Opernintendant Bernd Loebe schreibt an den hessischen Ministerpräsidenten, Volker Bouffier, zur drohenden Schließung der Konzert- und Opernhäuser.
Hier in der Version und im Wortlaut zur Veröffentlichung freigegeben, vom 02.12.2021
Opernintendant Bernd Loebe sorgt sich um Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus mit Blick auf Kultureinrichtungen
Die
Äußerungen von Ministerpräsident Volker Bouffier bei seiner Pressekonferenz am
30. November 2021, dass als weitergehende Schutzmaßnahme zur Bekämpfung der
Ausbreitung des Coronavirus insbesondere die vollständige Schließung von
Kultureinrichtungen zu prüfen sei, hat Bernd Loebe, Intendant der Oper
Frankfurt, zutiefst beunruhigt. Dieses Gefühl wird von vielen Kollegen, mit
denen Loebe seither sprach, geteilt.
Erst
kürzlich sind die Zugangsbedingungen für das Publikum der Oper Frankfurt auf
den 2GPlus-Standard angehoben worden. Die Zuschauer*innen tragen Masken, sind
immunisiert und darüber hinaus noch negativ getestet und folgen ohne
miteinander zu sprechen der Vorstellung in einem gut belüfteten Auditorium.
Beim Einlass wird streng kontrolliert, und die Besucher verhalten sich vor,
während und nach der Vorstellung äußerst diszipliniert und befolgen alle
Vorgaben des Hygienekonzeptes. Dies alles führt dazu, dass das Vertrauen und
der Zuspruch des Publikums langsam wieder gewachsen ist. Im Schnitt kann die
Oper Frankfurt zum jetzigen Zeitpunkt mit 800 bis 900 Menschen pro
Veranstaltung rechnen. Ein Großteil reist mit dem Auto an, der Rest verteilt
sich auf die vielen Möglichkeiten, die der öffentliche Nahverkehr bietet. Dabei
kommt es nicht zu überfüllten Verkehrsmitteln oder überfüllten Kneipen, in
denen nach dem Opernbesuch noch gefeiert wird. Hinzu kommt, dass man beim
Schlussapplaus direkt erleben kann, wie emotional wohltuend sich in der
derzeitigen Lage ein Vorstellungsbesuch auswirkt und Stärke für den Alltag
gibt.
In einem
Schreiben an Ministerpräsident Bouffier bittet Bernd Loebe diesen, im Rahmen
des Gebrauchs der sogenannten „Länderöffnungsklausel“ die dem Land
weitergehende Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erlaubt, eine
Differenzierung zwischen Freizeiteinrichtungen und Kultureinrichtungen
beizubehalten und die Schutzmaßnahmen für Kultureinrichtungen auf Grundlage der
gut durchdachten Hygienekonzepte und wissenschaftlichen Erkenntnisse gesondert
zu betrachten.
„Eine
Schließung der Theater hätte verheerende Folgen“, so Loebe in seinem Schreiben.
„Bei der letzten Schließung haben wir 6.000 unserer Abonnenten verloren und
dieser Anteil würde weiter wachsen. Damit verliert die Oper aber eine absolut
notwendige Existenzgrundlage, nämlich einen festen Kundenstamm, der letztlich
die Finanzierungsgrundlage bildet.“ Der Intendant sieht die Gefahr, dass die
Oper sich davon nie wieder richtig erholen wird. Es sei keine Übertreibung zu
sagen, dass das ganze System gefährdet ist. daher bittet er den Ministerpräsidenten,
bei seinen Entscheidungen mutig und sinnvoll zu differenzieren, was wirklich
zur Bekämpfung der Ausbreitung beiträgt und was nicht.
Das
Schreiben Bernd Loebes an den hessischen Ministerpräsidenten schließt mit dem
Wunsch für gute und sinnvolle Entscheidungen: „Bitte zerstören Sie nicht, was
wir in Jahrzehnten aufgebaut haben. Es geht letztlich um ein weit über Hessen
ausstrahlendes Unternehmen.“
Mit der
Bitte um Veröffentlichung.
Ich habe mir
erlaubt, folgenden Antwortbrief zu schreiben. Die E-Mail ist zwar an Bernd
Loebe gerichtet, ging aber an den Pressechef der Oper Frankfurt, Holger
Engelhardt.
Sehr geehrter Herr Loebe,
Hochachtung für Ihren offenen Brief an den hessischen
Ministerpräsidenten Volker Bouffier.
Dennoch komme ich nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass bereits
durch die 2 G+ Regel (nicht allein in Ihrem Haus) gut 25 Prozent der gesunden
Opernfreunde und gesunden Journalisten ausgeschlossen sind und ihre
übertriebenen Hygiene- und Kontrollmaßnahmen letztendlich zu nichts geführt
haben als zu einem guten Gewissen. Auch das sollten Sie sich selbstkritisch
eingestehen.
Ihr leider larmoyantes Jammern, bereits bei der letzten Lockdown
Maßnahme 6000 Abonnenten verloren zu haben, hilft da wenig bis gar nichts, wie
auch Ihre berechtigte Sorge über die verheerenden Folgen einer erneuten
Schließung aller Konzert und Opernhäuser.
Bedenklich allerdings empfinde ich Ihren Vorschlag an den MP
Bouffier, doch zwischen Freizeit- und Kultureinrichtungen zu differenzieren.
Hallo geht´s noch. Stadien und Freiluftevents, Hallen und Freiluftsportarten,
Restaurants und Kneipen dürfen geschlossen, aber die edle Kultur soll dem
besonderen Schutz der Politik unterstellt werden? Ihre Hygienemaßnahmen seien
die rechten und korrekten, diejenigen der minderwertigen "Kultur"
dagegen "voller Ansteckungsgefahren"? Ich habe doch hoffentlich nicht
recht gelesen?
Ein Hilmar Hoffmann, sollte er noch leben, hätte auf den Tisch
gehauen und wäre mit den Politikastern, selbsternannten Hygiene- und
Gesundheitsexperten und auch mit den Intendanten mal ordentlich Schlitten
gefahren.
Tut mir leid. Meine Enttäuschung über das devote Verhalten des
Kunstbetriebs seit der Coronakrise hat wieder einmal eine erneute Klatsche
bekommen.
Die Spaltung
der Gesellschaft hat mit Ihrem "Vorschlag" einen
weiteren Aspekt dazugewonnen. Der Kunstbetrieb erweist sich leider wieder
einmal als williger Steigbügelhalter der unsäglich zerstörerischen
Gesundheitspolitik dieser Regierung. In dieser anbiedernden Weise kann die Oper
Frankfurt keine wirkliche künstlerische Zukunft erwarten. Der nächst Lockdown
kommt bestimmt, auch wenn die Zahlen und Daten das genaue Gegenteil
widerspiegeln. Aber davon möchten die Kulturhäuser ja nichts wissen.
Herr Loebe, Geld, Sprachlosigkeit, Atomisierung und hohe
Abonnentenzahlen machen nicht glücklich. Das sollte auch Ihnen klar sein.
Mit freundlichen Grüßen
Helmut Wäldele, freier Journalist und Musikwissenschaftler
Ich habe Ihren Brief an MP Bouffier sowie meine Antwort darauf in
meinem Blog: H.boscaiolo veröffentlicht
Ergänzende Stellungnahme:
Vielleicht
ist das Antwortschreiben in der Wortwahl etwas überspitzt geraten. Mag sein.
Ich möchte
hier in keiner Weise den von mir hochgeschätzten Bernd Loebe persönlich
angreifen. Mein Schreiben ist vielmehr Ausdruck meiner tiefen Enttäuschung über
die Haltung des Kunstbetriebs gegenüber den seit 20 Monaten absolut gesellschafts-zerstörerischen
Corona-Maßnahmen der Regierung. Und davon werde ich kein Jota abweichen. Spaltung,
Angst und Panik ist das Prinzip dieser Politik und da sollte doch der
Kulturbetrieb am wenigsten mitspielen.
Bernd Loebe
ist mir bekannt als kunstsinnige, feinfühlige und gegenüber dem Opernbetrieb
und seinen Mitarbeitern äußerst loyale Persönlichkeit und ich denke, er ist
weit davon entfernt, einen Spaltpilz in die allgemeine Kultur setzen zu wollen.
Allein sein Schlusssatz: „Bitte zerstören sie nicht, was wir in Jahrzehnten
aufgebaut haben“, ist ein eindrücklicher
Belege dafür.
Dennoch
scheint aus meiner Sicht die zwanzigmonatige Gehirnwäsche auch bei ihm nicht
Halt gemacht zu haben. Denn Fakt bleibt, dass er mit seinem Vorschlag an den
Ministerpräsidenten der Kultur im Allgemeinen und der Kunst im Besonderen,
möglicherweise unbewusst, einen Bärendienst erwiesen hat.
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