126.
Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022
MÁM von Teać Damsa, Choreographie: Michael
Keegan-Dolan, Tanztheater im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden, 18.05.2022
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| MÀM-Tanzensemble (Foto: Ros Kavanagh) |
Der
Widder und das Mädchen in Weiß
Die
Performance startet mit einem verstörenden, düsteren Blick auf einen böse
dreinschauenden Riesen-Widder, der wiederum auf ein weiß gekleidetes Mädchen,
auf einem Tische liegend, herabschaut. Sehr bald aber verflüchtigt sich dieser Eindruck,
denn der Widder spielt eine irische Weise auf einer Konzertina, die stark an
ein argentinisches Bandoneon erinnert. Sehr bald entledigt sich der Widder
seiner Maske, und Cormac Begley, einer der weltberühmtesten Spieler
dieses Instruments, gibt sich zu erkennen. Auch das weiße Mädchen erhebt sich,
nicht von Angst geplagt, sondern eher in stiller Übereinstimmung mit dem vermeintlichen
Untier. Tatsächlich symbolisiert der Widder Selbstbewusstsein, Freiheitsliebe
und Abenteuerlust. Kinder, die unter seinem Zeichen erwachsen werden, zeichnen
sich durch diese Eigenschaften aus und sind an ihrer kämpferischen und
unabhängigen Grundhaltung zu erkennen.
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| MÀM, Cormac Begley unter der Maske, Ellie (Foto: Ros Kavanagh) |
Typisch
irische Folklore
Tatsächlich
wendet sich das Bühnenbild abrupt und das gesamte Tanzensemble erscheint,
aufgereiht auf einer Empore, alle maskiert mit Tiersymbolen. Der Tanz kann
beginnen. Es ist die typische irische Folklore, die Cormac Begley aufspielt,
schneller Vierviertel Takt, stampfend, marschmäßig ohne Synkopen, mal in
gegenläufigen Reihen, mal im Kreis, mal in Paaren, Dreier oder Vierer Gruppen
getanzt. In Vielem zunächst an die berühmten River Dance oder Lord of
the Dance Companien erinnernd, die in den frühen 2000ern weltweit durch
ihren militärischen Stepptanz Aufsehen erregten.
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| MÀM-Tanzensemble (Foto: Ros Kavanagh) |
Unglaubliche
Empathie und inspirative Kraft
Was
allerdings diese Truppe qualitativ davon unterscheidet und ihr ein unverwechselbares
Gütesiegel verleiht, ist ihre unglaubliche Empathie, ihre außerordentliche inspirative
Kraft, ihre tänzerische Vielfalt und nicht zuletzt ihre förmliche Verschmelzung
mit der Musik.
Zwölf TänzerInnen,
davon sieben Frauen, fünf Männer sowie ein Mädchen (die 10-jährige Tochter Elli
des Choreographen, Michael Keegan-Dolan, und seiner Lebensgefährtin, Rachel
Poirier), dazu der geniale Cormac Begley, der große Teile der Choreographie
mit seinen insgesamt 13 Konzertinas, alle in verschiedenen Tonlagen, begleitete.
Und nicht zuletzt das europäische Orchesterkollektiv stargaze,
ein Ensemble, bestehend aus sieben ausgezeichneten Instrumentalisten, das den
zweiten Teil der Performance musikalisch ergänzte. Alle zusammen boten eine
wunderbare Einheit zwischen Musik und Tanz.
90 Minuten Kurzweiligkeit
in zwölf unterschiedlichen Bildern. Immer wieder neue Szenen und Situationen:
mal wild, wütend und chaotisch, dann wieder liebevoll, verträumt, oder voller
Trauer und Verzweiflung. Man stöhnte von der Last des Alltags, man schrie
seinen Frust heraus, dann kreischte man vor Energie und Ausgelassenheit. Immer
war die Musik bei der Stelle und immer passte das Feeling.
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| MÀM-Tanzensemble (Foto: Ros Kavanagh) |
Die Suche
nach der Synthese
MÀM ist die zweite Produktion von Michael
Keegan-Dolan für Teać
Damsa (gegründet 2016) und hatte 2019
seine Uraufführung auf dem Dublin Theatre Festival. Keegan-Dolan will mit dieser
Performance, eigenen Aussagen zufolge, eine Synthese zwischen seinen in über 20
Jahren gemachten Erfahrungen in Sachen Tanz, Choreographie und Musik finden,
d.h. konkret: einen rücksichtsvollen, sorgsamen und aufmerksamen Umgang
miteinander zu pflegen und so eine Gruppenkonstellation zu formen, in der „Vielfalt
und Wahrheit in all ihrer Pracht zelebriert“ werden kann. Dazu gehören neben
den Akteuren selbstverständlich auch ein erfahrenes Kreativ-, Design- und
Produktionsteam (Sabine Dargent, Bühnenbild, Adam Silverman, Licht,
Hyemi Shin, Kostüme, Helen Atkinson, Sound Design sowie Sandra
Ni Mhathúna, Live Sound Design).
Tatsächlich
war man mitunter geneigt, an die anthroposophische Eurythmie zu denken, wenn die
Ensembles musikalisch wie tänzerisch zu verschmelzen schienen, mit runden, weit
ausladenden, schwingenden Bewegungen, als ob die musikalische Sprache in
Bewegung übersetzt werde. Auch Anleihen an den Tanz der Sufis waren
unübersehbar.
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| Mitte: Cormac Begley, Orchestermitglieder von stargaze (Foto: Ros Kavanagh) |
Musikalische
Innovation
Ebenso blieb
man musikalisch, vor allem was das Orchester anbetraf, nicht beim irischen
Stil. Da kam ein Georg Philipp Telemann zu seinem Recht mit einer B-Dur
Fantasie (die 1. von insgesamt 12), ausgezeichnet von der Violinistin interpretiert. Ebenso
minimalistische Sequenzen eines Terry Riley oder Indy Rock Einschübe von der
US-amerikanischen Band Deerhof. Rock-Pop-Irish-Mix. Einfach nur umwerfend gut.
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| MÀM-Tanzensemble, auf dem Tisch: Ellie (Foto: Ros Kavanagh) |
MÀM - Geschichten
aus dem irischen Leben
Irgendwie
sollte oder wollte dieses Tanz-Opus Geschichten aus dem irischen Leben
erzählen. Man lebte die bedingungslose Hingabe der TänzerInnen förmlich selbst
mit. Elli, das 10-jährige Mädchen in Weiß, verkörperte dabei die Unschuld, aber
auch die Zuversicht. So schlossen sich die Lebensbilder mit einem akkordischen Choral-Gesang
der Companie und einem gewaltigen Tutti aller Instrumente (Konzertina, Klavier,
Oboen, englisch Horn, Horn, Geige, e-Gitarre und Schlagzeug). Hoch oben auf dem
Podest stand, hell erleuchtet, Elli, mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen. Wie
eine Göttin der Liebe und der Zukunft. Das Licht drehte ins Publikum. Fünf
Neonstäbe blendeten das hellauf begeisterte Publikum.
Nach meinem
Dafürhalten, ein Schuss zu theatralisch, aber tatsächlich doch ein Licht-Blick
für die Menschheit, zumindest auf der Bühne.






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