Montag, 9. Mai 2022

126. Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022

Die Küste Utopias, eine Trilogie (Aufbruch, Schiffbruch, Bergung) von Tom Stoppard (*1937), deutschsprachige Erstaufführung, Wiesbaden, Kleines Haus, 08.05.2022

aus Schiffbruch: Ensemble, die russische Bohème in Paris (Foto: Karl und Monika Förster)


Ein zeitloses Monumentalwerk

Eine fast achtstündige Gesamtaufführung über den ganzen Muttertag verteilt, anstrengend für Akteure wie auch fürs Publikum, aber allemal lohnenswert, mit nachhaltigen schauspielerischen Höchstleistungen, zeitlosen Dialogen und Handlungen aus dem 19. Jahrhundert und nicht zuletzt mit wichtigen Einsichten und Aussichten für alle Beteiligten.

Worum geht es? Wenn das so einfach mit wenigen Worten zu erklären wäre (Leider konnte ich nur Schiffbruch und Bergung besuchen). Kern des Ganzen ist wohl die Geburt wie der temporäre Tod der russischen Intelligenzija, die sich infolge der westlichen bürgerlichen Freiheitsbewegungen und Revolutionen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft des Zaren Nikolaus I (1796-1855) herausbildet. Eine überschaubare kleine Gruppe von Literaten, Philosophen und Weltverbesserern, die das Zarenregime mit Verve bekämpften. Eine Ansammlung von Romantikern, die sich vornehmlich mehr mit Hegel, Schelling und Fichte, aber weniger mit Marx, Engels und der Arbeiterbewegung beschäftigten. Mehr dafür mit der reinen Theorie denn mit der Praxis. Personell geht es in diesem Bühnenwerk um den Erzanarchisten Michail Bakunin (Paul Simon), den Literaturkritiker Wissarion Belinskij (Christoph Kohlbacher), den gemäßigten Revolutionär und eigentlichen Denker der Gruppe Alexander Herzen (Matze Vogel), den Schriftsteller Iwan Turgenjew (Philipp Steinheuser) und nicht zuletzt auch um den Künstler und Freund Herzens, Nicolaj Ogarow (Noah Perktold), nebst ihren Frauen und Kindern.

 

aus Schiffbruch: Mira Benser als Natalie Herzen, Matze Vogel als Alexander Herzen
Foto: Karl und Monika Förster)

Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis

Die Ideale sind alles, die Praxis ist nichts, möchte man zusammenfassen. Eine Bohème, die zwar das Handeln vor das Denken stellt, aber gerade deshalb im Exil versagen muss und dem freigesetzten Geist der Revolution buchstäblich mit ihren Körpern hinterherläuft. Heillos zerstritten endet dieses ohnmächtige Häuflein. Vordergründig sind es Krankheit, Haft, Schicksalsschläge und Geldnot, aber in Wahrheit ist es die sich im Verlauf von gut 35 Jahren (1833-1868), in der diese Gruppe im Exil aktiv war, die sich gewaltig zuspitzende kognitive Dissonanz zwischen Wollen und Sein, zwischen gesellschaftlicher Analyse und tatsächlichem historischen Verlauf.

 

aus Schiffbruch: v. l. Christoph Kohlbacher als Wissarion Belinskij, Philipp Steinheuser als Iwan Turgenjew
Foto: Karl und Monika Förster

„Ich habe die Utopie satt!“

Hier kommt zunächst der Verfasser bzw. Librettist Tom Stoppard ins Spiel. Seine genuin englische Sicht dieser Intelligenzija ist stark geprägt vom Literaturkritiker Wissarion Belinskij, einer, der zutiefst die utopischen Träume seiner Mitstreiter ablehnt („Ich habe die Utopie satt!“) und es lieber vorzieht, im Lande der Unterdrückung, nämlich im zaristischen Russland selbst zu agieren, als im Exil große Sprüche zu klopfen. Als Dissident in seiner Heimat auf der Abschussliste, ereilt ihn, vor seiner Festnahme, der Tod durch Schwindsucht. Stoppard gelingt es, den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, zwischen Utopie und Realität am Leben verschiedener Personen (insgesamt treten mehr als 70 Personen auf, die in Wiesbaden von 18 Schauspielern interpretiert werden) sichtbar und erlebbar zu machen und gleichzeitig, ohne erhobenen Zeigefinger, das Zeitgeschehen dieser bürgerlich revolutionären Epoche mit dem Schicksal dieses weltfremden vom Utopismus infizierten Häufleins zu verknüpfen.

 

Lina Habicht als Chanson-Sängerin, auch in den Rollen der Maria Ogarjow, dem Kindermädchen und der Rocca zu sehen (Foto: Karl und Monika Förster)

Ein kongeniales Produktionsteam

Um solch ein epochales Werk bühnenreif zu machen (bisher hat es seit seiner Uraufführung in London 2002 erst vier weitere Aufführungen in englischer Sprache erfahren und die Wiesbadener ist, wie gesagt, die erste deutschsprachige Aufführung in der Übersetzung Wolf Christian Schröders) braucht es ein kongeniales Produktionsteam.

Allen voran die Inszenierung (Henriette Hörnigk), Bühne (Gisbert Jäkel), Kostüme (Claudia Charlotte Burchard), Sound und Musik (Bernd Bradler) sowie die Dramaturgie (Anika Bárdos und Marie Johannsen). Durch das Corona Desaster hatte dieses Team erzwungenermaßen nahezu zwei Jahre Zeit, diese Trilogie zu feilen (tatsächlich stand es bereits 2020 auf dem Programm) und den doch in weiten Teilen sehr verkopften Szenen emotionale wie erotische Brisanz (ja, Liebesdramen pflastern ihren Weg) zu verleihen. Auch die musikalischen und tänzerischen Einlagen passten und zeigten einmal mehr, wie vielseitig die Schauspieler und Schauspielerinnen doch sind. Nicht allein die Vielzahl der Rollen (bei manchen vier), sondern auch die innere Anteilnahme an die historischen Figuren und ihre emphatische Vermittlung waren durchweg phänomenal. Man möchte niemanden herausstreichen, das wäre nicht fair. Alle achtzehn Akteure aufzuzählen klänge langweilig und würde niemandem gerecht. Dennoch, was das Wiesbadener Theater an Künstlern für die Sprechbühne zu bieten hat, das kann sich mit den besten Theaterbühnen Europas allemal vergleichen lassen.

aus Bergung: Ensemble, utopistische Verzweiflung (Foto: Karl und Monika Förster)


Es ist zu bequem unmündig zu sein

Stoppards Die Küste Utopias ist eine zeitübergreifende Beschreibung und Diagnose von Menschengruppen, die sich kritisch bis ablehnend zu ihren Systemen verhalten, in die sie geboren wurden. Leider ist es für die Masse Mensch sehr bequem unmündig zu sein, was nicht zuletzt die hygienischen und politischen Corona-Maßnahmen und ihre sozialen und psychischen Folgen hochaktuell deutlich gezeigt haben. Man könnte vor diesem Hintergrund, bezogen auf zeitnahe politikwissenschaftliche Studien, die Menschen im neoliberalen Europa (nach wie vor der Traum aller russischen Dissidenten), in drei Kategorien einteilen: 1. Die Wenigen, die kritisch denken und handeln, 2. Die Vielen, die zuschauen und abwarten und 3. Die Masse, die keine Ahnung von Nichts hat und auch Nichts wissen will. Die Küste Utopias auf heute bezogen müsste unter anderem wohl auch an diesen Kategorien scheitern. Oder vielleicht doch nicht?

aus Bergung: Paul Simon als Michail Bakunin, Matze Vogel als Alexander Herzen
Foto: Karl und Monika Förster 



Ein eindrücklicher Intelligenzschub

Leider wird Die Küste Utopias in nächster Zeit nicht aufgeführt werden können. Man hofft auf das Interesse der großen Theaterhäuser und kann nur wünschen, dass dieses sehenswerte Stück in Zukunft auf allen deutschsprachigen Bühnen angeboten wird. Es bietet idealen Diskussionsstoff und ist ein kurzweiliger wie eindrücklicher Intelligenzschub für alle kritischen Geister

Schlussbild: Das letzte Abendmahl, Ensemble, liegend: Matze Vogel als Alexander Herzen
Foto: Karl und Monika Förster


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