Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis
zum 03.09.2022
Eine Vorschau auf das diesjährige Programm
| Impressionen zum 35. Rheingau Musik Festival, Foto: Herne Woodworks |
"Ein Sommer voller Musik"
"Ein Sommer voller Musik" soll es werden, so die
Veranstalter, mit 130 „hochkarätigen und abwechslungsreichen“ Konzerten, unter
dem zentralen Gedanken des Zusammenhalts. War es im vergangenen Jahr die
Solidarität, die politisch überstrapaziert, zum Ausschluss von Millionen
von Corona-Kritikern und Impfgegnern führte und die Gesellschaft spaltet wie
nie zuvor (sie war glücklicherweise nicht das Motto des RMFs. Es lautete schlicht "Ouvertüre"),
soll in diesem Jahr der "Zusammenhalt" das Motto des Festivals sein.
| Jazz Box, Foto: Ansgar Klostermann |
Das Motto lautet: Zusammenhalt
Zusammenhalt, meinen die beiden Organisatoren und Verantwortlichen
des Festivals, Michael Herrmann und Marsilius Graf von Ingelheim, stehe nicht
über einzelnen Konzertprojekten, sondern über dem großen Ganzen: „Gemeinsames
Musizieren fördert und fordert zugleich einen starken Zusammenhalt. Es ist
dieser Zusammenhalt zwischen uns als Veranstalter und unserer Zuhörerschaft,
unseren Sponsoren, der Politik und unseren Musikern und Musikerinnen der das
Rheingau Musik Festival durch diese Zeit trägt …“ (aus dem Programm 2022).
Ergänzend liest man noch in einer weiteren Erläuterung des diesjährigen
Leitgedankens von Theresa Awiszus, dass Zusammenhalt nicht bedeuten darf, unbedingt
einer Meinung zu sein und durchaus mit einem mutigen Voranschreiten zu
verknüpfen ist, im Sinne des Faustischen Wunsches, zu erkennen, was die Welt im
Innersten zusammenhält.
Denn tatsächlich haben sich die politischen und
damit auch die musikalischen Verhältnisse seit dem vergangenen Jahr in keiner
Weise verbessert. Im Gegenteil. Seit Monaten sind nahezu 30-Prozent der
deutschen Bevölkerung von allen kulturellen Veranstaltungen
ausgeschlossen, da sie nicht in das menschverachtende Schema der 2G+ Regel passen,
der Begriff dafür lautet schlicht Apartheid. Die Kontroll- und Überwachungswut
hat systematisch neue Höhen erreicht und scheint leider auch zur Normalität der
Konzertveranstalter zu werden. Heute heißt es nicht mehr 'Hereinspaziert', sondern
'Weisen Sie sich aus'. Ebenso ist unser Rechtsstaat seit gut zwei Jahren auf
Eis gelegt und zu einem Maßnahmenstaat mutiert. Die gesamte Kultur scheint
lediglich ein Appendix dieser Willkür zu werden. Mal mit, mal ohne Maske, mal
20-Prozent, mal 50-Prozent Belegung der Hallen, mal hier, mal da eine Schikane,
und alle machen brav mit, weil man nicht in die Hand beißt, die einen füttert.
| Kloster Eberbach, Impressionen, Foto: Klaus Weddig |
Zusammenhalt darf nicht ausgrenzen
Verständlicherweise ist die Kultur das
schwächste Glied der Gesellschaft, um diesem Wahnsinn entgegenzutreten, aber,
und das frage ich die Verantwortlichen des RMF: Warum wird der Kubus auf
Schloss Johannisberg nicht abgerissen und die alten Säle wieder mit Menschen
gefüllt? Warum ignorieren sie die Tatsache, dass das RMF auf absolut
schwankenden Füßen steht? Zu jeder Zeit sind Absagen und Verbote möglich. Warum schweigen sie darüber, dass vermutlich
auch im Sommer die gesunden Ungeimpften keinen Zutritt zu ihren Veranstaltungen
bekommen werden? Vor diesem Hintergrund bekommen Sätze wie: Wir müssen
zusammenhalten, eine ganz andere Bedeutung. Denn Zusammenhalt kann nur dann
Bindung erzeugen, wenn er sich nicht abgrenzt, wenn er alle Menschen mit einbezieht, wenn er sich dessen bewusst ist, dass wir eine
Menschheitsgemeinschaft sind. Denn jegliche Ausgrenzung schafft neue
Ungerechtigkeit, neuen Rassismus, neue Gewalt, neue Unterdrückung. Bisher waren
es die Ungeimpften, die zu menschlichem Abschaum, zu Schädlingen der
Gesellschaft degradiert wurden. Zurzeit sind es die Russen, die als Schuldige
aller Kriege herhalten müssen und mit Gesinnungsultimaten überzogen werde n.
Wohin soll das Ganze noch führen?
Ja, Musik, Theater und Kunst im Allgemeinen sind
oftmals der Kitt, der die Menschen zusammenhält. Richtig. Aber auch sie und
ihre Vertreter dürfen sich nicht vor den Karren von Spaltern,
Menschenverächtern und Bellizisten spannen lassen.
| Jazzrausch, Foto: Ansgar Klostermann |
Jetzt zum Programm für das Jahr 2022
Der Sommer voller Musik wird mit dem hr-Sinfonieorchester
und dem MDR-Rundfunkchor in der Basilika des Klosters Eberbach am 25.06.
eröffnet. Ein „Auftakt mit sinfonischem Jubel“ heißt es im Programm. Man spielt
Antonin Dvořáks Sinfonische Dichtung op. 109 und Felix
Mendelssohn-Bartholdys Sinfonie Nr. 2, op. 52.
Überhaupt steht dieses Jahr Felix
Mendelssohn-Bartholdys 175. Todestag im Zentrum der Veranstaltungen. Sechs sind
geplant, darunter seine Oratorien Paulus und Elias, am 22. und
24. 07. jeweils im Kloster Eberbach. Weitere Konzerte mit seinen
Werken finden am 23.07. im Kurhaus Wiesbaden sowie im Schloss
Johannisberg und am 24.07. in Lorch wie auf Schloss Johannisberg statt.
Im Fokus stehen auch sechs Knabenchöre, ein Novum des RMFs. „Alte Tradition, die immer jung bleibt“, schreibt Philipp Leibbrandt im offiziellen Programm dazu, wenn er von den traditionsreichsten Knabenchören spricht. So treten am 08.07. der Thomanerchor Leipzig in der Wiesbadener Lutherkirche, am 20. 07 der Dresdner Kreuzchor, am 24.07. der Windsbacher Knabenchor, am 31.07. die Regensburger Domspatzen, alle im Kloster Eberbach, und am 08.12. der Tölzer Knabenchor im Kurhaus Wiesbaden auf.
Drei außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten sollen dem Festival ein prägendes Gesicht verleihen. Es sind die Violinistin Julia Fischer, die viermal (07.07., 09.07., 20.07., 23.07.), der Pianist Jan Lisiecki, der fünfmal (20.07., 28.07., 29.07., 17.08., und 30.08.), sowie der Drummer und Bandleader Wolfgang Haffner, der dreimal (15.07., 12.08., 31.08.) die internationale Bühne auf dem RMF betreten wird.
| Jan Lisiecki, Piano, Foto: Christoph Köstlin |
| Julia Fischer, Violine, Foto: Uwe Arens |
Natürlich dürfen die Einführungsvorträge, eine dreiviertel Stunde vor Konzertbeginn, nicht unerwähnt bleiben. Sie gelten übrigens auch für diverse andere Veranstaltungen, wie z. B. die von Anne-Sophie Mutter, Violine, am 02.09., von Daniil Trifonov, Piano, am 15.07., Gabriela Montero, Piano, am 26.08. und nicht zuletzt von Maria Dueñas, Violine, am 25.08. Alle genannten Konzerte finden im Kurhaus Wiesbaden statt. Sie ersetzen die doch langatmigen Rendezvous-Veranstaltungen der Vergangenheit.
| Wolfgang Haffner, Schlagwerk,, Foto: Antje Wiech |
Jazz & More wird zum Dauerbrenner des RMFs. Allein 24 Konzerte sind vorgesehen, darunter das Smokie Nachholkonzert bereits am 12.06. in der Wiesbadner BRITA Arena, die ansonsten in diesem Jahr nicht genutzt wird. Dafür werden der Wiesbadener Kurpark, der Kronberger Schafhof, der Rettershof Kelkheim sowie das Weingut Künstler in Hochheim und das Weingut Diefenhardt in Martinsthal zu neuen Veranstaltungsorten erkoren. Unter anderen sind eingeladen: Ida Sand, 07.07., The Airlettes, 08. und 09.07., HR-Bigband, 15.07., Mighty Oaks, 05.08., Dragonfruit u.a., 07.08., Yvonne Catterfeld u.a., 19.08., Michael Wollny u.a., 31.08.
Wie jedes Jahr ist The Next
Generation auf dem RMF angemessen und pointiert vertreten.18
Veranstaltungen sind ihr gewidmet. Dazu gehört die Junge Deutsche
Philharmonie aus Frankfurt mit Frank Strobel, 02.09. im Schloss
Johannisberg, das Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt,
27.08. im Kloster Eberbach, Mitglieder der Filarmonica Joven de Colombia
(das kolumbianische Jugendorchester) unter Andrés Orozco-Estrada, 01.07. im
Kurhaus Wiesbaden , der Kammerchor der Hochschule für Musik und Darstellende
Kunst Frankfurt (HfMDK), 29.06. im Kloster Eberbach, Avi Avital, Mandoline, und
seine Schüler, 08.07. im Schloss Johannisberg, diverse junge Meisterpianisten,
darunter Alexandra Dovgan, 21.07.im Schloss Johannisberg und Tony Yun, 31.07.
ebendort, und nicht zuletzt Studierende
und Alumni der Kronberg Academy, 16. und 17.07. im Schloss Johannisberg in dem
angekündigten „Streichergipfel“.
Selbstverständlich brauchen künstlerische
Überflieger wie Anne-Sophie Mutter, der Countertenor Philippe Jaroussky, der
Tenor Jonas Kaufmann, die Dirigenten Paavo Järvi oder Christoph Eschenbach, die
Klarinettistin Sabine Meyer, die Violin-Virtuosin Bomsori Kim, die Schauspieler
Corinna Harfouch oder Walter Sittler keine Extra Werbung. Sie verkaufen sich
quasi von selbst, sollten aber dennoch nicht ungenannt bleiben. Auch die seit
Jahren erfolgreiche Steinberger Tafelrunde, die in diesem Jahr am 30.07.
stattfindet, Fahrende Musiker in Weingärten am 02. Und 03.07. gehören
dazu. Was fehlt sind die literarisch musikalischen Leckerbissen.
Aber in
diesen Zeiten ein solches Programm aufzustellen, ist bereits aller Ehren wert.
| Wiesbadener Kurparkimpressionen, Foto: Ansgar Klostermann |
Kommen wir zu meinen Highlights in diesem
Sommer voller Musik:
Natürlich ist es bei 130 Angeboten nicht
leicht, eine Auswahl zu treffen. Als Pianist neige ich allerdings stark zu
dieser Richtung. Dennoch bedeutet das keineswegs, dass andere Musiken von mir vernachlässigt
werden.
Ich gehe chronologisch vor:
Natürlich sollten die Eröffnungskonzerte
im Kloster Eberbach am 25./26.06. nicht fehlen. Das versteht sich von selbst.
Es ist quasi der Einstieg ins Festival.
Lux Perpetua mit dem Kammerchor der HfMDK Frankfurt unter der
Leitung von Florian Lohmann am 29.06. in der Basilika des Klosters Eberbach,
mit Werken von Hildegard von Bingen, Herbert Howells, Frank Martin und anderen,
rund um das Thema Licht, sollte für mich als Frankfurter und ehemaliger
Student der Hochschule ein Muss sein.
Sophie Pacini, gilt am Klavier als Geheimtipp. Ich kenne sie nicht
und freue mich auf ihre Interpretationen von Frédéric Chopin, Alexander
Skrjabin und Franz Liszt am 07.07. im Schloss Johannisberg.
Julia Fischer, die im Focus stehende Violinistin aus München stellt
am 19.07 auf Schloss Johannisberg ihr Streichquartett vor, worauf man sehr
gespannt sein darf.
Ein absolutes Muss ist The Sound of Hans
Zimmer und John Williams im Kurpark am 16.07. mit dem 21st Century
Symphony Orchestra aus Luzern. Die Film-Kompositionen der beiden Tonsetzer
berühren die Emotionen der Menschen und sind erstaunlicherweise für viele
Jugendliche Ausgangspunkt für eigene musikalischen Wege und Experimente.
Dann Alexandra Dovgan, jetzt 15-jährig,
die bereits im vergangenen Jahr überragende Musik kreierte, und die am 21.07.
auf Schloss Johannisberg Werke von Ludwig van Beethoven, Frederic Chopin und
Robert Schumann vorstellen wird. Man darf sehr gespannt auf die Schülerin des
großen Grigory Sokolov sein, der höchstselbst mit eigenem Programm am
22.07 im Kurhaus Wiesbaden die Musikwelt verzaubern wird.
Martynas & Friends, ein Tastenfeuerwerk auf Akkordeon wird
versprochen. Es soll am 06. und 07.08. auf Schloss Vollrads und auf Schloss
Johannisberg die Bühne crashen. Martynas Levickis gilt als Shooting Star der
Akkordeon Szene. Er hat keine Probleme, Bach, Vivaldi, Piazzolla und litauische
Folklore unter einen Hut zu bringen.
Der Tenebrae Choir unter der Leitung von
Nigel Short bietet in diesem Jahr unter der Leitidee England´s Finest,
Werke von Gustav Holst, Judith Bingham, Herbert Howells, Ralph Vaughan Williams
und Hubert Parry an. Wer dieses göttliche Gesangsensemble einmal gehört hat,
kommt nicht mehr weg davon. Ein Chor, der nicht singt, sondern zelebriert: am
19.08. in der Lutherkirche in Wiesbaden. Aber auch am 18.08. singt er im
Kloster Eberbach Werke von Bruckner bis Edvard Grieg.
Frank-Peter Zimmermann, Violine, und Martin Helmchen, Klavier,
die beiden Meister ihres Faches kommen am 01.09. im Schloss Johannisberg
zusammen und spielen Werke von Brahms und Béla Bartók. Ein Gipfeltreffen, das
man nicht versäumen sollte.
Die Junge Deutsche Philharmonie bildet
für mich den Abschluss des Festivals am 20.09. auf Schloss Johannisburg. Goldrausch
hat sie zum Thema gemacht und bespielt die sogenannten Roaring Twenties.
Eine dreiteilige Revue mit viel B.B., Filmklassikern und Reminiszenzen an die
Weimarer Republik. Wer Frank Strobel, der Leiter dieses Orchesters,
kennt, kann sicher sein, dass daraus etwas wird.
Selbstverständlich gehören die Konzerte der
Focus-Persönlichkeiten dazu, müssen aber nicht gesondert aufgeführt werden.
Den krönenden Abschluss bilden die Bamberger
Symphoniker unter der Leitung von Christoph Eschenbach am 03.09. im
Kloster Eberbach. Mit Anton Bruckners 08. Sinfonie in c-Moll möge das
35. RMF in einem monumentalen Klangrausch enden. Eschenbach gesteht selbst,
dass diese Sinfonie einer der größten Schätze bedeutet, die er in sich trage.
| Junge Deutsch Philharmonie, Foto: Achim Reis |
Schlusskommentar:
Meine Parteinahme für die kritischen,
ungeimpften und selbstbestimmten Menschen müsste eigentlich bei all denjenigen Gehör
finden, die den Zusammenhalt zum diesjährigen Motto gemacht haben. Wie gesagt, Zusammenhalt beinhaltet auch, andere kritische Meinungen zu respektieren und
die Wünsche einer Minderheit zu schützen. Man darf sehr gespannt sein, wie sich
die gesellschaftspolitischen Verhältnisse weiter entwickeln werden, auch vor
dem Hintergrund des aktuellen Ukraine-Krieges der NATO, EU, USA mit Russland.
Werden die Denkverbote und Haltungsultimaten, aktuell
auf russische Künstler übertragen, jetzt zum Werte-Allgemeingut? Dürfen
demnächst russische Staatsbürger keine öffentlichen Einrichtungen und
Restaurants mehr betreten? Geht es den russischen Bürgern und sog. Russlandverstehern
jetzt so, wie seit mehr als einem Jahr den Ungeimpften in dieser besten aller
Demokratien? Lernen wir überhaupt noch
aus Fehlern der Vergangenheit oder ist die Geschichte nur noch „Unfug“, wie es
Aldous Huxley in seinem Bestseller Schöne Neue Welt konstatiert? Welch
eine geistige und politische Katastrophe wäre das!
Ich schätze das RMF seit vielen Jahren sehr. Es
hat sich auch in Zeiten der Pandemie vorbildlich gegenüber seinem Publikum
verhalten. Ich hoffe dies auch für das diesjährige und wünsche ihnen von
Herzen: Zusammenhalt für alle. Und vor allem, einen friedlichen „Sommer voller
Musik“.
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