Donnerstag, 19. Mai 2022

 

126. Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022

 

MÁM von Teać Damsa, Choreographie: Michael Keegan-Dolan, Tanztheater im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden, 18.05.2022

 

MÀM-Tanzensemble (Foto: Ros Kavanagh)

Der Widder und das Mädchen in Weiß

Die Performance startet mit einem verstörenden, düsteren Blick auf einen böse dreinschauenden Riesen-Widder, der wiederum auf ein weiß gekleidetes Mädchen, auf einem Tische liegend, herabschaut. Sehr bald aber verflüchtigt sich dieser Eindruck, denn der Widder spielt eine irische Weise auf einer Konzertina, die stark an ein argentinisches Bandoneon erinnert. Sehr bald entledigt sich der Widder seiner Maske, und Cormac Begley, einer der weltberühmtesten Spieler dieses Instruments, gibt sich zu erkennen. Auch das weiße Mädchen erhebt sich, nicht von Angst geplagt, sondern eher in stiller Übereinstimmung mit dem vermeintlichen Untier. Tatsächlich symbolisiert der Widder Selbstbewusstsein, Freiheitsliebe und Abenteuerlust. Kinder, die unter seinem Zeichen erwachsen werden, zeichnen sich durch diese Eigenschaften aus und sind an ihrer kämpferischen und unabhängigen Grundhaltung zu erkennen.

 

 MÀM, Cormac Begley unter der Maske, Ellie (Foto: Ros Kavanagh)

Typisch irische Folklore

Tatsächlich wendet sich das Bühnenbild abrupt und das gesamte Tanzensemble erscheint, aufgereiht auf einer Empore, alle maskiert mit Tiersymbolen. Der Tanz kann beginnen. Es ist die typische irische Folklore, die Cormac Begley aufspielt, schneller Vierviertel Takt, stampfend, marschmäßig ohne Synkopen, mal in gegenläufigen Reihen, mal im Kreis, mal in Paaren, Dreier oder Vierer Gruppen getanzt. In Vielem zunächst an die berühmten River Dance oder Lord of the Dance Companien erinnernd, die in den frühen 2000ern weltweit durch ihren militärischen Stepptanz Aufsehen erregten.

 

MÀM-Tanzensemble (Foto: Ros Kavanagh)

Unglaubliche Empathie und inspirative Kraft

Was allerdings diese Truppe qualitativ davon unterscheidet und ihr ein unverwechselbares Gütesiegel verleiht, ist ihre unglaubliche Empathie, ihre außerordentliche inspirative Kraft, ihre tänzerische Vielfalt und nicht zuletzt ihre förmliche Verschmelzung mit der Musik.

Zwölf TänzerInnen, davon sieben Frauen, fünf Männer sowie ein Mädchen (die 10-jährige Tochter Elli des Choreographen, Michael Keegan-Dolan, und seiner Lebensgefährtin, Rachel Poirier), dazu der geniale Cormac Begley, der große Teile der Choreographie mit seinen insgesamt 13 Konzertinas, alle in verschiedenen Tonlagen, begleitete. Und nicht zuletzt das europäische Orchesterkollektiv stargaze, ein Ensemble, bestehend aus sieben ausgezeichneten Instrumentalisten, das den zweiten Teil der Performance musikalisch ergänzte. Alle zusammen boten eine wunderbare Einheit zwischen Musik und Tanz.

90 Minuten Kurzweiligkeit in zwölf unterschiedlichen Bildern. Immer wieder neue Szenen und Situationen: mal wild, wütend und chaotisch, dann wieder liebevoll, verträumt, oder voller Trauer und Verzweiflung. Man stöhnte von der Last des Alltags, man schrie seinen Frust heraus, dann kreischte man vor Energie und Ausgelassenheit. Immer war die Musik bei der Stelle und immer passte das Feeling.

MÀM-Tanzensemble (Foto: Ros Kavanagh)


Die Suche nach der Synthese

MÀM ist die zweite Produktion von Michael Keegan-Dolan für Teać Damsa (gegründet 2016) und hatte 2019 seine Uraufführung auf dem Dublin Theatre Festival. Keegan-Dolan will mit dieser Performance, eigenen Aussagen zufolge, eine Synthese zwischen seinen in über 20 Jahren gemachten Erfahrungen in Sachen Tanz, Choreographie und Musik finden, d.h. konkret: einen rücksichtsvollen, sorgsamen und aufmerksamen Umgang miteinander zu pflegen und so eine Gruppenkonstellation zu formen, in der „Vielfalt und Wahrheit in all ihrer Pracht zelebriert“ werden kann. Dazu gehören neben den Akteuren selbstverständlich auch ein erfahrenes Kreativ-, Design- und Produktionsteam (Sabine Dargent, Bühnenbild, Adam Silverman, Licht, Hyemi Shin, Kostüme, Helen Atkinson, Sound Design sowie Sandra Ni Mhathúna, Live Sound Design).

Tatsächlich war man mitunter geneigt, an die anthroposophische Eurythmie zu denken, wenn die Ensembles musikalisch wie tänzerisch zu verschmelzen schienen, mit runden, weit ausladenden, schwingenden Bewegungen, als ob die musikalische Sprache in Bewegung übersetzt werde. Auch Anleihen an den Tanz der Sufis waren unübersehbar.

Mitte: Cormac Begley, Orchestermitglieder von stargaze (Foto: Ros Kavanagh)


Musikalische Innovation

Ebenso blieb man musikalisch, vor allem was das Orchester anbetraf, nicht beim irischen Stil. Da kam ein Georg Philipp Telemann zu seinem Recht mit einer B-Dur Fantasie (die 1. von insgesamt 12), ausgezeichnet von der Violinistin interpretiert. Ebenso minimalistische Sequenzen eines Terry Riley oder Indy Rock Einschübe von der US-amerikanischen Band Deerhof. Rock-Pop-Irish-Mix. Einfach nur umwerfend gut.

MÀM-Tanzensemble, auf dem Tisch: Ellie (Foto: Ros Kavanagh)


MÀM - Geschichten aus dem irischen Leben

Irgendwie sollte oder wollte dieses Tanz-Opus Geschichten aus dem irischen Leben erzählen. Man lebte die bedingungslose Hingabe der TänzerInnen förmlich selbst mit. Elli, das 10-jährige Mädchen in Weiß, verkörperte dabei die Unschuld, aber auch die Zuversicht. So schlossen sich die Lebensbilder mit einem akkordischen Choral-Gesang der Companie und einem gewaltigen Tutti aller Instrumente (Konzertina, Klavier, Oboen, englisch Horn, Horn, Geige, e-Gitarre und Schlagzeug). Hoch oben auf dem Podest stand, hell erleuchtet, Elli, mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen. Wie eine Göttin der Liebe und der Zukunft. Das Licht drehte ins Publikum. Fünf Neonstäbe blendeten das hellauf begeisterte Publikum.

Nach meinem Dafürhalten, ein Schuss zu theatralisch, aber tatsächlich doch ein Licht-Blick für die Menschheit, zumindest auf der Bühne.

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