126. Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022
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| Transitraum eines Flughafens, 1. Bild, Chor und Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden (Foto: Karl und Monika Forster) |
Glaube,
Liebe, Hoffnung
Alles atmet auf. Endlich wieder Kultur ohne staatliche Sanktionen, endlich wieder das freie Spiel der Künste mit der Eröffnungspremiere von Babylon.
Babylon, seine Uraufführung in München im Jahre 2012,
aber auch seine Bearbeitung und revidierte Fassung im März 2019 in Berlin, hat
unterschiedlichste Reaktionen erfahren - vom „Mischmasch der Mythen“ in einem „uninspirierten
Abend“ (Uwe Friedrich) bis zur „Völkerverständigung“, „einem Märchen für
Erwachsene“ (Eleonore Büning), alles dabei. Tatsächlich ist diese Oper eine
Perle der neuen, zeitgenössischen Opernproduktion. Jörg Widmann (*1973)
und sein Librettist, der Philosoph und Gesellschaftsanalytiker Peter
Sloterdijk (* 1947), haben da eine Oper entstehen lassen, die vielfältig
interpretierbar, aber in einem doch klar definiert ist: die Liebe ist es, die
die Menschheitsfamilie zusammenhält, über den Glauben hinaus. Allein sie macht
Hoffnung auf die Zukunft.
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| Leonardo Ferrando als Tammu, Sarah Traubel als Inanna, 1. Bild Foto: Karl und Monika Forster) |
Aber kommen wir zum Detail.
Babylon oder der Triumpf der Liebe
Daniela
Kerck (Inszenierung
und Bühne) lässt die Handlung in einem Transitraum eines Flughafens beginnen
(wer denkt da nicht an Frankfurt). Hektik, Sprachgewirr, und das Durcheinander
eines Ameisenhaufens vor dem Hintergrund startender und landender Flugzeuge
herrscht in den riesigen Hallen. Die Erzählung beginnt mit der prophetischen Weltuntergangs-Apokalypse des Skorpionmenschen (vergleichbar mit Wotan aus Wagners
Götterdämmerung).
Unterstützt von den Trompeten, die an die von Jericho erinnern, und den
unheilvollen Vogelscharen über der Metropole Frankfurt, hält der Chor dagegen
mit dem Jubelgesang Triumpf der Liebe. Denn Tammu, der Liebling der
Juden, und Inanna, die Göttin der Mesopotamier, haben sich erblickt und sind auf
Anhieb der unbedingten Liebe verfallen.
Schnitt:
Natürlich soll die Handlung in der Zeit der israelitischen Gefangenschaft in
Babylon unter der Herrschaft Nebukadnezars (597 – 539 v. Chr.) spielen. Tammu
fühlt sich der jüdischen Gemeinde verpflichtet, wie auch seiner schwesterlichen
Freundin, die Seele. Aber auch der Figur der erotischen Liebespriesterin,
Inanna, die der babylonischen Gesellschaft angehört, ist er auf Anhieb
verfallen. Ein zunächst unlösbares Problem.
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| Die Sintflut, 2. Bild, Statisterie des Hessischen Staatstheaters (Foto: Karl und Monika Forster) |
Die
Sintflut
Das
gemeinsame Erlebnis der Sintflut (sie wird in die Geschichte integriert) ändert
alles. Entsetzt von den Folgen, will man, da man von einem/dem Gottesurteil
ausgeht, im Sinne eines Schuldeingeständnisses, jährlich ein Menschenopfer bringen,
um den Gott/die Götter zu besänftigen und um zukünftige Katastrophen solchen
Ausmaßes zu verhindern. Die Wahl fällt auf Tammu. Inanna, entsetzt darüber,
entscheidet sich, Tammu aus der Totenwelt zu holen. Eine Orpheus-Geschichte mit vertauschten
Rollen. Sie steigt hinab ins Reich der Toten, keusch und rein, bezirzt „Schwester
Tod“, der/die in der Lust auf den Wahnsinn die Regel des Nimmer Wiederkehrens
bricht. Inanna und Tammu verlassen als Liebespaar die Welt der Toten. Im Gegensatz
zum Orpheus Mythus erfolgreich. Das Volk schwelgt im eigenen sowie im Glück der beiden
Liebenden.
Liebe
ist: Die Pflicht auf Selbstbestimmung und Verantwortung!?
Die Quintessenz
des Ganzen?
Der Chor
singt: „Ein Opfer zu viel, Phantomen hingeworfen, bringt keinen Frieden“, eine
Absage an die göttliche Vorbestimmtheit und Rache.
Das Kind
singt: „Ihr Völker, lernt gefährlich leben, baut Häuser, die schwimmen, baut Städte,
die schweben“, eine Aufforderung zur Selbstbestimmung und freiem,
verantwortlichen Handeln. Eine Absage an die Unterwerfung jeglicher Religion?
Die
Liebenden singen: „Wo du hingehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da
bleibe ich auch.“
Am Schluss
bleiben der Tod und der Skorpionmensch zurück auf der Bühne – wieder im Transitraum
des Flughafens. Sechs Kinder intonieren ein Abklatschlied und schauen dabei frech
ins Publikum. Der Skorpionmensch alias Wotan und Schwesterlein Tod sind sich
einig. Die Welt bleibt wie sie ist. Ihre einzige Chance ist die Liebe. Nicht mehr
und nicht weniger. Der Vorhang fällt und viele Fragen bleiben offen. Dem Publikum hat´s ohne Frage bestens gefallen.
| v. l.: Philipp Mathmann als Skorpionmensch, Otto Katzameier als Schwester Tod, 7. Bild und Schlussszene (Foto. Karl und Monika Forster) |
Ein modernes
Mysterienspiel
Ein
hervorragendes Mysterienspiel mit allen denkbaren textlichen und musikalischen
Registern. Jörg Widmann, mehr bekannt als exzellenter Klarinettist, beherrscht
nicht nur sein Instrument, sondern auch das der Komposition. Eine polystilistische
Meisterleistung der Extraklasse mit eigener Zitatensammlung und gezielter wie
durchdachter Inanspruchnahme von Texturen fremder Musikproduktionen. Da sind
mal Bizet-, Strauss-, Alban Berg-, oder auch Wagner-Fragmente zu hören, dann
wieder wechseln atonale bis serielle Elemente mit wunderbaren lyrischen
Melodien und tänzerischer, derber Volksmusik. Allen voran der bayrische
Defiliermarsch und Die lustigen Holzhackerbuam im dritten Bild im
Rahmen des babylonischen Neujahrsfests. Man findet kein Ende bei dieser Aufzählung.
Widmanns Kaleidoskop der Musikstile und Stimmungen ist unübertroffen und könnte
den Einstieg eine neue Epoche der Musikgeschichte markieren. Ein Jugendstil
des 21. Jahrhunderts?
Symbiose
zwischen Wort und Gesang
Peter
Sloterdijks Textauswahl
zeugt von eminenter Belesenheit und höchst sensibler und gezielter Auswahl.
Zwischen Gilgamesch und Zarathustra, der Bibelexegese von Genesis und Offenbarung,
bedient er sich ebenfalls geschickt der Literatur: aus Goethes West
östlichen Diwan, aus Thomas Manns Die Josefsbrüder, aus Emanuel
Schikaneders Zauberflöte, den Freimaurern und nicht zuletzt aus dem Bibelstreit
Anfang des 20. Jahrhunderts, wo erstmals das Buch der Bücher nicht mehr allein als Offenbarung
Gottes, sondern als archäologisches und historisches Produkt verstanden wurde.
Anspielungen auf existierende Opern waren kaum zu übersehen. Beispielsweise auf Wagners Tannhäuser (Elisabeth und Venus), auf Alban Bergs Lulu oder auf Bizets Carmen, woraus er eigenen Worten zufolge Tammus Liebesbeweis aus dem 1. Bild extrahierte: „Du musstest nur erscheinen und mich berühren mit deinem Blick, ganz war mein Wesen dir verfallen.“ Alles in allem eine sehr gelungene Symbiose zwischen Wort, Gesang und Musik. Oder, wie es so trefflich heißt: Das Wort war der Musik gehorsame Tochter, und das im besten Sinne.
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| Andrea Baker als Euphrat, 2. Bild, Chor und Statisterie (Foto: Karl und Monika Forster) |
Die
Sängerinnen und Sänger
Die
Sängerinnen und Sänger gaben ihr Bestes. Herausragend Sarah Traubel als
Inanna. Ihr stimmliches Repertoire zwischen lyrischer Verführung, Liebesfreud
und Liebesleid, ihr Sprechgesang, Ihr Pfeifen und Trillern, ihr schier
unglaublicher Stimmumfang, in allen Bereichen perfekt, ihre berückenden
schauspielerischen Einlagen, vor allem im Neujahrsfest (3. Bild) und in der Totenwelt
(6. Bild), ein Augen- wie ein Ohrenschmaus. Auch die Seele, gesungen von Michelle
Ryan, überzeugte durch stimmliche Reinheit bis in die höchsten Töne. Eine
wunderbare Besetzung dieser doch sehr diffizilen Rolle. Hervorzuheben noch der
Bassbariton Otto Katzameier als Schwester Tod. Eine wirklich skurrile
Figur mit Rauschebart, Glatze und Highheels, knallrot natürlich. Er sang das Falsett
genauso gekonnt, wie er die Reise durch alle Höhen und Tiefen beherrschte.
Gemeinsam mit Sarah Traubel im sechsten Bild bot er das absolute Highlight des Abends.
Leonardo Ferrando als Tammu brillierte mit seinem sehr hellen und
weichen Tenor. Leider konnte er sich nicht immer gegen den mitunter gewaltigen
Orchesterklang durchsetzen. Bemerkenswert noch Philipp Mathmann als Skorpionmensch,
eine Märchenfigur, ein bisschen Plüschbär, ein bisschen Wanderer, ein bisschen
Wotan. Er spielte nicht nur grandios, sondern sang mit einer extraordinären, höchst
beeindruckenden Counterstimme überirdisch schön. Eine Freude für die Ohren.
Zu nennen
noch der Oberpriester, Claudio Otelli, ein Bassbariton von auffallender
Körpergröße, der in Handlung und Gesang gefiel, Ralf Rachbauer, ein
Priester mit wunderbarem Tenor, Stella An als Bote und Kind mit girly-farbigem
Sopran, ein bisschen Geisha und Kokette, und nicht zuletzt Andrea Baker
als Euphrat, die fast das gesamte zweite Bild, die Sintflut, gesanglich meistern
musste. Leider fiel sie durch ein extremes Vibrato auf (möglicherweise die Wellen
des Unwetters imitierend), was aber eher störend als bereichernd wirkte. Auch
ist ihr Stimmumfang begrenzt und eher im Mezzo-Bereich stark. Allerdings
gehörte das szenische Bild der Sintflut, einschließlich der Lichteffekte (Klaus
Krauspenhaar), der Kostüme (Andrea Schmitt-Futterer) und der
Choreographie (Sommer Ulrickson) mit zum Besten des Abends.
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| vorne: Otto Katzameier als Tod, rechts: Sarah Traubel, 6. Bild, Chor des hessischen Staatstheaters Foto: Karl und Monika Forster |
Ein Ritt
auf der Klinge zwischen Klangpracht und filigraner Leichtigkeit
Albert
Horne, in Wiesbaden sehr
beliebter Chefdirigent, führte bravourös das riesige Orchester mit überbordender
Perkussion, extrem reich besetzten Bläsergruppen, mit Glasorgel, Flügel, zwei
Harfen, Akkordeon, Orgel und insgesamt 11 Hörnern durch die sieben Bilder.
Wegen der Enge des Orchestergrabens waren auch die seitlichen Logen mit
Musikern vollbesetzt. Unglaublich, aber von einer umwerfenden Klangfülle. Ein
Ritt auf der Klinge von absoluter Klangpracht bis zu filigranem Pianissimo.
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| vorne: Michelle Ryan als Seele, hinten: Stella An mit Rucksack als Kind, 7. Bild, Chor und Statisterie Foto: Karl und Monika Forster |
Niemand
sollte in dieser monumentalen Oper von epischen Dimensionen vergessen werden. Das
heißt Chor und Chorsolisten (Albert Horne), die über 20 Tänzer
und Tänzerinnen, der Pförtner der Unterwelt, David Krahl, der
Schreiber und 2. Pförtner, Florian Küppers und die vielen Statisten.
Alle zeigten sich in Höchstform und trugen einen Gutteil zum Gelingen dieser
Premiere bei.
Überhaupt
haben Daniela Kerck und ihr Team um Andrea Schmitt-Futterer (Kostüme),
Astrid Steiner (Video), Sommer Ulrickson (Choreographie), Klaus
Krauspenhaar (Licht), Anika Báros sowie Wolfgang Behrens
(Dramaturgie) eine glänzende Premiere der Maifestspiele gezaubert. Eine absolut
lohnenswerte Inszenierung und ein Muss für alle Opernliebhaber und Opernkenner.






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