Samstag, 5. März 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022


Eine Vorschau auf das diesjährige Programm


Impressionen zum 35. Rheingau Musik Festival, Foto: Herne Woodworks


"Ein Sommer voller Musik"

"Ein Sommer voller Musik" soll es werden, so die Veranstalter, mit 130 „hochkarätigen und abwechslungsreichen“ Konzerten, unter dem zentralen Gedanken des Zusammenhalts. War es im vergangenen Jahr die Solidarität, die politisch überstrapaziert, zum Ausschluss von Millionen von Corona-Kritikern und Impfgegnern führte und die Gesellschaft spaltet wie nie zuvor (sie war glücklicherweise nicht das Motto des RMFs. Es lautete schlicht "Ouvertüre"), soll in diesem Jahr der "Zusammenhalt" das Motto des Festivals sein.

 

Jazz Box, Foto: Ansgar Klostermann

Das Motto lautet: Zusammenhalt

Zusammenhalt, meinen die beiden Organisatoren und Verantwortlichen des Festivals, Michael Herrmann und Marsilius Graf von Ingelheim, stehe nicht über einzelnen Konzertprojekten, sondern über dem großen Ganzen: „Gemeinsames Musizieren fördert und fordert zugleich einen starken Zusammenhalt. Es ist dieser Zusammenhalt zwischen uns als Veranstalter und unserer Zuhörerschaft, unseren Sponsoren, der Politik und unseren Musikern und Musikerinnen der das Rheingau Musik Festival durch diese Zeit trägt …“ (aus dem Programm 2022). Ergänzend liest man noch in einer weiteren Erläuterung des diesjährigen Leitgedankens von Theresa Awiszus, dass Zusammenhalt nicht bedeuten darf, unbedingt einer Meinung zu sein und durchaus mit einem mutigen Voranschreiten zu verknüpfen ist, im Sinne des Faustischen Wunsches, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Denn tatsächlich haben sich die politischen und damit auch die musikalischen Verhältnisse seit dem vergangenen Jahr in keiner Weise verbessert. Im Gegenteil. Seit Monaten sind nahezu 30-Prozent der deutschen Bevölkerung von allen kulturellen Veranstaltungen ausgeschlossen, da sie nicht in das menschverachtende Schema der 2G+ Regel passen, der Begriff dafür lautet schlicht Apartheid. Die Kontroll- und Überwachungswut hat systematisch neue Höhen erreicht und scheint leider auch zur Normalität der Konzertveranstalter zu werden. Heute heißt es nicht mehr 'Hereinspaziert', sondern 'Weisen Sie sich aus'. Ebenso ist unser Rechtsstaat seit gut zwei Jahren auf Eis gelegt und zu einem Maßnahmenstaat mutiert. Die gesamte Kultur scheint lediglich ein Appendix dieser Willkür zu werden. Mal mit, mal ohne Maske, mal 20-Prozent, mal 50-Prozent Belegung der Hallen, mal hier, mal da eine Schikane, und alle machen brav mit, weil man nicht in die Hand beißt, die einen füttert.

Kloster Eberbach, Impressionen, Foto: Klaus Weddig

Zusammenhalt darf nicht ausgrenzen

Verständlicherweise ist die Kultur das schwächste Glied der Gesellschaft, um diesem Wahnsinn entgegenzutreten, aber, und das frage ich die Verantwortlichen des RMF: Warum wird der Kubus auf Schloss Johannisberg nicht abgerissen und die alten Säle wieder mit Menschen gefüllt? Warum ignorieren sie die Tatsache, dass das RMF auf absolut schwankenden Füßen steht? Zu jeder Zeit sind Absagen und Verbote möglich.  Warum schweigen sie darüber, dass vermutlich auch im Sommer die gesunden Ungeimpften keinen Zutritt zu ihren Veranstaltungen bekommen werden? Vor diesem Hintergrund bekommen Sätze wie: Wir müssen zusammenhalten, eine ganz andere Bedeutung. Denn Zusammenhalt kann nur dann Bindung erzeugen, wenn er sich nicht abgrenzt, wenn er alle Menschen mit einbezieht, wenn er sich dessen bewusst ist, dass wir eine Menschheitsgemeinschaft sind. Denn jegliche Ausgrenzung schafft neue Ungerechtigkeit, neuen Rassismus, neue Gewalt, neue Unterdrückung. Bisher waren es die Ungeimpften, die zu menschlichem Abschaum, zu Schädlingen der Gesellschaft degradiert wurden. Zurzeit sind es die Russen, die als Schuldige aller Kriege herhalten müssen und mit Gesinnungsultimaten überzogen werde n. Wohin soll das Ganze noch führen?

Ja, Musik, Theater und Kunst im Allgemeinen sind oftmals der Kitt, der die Menschen zusammenhält. Richtig. Aber auch sie und ihre Vertreter dürfen sich nicht vor den Karren von Spaltern, Menschenverächtern und Bellizisten spannen lassen.

 

Jazzrausch, Foto: Ansgar Klostermann

Jetzt zum Programm für das Jahr 2022

Der Sommer voller Musik wird mit dem hr-Sinfonieorchester und dem MDR-Rundfunkchor in der Basilika des Klosters Eberbach am 25.06. eröffnet. Ein „Auftakt mit sinfonischem Jubel“ heißt es im Programm. Man spielt Antonin Dvořáks Sinfonische Dichtung op. 109 und Felix Mendelssohn-Bartholdys Sinfonie Nr. 2, op. 52.

Überhaupt steht dieses Jahr Felix Mendelssohn-Bartholdys 175. Todestag im Zentrum der Veranstaltungen. Sechs sind geplant, darunter seine Oratorien Paulus und Elias, am 22. und 24. 07. jeweils im Kloster Eberbach. Weitere Konzerte mit seinen Werken finden am 23.07. im Kurhaus Wiesbaden sowie im Schloss Johannisberg und am 24.07. in Lorch wie auf Schloss Johannisberg statt.

Im Fokus stehen auch sechs Knabenchöre, ein Novum des RMFs. „Alte Tradition, die immer jung bleibt“, schreibt Philipp Leibbrandt im offiziellen Programm dazu, wenn er von den traditionsreichsten Knabenchören spricht. So treten am 08.07. der Thomanerchor Leipzig in der Wiesbadener Lutherkirche, am 20. 07 der Dresdner Kreuzchor, am 24.07. der Windsbacher Knabenchor, am 31.07. die Regensburger Domspatzen, alle im Kloster Eberbach, und am 08.12. der Tölzer Knabenchor im Kurhaus Wiesbaden auf.


Drei außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten sollen dem Festival ein prägendes Gesicht verleihen. Es sind die Violinistin Julia Fischer, die viermal (07.07., 09.07., 20.07., 23.07.), der Pianist Jan Lisiecki, der fünfmal (20.07., 28.07., 29.07., 17.08., und 30.08.), sowie der Drummer und Bandleader Wolfgang Haffner, der dreimal (15.07., 12.08., 31.08.) die internationale Bühne auf dem RMF betreten wird.

Jan Lisiecki, Piano, Foto: Christoph Köstlin


Julia Fischer, Violine, Foto: Uwe Arens

Natürlich dürfen die Einführungsvorträge, eine dreiviertel Stunde vor Konzertbeginn, nicht unerwähnt bleiben. Sie gelten übrigens auch für diverse andere Veranstaltungen, wie z. B. die von Anne-Sophie Mutter, Violine, am 02.09., von Daniil Trifonov, Piano, am 15.07., Gabriela Montero, Piano, am 26.08. und nicht zuletzt von Maria Dueñas, Violine, am 25.08. Alle genannten Konzerte finden im Kurhaus Wiesbaden statt. Sie ersetzen die doch langatmigen Rendezvous-Veranstaltungen der Vergangenheit.

Wolfgang Haffner, Schlagwerk,, Foto: Antje Wiech


Jazz & More wird zum Dauerbrenner des RMFs. Allein 24 Konzerte sind vorgesehen, darunter das Smokie Nachholkonzert bereits am 12.06. in der Wiesbadner BRITA Arena, die ansonsten in diesem Jahr nicht genutzt wird. Dafür werden der Wiesbadener Kurpark, der Kronberger Schafhof, der Rettershof Kelkheim sowie das Weingut Künstler in Hochheim und das Weingut Diefenhardt in Martinsthal zu neuen Veranstaltungsorten erkoren. Unter anderen sind eingeladen: Ida Sand, 07.07., The Airlettes, 08. und 09.07., HR-Bigband, 15.07., Mighty Oaks, 05.08., Dragonfruit u.a., 07.08., Yvonne Catterfeld u.a., 19.08., Michael Wollny u.a., 31.08.


Wie jedes Jahr ist The Next Generation auf dem RMF angemessen und pointiert vertreten.18 Veranstaltungen sind ihr gewidmet. Dazu gehört die Junge Deutsche Philharmonie aus Frankfurt mit Frank Strobel, 02.09. im Schloss Johannisberg, das Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt, 27.08. im Kloster Eberbach, Mitglieder der Filarmonica Joven de Colombia (das kolumbianische Jugendorchester) unter Andrés Orozco-Estrada, 01.07. im Kurhaus Wiesbaden , der Kammerchor der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), 29.06. im Kloster Eberbach, Avi Avital, Mandoline, und seine Schüler, 08.07. im Schloss Johannisberg, diverse junge Meisterpianisten, darunter Alexandra Dovgan, 21.07.im Schloss Johannisberg und Tony Yun, 31.07. ebendort,  und nicht zuletzt Studierende und Alumni der Kronberg Academy, 16. und 17.07. im Schloss Johannisberg in dem angekündigten „Streichergipfel“.


Selbstverständlich brauchen künstlerische Überflieger wie Anne-Sophie Mutter, der Countertenor Philippe Jaroussky, der Tenor Jonas Kaufmann, die Dirigenten Paavo Järvi oder Christoph Eschenbach, die Klarinettistin Sabine Meyer, die Violin-Virtuosin Bomsori Kim, die Schauspieler Corinna Harfouch oder Walter Sittler keine Extra Werbung. Sie verkaufen sich quasi von selbst, sollten aber dennoch nicht ungenannt bleiben. Auch die seit Jahren erfolgreiche Steinberger Tafelrunde, die in diesem Jahr am 30.07. stattfindet, Fahrende Musiker in Weingärten am 02. Und 03.07. gehören dazu. Was fehlt sind die literarisch musikalischen Leckerbissen.

 Aber in diesen Zeiten ein solches Programm aufzustellen, ist bereits aller Ehren wert.

 

Wiesbadener Kurparkimpressionen, Foto: Ansgar Klostermann


Kommen wir zu meinen Highlights in diesem Sommer voller Musik:

Natürlich ist es bei 130 Angeboten nicht leicht, eine Auswahl zu treffen. Als Pianist neige ich allerdings stark zu dieser Richtung. Dennoch bedeutet das keineswegs, dass andere Musiken von mir vernachlässigt werden.

Ich gehe chronologisch vor:

Natürlich sollten die Eröffnungskonzerte im Kloster Eberbach am 25./26.06. nicht fehlen. Das versteht sich von selbst. Es ist quasi der Einstieg ins Festival.

Lux Perpetua mit dem Kammerchor der HfMDK Frankfurt unter der Leitung von Florian Lohmann am 29.06. in der Basilika des Klosters Eberbach, mit Werken von Hildegard von Bingen, Herbert Howells, Frank Martin und anderen, rund um das Thema Licht, sollte für mich als Frankfurter und ehemaliger Student der Hochschule ein Muss sein.

Sophie Pacini, gilt am Klavier als Geheimtipp. Ich kenne sie nicht und freue mich auf ihre Interpretationen von Frédéric Chopin, Alexander Skrjabin und Franz Liszt am 07.07. im Schloss Johannisberg.

Julia Fischer, die im Focus stehende Violinistin aus München stellt am 19.07 auf Schloss Johannisberg ihr Streichquartett vor, worauf man sehr gespannt sein darf.

Ein absolutes Muss ist The Sound of Hans Zimmer und John Williams im Kurpark am 16.07. mit dem 21st Century Symphony Orchestra aus Luzern. Die Film-Kompositionen der beiden Tonsetzer berühren die Emotionen der Menschen und sind erstaunlicherweise für viele Jugendliche Ausgangspunkt für eigene musikalischen Wege und Experimente.

Dann Alexandra Dovgan, jetzt 15-jährig, die bereits im vergangenen Jahr überragende Musik kreierte, und die am 21.07. auf Schloss Johannisberg Werke von Ludwig van Beethoven, Frederic Chopin und Robert Schumann vorstellen wird. Man darf sehr gespannt auf die Schülerin des großen Grigory Sokolov sein, der höchstselbst mit eigenem Programm am 22.07 im Kurhaus Wiesbaden die Musikwelt verzaubern wird.

Martynas & Friends, ein Tastenfeuerwerk auf Akkordeon wird versprochen. Es soll am 06. und 07.08. auf Schloss Vollrads und auf Schloss Johannisberg die Bühne crashen. Martynas Levickis gilt als Shooting Star der Akkordeon Szene. Er hat keine Probleme, Bach, Vivaldi, Piazzolla und litauische Folklore unter einen Hut zu bringen.

Der Tenebrae Choir unter der Leitung von Nigel Short bietet in diesem Jahr unter der Leitidee England´s Finest, Werke von Gustav Holst, Judith Bingham, Herbert Howells, Ralph Vaughan Williams und Hubert Parry an. Wer dieses göttliche Gesangsensemble einmal gehört hat, kommt nicht mehr weg davon. Ein Chor, der nicht singt, sondern zelebriert: am 19.08. in der Lutherkirche in Wiesbaden. Aber auch am 18.08. singt er im Kloster Eberbach Werke von Bruckner bis Edvard Grieg.

Frank-Peter Zimmermann, Violine, und Martin Helmchen, Klavier, die beiden Meister ihres Faches kommen am 01.09. im Schloss Johannisberg zusammen und spielen Werke von Brahms und Béla Bartók. Ein Gipfeltreffen, das man nicht versäumen sollte.

Die Junge Deutsche Philharmonie bildet für mich den Abschluss des Festivals am 20.09. auf Schloss Johannisburg. Goldrausch hat sie zum Thema gemacht und bespielt die sogenannten Roaring Twenties. Eine dreiteilige Revue mit viel B.B., Filmklassikern und Reminiszenzen an die Weimarer Republik. Wer Frank Strobel, der Leiter dieses Orchesters, kennt, kann sicher sein, dass daraus etwas wird.

Selbstverständlich gehören die Konzerte der Focus-Persönlichkeiten dazu, müssen aber nicht gesondert aufgeführt werden.

Den krönenden Abschluss bilden die Bamberger Symphoniker unter der Leitung von Christoph Eschenbach am 03.09. im Kloster Eberbach. Mit Anton Bruckners 08. Sinfonie in c-Moll möge das 35. RMF in einem monumentalen Klangrausch enden. Eschenbach gesteht selbst, dass diese Sinfonie einer der größten Schätze bedeutet, die er in sich trage.

 

Junge Deutsch Philharmonie, Foto: Achim Reis

Schlusskommentar:


Das diesjährige Programm ist im Vergleich zu den vorhergehenden stark reduziert, was wohl der nach wie vor künstlich wach gehaltenen Pandemie geschuldet sein mag. Die Unsicherheiten sitzen bereits tief im Gemüt und man traut sich kaum noch, sinnvoll, zukunftsorientiert und planungssicher zu arbeiten.

Meine Parteinahme für die kritischen, ungeimpften und selbstbestimmten Menschen müsste eigentlich bei all denjenigen Gehör finden, die den Zusammenhalt zum diesjährigen Motto gemacht haben. Wie gesagt, Zusammenhalt beinhaltet auch, andere kritische Meinungen zu respektieren und die Wünsche einer Minderheit zu schützen. Man darf sehr gespannt sein, wie sich die gesellschaftspolitischen Verhältnisse weiter entwickeln werden, auch vor dem Hintergrund des aktuellen Ukraine-Krieges der NATO, EU, USA mit Russland.

Werden die Denkverbote und Haltungsultimaten, aktuell auf russische Künstler übertragen, jetzt zum Werte-Allgemeingut? Dürfen demnächst russische Staatsbürger keine öffentlichen Einrichtungen und Restaurants mehr betreten? Geht es den russischen Bürgern und sog. Russlandverstehern jetzt so, wie seit mehr als einem Jahr den Ungeimpften in dieser besten aller Demokratien?  Lernen wir überhaupt noch aus Fehlern der Vergangenheit oder ist die Geschichte nur noch „Unfug“, wie es Aldous Huxley in seinem Bestseller Schöne Neue Welt konstatiert? Welch eine geistige und politische Katastrophe wäre das!

Ich schätze das RMF seit vielen Jahren sehr. Es hat sich auch in Zeiten der Pandemie vorbildlich gegenüber seinem Publikum verhalten. Ich hoffe dies auch für das diesjährige und wünsche ihnen von Herzen: Zusammenhalt für alle. Und vor allem, einen friedlichen „Sommer voller Musik“.

 








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