Donnerstag, 2. Dezember 2021

 

Opernintendant Bernd Loebe schreibt an den hessischen Ministerpräsidenten, Volker Bouffier, zur drohenden Schließung der Konzert- und Opernhäuser.

 

Hier in der Version und im Wortlaut zur Veröffentlichung freigegeben, vom 02.12.2021 

Opernintendant Bernd Loebe sorgt sich um Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus mit Blick auf Kultureinrichtungen

Die Äußerungen von Ministerpräsident Volker Bouffier bei seiner Pressekonferenz am 30. November 2021, dass als weitergehende Schutzmaßnahme zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus insbesondere die vollständige Schließung von Kultureinrichtungen zu prüfen sei, hat Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, zutiefst beunruhigt. Dieses Gefühl wird von vielen Kollegen, mit denen Loebe seither sprach, geteilt.

Erst kürzlich sind die Zugangsbedingungen für das Publikum der Oper Frankfurt auf den 2GPlus-Standard angehoben worden. Die Zuschauer*innen tragen Masken, sind immunisiert und darüber hinaus noch negativ getestet und folgen ohne miteinander zu sprechen der Vorstellung in einem gut belüfteten Auditorium. Beim Einlass wird streng kontrolliert, und die Besucher verhalten sich vor, während und nach der Vorstellung äußerst diszipliniert und befolgen alle Vorgaben des Hygienekonzeptes. Dies alles führt dazu, dass das Vertrauen und der Zuspruch des Publikums langsam wieder gewachsen ist. Im Schnitt kann die Oper Frankfurt zum jetzigen Zeitpunkt mit 800 bis 900 Menschen pro Veranstaltung rechnen. Ein Großteil reist mit dem Auto an, der Rest verteilt sich auf die vielen Möglichkeiten, die der öffentliche Nahverkehr bietet. Dabei kommt es nicht zu überfüllten Verkehrsmitteln oder überfüllten Kneipen, in denen nach dem Opernbesuch noch gefeiert wird. Hinzu kommt, dass man beim Schlussapplaus direkt erleben kann, wie emotional wohltuend sich in der derzeitigen Lage ein Vorstellungsbesuch auswirkt und Stärke für den Alltag gibt.

In einem Schreiben an Ministerpräsident Bouffier bittet Bernd Loebe diesen, im Rahmen des Gebrauchs der sogenannten „Länderöffnungsklausel“ die dem Land weitergehende Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erlaubt, eine Differenzierung zwischen Freizeiteinrichtungen und Kultureinrichtungen beizubehalten und die Schutzmaßnahmen für Kultureinrichtungen auf Grundlage der gut durchdachten Hygienekonzepte und wissenschaftlichen Erkenntnisse gesondert zu betrachten.

 

„Eine Schließung der Theater hätte verheerende Folgen“, so Loebe in seinem Schreiben. „Bei der letzten Schließung haben wir 6.000 unserer Abonnenten verloren und dieser Anteil würde weiter wachsen. Damit verliert die Oper aber eine absolut notwendige Existenzgrundlage, nämlich einen festen Kundenstamm, der letztlich die Finanzierungsgrundlage bildet.“ Der Intendant sieht die Gefahr, dass die Oper sich davon nie wieder richtig erholen wird. Es sei keine Übertreibung zu sagen, dass das ganze System gefährdet ist. daher bittet er den Ministerpräsidenten, bei seinen Entscheidungen mutig und sinnvoll zu differenzieren, was wirklich zur Bekämpfung der Ausbreitung beiträgt und was nicht.

 

Das Schreiben Bernd Loebes an den hessischen Ministerpräsidenten schließt mit dem Wunsch für gute und sinnvolle Entscheidungen: „Bitte zerstören Sie nicht, was wir in Jahrzehnten aufgebaut haben. Es geht letztlich um ein weit über Hessen ausstrahlendes Unternehmen.“

 

Mit der Bitte um Veröffentlichung.

 

Ich habe mir erlaubt, folgenden Antwortbrief zu schreiben. Die E-Mail ist zwar an Bernd Loebe gerichtet, ging aber an den Pressechef der Oper Frankfurt, Holger Engelhardt.

 

 

 

Sehr geehrter Herr Loebe,

 

Hochachtung für Ihren offenen Brief an den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier.

 

Dennoch komme ich nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass bereits durch die 2 G+ Regel (nicht allein in Ihrem Haus) gut 25 Prozent der gesunden Opernfreunde und gesunden Journalisten ausgeschlossen sind und ihre übertriebenen Hygiene- und Kontrollmaßnahmen letztendlich zu nichts geführt haben als zu einem guten Gewissen. Auch das sollten Sie sich selbstkritisch eingestehen.

Ihr leider larmoyantes Jammern, bereits bei der letzten Lockdown Maßnahme 6000 Abonnenten verloren zu haben, hilft da wenig bis gar nichts, wie auch Ihre berechtigte Sorge über die verheerenden Folgen einer erneuten Schließung aller Konzert und Opernhäuser.

 

Bedenklich allerdings empfinde ich Ihren Vorschlag an den MP Bouffier, doch zwischen Freizeit- und Kultureinrichtungen zu differenzieren. Hallo geht´s noch. Stadien und Freiluftevents, Hallen und Freiluftsportarten, Restaurants und Kneipen dürfen geschlossen, aber die edle Kultur soll dem besonderen Schutz der Politik unterstellt werden? Ihre Hygienemaßnahmen seien die rechten und korrekten, diejenigen der minderwertigen "Kultur" dagegen "voller Ansteckungsgefahren"? Ich habe doch hoffentlich nicht recht gelesen?

Ein Hilmar Hoffmann, sollte er noch leben, hätte auf den Tisch gehauen und wäre mit den Politikastern, selbsternannten Hygiene- und Gesundheitsexperten und auch mit den Intendanten mal ordentlich Schlitten gefahren.

 

Tut mir leid. Meine Enttäuschung über das devote Verhalten des Kunstbetriebs seit der Coronakrise hat wieder einmal eine erneute Klatsche bekommen.

Die Spaltung der Gesellschaft hat mit Ihrem "Vorschlag" einen weiteren Aspekt dazugewonnen. Der Kunstbetrieb erweist sich leider wieder einmal als williger Steigbügelhalter der unsäglich zerstörerischen Gesundheitspolitik dieser Regierung. In dieser anbiedernden Weise kann die Oper Frankfurt keine wirkliche künstlerische Zukunft erwarten. Der nächst Lockdown kommt bestimmt, auch wenn die Zahlen und Daten das genaue Gegenteil widerspiegeln. Aber davon möchten die Kulturhäuser ja nichts wissen.

 

Herr Loebe, Geld, Sprachlosigkeit, Atomisierung und hohe Abonnentenzahlen machen nicht glücklich. Das sollte auch Ihnen klar sein.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Helmut Wäldele, freier Journalist und Musikwissenschaftler 

 

Ich habe Ihren Brief an MP Bouffier sowie meine Antwort darauf in meinem Blog: H.boscaiolo veröffentlicht

 

 


Ergänzende Stellungnahme:

Vielleicht ist das Antwortschreiben in der Wortwahl etwas überspitzt geraten. Mag sein.

Ich möchte hier in keiner Weise den von mir hochgeschätzten Bernd Loebe persönlich angreifen. Mein Schreiben ist vielmehr Ausdruck meiner tiefen Enttäuschung über die Haltung des Kunstbetriebs gegenüber den seit 20 Monaten absolut gesellschafts-zerstörerischen Corona-Maßnahmen der Regierung. Und davon werde ich kein Jota abweichen. Spaltung, Angst und Panik ist das Prinzip dieser Politik und da sollte doch der Kulturbetrieb am wenigsten mitspielen.

Bernd Loebe ist mir bekannt als kunstsinnige, feinfühlige und gegenüber dem Opernbetrieb und seinen Mitarbeitern äußerst loyale Persönlichkeit und ich denke, er ist weit davon entfernt, einen Spaltpilz in die allgemeine Kultur setzen zu wollen. Allein sein Schlusssatz: „Bitte zerstören sie nicht, was wir in Jahrzehnten aufgebaut haben“,  ist ein eindrücklicher Belege dafür.

Dennoch scheint aus meiner Sicht die zwanzigmonatige Gehirnwäsche auch bei ihm nicht Halt gemacht zu haben. Denn Fakt bleibt, dass er mit seinem Vorschlag an den Ministerpräsidenten der Kultur im Allgemeinen und der Kunst im Besonderen, möglicherweise unbewusst, einen Bärendienst erwiesen hat.  

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