Montag, 25. April 2022

 

Lohengrin, romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner

Oper Frankfurt, 24.04.2022 


AJ Glueckert als Lohengrin (Foto: Barbara Aumüller)

Gesandter vom Heiligen Gral

Lohengrin, der Sohn Parsifals, Mitglied der sagenhaften Ritterrunde des heiligen Grals, ist der unumstrittene Held dieser märchenhaften, ja zauberhaften Oper aus der Hand des genialen Dichters und Komponisten, Richard Wagner (1813-1883), gedanklich entstanden in den vorrevolutionären Jahren von 1848 (Wagner las den Bayrischen Lohengrin von J. Görres, 1813 herausgegeben, wie auch die Schwanenritter von den Gebrüdern Grimm und nicht zuletzt auch die Schrift von C.T.L. Lucas: Über den Krieg von Wartburg, Paris 1841) und textlich wie kompositorisch am 18.04.1848 vollendet. Sein Freund Franz Liszt dirigierte erstmals diese Oper am 28.08.1850 im Hoftheater von Weimar, bei einer Feier zu Goethes Geburtstag. Der an der Revolution aktiv beteiligte Wagner befand sich zu dieser Zeit auf der Flucht vor seinen preußischen Häschern und hielt sich in der Schweiz auf. Er selbst konnte seine eigene Oper erst am 11.05.1861 in der Wiener Hofoper erleben.

 

Lohengrin ein Dauerbrenner

Noch heute hat diese Oper nichts von ihrer Attraktivität verloren und wird nicht umsonst in der Oper Frankfurt bereits in der dritten Wiederaufnahme, inszeniert bereits im Jahre 2009 von Jens-Daniel Herzog, präsentiert. Obwohl die vorletzte Vorstellung in dieser Saison, war der große Saal der Oper Frankfurt nahezu vollständig besetzt und die Begeisterung des weitgehend maskierten Publikums (warum das wohl, obwohl doch keine Maskenpflicht mehr herrscht und die Pandemie bereits offiziell beendet ist) überschwänglich.

 

Rachel Willis Sørensen als Elsa von Brabant, im Hintergrund Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt
(Foto: Barbara Aumüller)
 

Kann Kino als Illusionsort?

Dennoch bleiben einige Wermutstropfen übrig. Warum findet die Handlung in einem Kinosaal aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts statt? Kino als Illusionsort? Gut gemeint von Herzog. Aber warum dann so wenig Illusion? Alle Protagonisten (Chor, Sänger und Sängerinnen) besetzen die Kinoplätze, Elsa und ihr kleiner Bruder Gottfried in der ersten Reihe, und folgen einem imaginären Film. Gottfried möchte ein Eis, geht unbemerkt von seiner Schwester in Richtung Eisverkäuferin und verschwindet dann aus einer Seitentür.

Langsam erheben sich Elsas und des Königs Heinrich Widersacher, Telramund, Graf von Brabant, und sein Gefolge und klagen Elsa des Brudermordes an. Eine furchtbare Anklage, aber wesentlich für den Verlauf der Handlung. König Heinrich befindet sich offensichtlich im Krieg gegen die Ungarn, bzw. die Ostvölker, und am Scheidepunkt seiner Macht. Telramund will die Macht, dazu muss er Elsa mittels dieser ungeheuren Anklage aus dem Wege schaffen. Auch hier eher prosaische als illusionäre Szenen. Elsa wird die Schlinge um den Hals gelegt, der König von „marodierenden“ Anhängern Telramunds „bespritzt“, das Volk in Aufruhr. Ein Film im Film? Keineswegs. Eher ein Film im Film im Film. Heinrich wird zum Richter Elsas und man einigt sich auf einen gottgerechten Zweikampf. Nur wer soll den Kampf für Elsa, die lediglich ihren Traum von einem Ritter besingt, bestreiten? Natürlich Lohengrin, der göttliche Retter, Verteidiger des Rechts und der Bekämpfer alles Bösen auf dieser Welt.

Noch ohne Namen und Herkunft sitzt er ziemlich unvermittelt inmitten der leeren Stuhlreihen, nachdem das Kinopublikum seine Plätze verlassen hat, mit grauem T-Shirt und schlappernder Lederhose. Den Schwan muss man sich denken. Wo ist da die Illusion? Das Himmlische, der von Gott Gesandte? Ein langes Duett folgt zwischen ihm und Elsa. Sie sitzen mit Distanz zueinander und ohne Blickkontakt, inmitten des Kinosaals, flankiert vom Volk. Das berühmte: „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam und Art“, wird ab jetzt zum Leitmotiv des Dramas, wenngleich das Ambiente doch sehr wenig von diesem verwirrenden Zauber vermittelt.

v. l.: AJ Glueckert als Lohengrin, Wolfgang Koch als Friedrich von Telramund, in der Mitte im Chor sitzend Anthony Robin Schneider als König Heinrich, im Hintergrund Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt (Foto: Barbara Aumüller)


Russisch Roulette statt Schwertkampf

Im Gegenteil. Das folgende Gefecht zwischen Telramund und dem noch namenlosen Lohengrin entpuppt sich als russisches Roulette. Da sitzen zwei Kontrahenten, der eine eher an einen Mafiaboss erinnernd und der andere, ein schludrig gekleideter Wandersmann (Wodan lässt grüßen), und halten sich wechselseitig die Pistole an die Schläfe. Den letzten Schuss hat natürlich Telramund. Statt sich den finalen Schuss zu geben, wird er von Lohengrin begnadigt, was eigentlich die größere Strafe bedeutet, nämlich Ächtung und Entmachtung. Irritation auf der ganzen Linie. Das Volk, nicht mehr die Kinobesucher, singen in gewaltigen Stürmen das „Heil dem Sieger!“. Eine Jubelszene, martialisch aber mit großer Kraft und Überzeugung vom Chor inszeniert.

Ende des ersten Aufzugs. In diesem Stil werden die beiden nächsten Akte fortgesetzt.

 

Rache gegen "Glück ohne Reu"

Ortrud, Ehegattin Telramunds, Seherin und Zauberin in einer Person, ist die Personifizierung des Bösen. Allein mit ihrem völlig frustrierten Gatten schmiedet sie Rachepläne und baut Telramund wieder auf. Nichts vom „weibischen Mann“ (Herzog), eher intriganter Narzisst. Sind beide doch vom gleichen Holz geschnitzt. Wirklich gut gemacht und einer der Höhepunkte dieser Vorstellung.

Elsa erscheint. Die Reine, Unschuldige, befindet sich im siebten Himmel der Liebe, fällt auf die Larmoyanz ihrer Gegenspielerin vollständig herein und fühlt nur Mitleid: „Lass zu dem Glauben dich bekehren, es gibt ein Glück, das ohne Reu …“. Ortrud oder Miina-Liisa Värelä gehörte zur Bestbesetzung dieser Vorstellung, ihre Intriganz und chamäleonhafte Verwandlungsfähigkeit, gepaart mit einer scharfen, etwas hinterhältigen Stimmlage, waren unübertroffen an diesem Abend. Elsa gerät in Zweifel. Ist ihr Retter-Ritter wirklich der, als den er sich darstellt? Immer wieder baut Wagner geschickt das Leitmotiv des Frageverbots in den Gesang ein. Musik ohne Worte mit großer Aussagekraft.

Auch in diesem Akt wieder sehr viel Prosaisches, fast schon Vulgäres. Die Szene der Demütigung Telramunds mit angedeutetem Waterboarding, der Versuch Ortruds, Elsa am Betreten der Kirche zu hindern, die Szene mit den sechs Kindern, die sich an das Hochzeitskleid Elsas hängen (ein böser Zauber Ortruds?), oder die vorgezogene Trauszene bei der Elsa ihren Bruder Gottfried in den Händen Telramunds und Ortruds erblickt, all das ist, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig und von der eigentlichen Handlung nicht unbedingt gedeckt.

 

v. l.: Wolfgang Koch, Rachel Willis-Sørensen, Miina-Liisa Värelä als Ortrud, AJ Glueckert,
im Hintergrund Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt (Foto: Barbara Aumüller) 

Nie sollst Du mich befragen

Die Einleitung des letzten Aufzugs geriet zum musikalischen Höhepunkt dieses Abends. Freudig, jubelnd, festlich. Großartig umgesetzt durch die Hand von Sebastian Weigle. Auch der Hochzeitsmarsch wurde wunderschön gesungen vom Chor und Extra Chor unter der Leitung von Tilman Michael.

Das Traumpaar ist erstmals allein. Ein inniges Liebesduett, eines der schönsten von Wagner komponierten Lieder, bildet den gesanglichen Kern des Schlussaktes. Auch hier wieder einige Irritation. Telramund erscheint in dem Moment, wo Elsa die verbotene Frage stellt. Eine Szenenfolge, in der Rachel Willis-Sørensen in der Rolle der Elsa, noch einmal zu Hochform aufläuft. Telramund erscheint wie aus dem Nichts und wird wie ein Hund mit dem Pistolenknauf von Lohengrin erschlagen. Die Rechtfertigung des Mordes, denn so erscheint es in dieser Szene, erklärt Lohengrin vor dem Volk (von Kinosaal keine Rede mehr) als Notwehr, um dann mit seiner Gralserzählung zu beginnen. In glänzendem A-Dur und als entrückte Erzählung gedacht, was lediglich musikalisch gelang, lässt er ein zutiefst enttäuschtes Volk zurück und entschwindet auf den Schwingen des Schwans zurück zum Gral und seiner angestammten Ritterrunde des Guten ins Montsalvat.


Kino kann Illusion, oder …

Nein, so nicht. Lohengrin begibt sich hinter das mittlerweile in chinesische Kampfanzüge gekleidete Volk. Ist der Osten eine Gefahr für …? Natürlich muss der Westen gerettet werden und Lohengrin, die Verkörperung des Guten gegen das Böse, schickt Elsas Bruder, vom Heerrufer begleitet, wieder zurück. Nach Wagner hat man ihn während seiner Abwesenheit in der Ritterrunde des Grals das Gute gelehrt. Er ist der zukünftige Retter von Brabant (des Westens?) Elsa hat ihren irdischen unerfüllbaren Traum erledigt und stürzt tot in die Arme ihres Bruders.

Nicht so in Herzogs Inszenierung: Ortrud, die Verkörperung des Bösen und des Unglaubens (heute würde man von Verschwörern sprechen), bleibt in den Reihen des Volkes lebendig. Gottfried sitzt wie zu Anfang im Kino neben seiner Schwester Elsa. Das Kino der Illusionen? wird fortgesetzt. Die Wiederkehr des ewig Gleichen? 

 

Miina-Liisa Värelä und Wolfgang Koch, auf der Tribüne Rachel Willis Sørensen (Foto: Barbara Aumüller)

Fazit:

Leider keine besonders überzeugende Inszenierung von Jens-Daniel Herzog. Dazu gehören auch das Bühnenbild und Kostüme von Mathis Neidhardt. Die Nähe zur Nazizeit war m. E. deplatziert und hat dem Opernstoff nicht gerade geholfen. Auch Licht (Olaf Winter) und Szenische Leitung (Hans Walter Richter) ließen viel Wünsche offen.

Von den Solisten überzeugten allen voran Miina-Liisa Värelä (Sopran) als Ortrud mit einer ihrer Rolle perfekt angepassten Stimmlage und schauspielerischer Klasse; ebenfalls Anthony Robin Schneider (Bariton) als Heinrich der Vogler mit seinem warmen und kraftvollen Timbre. Auch er spielte seine Rolle perfekt. Rachel Willis-Sørensen (Sopran) als Elsa von Brabant glänzte vor allem im letzten Aufzug. Man hätte sie sich manchmal etwas leichter, weltvergessener und verträumter gewünscht, was wohl die Inszenierung nicht hergab. Wolfgang Koch (Bariton) als Friedrich von Telramund, spielte und sang seine Rolle eher als Mafiaboss und schnöder Narzisst denn als, wie beabsichtigt, den „weibischen Mann“ zu mimen. Sein Bariton mit großer Bandbreite und Kraft entsprach perfekt seiner Rolle als Rächer und Machtbesessener. AJ Glueckert (Tenor) als Lohengrin, passte nicht so recht in das Genre des Heldentenors, körperlich wie gesanglich. Eher ein lyrischer, sehr leichtgängiger Tenor, konnte er sich oftmals nicht vor dem doch sehr zurückgenommenen Orchester behaupten. Nicht zuletzt der Heerrufer, gesungen und gespielt von Domen Križaj (Bariton), ein mit sehr heller Klangfarbe ausgestatteter Sänger, der seine Rolle spielerisch und gesanglich bestens meisterte.

Der Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt (Leitung: Tilman Michael) war nicht so präsent wie gewohnt. Oftmals, vor allem im 2. Aufzug, lief er förmlich dem Orchester davon, auch untereinander gab es mitunter Unstimmigkeiten. Dennoch, in den großen Jubelgesängen zeigte er sich voll auf der Höhe. Last but not least das Orchester unter der Leitung von Sebastian Weigle. War seine Interpretation des Vorspiels mit seinen ätherischen, überirdisch-hellen Streicherklängen, die in die Welt des Grals einführen sollen, doch ein wenig zu weltlich geraten, das heißt wenig im vierfachen Pianissimo, früh dagegen im Mezzopiano und forte, so brillierte er mit seinem Orchester im Vorspiel des dritten Aufzugs. Aber auch die Begleitung der Jubelgesänge und insgesamt die aufmerksame Führung der Sänger und Sängerinnen waren von außerordentlicher Güte. Großes Lob an ihn und sein Orchester.

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