalten und Aussehen anderer
Menschen ablehnend kritisiert, geringschätzt und gleichzeitig gewaltsamen Gehorsam
einfordert (im Duden und anderen Lexika nachzulesen). Fast deckungsgleich an diesem Abend geschehen.
Noch befinden wir uns in einer Phase, wo diese Übergriffigkeit
und Anmaßung nicht in Gewalt umschlägt. Aber wir sind leider nicht mehr weit
davon entfernt.
Hier der E-Mail-Verkehr zwischen Herrn Matthias Pees
(Intendant und Geschäftsführer des Mousonturms) und mir. Ich habe Herrn Pees
darauf hingewiesen, dass ich mir vorbehalte, die Mails zu veröffentlichen. Er
hat darauf nicht reagiert, was ich als Zustimmung interpretiere.
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Sehr geehrter Herr Wäldele,
Sie haben sich bei der Pressekonferenz unseres
Tanzfestivals am 29.09.2021 sowie bei unserer Vorstellung am 05.11.21 im
Frankfurt LAB im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main den behördlichen Auflagen
zur Eindämmung der Corona-Pandemie wiederholt und trotz entsprechender
Aufforderung unsererseits widersetzt und sich gegenüber unseren
Mitarbeiter:innen unangemessen, ausfallend und beleidigend geäußert.
Ich entziehe Ihnen deshalb hiermit ab sofort die Presseakkreditierung für alle
Veranstaltungen des Künstlerhaus Mousonturm und der Tanzplattform Rhein-Main.
Konkret bedeutet dies, dass wir Ihnen fortan keine Freikarten mehr für unsere
Veranstaltungen zur Verfügung stellen. Dies gilt ab sofort, auch für die
bereits von Ihnen eingereichten Pressekartenanfragen für die Stücke
"Manila Zoo" am heutigen 10.11. und "Why Wait / Still
Waiting" am 13.11.
Seien Sie darüber hinaus versichert und hiermit auch vorgewarnt, dass, sollten
Sie sich in unseren Veranstaltungen und gegenüber unseren Mitarbeiter:innen
noch einmal auf solche Art und Weise verhalten bzw. äußern, oder sich in den
von uns bespielten Räumlichkeiten nicht zu jeder Zeit an die behördlichen
Auflagen und von uns festgelegten Hygienekonzepte halten, weder ich noch die
von mir benannten abendverantwortlichen Stellvertreter:innen zögern werden, Sie
unverzüglich des Platzes zu verweisen und Ihnen ein dauerhaftes Haus- und
Betretungsverbot zu erteilen.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Pees
Meine Antwort:
Lieber Herr Pees,
Sie sollten sich was schämen, ohne Rückfrage und Kontrolle der Aussagen Ihrer
Mitarbeiterin mir solch eine E-Mail zu senden. Noch nie etwas gehört von:
Audiatur et altera pars?
Sie führen sich ja auf, wie ein staatsdienender Blockwart aus längst überwunden
geglaubten Zeiten und das nach mehr als fünfjähriger journalistischer
Zusammenarbeit. Ich bin es, der beleidigt wurde und das auf faschistoide Weise.
Ein anderes Adjektiv fällt mir da nicht ein, denn dieses Wort drückt alles aus,
wohin wir zurzeit in riesigen Schritten gehen. Mein Mundschutz, wohlgemerkt
über Nase und Mund befindlich, schien ihrer Hygienepolizistin nicht zu passen.
Ich solle ihn über der Nase zudrücken, meinte Sie in befehlendem Ton. Wie
übergriffig und menschenverachtend ist das denn? Meine Antwort, sie solle sich
ihre Hose anständig anziehen, war weder unangemessen noch ausfallend, sondern
spiegelte aus meiner Sicht das ungehörige, beleidigende und anmaßende Benehmen
Ihrer Saalpolizistin korrekt wider. Wo sind wir mittlerweile hingekommen?
Übrigens wollte sie mich bereits des Saales verweisen, ließ aber davon ab, als
ich erklärte, einen Saalskandal daraus zu machen.
Den Rest Ihres ausfallenden, ebenfalls völlig unangemessenen und im Tonfall
bedenklichen Mails möchte ich gar nicht weiter kommentieren, belegt aber
eindringlich Ihre soziale Inkompetenz und Unfähigkeit, das Spiel, das mit Ihnen
und der Kunst getrieben wird zu durchschauen. Peinlich ist das, wo doch jeder
weiß, dass Masken gesundheitlich nutzlos, politisch jedoch sehr wirksam sind.
Ihr Verhalten wirft ein schreckliches Licht auf die Dinge, die uns in den
nächsten Jahren (!) das Zusammenleben, auch in der Kunst, gründlich verleiten
werden. Und Sie gehören zu den Akteuren oder besser willigen Handlangern. Sehr,
sehr schade. Was soll noch aus dem "Mousonturm" werden?
gez. H. Wäldele
Übrigens behalte ich mir eine
Veröffentlichung des Mailverkehrs vor!
Persönliches zeitgebundenes Fazit:
Währet den Anfängen, möchte man
anfügen. Denn mit der gesellschaftlichen Auflösung löst sich auch die Kunst auf.
Sollte sie sich neu definieren und wieder Kraft und kritisches Potenzial
sammeln, dann muss sie um ihre Autonomie kämpfen und ihr affirmatives Verhalten,
wie zurzeit allenthalben gängig, gründlich hinterfragen, denn das kann und muss
zu ihrem Desaster führen.
Kritische Journalisten auszuladen,
ihnen den Zugang zu öffentlichen Veranstaltungen zu verwehren, wird in diesen
Zeiten leider zur Regel und wirft ein bedenkliches Licht auf den Zustand dieses
angeblich doch besten Deutschlands, das es jemals gegeben hat (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier). Die menschenverachtenden, grundgesetzwidrigen und zur
Hygiene-Apartheid führenden 2G bzw. 3G+ Maßnahmen (ab heute, den 11.11., aufgenötigt) tragen das Übrige dazu bei. Der muss da schon ein Zyniker sein, der
so etwas in die Welt posaunt.
Peinlich. Lustig...aber peinlich.
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