Lohengrin, romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Oper Frankfurt, 24.04.2022
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| AJ Glueckert als Lohengrin (Foto: Barbara Aumüller) |
Gesandter vom Heiligen Gral
Lohengrin, der Sohn Parsifals, Mitglied der
sagenhaften Ritterrunde des heiligen Grals, ist der unumstrittene Held dieser
märchenhaften, ja zauberhaften Oper aus der Hand des genialen Dichters und Komponisten,
Richard Wagner (1813-1883), gedanklich entstanden in den vorrevolutionären
Jahren von 1848 (Wagner las den Bayrischen Lohengrin von J. Görres, 1813
herausgegeben, wie auch die Schwanenritter von den Gebrüdern Grimm und
nicht zuletzt auch die Schrift von C.T.L. Lucas: Über den Krieg von Wartburg,
Paris 1841) und textlich wie kompositorisch am 18.04.1848 vollendet. Sein
Freund Franz Liszt dirigierte erstmals diese Oper am 28.08.1850 im Hoftheater
von Weimar, bei einer Feier zu Goethes Geburtstag. Der an der Revolution aktiv
beteiligte Wagner befand sich zu dieser Zeit auf der Flucht vor seinen preußischen
Häschern und hielt sich in der Schweiz auf. Er selbst konnte seine eigene Oper
erst am 11.05.1861 in der Wiener Hofoper erleben.
Lohengrin ein Dauerbrenner
Noch heute hat diese Oper nichts von ihrer Attraktivität verloren und wird nicht umsonst in der Oper Frankfurt bereits in der dritten Wiederaufnahme, inszeniert bereits im Jahre 2009 von Jens-Daniel Herzog, präsentiert. Obwohl die vorletzte Vorstellung in dieser Saison, war der große Saal der Oper Frankfurt nahezu vollständig besetzt und die Begeisterung des weitgehend maskierten Publikums (warum das wohl, obwohl doch keine Maskenpflicht mehr herrscht und die Pandemie bereits offiziell beendet ist) überschwänglich.
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| Rachel Willis Sørensen als Elsa von Brabant, im Hintergrund Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt (Foto: Barbara Aumüller) |
Kann Kino als Illusionsort?
Dennoch bleiben einige Wermutstropfen übrig. Warum findet
die Handlung in einem Kinosaal aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts statt?
Kino als Illusionsort? Gut gemeint von Herzog. Aber warum dann so wenig Illusion? Alle Protagonisten
(Chor, Sänger und Sängerinnen) besetzen die Kinoplätze, Elsa und ihr kleiner Bruder
Gottfried in der ersten Reihe, und folgen einem imaginären Film. Gottfried
möchte ein Eis, geht unbemerkt von seiner Schwester in Richtung Eisverkäuferin
und verschwindet dann aus einer Seitentür.
Langsam erheben sich Elsas und des Königs Heinrich
Widersacher, Telramund, Graf von Brabant, und sein Gefolge und klagen Elsa des
Brudermordes an. Eine furchtbare Anklage, aber wesentlich für den Verlauf der
Handlung. König Heinrich befindet sich offensichtlich im Krieg gegen die
Ungarn, bzw. die Ostvölker, und am Scheidepunkt seiner Macht.
Telramund will die Macht, dazu muss er Elsa mittels dieser ungeheuren Anklage
aus dem Wege schaffen. Auch hier eher prosaische als illusionäre Szenen. Elsa
wird die Schlinge um den Hals gelegt, der König von „marodierenden“ Anhängern
Telramunds „bespritzt“, das Volk in Aufruhr. Ein Film im Film? Keineswegs. Eher
ein Film im Film im Film. Heinrich wird zum Richter Elsas und man einigt sich auf
einen gottgerechten Zweikampf. Nur wer soll den Kampf für Elsa, die lediglich
ihren Traum von einem Ritter besingt, bestreiten? Natürlich Lohengrin, der
göttliche Retter, Verteidiger des Rechts und der Bekämpfer alles Bösen auf
dieser Welt.
Noch ohne Namen und Herkunft sitzt er ziemlich unvermittelt inmitten
der leeren Stuhlreihen, nachdem das Kinopublikum seine Plätze verlassen hat,
mit grauem T-Shirt und schlappernder Lederhose. Den Schwan muss man sich denken.
Wo ist da die Illusion? Das Himmlische, der von Gott Gesandte? Ein langes Duett
folgt zwischen ihm und Elsa. Sie sitzen mit Distanz zueinander und ohne Blickkontakt,
inmitten des Kinosaals, flankiert vom Volk. Das berühmte: „Nie sollst du mich
befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam
und Art“, wird ab jetzt zum Leitmotiv des Dramas, wenngleich das Ambiente doch
sehr wenig von diesem verwirrenden Zauber vermittelt.
Russisch Roulette statt Schwertkampf
Im Gegenteil. Das folgende Gefecht zwischen Telramund und
dem noch namenlosen Lohengrin entpuppt sich als russisches Roulette. Da sitzen
zwei Kontrahenten, der eine eher an einen Mafiaboss erinnernd und der andere,
ein schludrig gekleideter Wandersmann (Wodan lässt grüßen), und halten sich
wechselseitig die Pistole an die Schläfe. Den letzten Schuss hat natürlich
Telramund. Statt sich den finalen Schuss zu geben, wird er von Lohengrin
begnadigt, was eigentlich die größere Strafe bedeutet, nämlich Ächtung und Entmachtung.
Irritation auf der ganzen Linie. Das Volk, nicht mehr die Kinobesucher, singen
in gewaltigen Stürmen das „Heil dem Sieger!“. Eine Jubelszene, martialisch aber
mit großer Kraft und Überzeugung vom Chor inszeniert.
Ende des ersten Aufzugs. In diesem Stil werden die beiden nächsten
Akte fortgesetzt.
Rache gegen "Glück ohne Reu"
Ortrud, Ehegattin Telramunds, Seherin und Zauberin in einer
Person, ist die Personifizierung des Bösen. Allein mit ihrem völlig frustrierten
Gatten schmiedet sie Rachepläne und baut Telramund wieder auf. Nichts vom „weibischen
Mann“ (Herzog), eher intriganter Narzisst. Sind beide doch vom gleichen Holz
geschnitzt. Wirklich gut gemacht und einer der Höhepunkte dieser Vorstellung.
Elsa erscheint. Die Reine, Unschuldige, befindet sich im
siebten Himmel der Liebe, fällt auf die Larmoyanz ihrer Gegenspielerin vollständig
herein und fühlt nur Mitleid: „Lass zu dem Glauben dich bekehren, es gibt ein
Glück, das ohne Reu …“. Ortrud oder Miina-Liisa Värelä gehörte zur Bestbesetzung dieser Vorstellung,
ihre Intriganz und chamäleonhafte Verwandlungsfähigkeit, gepaart mit einer scharfen,
etwas hinterhältigen Stimmlage, waren unübertroffen an diesem Abend. Elsa gerät
in Zweifel. Ist ihr Retter-Ritter wirklich der, als den er sich darstellt?
Immer wieder baut Wagner geschickt das Leitmotiv des Frageverbots in den
Gesang ein. Musik ohne Worte mit großer Aussagekraft.
Auch in diesem Akt wieder sehr viel Prosaisches, fast schon Vulgäres.
Die Szene der Demütigung Telramunds mit angedeutetem Waterboarding, der Versuch
Ortruds, Elsa am Betreten der Kirche zu hindern, die Szene mit den sechs
Kindern, die sich an das Hochzeitskleid Elsas hängen (ein böser Zauber Ortruds?),
oder die vorgezogene Trauszene bei der Elsa ihren Bruder Gottfried in den
Händen Telramunds und Ortruds erblickt, all das ist, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig
und von der eigentlichen Handlung nicht unbedingt gedeckt.
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| v. l.: Wolfgang Koch, Rachel Willis-Sørensen, Miina-Liisa Värelä als Ortrud, AJ Glueckert, im Hintergrund Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt (Foto: Barbara Aumüller) |
Nie sollst Du mich befragen
Die Einleitung des letzten Aufzugs geriet zum musikalischen
Höhepunkt dieses Abends. Freudig, jubelnd, festlich. Großartig umgesetzt durch
die Hand von Sebastian Weigle. Auch der Hochzeitsmarsch wurde
wunderschön gesungen vom Chor und Extra Chor unter der Leitung von Tilman
Michael.
Das Traumpaar ist erstmals allein. Ein inniges Liebesduett, eines
der schönsten von Wagner komponierten Lieder, bildet den gesanglichen Kern des
Schlussaktes. Auch hier wieder einige Irritation. Telramund erscheint in dem
Moment, wo Elsa die verbotene Frage stellt. Eine Szenenfolge, in der Rachel
Willis-Sørensen in der Rolle der Elsa, noch einmal zu Hochform
aufläuft. Telramund erscheint wie aus dem Nichts und wird wie ein Hund mit dem
Pistolenknauf von Lohengrin erschlagen. Die Rechtfertigung des Mordes, denn so
erscheint es in dieser Szene, erklärt Lohengrin vor dem Volk (von Kinosaal
keine Rede mehr) als Notwehr, um dann mit seiner Gralserzählung zu beginnen. In
glänzendem A-Dur und als entrückte Erzählung gedacht, was lediglich musikalisch
gelang, lässt er ein zutiefst enttäuschtes Volk zurück und entschwindet auf den
Schwingen des Schwans zurück zum Gral und seiner angestammten Ritterrunde des
Guten ins Montsalvat.
Kino kann Illusion, oder …
Nein, so nicht. Lohengrin begibt sich hinter das
mittlerweile in chinesische Kampfanzüge gekleidete Volk. Ist der Osten eine Gefahr
für …? Natürlich muss der Westen gerettet werden und Lohengrin, die
Verkörperung des Guten gegen das Böse, schickt Elsas Bruder, vom Heerrufer
begleitet, wieder zurück. Nach Wagner hat man ihn während seiner Abwesenheit in
der Ritterrunde des Grals das Gute gelehrt. Er ist der zukünftige Retter von
Brabant (des Westens?) Elsa hat ihren irdischen unerfüllbaren Traum erledigt
und stürzt tot in die Arme ihres Bruders.
Nicht so in Herzogs Inszenierung: Ortrud, die Verkörperung des Bösen und
des Unglaubens (heute würde man von Verschwörern sprechen), bleibt in den
Reihen des Volkes lebendig. Gottfried sitzt wie zu Anfang im Kino neben seiner
Schwester Elsa. Das Kino der Illusionen? wird fortgesetzt. Die Wiederkehr des ewig Gleichen?
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| Miina-Liisa Värelä und Wolfgang Koch, auf der Tribüne Rachel Willis Sørensen (Foto: Barbara Aumüller) |
Fazit:
Leider keine besonders überzeugende Inszenierung von Jens-Daniel
Herzog. Dazu gehören auch das Bühnenbild und Kostüme von Mathis
Neidhardt. Die Nähe zur Nazizeit war m. E. deplatziert und hat dem
Opernstoff nicht gerade geholfen. Auch
Licht (Olaf Winter) und Szenische Leitung (Hans Walter Richter)
ließen viel Wünsche offen.
Von den Solisten überzeugten allen voran Miina-Liisa Värelä
(Sopran) als Ortrud mit einer ihrer Rolle perfekt angepassten Stimmlage und
schauspielerischer Klasse; ebenfalls Anthony Robin Schneider (Bariton)
als Heinrich der Vogler mit seinem warmen und kraftvollen Timbre. Auch er
spielte seine Rolle perfekt. Rachel Willis-Sørensen (Sopran) als Elsa
von Brabant glänzte vor allem im letzten Aufzug. Man hätte sie sich manchmal
etwas leichter, weltvergessener und verträumter gewünscht, was wohl die Inszenierung
nicht hergab. Wolfgang Koch (Bariton) als Friedrich von Telramund,
spielte und sang seine Rolle eher als Mafiaboss und schnöder Narzisst denn als,
wie beabsichtigt, den „weibischen Mann“ zu mimen. Sein Bariton mit großer
Bandbreite und Kraft entsprach perfekt seiner Rolle als Rächer und
Machtbesessener. AJ Glueckert (Tenor) als Lohengrin, passte nicht so
recht in das Genre des Heldentenors, körperlich wie gesanglich. Eher ein
lyrischer, sehr leichtgängiger Tenor, konnte er sich oftmals nicht vor dem doch
sehr zurückgenommenen Orchester behaupten. Nicht zuletzt der Heerrufer,
gesungen und gespielt von Domen Križaj (Bariton), ein mit sehr
heller Klangfarbe ausgestatteter Sänger, der seine Rolle spielerisch und gesanglich
bestens meisterte.
Der Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt (Leitung: Tilman
Michael) war nicht so präsent wie gewohnt. Oftmals, vor allem im 2. Aufzug,
lief er förmlich dem Orchester davon, auch untereinander gab es mitunter Unstimmigkeiten.
Dennoch, in den großen Jubelgesängen zeigte er sich voll auf der Höhe. Last but
not least das Orchester unter der Leitung von Sebastian Weigle. War seine
Interpretation des Vorspiels mit seinen ätherischen, überirdisch-hellen
Streicherklängen, die in die Welt des Grals einführen sollen, doch ein wenig zu
weltlich geraten, das heißt wenig im vierfachen Pianissimo, früh dagegen im
Mezzopiano und forte, so brillierte er mit seinem Orchester im Vorspiel des
dritten Aufzugs. Aber auch die Begleitung der Jubelgesänge und insgesamt die
aufmerksame Führung der Sänger und Sängerinnen waren von außerordentlicher Güte.
Großes Lob an ihn und sein Orchester.
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