Montag, 2. Mai 2022

 

126. Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022

 

Babylon (2012), Oper in sieben Bildern von Jörg Widmann, Text von Peter Sloterdijk, Eröffnungspremiere der Internationalen Maifestspiele 2022, Großes Haus des Staatstheaters Wiesbaden, 01.05.2022

Transitraum eines Flughafens, 1. Bild, Chor und Chorsolisten des
Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
 
(Foto: Karl und Monika Forster)

Glaube, Liebe, Hoffnung

Alles atmet auf. Endlich wieder Kultur ohne staatliche Sanktionen, endlich wieder das freie Spiel der Künste mit der Eröffnungspremiere von Babylon. 

Babylon, seine Uraufführung in München im Jahre 2012, aber auch seine Bearbeitung und revidierte Fassung im März 2019 in Berlin, hat unterschiedlichste Reaktionen erfahren - vom „Mischmasch der Mythen“ in einem „uninspirierten Abend“ (Uwe Friedrich) bis zur „Völkerverständigung“, „einem Märchen für Erwachsene“ (Eleonore Büning), alles dabei. Tatsächlich ist diese Oper eine Perle der neuen, zeitgenössischen Opernproduktion. Jörg Widmann (*1973) und sein Librettist, der Philosoph und Gesellschaftsanalytiker Peter Sloterdijk (* 1947), haben da eine Oper entstehen lassen, die vielfältig interpretierbar, aber in einem doch klar definiert ist: die Liebe ist es, die die Menschheitsfamilie zusammenhält, über den Glauben hinaus. Allein sie macht Hoffnung auf die Zukunft.


Leonardo Ferrando als Tammu, Sarah Traubel als Inanna, 1. Bild
Foto: Karl und Monika Forster)

Aber kommen wir zum Detail.

Babylon oder der Triumpf der Liebe

Daniela Kerck (Inszenierung und Bühne) lässt die Handlung in einem Transitraum eines Flughafens beginnen (wer denkt da nicht an Frankfurt). Hektik, Sprachgewirr, und das Durcheinander eines Ameisenhaufens vor dem Hintergrund startender und landender Flugzeuge herrscht in den riesigen Hallen. Die Erzählung beginnt mit der prophetischen Weltuntergangs-Apokalypse des Skorpionmenschen (vergleichbar mit Wotan aus Wagners Götterdämmerung). Unterstützt von den Trompeten, die an die von Jericho erinnern, und den unheilvollen Vogelscharen über der Metropole Frankfurt, hält der Chor dagegen mit dem Jubelgesang Triumpf der Liebe. Denn Tammu, der Liebling der Juden, und Inanna, die Göttin der Mesopotamier, haben sich erblickt und sind auf Anhieb der unbedingten Liebe verfallen.

Schnitt: Natürlich soll die Handlung in der Zeit der israelitischen Gefangenschaft in Babylon unter der Herrschaft Nebukadnezars (597 – 539 v. Chr.) spielen. Tammu fühlt sich der jüdischen Gemeinde verpflichtet, wie auch seiner schwesterlichen Freundin, die Seele. Aber auch der Figur der erotischen Liebespriesterin, Inanna, die der babylonischen Gesellschaft angehört, ist er auf Anhieb verfallen. Ein zunächst unlösbares Problem.

Die Sintflut, 2. Bild, Statisterie des Hessischen Staatstheaters
(Foto: Karl und Monika Forster)

Die Sintflut

Das gemeinsame Erlebnis der Sintflut (sie wird in die Geschichte integriert) ändert alles. Entsetzt von den Folgen, will man, da man von einem/dem Gottesurteil ausgeht, im Sinne eines Schuldeingeständnisses, jährlich ein Menschenopfer bringen, um den Gott/die Götter zu besänftigen und um zukünftige Katastrophen solchen Ausmaßes zu verhindern. Die Wahl fällt auf Tammu. Inanna, entsetzt darüber, entscheidet sich, Tammu aus der Totenwelt zu holen. Eine Orpheus-Geschichte mit vertauschten Rollen. Sie steigt hinab ins Reich der Toten, keusch und rein, bezirzt „Schwester Tod“, der/die in der Lust auf den Wahnsinn die Regel des Nimmer Wiederkehrens bricht. Inanna und Tammu verlassen als Liebespaar die Welt der Toten. Im Gegensatz zum Orpheus Mythus erfolgreich. Das Volk schwelgt im eigenen sowie im Glück der beiden Liebenden.


Liebe ist: Die Pflicht auf Selbstbestimmung und Verantwortung!?

Die Quintessenz des Ganzen?

Der Chor singt: „Ein Opfer zu viel, Phantomen hingeworfen, bringt keinen Frieden“, eine Absage an die göttliche Vorbestimmtheit und Rache.

Das Kind singt: „Ihr Völker, lernt gefährlich leben, baut Häuser, die schwimmen, baut Städte, die schweben“, eine Aufforderung zur Selbstbestimmung und freiem, verantwortlichen Handeln. Eine Absage an die Unterwerfung jeglicher Religion?

Die Liebenden singen: „Wo du hingehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe ich auch.“

Am Schluss bleiben der Tod und der Skorpionmensch zurück auf der Bühne – wieder im Transitraum des Flughafens. Sechs Kinder intonieren ein Abklatschlied und schauen dabei frech ins Publikum. Der Skorpionmensch alias Wotan und Schwesterlein Tod sind sich einig. Die Welt bleibt wie sie ist. Ihre einzige Chance ist die Liebe. Nicht mehr und nicht weniger. Der Vorhang fällt und viele Fragen bleiben offen. Dem Publikum hat´s ohne Frage bestens gefallen.

 

v. l.: Philipp Mathmann als Skorpionmensch, Otto Katzameier als
Schwester Tod, 7. Bild und Schlussszene
(Foto. Karl und Monika Forster)

Ein modernes Mysterienspiel

Ein hervorragendes Mysterienspiel mit allen denkbaren textlichen und musikalischen Registern. Jörg Widmann, mehr bekannt als exzellenter Klarinettist, beherrscht nicht nur sein Instrument, sondern auch das der Komposition. Eine polystilistische Meisterleistung der Extraklasse mit eigener Zitatensammlung und gezielter wie durchdachter Inanspruchnahme von Texturen fremder Musikproduktionen. Da sind mal Bizet-, Strauss-, Alban Berg-, oder auch Wagner-Fragmente zu hören, dann wieder wechseln atonale bis serielle Elemente mit wunderbaren lyrischen Melodien und tänzerischer, derber Volksmusik. Allen voran der bayrische Defiliermarsch und Die lustigen Holzhackerbuam im dritten Bild im Rahmen des babylonischen Neujahrsfests. Man findet kein Ende bei dieser Aufzählung. Widmanns Kaleidoskop der Musikstile und Stimmungen ist unübertroffen und könnte den Einstieg eine neue Epoche der Musikgeschichte markieren. Ein Jugendstil des 21. Jahrhunderts?

 

Symbiose zwischen Wort und Gesang

Peter Sloterdijks Textauswahl zeugt von eminenter Belesenheit und höchst sensibler und gezielter Auswahl. Zwischen Gilgamesch und Zarathustra, der Bibelexegese von Genesis und Offenbarung, bedient er sich ebenfalls geschickt der Literatur: aus Goethes West östlichen Diwan, aus Thomas Manns Die Josefsbrüder, aus Emanuel Schikaneders Zauberflöte, den Freimaurern und nicht zuletzt aus dem Bibelstreit Anfang des 20. Jahrhunderts, wo erstmals das Buch der Bücher nicht mehr allein als Offenbarung Gottes, sondern als archäologisches und historisches Produkt verstanden wurde.

Anspielungen auf existierende Opern waren kaum zu übersehen. Beispielsweise auf Wagners Tannhäuser (Elisabeth und Venus), auf Alban Bergs Lulu oder auf Bizets Carmen, woraus er eigenen Worten zufolge Tammus Liebesbeweis aus dem 1. Bild extrahierte: „Du musstest nur erscheinen und mich berühren mit deinem Blick, ganz war mein Wesen dir verfallen.“ Alles in allem eine sehr gelungene Symbiose zwischen Wort, Gesang und Musik. Oder, wie es so trefflich heißt: Das Wort war der Musik gehorsame Tochter, und das im besten Sinne.

 

Andrea Baker als Euphrat, 2. Bild, Chor und Statisterie
(Foto: Karl und Monika Forster)

Die Sängerinnen und Sänger

Die Sängerinnen und Sänger gaben ihr Bestes. Herausragend Sarah Traubel als Inanna. Ihr stimmliches Repertoire zwischen lyrischer Verführung, Liebesfreud und Liebesleid, ihr Sprechgesang, Ihr Pfeifen und Trillern, ihr schier unglaublicher Stimmumfang, in allen Bereichen perfekt, ihre berückenden schauspielerischen Einlagen, vor allem im Neujahrsfest (3. Bild) und in der Totenwelt (6. Bild), ein Augen- wie ein Ohrenschmaus. Auch die Seele, gesungen von Michelle Ryan, überzeugte durch stimmliche Reinheit bis in die höchsten Töne. Eine wunderbare Besetzung dieser doch sehr diffizilen Rolle. Hervorzuheben noch der Bassbariton Otto Katzameier als Schwester Tod. Eine wirklich skurrile Figur mit Rauschebart, Glatze und Highheels, knallrot natürlich. Er sang das Falsett genauso gekonnt, wie er die Reise durch alle Höhen und Tiefen beherrschte. Gemeinsam mit Sarah Traubel im sechsten Bild bot er das absolute Highlight des Abends. Leonardo Ferrando als Tammu brillierte mit seinem sehr hellen und weichen Tenor. Leider konnte er sich nicht immer gegen den mitunter gewaltigen Orchesterklang durchsetzen. Bemerkenswert noch Philipp Mathmann als Skorpionmensch, eine Märchenfigur, ein bisschen Plüschbär, ein bisschen Wanderer, ein bisschen Wotan. Er spielte nicht nur grandios, sondern sang mit einer extraordinären, höchst beeindruckenden Counterstimme überirdisch schön. Eine Freude für die Ohren.

Zu nennen noch der Oberpriester, Claudio Otelli, ein Bassbariton von auffallender Körpergröße, der in Handlung und Gesang gefiel, Ralf Rachbauer, ein Priester mit wunderbarem Tenor, Stella An als Bote und Kind mit girly-farbigem Sopran, ein bisschen Geisha und Kokette, und nicht zuletzt Andrea Baker als Euphrat, die fast das gesamte zweite Bild, die Sintflut, gesanglich meistern musste. Leider fiel sie durch ein extremes Vibrato auf (möglicherweise die Wellen des Unwetters imitierend), was aber eher störend als bereichernd wirkte. Auch ist ihr Stimmumfang begrenzt und eher im Mezzo-Bereich stark. Allerdings gehörte das szenische Bild der Sintflut, einschließlich der Lichteffekte (Klaus Krauspenhaar), der Kostüme (Andrea Schmitt-Futterer) und der Choreographie (Sommer Ulrickson) mit zum Besten des Abends.

 

vorne: Otto Katzameier als Tod, rechts: Sarah Traubel, 6. Bild,
Chor des hessischen Staatstheaters
Foto: Karl und Monika Forster

Ein Ritt auf der Klinge zwischen Klangpracht und filigraner Leichtigkeit

Albert Horne, in Wiesbaden sehr beliebter Chefdirigent, führte bravourös das riesige Orchester mit überbordender Perkussion, extrem reich besetzten Bläsergruppen, mit Glasorgel, Flügel, zwei Harfen, Akkordeon, Orgel und insgesamt 11 Hörnern durch die sieben Bilder. Wegen der Enge des Orchestergrabens waren auch die seitlichen Logen mit Musikern vollbesetzt. Unglaublich, aber von einer umwerfenden Klangfülle. Ein Ritt auf der Klinge von absoluter Klangpracht bis zu filigranem Pianissimo.

vorne: Michelle Ryan als Seele, hinten: Stella An mit Rucksack als Kind,
7. Bild, Chor und Statisterie
Foto: Karl und Monika Forster

Ein Muss für alle Operngänger

Niemand sollte in dieser monumentalen Oper von epischen Dimensionen vergessen werden. Das heißt Chor und Chorsolisten (Albert Horne), die über 20 Tänzer und Tänzerinnen, der Pförtner der Unterwelt, David Krahl, der Schreiber und 2. Pförtner, Florian Küppers und die vielen Statisten. Alle zeigten sich in Höchstform und trugen einen Gutteil zum Gelingen dieser Premiere bei.

Überhaupt haben Daniela Kerck und ihr Team um Andrea Schmitt-Futterer (Kostüme), Astrid Steiner (Video), Sommer Ulrickson (Choreographie), Klaus Krauspenhaar (Licht), Anika Báros sowie Wolfgang Behrens (Dramaturgie) eine glänzende Premiere der Maifestspiele gezaubert. Eine absolut lohnenswerte Inszenierung und ein Muss für alle Opernliebhaber und Opernkenner.

 

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